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20.03.1992 - 

"Autonomie läßt sich nicht um jeden Preis vertreten"

Mit Georges Lepicard, Vice-President Strategic Architecture der Groupe Bull S.A., Paris, sprach CW-Mitarbeiter Lorenz Winter.

Nach dem Bündnis von Bull und IBM geizten die Medien nicht mit Kritik an dem abrupten Pariser Kurswechsel gegenüber dem immer als übermächtig und gefährlich klassifizierten Konkurrenten aus den USA. Das Management des Konzerns definiert nun die Vereinbarung als ein Technologieabkommen aus Kostengründen, das den kommerziellen Wettbewerb der Partner nicht beeinträchtigen werde. Die Hoffnung auf einen Beitrag von Big Blue "zur Verbesserung der Rentabilität in den kommenden Jahren" konnte das Bull-Management dennoch nicht verhehlen - angesichts der mißlichen Finanzlage von IBM und der von Paris hartnäckig verteidigten Staatsmehrheit bei Bull eine optimistische Erwartung.

CW: Herr Lepicard, vor 20 Jahren verfochten die Franzosen noch eine rein nationale Strategie für ihre Informatikbranche, vor zehn Jahren suchten sie ihr Heil dann in einer europäischen Lösung für den sich abzeichnenden Strukturwandel dieses Industriezweiges. Wurden diese Optionen infolge der jüngsten Entwicklungen und nach dem Abkommen zwischen Bull und IBM vom Januar 1992 ad acta gelegt?

Lepicard: Das trifft insofern zu, als die DV-Industrie heute weltweit einen Reifegrad erlangt hat, der in vielen Fällen nationale oder regionale Strategien nicht mehr zuläßt.

CW: Was ist für Sie das wichtigste Merkmal dieses Reifegrades?

Lepicard: Ohne Zweifel die immer stärkere Verdrängung der geschlossenen oder proprietären DV-Systeme durch die offenen. Früher glaubte jeder Hersteller - und in den Ländern mit eigener DV-Industrie in Europa war das ja meist ein einziger - möglichst alles im eigenen Haus produzieren zu müssen, vom Transistor bis zur Datenbanksoftware. Heute dagegen kaufen nicht nur die Endanwender, sondern vielfach auch die Hersteller Informationstechnik nach Preis-Leistungs-Kriterien am freien Markt.

CW: Was bedeutet das konkret für Ihr Bündnis mit der IBM?

Lepicard: Vordergründig zunächst einmal: Unser amerikanischer Partner kauft Bull im Rahmen der Vereinbarung zum Beispiel Steckkarten ab, und wir übernehmen von der IBM etwa Speicherdisketten. Darüber hinaus stellt das Bündnis aber auch eine weitere Etappe unserer Suche nach vorteilhaften Allianzen dar. Wir haben mittlerweile Entwicklungs-, Herstellungs- und Lizenzvereinbarungen mit zahlreichen Firmen innerhalb und außerhalb Europas getroffen und werden das auch in Zukunft tun, wo immer uns das angebracht scheint.

CW: Welchen Stellenwert hat IBM im Rahm dieser Strategie?

Lepicard: IBM ist in der Serie dieser Vereinbarungen natürlich ein besonders wichtiger Partner für uns. Aber die diversen Abkommen mit dieser Firma bedeuten keineswegs den

Schlußpunkt unserer bisherigen Strategie.

CW: Unterscheidet sich das Abkommen mit Big Blue von den übrigen nicht doch, und zwar wegen der Kapitalbeteiligung?

Lepicard: Kapitalverflechtungen als Beweis für die beabsichtigte Dauerhaftigkeit einer Partnerschaft gibt es auch zwischen Bull und der NEC Corp., mit der wir im Mainframe-Bereich kooperieren. Im Fall IBM aber haben wahrscheinlich die Größe des Partners und die Möglichkeit einer höheren Beteiligung zu gewissen Spekulationen geführt, denen ich eine klare Aussage entgegensetzen möchte: Die Vereinbarung mit IBM ist vor allem ein Technologieabkommen; als Unternehmensgruppe aber bleibt Bull autonom, und kommerziell konkurrieren wir mit unserem Technologiepartner genauso wie zuvor.

CW: Ähnlich drückte es im Januar auch Bull-Präsident Francis Lorentz aus. Geraten Sie aber nicht durch ein sogenanntes Technologieabkommen letztlich doch ins Kielwasser der IBM?

Lepicard: Daß die Autonomie der DV-Hersteller in einer Welt offener Systeme ohnehin eingeschränkt ist, sagte ich bereits. Dazu kommt aber noch ein weiterer Gesichtspunkt: die hohen Entwicklungskosten in unserer Branche. Schon deswegen läßt sich Autonomie heute nicht mehr um jeden Preis vertreten. Wir befinden uns da in einer ähnlichen Situation wie die Automobilhersteller, die schon seit geraumer Zeit zum Beispiel gemeinsame Motorenfertigungen aufbauen, aber ihre Marken und Modelle dennoch nach Kräften zu differenzieren trachten.

CW: Und diese begrenzte Autonomie traut sich Bull auch im Windschatten von IBM zu?

Lepicard: Wie eng da die Grenzen wirklich gezogen sind, wollen wir mal abwarten. Zumindest könnte ich mir drei Bereiche denken, wo Bull und die französische IT-Branche ihr Licht im Vergleich zu den Amerikanern keineswegs unter den Scheffel zu stellen brauchen.

CW: Die wären?

Lepicard: Erstens im Sektor innovative Produkte für neue Märkte, zum Beispiel im Multimedia-Geschäft, wo wir von Anfang an mit unserem besonderen Angebot dabei sein wollen. Auch im Bereich Softwareanwendungen und Tools wird die Kompetenz von Bull bei der Systemintegration und bei Client-Server-Lösungen vom Markt rückhaltlos anerkannt. Drittens meine ich, daß wir uns im Kundendienst ohne weiteres mit der IBM messen können.

CW: Dort will Bull aber wohl nicht bloß als guter Samariter antreten, sondern verspricht sich wahrscheinlich auch geschäftlich einiges, etwa in der Softwarewartung.

Lepicard: Dieser Markt ist in der Tat außerordentlich attraktiv. 1990 betrug er weltweit zwar erst vier bis fünf Milliarden Dollar, er wächst nach Beobachtung von Fachleuten aber mit 30 bis 40 Prozent jährlich. Bull hat deshalb jetzt mit zwei Pariser Softwarehäusern eine gemeinsame Tochter gegründet, die alte und neue Kunden bei der Programmwartung zum Outsourcing motivieren soll.

CW: Heißt neue Kunden dabei auch jetzige IBM-Klientel?

Lepicard: Aber gewiß doch!

CW: Nochmal zurück zum Technologieabkommen. Bull hat auch mit anderen Unternehmen verhandelt, die Partnerschaften anboten oder anstrebten. Was gab den Ausschlag für IBM?

Lepicard: Wir haben in den Verhandlungen mit den übrigen Kandidaten nie einen Zweifel daran gelassen, daß es uns um mehr ging als um ein Bündnis zur Fortentwicklung einer bestimmten Hardware-Architektur. IBM war schließlich das einzige Unternehmen, das in ein mehrseitiges Abkommen einwilligte. Und ich meine, wenn man heute dessen verschiedene Bestandteile betrachtet, wird man zu dem Schluß kommen, daß aus den langen und harten Verhandlungen prinzipiell ein für beide Partner ausgewogenes Ergebnis hervorging.

CW: Bull ist doch aber bei den RISC-Prozessoren voll auf IBMs und Apples Power-Chip und Power-PC eingeschwenkt ...

Lepicard: Diesen Punkt sollte man nicht völlig isoliert betrachten. Immerhin bringt Bull seine Multiprocessing-Technologie in diese Architektur ein. Und auch bei der Datenkommunikation und der Netzwerkfähigkeit werden beide Firmen sowohl in der Entwicklung zusammenarbeiten als auch in Form der gegenseitigem Lizenzierung von Softwaretechnologien.

CW: Glauben Sie denn, in Sachen RISC mit Big Blue im Vergleich zu anderen die beste Partie gemacht zu haben?

Lepicard: Rein technisch haben die übrigen RISC-Entwicklungen ebenfalls durchaus ihre Meriten. Aber wenn diese Prozessorarchitektur endgültig marktreif werden soll, dann war es für Bull schon wichtig zu wissen, daß wir dabei mit dem Support eines bedeutenden Herstellers rechnen können.

CW: Den hätten Sie natürlich auch bei Hewlett-Packard bekommen können...

Lepicard: ... aber da fehlte in der Schlußphase der Verhandlungen die definitive Bereitschaft zu mehrseitigem Engagement.

CW: Und was spricht aus Sicht von Bull gegen die ACE-Gruppe mit der Mips-Version von RISC?

Lepicard: Zunächst eben, daß ACE wegen des offenbar geteilten Interesses von DEC vorerst keinen gewichtigen Partner vorweisen kann, der den Support der dort entwickelten RISC-Architektur ausreichend garantiert. Außerdem peilt die Gruppe bisher ausschließlich den Low-end-Bereich des Marktes an, beabsichtigt also zum Beispiel keine Multiprocessing-Funktionen. Bull aber möchte auf absehbare Zeit auch bei RISC möglichst alle drei DV-Umgebungen abdecken, in denen wir unser Distributed Computing Model pflegen, also den Mainframe-Sektor, PCs und Workstations sowie den Unix-Bereich.

CW: Damit ist ACE für Sie also abgeschrieben?

Lepicard: Oh nein, denn Bull wird in der Gruppe nach wie vor durch Zenith vertreten. Nur darf man Arbeit und Ziele von ACE auch nicht einfach mit den RISC-Ambitionen von Mips Computer als Prozessorhersteller gleichsetzen. Es werden ja nebeneinander Hard- und Softwarelösungen auf der Basis von Intel-, Microsoft- und Unix-Technologie betrieben. Und gerade Unix läuft auf RISC- wie auf CISC-Prozessoren.

CW: In diesem rasch wachsenden Marktsegment wollen Sie sich also beide Optionen offenhalten?

Lepicard: Ja, aber das ist nicht der einzige Grund, warum wir auch die CISC-Architektur künftig keineswegs vernachlässigen wollen. Solange nämlich ein großes Volumen CISC-basierter Software am Markt installiert ist und die Kunden solche Software in wichtigen Segmenten, zum Beispiel bei Windows, weiterhin stark nachfragen, wäre es unsinnig, plötzlich alles auf die RISC-Karte setzen zu wollen.

CW: Nach der Vertragsunterzeichnung im Januar gab es außer Mutmaßungen um die Kapitalbeteiligung von IBM bei Bull und um die Zukunft der gemeinsamen RISC-, Entwicklung viel Unsicherheit darüber, ob Bull Zugang zu IBMs Design-Center in Austin, Texas, haben wird. Dürfen Sie IBM dort nun in die Karten gucken oder nicht?

Lepicard: Viel zu gucken gibt es da vorläufig noch nicht, denn das Zentrum befindet sich erst ins Aufbau. Wenn IBM später einmal die Weiterentwicklung der Power- und Power-PC-Architekturen dorthin übertragen sollte, hätten wir in das Projekt wegen der Vereinbarung vom Januar vollen Einblick. Der geographische Standort der Entwicklung spielt dabei keine Rolle. Umgekehrt: Was außerdem noch in Austin ausgeknobelt werden sollte, liegt außerhalb der Vereinbarung und ist daher zur Zeit auch kein vordringliches Diskussionsthema für Bull.