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26.03.1993 - 

Gastinterview

"Mit High-Tech koennen Sie keine Wahlen gewinnen"

edvASPEKTE: Herr Berger, was stoert Sie an der aktuellen Diskussion ueber Massnahmen zur Verbesserung der Wirtschaftsstruktur in Richtung High-Tech-Land Deutschland?

Berger: Das ist eine Diskussion unter Fachleuten, wobei alle moeglichen Standpunkte vertreten werden, eher ideologische als pragmatische. Technik ist demnach etwas Boeses, wird insofern hierzulande auch nicht geliebt, allenfalls am Auto. Aber wir sind ein Land, das traditionelle Technologien exzellent beherrscht - siehe Maschinenbau, siehe Auto, siehe Elektrotechnik -, das sich moderne Technologien jedoch nicht mehr ganz oben in der Wertskala vorstellen kann - ein Land, fuer das der Strom aus der Steckdose kommt. Wir haben deshalb auch keine klaren Praeferenzen, beschaeftigen uns mehr - was sicher auch wichtig ist - mit den Schaeden, die Technik, beispielsweise bei der Umwelt anrichten kann, ohne zu erkennen, dass Technik der einzige Weg ist, um solche Schaeden zu reparieren und zu verhindern. Das haben hier noch viel zu wenig Menschen kapiert.

edvASPEKTE: Es wuerde ja ausreichen, wenn Entscheider, die an den richtigen Stellen sitzen, klare High-Tech-Praeferenzen haben.

Berger: Nein, das reicht nicht mehr. Diese Praeferenzen muss auch Lieschen Mueller haben, ich denke dabei zum Beispiel an die Buergerinitiativen. Sie haben heute, wenn Sie ein Kraftwerk oder eine andere Grossanlage bauen, mit Buergerprotesten zu rechnen. Wirtschaften findet nicht mehr - und das haengt eng mit der Verbreitung von Technologien zusammen - unter Ausschluss der Oeffentlichkeit, sondern unter demokratischer Einflussnahme statt. Daran muessen sich viele Menschen erst gewoehnen, auch in den oberen Etagen. Also muessen wir werben fuer die Anliegen, die unsere Zukunft entscheiden werden. Es stoert mich an der Debatte, dass wir diesen Aspekt viel zu wenig beruecksichtigen und nicht von einer Konsensbasis ausgehen.

edvASPEKTE: Konsens in bezug auf welche Industriepolitik? Und wer ist letztlich verantwortlich?

Berger: Eine unserer Staerken - da sind wir den Japanern am aehnlichsten - liegt darin, dass wir bis jetzt in einer Konsensgesellschaft gelebt haben zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, letztlich zwischen allen gesellschaftlichen Gruppen. Ich hoffe, dass diese so erhalten bleibt. Dafuer muessen wir aber auch etwas tun. Und deshalb ist es so wichtig, dass die Persoenlichkeiten und Institutionen, die das koennen, naemlich Politiker, Wirtschaftler, Wissenschaftler, Gewerkschafter, die Kulturelite und die Medien sich einig werden, wo die Prioritaeten liegen, und sich dann auch dafuer einsetzen, dass diese Ideen fuer den einzelnen Buerger nachvollziehbar und von vielen mitgetragen werden.

edvASPEKTE: Fuer die Paderborner, um das Beispiel Nixdorf zu nennen, war bis vor ein paar Jahren nachvollziehbar, dass High-Tech fuer eine Region Vorteile bringt. Fuer die Paderborner war nicht nachvollziehbar, warum nichts getan wurde, um Nixdorf zu retten.

Berger: Ich meine, dass es fuer die Paderborner heute erst recht nachvollziehbar ist, was High-Tech bedeuten kann.

edvASPEKTE: Aber jetzt werden sie doch eher zu der Erkenntnis gelangen, dass eine klare High-Tech-Politik in Deutschland fehlt.

Berger: Zugegeben, aber es muss bei uns erst eine Bereitschaft vorhanden sein, zuzuhoeren. Und wir haben bei manchen Dingen eben nicht richtig zugehoert.

edvASPEKTE: Wem nicht zugehoert?

Berger: Zugehoert ist vielleicht der falsche Ausdruck. Wir haben Trends einfach uebersehen, in den 70er Jahren die Bedeutung der Mikroelektronik als Querschnittstechnologie nicht erkannt, auch viel zu spaet gesehen, dass die Japaner als "Global Player" auf der Weltbuehne erscheinen. Wir haben allein durch diese Fehlurteile oder das Nichterkennen von Entwicklungen eine Konjunkturdelle sich zur Strukturkrise ausweiten lassen. Seitdem hat sich einiges in der Welt veraendert, was die jetzige Krise schwieriger macht als fruehere, und zwar strukturell, speziell fuer uns Deutsche.

edvASPEKTE: Wie viele Fehler koennen wir uns noch leisten?

Berger: Im Grunde keinen wesentlichen mehr. Erstens: Der Kostenabstand zu unseren grossen Wettbewerbern ist eher gewachsen, waehrend der Qualitaetsabstand, also der Leistungsabstand, geschrumpft ist. Das sind strukturelle Veraenderungen, weil die Zahl der Wettbewerber zunimmt - wie die IBM und der Rest der Welt: Viele Hunde sind des Hasen Tod. Der zweite Punkt ist: Wir haben das Ostdeutschland-Problem zu bewaeltigen. Drittens haben wir zum ersten Mal vor unserer Haustuer Niedriglohn-Wettbewerber, die tendenziell genauso schlau sind wie wir, die nicht erst viel dazulernen muessen, im Gegensatz zu Portugiesen oder Malayen. Und viertens sind auch fuer die westdeutsche Wirtschaft die Ostmaerkte weggebrochen und fehlen als Absatzbasis.

edvASPEKTE: Wer losfaehrt, sollte wissen, wo er hinfahren will. High-Tech als moegliches Ziel ist in Deutschland doch nur ein Schlagwort, keine Realitaet.

Berger: Es ist bei unseren Politikern eben nicht so praesent. Mit High-Tech koennen Sie heute keine Wahlen gewinnen.

edvASPEKTE: Was der Herr Waigel 1995 einnehmen will, muss ja irgendwo herkommen.

Berger: Voellig klar. Wir koennen unseren Wohlstand nur erhalten, wenn wir unsere Strukturen veraendern, und davor haben die Menschen Angst. Wir geben ihnen lieber Subventionen fuer das, was ist. Das unterscheidet die Art der Politik und des Verhaltens bei uns von dem, was in den USA und in Japan passiert. Wir haben noch nicht die richtigen Prioritaeten erkannt. So wie wir eine konzertierte Aktion in Sachen Arbeits- und Tarifpolitik hatten, so braeuchten wir heute eine konzertierte Aktion in Sachen Technologie- und Wirtschaftspolitik.

Ich wuerde nicht gerne sozusagen eine Chip- Steuer einfuehren wollen, aber wenn wir mit allen Beteiligten, damit meine ich Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaft und andere gesellschaftlichen Gruppen, Konsens darueber haben, dass wir unser Wohlstandsniveau halten wollen, dann ist auch klar, dass wir umstrukturieren muessen in Richtung anspruchsvollerer technologischer Produkte und Produktionen, aber auch in bezug auf anspruchsvolle Funktionen. Wir muessen zum Systemintegrator werden. Nur wenn wir wirklich intelligentere Arbeiten erledigen, koennen wir unser Einkommensniveau erhalten. Alles andere fuehrt zum Kollaps.

edvASPEKTE: An welche Branchen denken Sie da?

Berger: Ich spreche nicht von Branchen, sondern von Funktionen. Ich kann es an dem Beispiel Adidas erlaeutern. Wenn die in China einen Schuh produzieren lassen, dann kostet der fuenf Dollar. Dafuer bezahlen wir hier 50 Dollar. Das heisst, 45 Dollar oder 90 Prozent der Wertschoepfung bleiben bei uns: fuer Design, Konstruktion, Marketing, Logistik, Versuche und Pilotproduktionen, fuer ein paar High-Tech- oder High-Prestige-Produkte, die wir hier noch herstellen. Fuer diese Aufgaben des Systemintegrators gibt es genuegend Arbeit, intelligente Arbeit. Es sind gar nicht die Branchen, es sind die intelligenten Arbeiten, auf die hin wir uns strukturieren muessen.

edvASPEKTE: Sie sagten vorhin, Deutschland ist stark in traditionellen, veralteten Technologien.

Berger: Nicht veraltet - wir muessen nur sehen, dass die Produktivitaetssteigerung dazu fuehrt, dass die industriellen Arbeitsplaetze immer staerker reduziert werden. Die Zahl der Arbeitsplaetze steigt nur noch im Dienstleistungsbereich an. Dienstleistung ist natuerlich alles, vom Strassenkehrer bis zum Forschungsingenieur bei Siemens oder beim Max-Planck-Institut. Genau diesen Dienstleistungsmix muessen wir herstellen. Wenn Siemens in Muenchen 45 000 Menschen beschaeftigt und nur noch 7000 davon in der Produktion, dann ist das eine moderne Leistungs- oder Aufgabenstruktur, mit der unsere Wirtschaft ausgestattet sein muss. Die 45 000 machen genau das, was ich vorhin gesagt habe, naemlich intelligente Leistungen.

So muss sich Deutschland gegenueber der gesamten Welt verhalten. Die einfache Produktion wandert aus, in die Tschechei oder die Slowakei, nach Polen, nach Indien, und irgendwann auch in die ehemaligen GUS-Staaten. Und wenn wir viel erfinden, dann ensteht da von der Produktion, vom Produkt her eben High-Tech.