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19.03.2007

"Mit Lintec wird gezockt"

Eigentümliches geht bei dem IT-Fertiger Lintec AG vor. Er veröffentlicht Meldungen über die Zusammenarbeit mit chinesischen IT-Anbietern, verkauft aber die Fabrik in Taucha. Auch die Übernahme des IT-Anbieters Chiligreen verblüfft. Was passiert eigentlich in Taucha?

Von Wolfgang Leierseder

Man könnte die Geschichte der sächsischen Lintec AG als tragisches Bühnenstück inszenieren. Dann würden Helden, die eigentlich Kaufleute, NVA-Offiziere oder arbeitswillige Facharbeiter sind, auftreten. Sie würden aus einem kleinen PC-Fertiger eine vorübergehend europaweit agierende Firma mit Sitz in Taucha bei Leipzig machen, im Internet-Hype größenwahnsinnig werden - und nahezu alles verspielen, was sie geschaffen haben.

Dieses Stück würde im Jahr 2003 enden. Aber da die Lintec AG bis heute existiert, wüsste man doch zu gerne, was sie seitdem macht.

Dazu ist allerdings ein Genrewechsel notwendig: Wir sehen auf eine Bühne, auf der Finanzinvestoren aus Holland und München die Geschicke der Lintec zunehmend bestimmen und der neue Lintec-Vorstand Thomas Goletz immer mehr zum Ausführenden eines Stückes wird, das nicht mehr die Handschrift der Tragödie trägt, sondern zunehmend die der Farce.

Die Lintec-Jahre 2004 bis 2006

Mit dem Ausscheiden des Lintec-Gründers Hans Dieter Lindemeyer Ende Dezember 2003 ist das Scheitern der AG offensichtlich. Der neue Vorstand, Ex-Batavia-Chef Thomas Goletz, erklärt: "Vor uns liegt eine sehr arbeitsreiche und spannende Zeit", und macht sich daran, die fast ruinierte AG zu retten. Goletz entwirft ein "Drei-Säulen-Konzept", das "die Bereiche Produktion und Service, Business IT sowie eigene Produkte für IT-Zubehör und Unterhaltungselektronik" beinhaltet. Doch es funktioniert nicht: Die vielen Altlasten von Lintec, darunter Batavia, RFI und Pixelnet, zehren jeden Gewinn auf.

Doch Goletz gibt nicht auf: Anfang 2005 gewinnt er die Beteiligungsgesellschaft Navigator Equity Solutions N.V. mit Sitz in Eindhoven als Investor. Die Firma, die in der Münchener Maximilianstraße ein Büro hat, wird mit 24 Prozent der Aktien zum größten Aktionär. Der Aufsichtrat wird ausgewechselt; unter anderem wird er mit Michael Hasenstab, einem Eigner des neuen Investors und zugleich Gründer der Münchener Ascendo Associates GmbH, besetzt.

Ab diesem Tag weilt Goletz oft in München. Das ist normal. Doch der Lintec AG bringt das operativ nicht viel. Zwar produziert man in Taucha dieses und jenes, aber es reicht nicht, um das Unternehmen wieder in Schuss zu bringen. Nicht einmal die Bürgschaft des Landes Sachsen in Höhe von fünf Millionen Euro und die damit einhergehende Kapitalerhöhung, die der Firma 2,2 Millionen Euro bringt und damit die Landesbürgschaft absichert, ändern daran etwas. Ebenso wenig die Verkäufe diverser Firmenbeteiligungen, die noch mal Millionen bringen.

Hat das Unternehmen im Jahr 2004 noch etwas mehr als 15 Millionen Euro umgesetzt, so sind es im Jahr 2005 nurmehr 7,5 Millionen Euro. Goletz begründet dies mit "fehlender Liquidität"; im Übrigen sei das Jahr geprägt gewesen "von der Restrukturierung und der Beseitigung existenzbedrohender Altlasten". Der Verlust dieses Jahres beläuft sich auf 1,8 Millionen Euro. Aber Lintec weist in einer Presseerklärung darauf hin, dass "ein nennenswerter Anteil am Umsatz in dem neuen Geschäftsbereich Dienstleistungen erwirtschaftet wurde". Lintec fertigt zu dieser Zeit mit 110 Mitarbeitern für eine Reihe von IT-Unternehmen, sagt aber nicht, für wen. Im Jahr zuvor waren noch 144 Mitarbeiter angestellt.

Auch im Jahr 2006 ändert sich wenig am Zustand der Firma. Die Ad-hoc-Meldungen werden nun immer seltener; zwar wird in diesen erwähnt, dass Lintec auch für den österreichischen Notebook-Hersteller Gericom fertige, doch offensichtlich hat Goletz weiterhin sichtlich Mühe, die Firma am Leben zu erhalten.

Als am 17. Juli 2006 ein neuer Aufsichtsrat installiert wird - darunter Thomas Probst, von dem später die Rede sein wird - , steht es um die Lintec AG sehr schlecht. Auch die im Februar dieses Jahres erfolgte Kapitalerhöhung - fast 450.000 Euro fließen der Firma zu - ändert daran nichts. Der private Investor, den Ascendo Associates gewonnen hat, wird nicht genannt.

Doch aus Lintecs Finanzmeldungen lässt sich errechnen, dass die rund 2,7 Millionen Euro ebenso versacken wie die Landesbürgschaft. Dazu sagt Goletz: "2006 hat nichts funktioniert."

Die Farce

Als Lintec am 19. September 2006 bekannt gibt, man habe mit dem in Shenzen, China, beheimateten OEM-Hersteller Contel Electronics Technology Co. Ltd. einen Fertigungsvertrag geschlossen, sind die Finanzmittel von Lintec erneut aufgebraucht. Im Dezember 2006 veräußert Goletz ein verbliebenes Firmengebäude in Arnstadt für rund 400.000 Euro. Der Buchwert dieses Gebäudes beträgt rund 800.000 Euro. Doch eine Ad-hoc-Meldung unterbleibt. Nach ChannelPartner vorliegenden Informationen wird dieses Geld dazu verwendet, die Löhne der immer noch rund 100 Mitarbeiter zu bezahlen.

Dass Goletz im Oktober noch einen weiteren Fertigungsvertrag, diesmal mit der in Hongkong ansässigen Hongkong THTF Digital Co. Ltd., bekannt gibt, ist schön, doch in Taucha hat das offensichtlich keine Auswirkungen. "Es passierte nichts", erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter, der nicht genannt werden will.

Ehemalige Mitarbeiter gibt es mittlerweile viele: Allein im Januar dieses Jahres hat Goletz rund 30 Leute entlassen. "Betriebsbedingt", was dem zuständigen Arbeitsgericht in Leipzig eine Klageflut bescherte. Dass unter den Entlassenen auch Mitarbeiter sind, deren Löhne das Land Sachsen subventionierte, macht das Prozessrisiko für Lintec nicht geringer.

Die Übernahme von Chiligreen

Doch Goletz hat zuvor seine Fühler nach dem österreichischen PC- und Notebook-Assemblierer Chiligreen ausgestreckt. Am 17. Januar 2007 überrascht der Vorstand mit der Ad-hoc-Meldung, Lintec habe die 1998 gegründete Firma übernommen. Der Meldung zufolge erhält Chiligreen-Inhaber Gerald Wirtl 2.090.000 Lintec-Aktien zum Ausgabebetrag von 1,00 Euro je Aktie. Ungewöhnlich kurz ist die vereinbarte Haltedauer dieser Aktien (sogenannte Lock-up-Vereinbarung): Wirtl kann die Aktien nach einer Frist von nur sechs Monaten wieder verkaufen.

Mini-Gewinn trotz Riesen-Umsatz

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass das Unternehmen aus Linz bei rund 50 Millionen Umsatz im Jahr 2006 lediglich 200.000 Euro Gewinn machte. Der Lagerbestand der Österreicher wird zum Zeitpunkt der Übernahme mit sechs Millionen Euro bewertet.

Zu diesem Ergebnis kam der erwähnte Thomas Probst. Ein offensichtlich umstrittenes Ergebnis: Ein Finanzexperte der Lintec hatte das Lager mit nur vier Millionen Euro bewertet, musste sich aber dann korrigieren, wie ChannelPartner erfuhr. Und da nach den uns vorliegenden Informationen Chiligreen so gut wie keine finanziellen Barmittel hat, fragen sich zumindest einige Beobachter, wie Wirtl die Übernahme der Lintec-Aktien schmackhaft gemacht wurde.

Möglicherweise ist Folgendes geplant: Wirtl erhält diese Aktien, wobei ihm garantiert wird, zwei Drittel davon nach Ablauf der Lock-up-Frist verkaufen zu können. Etwa nach der Hauptversammlung von Lintec, die Goletz zufolge in diesem Mai stattfinden wird.

Da auf dieser Versammlung die erneute Kapitalerhöhung beschlossen werden soll - von 4.887.600 auf 7.331.380 Euro, wiederum zu einem Nennwert von einem Euro je Aktie - , sollte die Aktie an der Börse dann mit wenigstens einem Euro gehandelt werden. Würde sie höher bewertet - was derzeit nicht abwegig erscheint, da diverse Finanzseiten für die Aktie ein unglaubliches Kursziel von drei Euro propagieren und es genügend Anleger gibt, die das glauben dürften - , dann könnte Wirtl einen Millionengewinn einstreichen. Und nicht nur bei Wirtl, sondern auch bei Investor Navigator würden die Korken knallen. Dieser hat die Aktie billig erhalten - Insider sprechen von 70 Cent.

Was dann passiert, steht dahin. Wird es Wirtl gelingen, das marode Unternehmen Lintec zu verdauen? Ob er als Hauptdarsteller die Farce der vergangenen beiden Jahre fortspinnt, wird man sehen.

Goletz geht

Bleibt Goletz. Der Hauptdarsteller aus Taucha wird Lintec verlassen, wie er gegenüber ChannelPartner sagte. Gerade hat er die einst als "modernste Fabrik Europas" gerühmte Fertigungsstätte in Taucha für 6,8 Millionen Euro verkauft. "Durch den Verkauf entsteht ein außerordentlicher Ertrag in Höhe von zirka 1,3 Millionen Euro", sagt Lintec. Der Plan ist nun, die Landesbürgschaft zurückzuzahlen und damit "vollständig schuldenfrei" zu werden.

Lintec wird weiterhin das Gebäude mieten; der Verkauf kam nämlich auf der Basis eines "Sales und Lease Back"-Geschäftes zustande. Das heißt, Lintec wird als Mieter die Fertigungsstätte weiter nutzen. Da das Unternehmen zwei Jahresmieten - man spricht von rund 40.000 Euro Miete im Monat - im Voraus bezahlt hat, hat es sich laut Beobachter bereits auf die Suche nach Untermietern begeben. Aber das ist, im Verhältnis zum Ganzen, nun wirklich eine Kleinigkeit.