Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

19.03.1993 - 

Standard-SW langfristig mit schlechter Marktperspektive

Mit maechtigen CASE-Tools Branchendesigns entwerfen

CW: SAP entwickelt mit R/3 eine hochmoderne Client-Server-Software fuer offene Systemumgebungen. Obwohl das Produkt vor Mitte der 90er Jahre nicht komplett ist, empfehlen Sie und andere SAP-Partner es bereits. Warum?

Conrad: Das ist strategisch auch richtig. Die Entscheidungen, die heute fuer R/3 getroffen werden, fallen in der Kenntnis, dass die Software noch nicht fertig ist und dass eventuell Performance- Probleme zu erwarten sind. Der Hardware- und Softwaremarkt veraendert sich rasend schnell. Wir muessen mit unseren Kunden versuchen, ein Gleichgewicht zwischen vorhandenen und bereits bewaehrten Produkten und voellig neuen Entwicklungen zu finden. Darin liegt die eigentliche Herausforderung. Wenn ich mich heute ausschliesslich deshalb fuer Produkte entscheide, weil sie gestern gut funktioniert haben, dann werde ich Schwierigkeiten bekommen.

CW: Neben R/3 gibt es aber auch andere Standardsoftwarepakete auf Unix-Plattformen - und zwar vollstaendige. Denken Sie etwa an die QAD Inc., an Orga-Ratio oder an Baan. Erfolgt Beratung heute nicht zu einseitig?

Conrad: Nein. Als Beratungsunternehmen gehoert es zu unseren Aufgaben, mit unseren Kunden gemeinsam strategische Informationsplaene zu erarbeiten. Hier stehen wir vor der Herausforderung zu entscheiden, was denn nun die richtige Software ist. Natuerlich empfehlen wir da lieber eine zukunftsorientierte Plattform, mit der wir ins Jahr 2000 wechseln koennen - und R/3 von der SAP zaehlen wir dazu.

CW: Beobachtet Andersen Consulting, was der Markt sonst noch hergibt?

Conrad: Natuerlich. Auf unserer Referenzliste, welche integrierte Standardsoftware wir empfehlen, steht keineswegs nur SAP. Da gibt es eine Reihe anderer Produkte - auch im Unix-Bereich.

CW: Sie haben staendig mit dem Management von Standardsoftware- Projekten zu tun. Kritiker argwoehnen, die Euphorie fuer Fertigprodukte fuehre dazu, dass zunehmend Funktionen abgedeckt wuerden, die vielleicht doch besser mit Individualentwicklungen geloest wuerden...

Conrad: Es ist sehr wichtig, vorab zu unterscheiden, welche Anwendungen Core-Kompetenzen enthalten, und welche nur 08/15-Loesungen darstellen.

CW: Fuer 08/15-Probleme benoetige ich keine eigene Software, die gebe ich, wie in anderen Bereichen laengst ueblich, aus dem Haus.

Conrad: So einfach ist das sicher nicht, da gilt es, viele Kriterien abzuwaegen. Es kann aber sehr wohl sein, dass eine Anwendung, nehmen wir zum Beispiel die Personalwirtschaft, in dem einen Unternehmen zu den Core-Kompetenzen zaehlt, im anderen Unternehmen aber nur ein 08/15-Problem ist. Wenn ich beispielsweise als Dienstleister eine bestimmte Unternehmenskultur aufbauen moechte, um in Zukunft wettbewerbsfaehig zu sein, dann koennte ich mir hier den Einsatz von Systemen vorstellen, die es heute noch gar nicht gibt.

Faellt der Anwender eine strategische Entscheidung fuer SAP, dann kann er sich aussuchen, was er selbst realisieren und was er mit Software abdecken moechte. Er kann sich ueberlegen, nehme ich das, was mir das Softwarehaus anbietet, mit oder ohne Modifikationen, oder stelle ich einzelne Module komplett selbst fertig. Viele Module koennen mit der 4GL Abap realisiert werden.

CW: Fuer Standardfunktionen einerseits kann Software leicht konfektioniert werden. Sogar eine Auslagerung ist denkbar. Auf der anderen Seite stehen die Kernanwendungen, die fuer den Unternehmenserfolg von Bedeutung sind, fest - wer hier mit Standardsoftware arbeitet, geht ein Risiko ein. Zugespitzt koennte man daraus schliessen: Standardsoftware ist langfristig ein Uebergangsmarkt, der schnell wieder uninteressant wird.

Conrad: Wenn Sie zehn Jahre vorausschauen, dann koennte an dieser Theorie etwas dran sein. Es gibt aus meiner Sicht zwei moegliche Entwicklungen.

Erstens: In Zukunft erstellen die Anbieter Blueprints verschiedener Industrie- und Branchenanwendungen - zum Beipiel integrierte kommerzielle Anwendungssoftware fuer Versorgungsunternehmen. Diese Blaupausen werden dann, was Bildschirmaufbau oder Funktionen angeht, gemeinsam mit dem Anwender angepasst.

Anschliessend stecke ich diese leicht modifizierte Blaupause - sehr vereinfacht ausgedrueckt - in eine Maschine, und erhalte genau die Anwendung, die ich brauche.

Es gibt also keine Standardsoftware mehr, sondern nur noch ein Standarddesign. Das ist keine Utopie, Andersen Consulting betreibt so etwas schon heute. Auf diese Weise entsteht sehr schnell eine aeusserst flexible Standardsoftware. Die Vorteile liegen weniger im finanziellen Bereich als vielmehr bei der eingesparten Zeit.

Die zweite Entwicklung laeuft in Richtung Objektorientierung. Dort ist die Frage zu beantworten, wie lassen sich Bausteine so zusammensetzen, dass bestimmte Funktionen abgedeckt werden.

CW: Dieses Szenario klingt nicht besonders ermutigend fuer Standardsoftware-Anbieter.

Conrad: Dahin geht aber die Entwicklung. Die Voraussetzung fuer so ein Branchendesign ist ein maechtiges CASE-Tool, das die Anbieter in die Lage versetzt, sehr vereinfacht ausgedrueckt, die Blaupause in die Maschine zu stecken, damit die fertige Software herauskommt. Es gibt entsprechende Industriedesigns in Amerika. Dort kann der Anbieter den Kunden fragen: Wie haetten Sie´s gerne realisiert? Das ganze ist natuerlich komplizierter, da gibt es noch viel zu tun, aber das Konzept als solches ist interessant.

CW: Zurueck zur Gegenwart: Eine Reihe von Unternehmen will sich heute durch die Einfuehrung von Standardsoftware nicht nur von Software- und Wartungsproblemen, sondern auch von organisatorischen Problemen befreien.

Conrad: Da stimme ich Ihnen zu.

CW: Diese Vereinfachung und Vereinheitlichung der Organisation, die sich nur an Software orientiert, kann doch nicht im Sinne einer idealen Betriebsfuehrung sein?

Conrad: Ihre Betrachtungsweise ist interessant, doch dieses Problem existiert so heute noch gar nicht. Fuer uns ist zunaechst einmal viel wichtiger, wie Unternehmen davon ueberzeugt werden koennen, dass die vorhandenen Ablaeufe nicht ideal sind und vereinfacht werden muessen. Das groessere Problem ist doch zur Zeit: Wie koennen historisch gewachsene aufwendige Ablaeufe veraendert werden?

CW: Mit SAP-Software?

Conrad: Ja, zum Beispiel. Da kommen wir zu einem wichtigen Punkt. SAP-Software kann auf zweierlei Weise eingefuehrt werden. Mal plakativ ausgedrueckt: Sie koennen zum Vorstand gehen und sagen, ich brauche 400 000 Mark fuer eine Lizenz, und dazu bitte noch 20 Tage SAP-Beratung. Das ist dann Ihr Investitionsbudget, Sie fuehren die Software im Unternehmen ein, und sie laeuft, ohne dass die Organisation angepasst wird. Die gewachsenen Ablaeufe bleiben bestehen, keiner merkt, dass der Aufwand vielleicht sogar noch groesser wird. Manchmal muss die SAP-Software sogar modifiziert werden, nur damit die alten Ablaeufe erhalten bleiben. Das ist die eine Form.

Die andere Variante: Sie beantragen 400 000 Mark fuer die Lizenz, 20 Tage SAP-Beratung und eine Million Mark fuer den Berater oder fuer den Aufwand, die Ablaeufe zu vereinfachen. So lassen sich Modifikationen verhindern, und durch die Vereinfachung der Ablaeufe wird sehr viel Geld gespart. Fuer diesen Weg entscheidet sich aber die kleinere Anzahl der Unternehmen. Warum? Weil das eine qualifizierte Auseinandersetzung mit dem Anwender, zum Beispiel dem Finanzchef, dem Buchhaltungschef, bedeuten wuerde. Dem muesste erklaert werden, warum er ein Formular oder einen Bericht kuenftig wegwerfen kann und dabei noch an Produktivitaet gewinnt.

CW: Muesste die Diskussion ueber die Folgen der Standardsoftware- Einfuehrung nicht vom Anbieter selbst mit dem Kunden gefuehrt werden?

Conrad: Da steckt der Softwarehersteller natuerlich in einer Zwickmuehle. Wenn eine Software verkauft werden soll, dann ist es ein Unterschied, ob sich die Investitionsvorlage beim Vorstand ueber 500 000 oder 1,5 Millionen Mark belaeuft. Wenn jemand zu mir kaeme, um mein Produkt zu kaufen, dann waere es doch nachvollziehbar, dass ich das Produkt ersteinmal verkaufen wuerde.

Ich bin sicher, dass es viele Situationen gibt, wo der Softwarehersteller darauf hinweist, dass man auch im organisatorischen Bereich etwas machen muss. Viele verstehen einfach noch nicht, welche Moeglichkeiten hinter so einer Software stecken und was die Einfuehrung fuer Ablauf und Organisation bedeutet.

CW: Wie wirkt sich der Mangel an ausgebildetem SAP-Personal aus?

Conrad: Im SAP-Markt ist es leider so, dass die Skills nach den einzelnen Modulen gehandelt werden. Die Leute sind zum Beispiel RM-Experten, haben schon zwei Installationen bei Hinz und Kunz hinter sich gebracht. Was machen sie? Sie fuellen die Tabellen und bringen die Software zum Laufen - das ist alles. Das allein reicht aber nicht aus, Sie benoetigen ein Team von funktionalen und technischen Experten. Die muessen mit dem Anwender freundlich, aber bestimmt eine qualifizierte Auseinandersetzung darueber fuehren, ob und in welcher Weise Ablaeufe veraendert werden muessen.