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15.10.1993

Mit modernen Werkzeugen Investitionsschutz installieren Neu entwickeln bringt oft mehr als die Altlasten pflegen

Die Zeiten der Closed-shop-Entwicklungen sind eigentlich laengst passe. Doch die damals erstellten Anwendungen laufen immer noch - wenn auch durch zahlreiche Aenderungen und Ergaenzungen bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Wann es lohnt, sie durch Neuentwicklungen zu ersetzten, erlaeutert Wolfgang Lindner*.

"Herr, die Not ist gross! Die ich rief, die Geister, werd+ ich nun nicht los." Verzweifelte Manager druecken es facettenreich aus, meinen jedoch stets Goethes Wort, wenn sie ueber die (Alt-)Lasten in den DV-Anwendungen ihrer Unternehmen sprechen.

Waehrend der 60er und 70er Jahre stand die Hardware im Mittelpunkt des technischen Fortschritts. Software-Anwendungen wurden nach der "Wasserfall-Methode" (Systemanalyse, Programmierung, Test, produktive Anwendung) entwickelt.

In dieser Zeit waren Organisatoren, Systemanalytiker und Programmierer "Halbgoetter", "Gurus" oder "Zauberlehrlinge". Denn die Entwicklung von Software erfolgte "unter Ausschluss der Oeffentlichkeit" (sprich: ohne den Anwender). Der produktive Einsatz der Applikation wurde im "Closed-shop"-Betrieb durchgefuehrt. Maschinennahe Programmiersprachen wie Assembler waren nur Wenigen vertraut.

Dann hielten die "hoeheren" Programmiersprachen, zum Beispiel Cobol, Einzug. Hier konnte sich der Programmierer "ausleben", ohne auf strenge Regeln achten zu muessen. Das tat er dann auch ausgiebig.

Ein Spruch machte damals die Runde, der die Grundeinstellung recht drastisch kennzeichnete: "Und wenn ich nicht mehr weiter kann, so setz+ ich einen Schalter an." Performance war ein Fremdwort; man hatte schliesslich Memory, Platten- und Bandmaterial im Ueberfluss zur Verfuegung. Und ob der Anwender seine Liste (Bildschirm- Terminals waren noch nicht verfuegbar) einen Tag spaeter erhielt, war auch nicht so wichtig. Sollte er doch froh sein, sie ueberhaupt - und noch dazu inhaltlich richtig - zu erhalten!

Vorausschauende Leute gab es aber auch damals schon. So wurden vielerorts firmenspezifische "Programmiernormen" geschaffen oder externe Methoden (zum Beispiel nach Michael Jackson) eingefuehrt. Dies konnte jedoch nur die schlimmsten Auswuechse des "eingebauten Kuendigungsschutzes" verhindern. Viele der damals erstellten Programme laufen noch heute. "Wir haben unsere gesamten betrieblichen Ablaeufe auf diese Software abgestellt. Wir muessen damit leben." So oder aehnlich ist es oft zu hoeren, wenn ueber Aenderungen bei den Informationssystemen nachgedacht wird. Die zweite oder gar dritte Generation von Programmierern hat inzwischen zahlreiche "Balkone" oder "Rucksaecke" an die alten Programme angebaut, um die Mindestanforderungen sich aendernder Umfeld- oder Marktbedingungen zu erfuellen. Mehr als 60 Prozent der Kapazitaet werden fuer Wartung und Anpassungen dieser Programme benoetigt.

Ist es da verwunderlich, dass Anwender in den Fachabteilungen diesen "Software-Stau" nicht laenger akzeptieren wollen und immer lauter nach Moeglichkeiten fragen, selbst ihre Anwendungen zu erstellen oder sie zumindest erheblich beeinflussen zu koennen? Der Rueckstand geplanter Anwendungen liegt im Mainframe-Umfeld bei durchschnittlich drei Jahren.

Gleichzeitig waechst der Bedarf an Anwendungssoftware fuer planerische und entscheidungsorientierte Aufgaben stetig. In rezessiven Zeiten und bei gleichzeitig verschaerftem internationalen Wettbewerb ist die jederzeit aktuelle, schnelle und vollstaendige Information zum wichtigsten Faktor des betrieblichen Geschehens geworden. Wer die Information besitzt, besitzt die Macht.

"Informationen sind zahlreich vorhanden, nur Wissen haben wir nicht." Diese Aussage macht deutlich, wo die Misere liegt. Es ist Zeit, die "Diktatur" der Mainframe-Anwendungen zu ueberwinden. Dasselbe gilt jedoch fuer die "Anarchie" der PCs. Die "Schulhof- Raubkopien" und "Viren-Hysterie" sind eindeutige Fingerzeige, dass dies nicht die Welt sein kann, der man uneingeschraenkt und gutglaeubig einen der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren anvertrauen kann.

Wir alle wissen, dass auch die "Demokratie" des Client-Server- Computing Probleme mit sich bringt. "Aber gibt es eine Alternative zur Demokratie?"

Wann ist der richtige Zeitpunkt, die Vergangenheit zu verlassen? Und was kostet uns dies? Diese beiden Fragen werden haeufig gestellt, wenn eine Bereitschaft zum Wechsel vorliegt. Ich antworte dann gern mit der Gegenfrage: "Was kostet es Sie, wenn Sie es nicht tun?"

Zudem sind die Fragen der Manager nicht mit einem einzigen Satz zu beantworten. Vielmehr leiten sie einen Denk- und Untersuchungsprozess ein, an dessen Ende die Anwort stehen kann. Die richtigen Fragen innerhalb dieses Prozesses koennen lauten:

- Liegen unsere Wartungskosten fuer komplexe Anwendungen bereits hoeher als die Entwicklungskosten?

- Wie ist das Verhaeltnis unserer Aufwendungen fuer die heutigen Systeme zu den neuen Investitionen sowie deren Folgekosten?

- Was ist uns die Unabhaengigkeit von technologischen Innovationen, die Offenheit und skalierbare Portabilitaet unserer kuenftigen Anwendungen wert?

- Ist uns bewusst, dass heute die Software der Motor des Fortschrittes ist und die Hardware lediglich das Medium, das umso preiswerter wird und desto schneller veraltet, je groesser der Fortschritt der Software ist? Die heute fuer die Zukunft zu erstellenden Anwendungen duerfen vor allem nicht erneut zur "Informations-Falle" werden. Wie in unserer Staats-Demokratie sollten kuenftig alle Beteiligten aktiv und gleichberechtigt am Geschehen teilnehmen.

Zunehmend komplexere Geschaeftsstrategien und -vorgaenge erfordern immer komplexere Topologien. Gleichzeitig ist der IT-Markt sehr unuebersichtlich geworden. Angesichts der Vielzahl von Hardware-, Software- und Kommunikationstechniken fordern die Anwender Offenheit und skalierbare Portabilitaet der zu entwickelnden Applikationen.

Moderne, offene Software-Entwicklungswerkzeuge hierfuer sind heute vorhanden. Unabhaengigkeit von heutigen oder kuenftigen Technologien hat dabei ueberragende Bedeutung. Diese Unabhaengigkeit sichert nicht nur die entsprechenden Investitionen. Weitere Vorteile sind kurze Realisierungszeit, leichte Wartung, flexible Anpassungen durch modulare Architektur, hohe Leistung auch bei komplexen Anwendungen und permanente Qualitaetssicherung.

Der Fortschritt ist nur geliehen

Neben diesen Vorteilen weisen moderne Entwicklungswerkzeuge einen weiteren Nutzen auf: die Einbindung des kuenftigen Anwenders in den Entwicklungszyklus von Anfang an. Mit dem "evolutionaeren Prototyping" bleibt der Nutzer fuer die gesamte Entwicklung integraler Bestandteil des Prozesses. Der Anwender fuehrt, nicht der Entwickler. Dies ist wohl die bisher produktivste Vorgehensweise bei der Software-Entwicklung in der Geschichte der EDV. Heute zu erstellende Software muss auch auf Computern laufen, die es noch nicht gibt. Eine Anpassungsfaehigkeit der Applikationen an noch nicht vorhandene Plattformen macht den Anwender so technologie- und anbieterunabhaengig, dass er sich bei jeder Entscheidung von den wirtschaftlichen Aspekten leiten lassen kann. Das ist installierter Investitionsschutz.

Marktforschungsunternehmen attestieren den Mainframes einen Status als "Anachronismus in der heutigen DV-Landschaft". Nur 20 Prozent der befragten Unternehmen sehen den Mainframe weiterhin als Applikationsplattform. In einer Uebergangszeit koennen die Grossrechner allenfalls die Aufgabe als Daten-Server wahrnehmen. Auch bei einem Kosten-pro-Mips-Vergleich schneiden die Client- Server-Architekturen gegenueber Mainframe-basierenden Loesungen immer besser ab.

Die Mainframes wandern also langsam, aber doch unaufhoerlich, zu den "Elefantenfriedhoefen" - und mit ihnen die Programmierer der Mainframe-Anwendungen. Wer klug ist, weiss, dass er auch - oder gerade - in der DV-Branche nie aufhoeren darf zu lernen. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit, heisst es. Die Zeit arbeitet also gegen denjenigen, der nichts tut. Fortschritt ist nur geliehen; schon morgen muss er zurueckgegeben werden.

* Wolfgang Lindner ist Geschaeftsfuehrer der Uniface Deutschland GmbH, Dreieich.