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03.12.1998 - 

Thema der Woche

Mit Netscapes Hilfe will AOL das Internet beherrschen

America Online (AOL) übernimmt den Internet-Pionier Netscape im Rahmen eines Aktientauschs für 4,2 Milliarden Dollar - eine Verbindung, deren Folgen erst langsam absehbar werden. Gelingt es dem Management, die verschiedenen Kulturen zusammenzuführen, könnte sich das Duo mit Unterstützung von Sun Microsystems als erste Adresse im internationalen elektronischen Handel etablieren.

Die Fakten sind bekannt. AOL kauft Netscape im Rahmen eines Aktientauschs und übergibt die Electronic-Commerce- und Server-Technologie zur weiteren Verwendung und Vermarktung an Sun Microsystems (siehe CW 48/98, Seite 1). Die Java-Company unterzeichnet eine vorerst dreijährige Partnerschaft mit AOL und erhält den Auftrag, bis zum Jahr 2002 Produkte und Services im Wert von 500 Millionen Dollar an AOL zu liefern. Rund 350 Millionen Dollar läßt sich Sun im Gegenzug das Privileg kosten, die E-Commerce- und Server-Produkte von Netscape zu nutzen und zu vermarkten.

Mit diesem Deal wird AOL zum größten Internet-Unternehmen weltweit. Marktforschungsergebnissen zufolge würde das Duo insgesamt 70 Prozent aller Online-Nutzer erreichen, so daß AOL theoretisch die Chance hat, einen gigantischen elektronischen Marktplatz aus dem Boden zu stampfen. Zu den 15 Millionen AOL-Abonnenten kommen monatlich 16 Millionen Besucher des Netscape-Portals Netcenter.

Weiteres Wachstum durch ICQ-Zukauf

Weiteres Wachstum scheint garantiert. So hat AOL beispielsweise schon im Juni die israelische Mirabilis Ltd. übernommen. Deren Instant-Messaging-System "ICQ" wird ebenfalls von schätzungsweise 20 Millionen Anwendern genutzt. AOL-Chef Stephen Case hat bereits angekündigt, diesen Kunden den Einsatz des "Netscape Navigator" nahezulegen. Nicht auszuschließen ist ferner, daß AOL neben dem eigenen Online-Dienst und dem von Netscape übernommenen Portal eine dritte Einstiegsseite etablieren wird: ICQ.com.

Durch den Netscape-Deal erhält AOL jedoch vor allem die meistbenutzte Internet-Zugangssoftware der Welt, den Navigator beziehungsweise "Communicator". Was die Company damit vorhat, ist noch völlig unklar. Obwohl AOL öffentlich erklärt hat, im Online-Dienst weiterhin den "Internet Explorer" als Web-Zugangssoftware anzubieten, hat das Unternehmen nun zumindest die Chance, einen eigenen Web-Client zu integrieren, falls es Probleme mit Microsoft gibt. Und das ist nicht ausgeschlossen: Microsoft kämpft mit seinem Online-Dienst Microsoft Network (MSN) mit allen Mitteln um Marktanteile. Außerdem zählt AOL zu den Anbietern, die im Kartellrechtsprozeß gegen Bill Gates ausgesagt haben.

Der bis zum Jahr 2002 laufende Vertrag mit Microsoft über die Verwendung des Internet Explorer im AOL-Online-Dienst könnte Ende dieses Jahres gekündigt werden; ob die Firmen weiter zusammenarbeiten, ist eine der vielen Fragen, die nach Bekanntwerden der Übernahme nicht eindeutig beantwortet wurden. Für AOL hätte es leicht nachzuvollziehende Vorteile, am Microsoft-Browser festzuhalten. So ist Bestandteil des Abkommens, daß die Gates-Company auf Windows 95 beziehungsweise 98 den AOL-Client vorinstalliert. Leichter kann der Internet-Gigant kaum neue Kunden gewinnen. Darüber hinaus gibt es Sinn, künftig auf einen Browser zu setzen, der bereits Bestandteil des Betriebssystems ist. Anwender würden nicht durch ein 15 MB umfassendes Zusatzprogramm, wie es der Communicator darstellt, belastet.

Doch existieren ebenso gute Argumente gegen eine weitere Kooperation mit Microsoft. Durch eine intelligente Verzahnung von Browser-Technik und Inhalten ergeben sich Möglichkeiten im E-Commerce, Produkte und Dienstleistungen gezielt und kalkuliert anzubieten. Netscape hat im Communicator 4.5 schon damit begonnen und wird auch künftig fortfahren, Surfern mehr Orientierungshilfe zu geben und sie auf bestimmte Inhalte zu lenken. Wer eine Suche startet, erhält Hinweise auf zusätzliche Quellen ("What''s related") und wird durch intelligente Navigation gezielt zu bestimmten Inhalten geführt - mit solchen Arrangements lassen sich Geschäfte machen. Welcher Vertragspartner von AOL möchte nicht, daß in einem der meistbesuchten Portale sein Angebot an vorderster Front geführt wird?

Andererseits dürfte es für AOL auf Dauer nicht erstrebenswert sein, wenn Nutzer des Online-Dienstes über den Internet Explorer zu Microsoft-Inhalten gelotst werden. Wer den Browser heute nutzt, kann schon beobachten, daß bei Suchanfragen stets zuerst Microsoft-Inhalte aufgelistet werden.

AOL scheint diese Chance ebenfalls ergreifen zu wollen - nur so ist die Ankündigung zu verstehen, den Communicator weiterentwickeln und neue Distributionskanäle öffnen zu wollen. Dabei hatte Netscape im Januar damit begonnen, Navigator und Communicator zu verschenken und den Sourcecode im Internet zu veröffentlichen. Das Open-Source-Browser-Projekt Mozilla.org war geboren. Eine Community von Entwicklern arbeitet dort an der Weiterentwicklung des Communicator.

Jamie Zawinski, einer der Leiter des Projekts, blickt mit Sorgen in die Zukunft. "Es ist schwer zu glauben, daß AOL vier Milliarden Dollar für Netscape ausgibt, um den Client einfach wegzuwerfen", erklärt er in einem Schreiben, das vom Branchendienst "Computergram" veröffentlicht wurde. Zwar hatte Netscapes General Manager Mike Homer in der gemeinsamen Pressekonferenz mit AOL und Sun betont, die Entwicklung werde wie gehabt fortgesetzt, doch Zawinski möchte solche Aussagen lieber von AOL selbst hören.

Der Open-Source-Fan spielt den Worst Case durch: "Was ist, wenn der Alptraum wahr wird? Wenn AOL alles rückgängig machen will, was wir begonnen haben?" Zawinski tröstet sich mit der Feststellung: "Der Mozilla-Code ist draußen. Er wurde als Open-Source-Lizenz verteilt, und niemand kann ihn zurückholen."

Möglicherweise kommt es aber gar nicht erst zu Konflikten, da AOL bereits angekündigt hat, mit Hilfe von Netscape- und Sun-Entwicklern eine eigene Browser-Entwicklung auf Basis von Java zu forcieren. Geplant seien neue Versionen der Internet-Clients Navigator und Communicator, die von Anwendern nicht nur von der Netscape-Homepage, sondern auch von der AOL-Site heruntergeladen werden können. Theoretisch könnte es sogar eine Neuauflage des von Netscape begonnenen und später wieder eingestellten Java-basierten Web-Browsers "Javagator" geben.

Die neue Browser-Technik, die voraussichtlich auf Suns "Personal Java" basieren wird, macht AOL nach Meinung des "Wall Street Journal" als Partner für Kabelfirmen und Consumer-Electronics-Hersteller interessant. Sie möchten Netzzugangs-Funktionalität in die derzeit entstehende Palette an neuen Internet-Endgeräten integrieren - und AOL will dafür sorgen, daß diese gigantische Kundenbasis auf den "richtigen" Web-Seiten landet. Mit der Übernahme von Web TV hatte Microsoft diesen Markt schon vor Jahren adressiert. Nun wird auch von AOL erwartet, den Web-Zugang vom TV-Gerät aus zu unterstützen. Marktforscher wie Martin Bloor aus Großbritannien sehen Microsofts Felle bereits davonschwimmen. Seiner Einschätzung nach werden Java-basierte Clients unterschiedlicher Couleur das Windows-Monopol am Front-end brechen.

Die Netscape-Übernahme bringt AOL neben technischem Know-how auch den längst erwarteten Einstieg in das Web-basierte Content-Geschäft. Netscapes Portal Netcenter verzeichnet monatlich rund 16 Millionen Besucher und zählt damit neben Wettbewerbern wie Yahoo und Microsoft zu den langfristig wichtigsten Einstiegsadressen im Netz. Das Unternehmen stößt hier in neue kaufkräftige Kundenschichten vor. Marktbeobachter orakeln bereits, daß mittelgroße Portal-Sites wie Excite, Infoseek oder Lycos das Nachsehen haben könnten.

Während AOL vorrangig von Interessenten aus dem Privatsektor oder von Feierabend-Surfern benutzt wird, ist Netcenter eine Internet-Anlaufstelle für IT-Profis sowie für Berufstätige, die während der Arbeitszeit ins Netz gehen. Da sie als Default-Adresse im Browser voreingestellt ist, finden sich zudem Millionen Web-Surfer auf der Netscape-Homepage, die ihre ersten Gehversuche im Internet mit dem Navigator gemacht und ihre Einstiegsadresse nie geändert haben. Sollte ICQ zu einer Portal-Site ausgebaut werden, hätte AOL im Internet zwei der wichtigsten zentralen Anlaufstellen für Internet-Surfer aus dem Unternehmensumfeld.

Diese Portale sind für AOL wichtig, um das E-Commerce-Business auszubauen. Dort dürften demnächst im Kundenauftrag Web-Shops eingerichtet und im Rahmen von Dienstleistungsverträgen auch verwaltet werden. Der Online-Dienst AOL wäre die falsche Adresse. Er wird von einem wenig Internet-bewanderten Publikum besucht und weist zudem gravierende Instabilitäten auf. Analysten wie Tim Sloane von der Aberdeen Group in Boston gehen deshalb davon aus, daß AOL seine Ambitionen im Internet-Commerce-Sektor auf die neuen Portale und weniger auf den Online-Dienst konzentriert.

Nach Vorstellungen von AOL/Netscape und Sun sollen die Betreiber von Online-Shops komplette Web-Services erhalten, die Funktionen wie Messaging, das Betreiben von Online-Katalogen oder Aufgaben wie Zahlungsverkehr und Rechnungslegung für Web-orientierte Unternehmen umfassen. Die Anbieter wollen sogar noch weiter gehen und vollständige Anwendungen im Bereich Personal-Management und Kostenrechnung betreiben, so daß Kunden künftig ihre Daten direkt bei den verschiedenen AOL-Anlaufpunkten verarbeiten können. Ein weiterer Schritt wäre die Einrichtung von virtuellen Konferenzräumen sowie das Betreiben personalisierter Kalender, Adreßverwaltungen etc. im Kundenauftrag.

Für die hierfür benötigten Lösungen liefert Sun Basistechnologien wie das "Solaris"-Betriebssystem, Server auf Basis der Sparc-Risc-Architektur sowie die Java-Plattform. Netscape steuert seine Server-Palette für das E-Commerce-Geschäft sowie den weltweit meistbenutzten Browser und eine der beliebtesten Internet-Einstiegsseiten bei. AOL selbst hält über sein Imperium an Online-Diensten den Kontakt zu vielen Millionen Kunden. Die gemeinsam entwickelten E-Commerce-Lösungen werden an Internet-Service-Provider oder andere interessierte Unternehmen weiterverkauft.

"Wir sind zuversichtlich, daß uns die Zusammenarbeit mit Sun hilft, einfach und schnell Online-Shops für Firmen einzurichten beziehungsweise den Kunden ihr individuelles E-Commerce-Geschäft aufzubauen", frohlockt AOL-Chef Case. Die gemeinsame Entwicklung auch an den Java-Front-ends kommentiert er: "Sun teilt mit uns die Vision einer Zukunft, in der Kunden jederzeit und von jedem Client aus auf die Marke AOL zugreifen können."

Ganz so rosig sieht Felix Hamann, Geschäftsführer der Marktforschungs-Gesellschaft Input, die Kooperation nicht: "Um gegen Microsoft eine echte Chance zu haben, reichen Kooperationsvereinbarungen nicht aus." Es seien schon viele Allianzen gegründet worden, doch keine habe sich in einem Maße durchgesetzt, daß Microsoft dadurch an Macht verloren habe.

Erica Rugullies von der Giga Information Group sieht die Dinge anders. Der Deal mit AOL verhelfe Java endgültig zum Durchbruch, so die Analystin. Sun müsse im Electronic-Business nun in einem Atemzug mit IBM genannt werden. Sie hält es für möglich, daß Java zur treibenden Kraft im Evolutionsprozeß des elektronischen Handels werde.

Die Client-Software vieler Millionen AOL-Kunden werde künftig Java-basiert sein. Gleichzeitig könne Sun mit dem Server-Paket "Suitespot" und der Suite "Commercexpert" von Netscape klaffende Lücken im eigenen Software-Angebot für den elektronischen Geschäftsverkehr schließen. Solaris von Sun sei bereits die populärste Unix-Plattform für E-Commerce-Geschäfte, doch im Softwarebereich habe die Company von CEO Scott McNealy bisher wenig zu bieten gehabt.

Rugullies übersieht dabei allerdings, daß Sun und Netscape konkurrierende Messaging- und Directory-Server im Portfolio haben. Hinzu kommt der Application Server von Netdynamics, den Sun für rund 170 Millionen Dollar übernommen hatte. Er steht in direktem Konkurrenzverhältnis zu Netscapes "Kiva"-Server.

Sun muß Produktpalette bereinigen

Die Gartner Group fordert deshalb von Sun, möglichst schnell die Produktpalette zu bereinigen. Doch Konflikte könnte es auch in Grundsatzfragen geben, etwa im Linux-Geschäft, das Netscape zuletzt sehr eifrig betrieb. Sun sieht darin zwangsläufig eine lästige Konkurrenz zum eigenen Solaris.

Wenn Sun nun behauptet, Netscapes Server-Palette füge sich optimal in Suns Produktportfolio ein, dann stellt sich überdies die Frage, warum der einstige Workstation-Spezialist nicht selbst zugeschlagen und Netscape aufgekauft hat. McNealy erklärt die Zurückhaltung damit, daß Netscape sich zu stark auf Netzverkehr und Services konzentriert habe und deswegen nur teilweise interessant gewesen sei. Diesen Geschäftsbereich übernehme nun AOL.

Außerdem, so McNealy weiter, habe man wichtige Kunden aus dem Umfeld der Internet-Service-Provider (ISPs) - allen voran AOL selbst - nicht verärgern wollen, indem man zu ihnen in Konkurrenz getreten wäre. Nun könnten sie weiter Netscape-Produkte beziehen, und zwar über Sun.

Was AOL bekommt

- Markennamen Netscape, Browser-Produkte, Entwicklungsmannschaft;- Netscapes Internet-Commerce-Software einschließlich des "Kiva-"Application-Servers und der "Actra"-Produktlinie für E-Commerce auf Unternehmensebene;- neun Millionen registrierte Business-Kunden des Web-Portals Netcenter;- Hardware und Services im Wert von 500 Millionen Dollar von Sun Microsystems; Produkte, mit denen E-Commerce-Lösungen entwickelt und eingesetzt beziehungsweise vermarktet werden sollen;- gemeinsame Entwicklung von Internet-Zugangsgeräten auf Basis von Personal Java.

Zwei Kulturen und die Folgen

Theoretisch ist die Zusammenführung von AOL und Netscape sinnvoll, doch in der Praxis könnten sich die Probleme ergeben, die immer dann auftreten, wenn zwei völlig verschiedene Unternehmenskulturen zusammentreffen. AOL war bisher auf den Consumer-Markt konzentriert, während Netscape Unternehmenskunden und die gesamte professionelle Web-Gemeinde bedient hat. Der AOL-Dienst hat wegen häufiger Ausfälle und proprietären Zuschnitts ein sehr schlechtes Image in Kreisen der Netscape-Mitarbeiter.

AOL wird von den Web-Profis etwa so ernst genommen wie die "Bild"-Zeitung von Redakteuren der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Viele Mitarbeiter von Netscape sind Berichten des "Wall Street Journal" zufolge fassungslos, daß sie nun für AOL arbeiten sollen. Zahlreiche Internet-Service-Provider werden diese Chance wahrnehmen und dem Personal lukrative Angebote unterbreiten.

Eilig hat AOL-Chef Stephen Case den Netscape-Mitarbeitern versichert, das Headquarter in Mountain View bleibe so erhalten, wie es ist, an der Unternehmenskultur wolle AOL nicht rütteln. Andererseits gilt als sicher, daß AOL versuchen wird, Synergien dort herzustellen, wo sie sinnvoll erscheinen. Die Company hofft darauf, daß in Netscape-Kreisen der unternehmerische Erfolg von AOL honoriert wird - schließlich blieb dieser Netscape nach den harten Attacken von Microsoft und IBM zuletzt versagt.

Viele Netscape-Mitarbeiter dürften sich auch durch das Abkommen mit Sun Microsystems trösten lassen. Es garantiert den Erhalt der wichtigen Produktlinien und verspricht künftig intensive Entwicklunsgarbeit mit der zukunftsweisenden Programmiersprache Java.

Einen Fehler sollte die AOL-Geschäftsführung auf jeden Fall vermeiden: Die proprietäre Politik, die im Bereich des Online-Dienstes verfolgt wird, auf die Netscape-Produkte zu übertragen. Netscapes Unternehmenskultur basiert auf Offenheit, das Unternehmen hat die Datenverarbeitung auf Basis von Internet-Standards revolutioniert. AOL sollte das nicht vergessen.