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25.06.1995

Mit Notes im Gepaeck blaest IBM erneut zum Angriff Feindbild Microsoft schmiedet Big Blue und Lotus zusammen

Lou Gerstner hat sich bisher als Sanierer einen Namen gemacht, nicht als Innovator. Trotz prall gefuellter Kassen muss sich der IBM-Chef sorgen, denn die Zukunft des Mainframe-Geschaefts ist ungewiss, und dort, wo der Markt am schnellsten waechst, im Desktop- Sektor, ist Big Blue im Vergleich zum schaerfsten Konkurrenten Microsoft unterrepraesentiert. Rund 3,5 Milliarden Dollar liess sich Gerstner deshalb die groesste Firmenuebernahme der Softwaregeschichte kosten. Mit der Lotus Development Corp. schluckte die IBM eine der beruehmtesten amerikanischen Garagen-Firmen - und deren Flaggschiff

"Notes". Mit dieser Groupware hofft IBM offenbar das zu erreichen, was bisher trotz milliardenschwerer Anstrengungen nicht gelingen wollte: einen Standard im Desktop-Markt zu setzen.

Take the money and run, Jim" - diesen gutgemeinten Rat erteilt Mike Rothman, Analyst der Meta Group in Reston, Virginia, in einer Kolumne der CW-Schwesterpublikation "Network World". Rothman erinnert an die wechselhafte Karriere von Lotus-Chef Jim Manzi, die mit dem ueberragenden Erfolg des Spreadsheets "1-2-3" unter DOS ihren vorlaeufigen Hoehepunkt fand.

Der erste schwere Rueckschlag kam, als Lotus die Windows-Version der Tabellenkalkulation zu spaet auf den Markt brachte. In Scharen liefen die Anwender zum konkurrierenden Produkt "Excel" von Microsoft ueber, nachdem Bill Gates sich - zum Leidwesen von Manzi - von OS/2 abgewandt hatte und Windows 3.0 zum kuenftigen Standard erklaerte. Lotus hatte seine Entwicklungskapazitaeten fatalerweise voll auf OS/2 konzentriert.

Mit den jeweils eingekauften Workgroup-Produkten Notes und der E- Mail-Software "cc:Mail" rappelte sich der Softwarepionier erneut auf. Notes kam 1989 in den USA auf den Markt. Die Groupware wurde von dem im vergangenen Jahr uebernommenen Softwarehaus Iris Associates unter der Verantwortung von Raymond Ozzie - heute und wohl auch kuenftig Notes-Chefentwickler - konzipiert. Lotus-Gruender Mitchell Kapor hatte Ozzie von Anfang an unterstuetzt und sich mit hohen Betraegen an Iris beteiligt.

Mit dem Groupware-Ansatz konnten die Anwender zunaechst wenig anfangen. Geborgen in einer von IBM-Mainframes und Cobol- Programmen dominierten Welt, war ihnen das Konzept der plattformunabhaengigen Kommunikation, des Information-Sharing und der Datenreplikation absolut fremd. Deshalb musste Lotus viel Geld in Markteinfuehrung und Ueberzeugungsarbeit investieren. Notes sollte zu einer Art De-facto-Standard fuer das Team-Computing werden.

Als Marktfuehrer im DOS-basierten Spreadsheet-Markt - 1-2-3 hatte damals einen Marktanteil von ueber 70 Prozent - konnte sich das Unternehmen diese Ausgaben anfaenglich leisten. Dann aber uebernahm Microsoft dank seiner Windows-Applikationen die Marktfuehrerschaft, und fuer Lotus wurde es immer schwieriger, die Mittel fuer Entwicklung und Vertrieb der Kommunikationsprodukte aufzubringen.

Das Geschaeft mit Office-Produkten ging zurueck. Zwar lautet die Rangfolge im Suite-Markt heute noch Microsoft vor Lotus und Novell, doch seit der Wordperfect-Uebernahme verfuegt Novell mit Perfect Office ueber eine ernstzunehmende Alternative zu MS Office und dem Lotus-Paket Smartsuite. Ausserdem will der Netware-Anbieter die Lotus-Position mit dem Groupware-Produkt "Groupwise" angreifen. Auch Oracle plant seit langem den Einstieg in diesen Markt, laesst allerdings mit seinem unter der Bezeichnung "Documents" angekuendigten und auf "Oracle Groupware" umgetauften Notes-Kontrahenten noch immer auf sich warten.

Schwerer noch als unter der Konkurrenz durch Novell und Oracle leidet Manzi jedoch unter dem Microsoft-Trauma. In einem Beitrag fuer das "Wall Street Journal" forderte er kuerzlich die Anpassung des amerikanischen Antitrust-Rechts an die veraenderten Spielregeln in neuen Maerkten - insbesondere dem IT-Markt -, um Firmen wie Microsoft im Zaum zu halten.

Er schrieb unter anderem:

"Was, wenn der Einfluss, den die Microsoft Corp. im Desktop-Markt gewonnen hat, und die finanziellen Reserven, die sie sich durch die unangefochtene Monopolstellung bei den Desktop- Betriebssystemen aufgebaut hat, auch im Netzwerksektor zur Hegemonie fuehren?" (siehe Abdruck in CW Nr.13 vom 31. Maerz 1995, Seite 8).

Inzwischen muss Manzi selbst auf die Gunst der Kartellbehoerden setzen, damit die Fusion mit IBM ueber die Buehne geht. Notes ist mit rund 1,7 Millionen verkauften Kopien bereits sehr weit verbreitet, und die Prognosen sind mehr als guenstig. Je laenger Microsoft mit seinem seit drei Jahren angekuendigten Konkurrenzprodukt "Exchange Server" auf sich warten laesst, desto besser scheint die Ausgangsposition fuer das Gespann IBM-Lotus.

Beurteilt man die von Gerstner und Manzi abgegebenen Kommentare zur Fusion nicht als reine Marketing-Schaumschlaegereien, so ist Notes fuer die IBM nicht nur ein "strategisches Produkt", sondern sogar der wichtigste Hoffnungstraeger im Desktop-Business - ein Substitut fuer das an Microsoft verlorene Geschaeft der letzten Jahre. Fast sechs Jahre arbeitet Big Blue nun ohne Mithilfe von Ex-Partner Microsoft an dem Betriebssystem OS/2, mehr als zwei Milliarden Dollar sollen in das Produkt geflossen sein. Der Erfolg blieb bescheiden.

Noch bevor Microsoft mit dem konkurrierenden Exchange Server herauskommt, soll jetzt Notes durch den weltweiten Marketing- Apparat der IBM gepusht werden und schliesslich die strategische Rolle einnehmen, die OS/2 im Betriebssystem-Bereich nie spielen konnte. Die Lotus-Applikationen im Bueroumfeld gehoeren zu den wenigen, die sich fuer den Einsatz unter OS/2 eignen - zu Recht ist also auch in dieser Hinsicht von Synergien zu reden, selbst wenn Lotus-Mitarbeiter einraeumen, dass die OS/2-Versionen der Office- Programme funktional ein wenig hinter den Windows-Varianten zurueckgeblieben sind.

Doch welche Plaene hegt die IBM ueberhaupt mit ihrem OS/2-System? Eine Reihe namhafter Analysten geht davon aus, dass OS/2 spaetestens dann endgueltig zur Bedeutungslosigkeit verurteilt ist, wenn Microsoft Ende August mit Windows 95 herauskommt. Es sei unwahrscheinlich, dass IBM sowohl OS/2 als auch Notes als strategische Zukunftsprodukte betrachten werde, orakelten "Wall Street Journal" und "New York Times" jeweils mit Bezug auf Branchenkenner. Ein ehemaliger IBM-Manager tippt sogar: "Die Produkte werden wohl nicht koexistieren." IBM werde einige Features von OS/2 in Notes integrieren und das Betriebssystem dann langsam sterben lassen.

Aus Sicht von Notes-Anwendern waere dies ein Horrorszenario. Viele zweifeln daran, dass ein Groupware-Produkt wie Notes, das Mitarbeiter auf Basis von Dokumenten zusammenarbeiten laesst und gemeinsame elektronische Diskussionsrunden ermoeglicht, ueberhaupt in der Lage sein wird, Betriebssystem-Funktionen zu uebernehmen. Diese Meinung teilen sie mit dem vielleicht prominentesten Kommentator der IBM-Lotus-Fusion. Bill Gates beeilte sich, gegenueber dem "Wall Street Journal" klarzustellen:

"Notes ist eine schwache Plattform fuer Anwendungen im Vergleich zu Windows. Es ist in keiner Weise ein Ersatz."

Dass diese Aussage wohl eher von Nervositaet geleitet ist, liegt allerdings auf der Hand. Gates selbst bemueht sich seit Jahren, seinen Exchange Server fertigzustellen, und noch immer ist nicht sicher, ob das Produkt bis Ende 1995 erscheinen wird. Verzoegerungen werden jedoch immer gefaehrlicher, denn ueber die Marketing-Kanaele der IBM duerfte sich das Konkurrenzerzeugnis Notes sehr viel schneller durchsetzen als bisher.

Beobachter gehen davon aus, dass IBM versuchen wird, die Betriebssystem-Diskussion endgueltig ad acta zu legen und nun alle Kraefte auf den Groupware-Markt zu konzentrieren - dort wuerden in Zukunft die Desktop-Standards gesetzt. Das Lotus-Produkt fuelle im IBM-Portfolio die klaffende Luecke im Bereich der Netzinfrastrukturen; immer mehr Anwendungen wuerden heute bereits fuer die Notes-Entwicklungsumgebung geschrieben.

"Je netzzentrierter die Datenverarbeitung ablaeuft, desto mehr treten Betriebssysteme in den Hintergrund - einschliesslich OS/2", urteilt auch James Cannavino, der ehemalige IBM-Chefstratege. Er hatte Lotus bereits im vergangenen Jahr als Kandidaten fuer eine Uebernahme im Auge.

Notes arbeitet nicht nur auf der Basis verschiedener Betriebssysteme (einschliesslich Windows und OS/2), es bietet auch eine Reihe systemtypischer Funktionen. Mit der Groupware koennte IBM die Windows-Gemeinde ueber Jahre hinweg in Atem halten, indem sie die Software-Entwickler bindet und damit das Gefecht um den Betriebssystem-Standard auf einer hoeheren Ebene fuer sich entscheidet. Das Betriebssystem wird zum untersten Layer auf der PC-Plattform, darauf, so das Szenario, basiert die Groupware, die fuer die kuenftige Software-Entwicklung die Massstaebe setzt. Neueste Versionen von Notes werden bessere Optionen fuer die Software- Entwicklung erhalten.

"Computergram"-Kolumnist Hesh Wiener sieht in dem Notes-Engagement sogar den Versuch der IBM, die SAA-Idee in anderer Auspraegung wieder aufleben zu lassen. Notes werde der Software-Layer, der "alle Computer - oder zumindest alle IBM-Computer - kompatibel macht". Es sei das Produkt, mit dem sich die Arbeit auf unterschiedlichen Hardware- und Betriebssystem-Plattformen standardisieren lasse.

Ob dies gelingen wird, haengt jedoch auch davon ab, ob sich die konkurrierenden Ansaetze von Microsoft, Novell, Oracle oder auch Adobe durchsetzen werden und welche Rolle das Internet kuenftig spielt. Schliesslich stehen dessen Benutzern im World Wide Web eine Reihe wichtiger Workgroup-Funktionen zu geringen Kosten zur Verfuegung, die manchem Unternehmen bereits ausreichen moegen.

Noch mangelt es dem Internet bekanntlich an den noetigen Sicherheitsvorkehrungen und vor allem an einer akzeptablen Uebertragungsgeschwindigkeit, doch bereits jetzt sind immer mehr Unternehmen bereit, das weltumspannende Netz fuer geschaeftliche Zwecke zu nutzen.

Trotz dieser Konkurrenz besteht kein Zweifel, dass hinter Notes ein ungeheures Marktpotential steckt. IBM wird es ueber seine finanziellen Ressourcen aktivieren und die noetigen Netz- Management-Skills sowie den Support bereitstellen, um das Produkt auch fuer die so wichtigen Large Accounts attraktiver zu machen.

Um langfristig ein dominierender Player zu bleiben, so argumentierte Manzi selbstbewusst im Internet, brauche die IBM ein ueberlegenes strategisches Produkt - ein Zugpferd, das die weitere Ausrichtung des Konzerns mitbestimme. Lotus Notes werde diese Rolle uebernehmen. Gerstner sei ein Mann, der wisse, dass man ein Unternehmen nicht allein mit Sanierungsmassnahmen zum Erfolg fuehren koenne.

IBM bewahrt Lotus vor dem freien Fall

Worueber Manzi nicht sprach: Dem Lotus-Chef kam das mit 3,52 Milliarden Dollar als ausserordentlich hoch einzuschaetzende Angebot (der Buchwert von Lotus liegt bei 500 Millionen Dollar) wegen wirtschaftlicher Engpaesse hoechst gelegen. Trotz des enormen Wirbels, der rund um das Produkt Notes entstanden ist, konnte Lotus mit der Groupware im vergangenen Jahr nur rund 190 Millionen Dollar umsetzen - bei Gesamteinnahmen von 971 Millionen Dollar. Lotus machte 1994 einen Verlust von ueber 20 Millionen Dollar, und dieses Jahr laeuft sogar noch schlechter an: Allein im ersten Quartal 1995 wurde ein Fehlbetrag von 17,5 Millionen Dollar verzeichnet.

Den neuerlichen Einbruch fuehren Beobachter nicht nur auf das schleppend verlaufende Suite-Geschaeft, sondern auch auf eine falsche Ankuendigungspolitik in Sachen Notes zurueck. Lotus habe die neueste Version 4.0 viel zu frueh und mit der Aussicht auf einen kraeftigen Preisnachlass angekuendigt, woraufhin die Anwender sich zum Abwarten entschlossen haetten. Der Quartalsumsatz sank um rund 18 Prozent von 247 (erstes Quartal 1994) auf 202 Millionen Dollar in diesem Jahr. Gravierender noch war die Boersenreaktion: Wurde eine Lotus-Aktie im Maerz 1994 noch mit 85 Dollar gehandelt, so lag der Wert im Vergleichszeitraum dieses Jahres zeitweilig nur bei wenig mehr als 30 Dollar.

Die prekaere Finanzlage, die mit schweren Einbussen im Desktop- Applikationsgeschaeft einherging, haette die erklaerte Strategie von Lotus, Notes zum Massenprodukt zu machen, wohl beeintraechtigt, wenn IBM nicht zur Hilfe gekommen waere. Lotus drohte das Schicksal vieler Pioniere zu erleiden, die ein Produkt frueh auf den Markt bringen und denen beim Versuch, es zu etablieren, die Luft ausgeht.

Um die Talsohle zu verlassen und einen neuen Anlauf zu versuchen, hatte das Softwarehaus im April dieses Jahres mit Richard Braddock einen "Outside Director" angeheuert, der Lotus restrukturieren und wieder in die schwarzen Zahlen fuehren sollte. Der ehemalige President der Citicorp gilt zwar nicht unbedingt als Kenner der IT-Szene, er erwies sich jedoch im wirtschaftlichen Bereich als Mann der Tat. Braddock legte ein Cost-cutting-Programm auf, das unter anderem die Entlassung von 32 Topmanagern in den letzten Wochen zur Folge hatte, und begann mit der Reorganisation des Softwarehauses in vier jeweils produktorientierte Business-Units.

Das Resultat war eine wachsende Unruhe unter den Mitarbeitern, zumal auch auf den niedrigeren Hierarchieebenen Kuerzungen erwartet wurden. Insider vermuten, dass Lotus in den naechsten Monaten Hunderten von Beschaeftigten die Papiere aushaendigen wird. Daran duerfte auch die Fusion mit der IBM nichts aendern, denn Lotus und Mother Blue sind sich einig darin, dass der begonnene Restrukturierungsprozess konsequent fortgesetzt werden soll. IBM vertraut offenbar auf Braddock und Senior-Vice-President Robert Weiler, die jeweils von guten Fortschritten in Sachen Re- Engineering kuenden.

Wie die "Business Week" schreibt, berichten die vier Chefs der neuen Geschaeftseinheiten zur Zeit an Braddock, waehrend die Rolle von Chief Executive Manzi alles andere als klar ist. Ein ehemaliger Lotus-Manager bestaetigt dem US-Magazin: "Niemand weiss zur Zeit, wer eigentlich verantwortlich ist - Braddock, Manzi oder die Leiter der neuen Geschaeftseinheiten."

Angesichts der Restrukturierungsunruhen fuehlen sich viele Lotus- Mitarbeiter nach der Uebernahme durch die IBM in einer stabileren Position. "Wir hatten zuletzt einige schwache Quartale, jetzt sind wir fuer lange Zeit sicher", verriet ein Lotus-Mitarbeiter dem "Wall Street Journal". Offenbar denkt er nicht daran, dass die IBM seit 1986 ihren Mitarbeiterstamm von mehr als 400000 auf 220000 Beschaeftigte abgebaut hat.