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05.05.2006

Mit Open-Source-ERP in die Zukunft

Infoterra, ein Tochterunternehmen von EADS, implementiert "ERP5" von Nexedi.

Open-Source-Software (OSS) taugt auch für unternehmenskritische Anwendungen, so die Überzeugung des deutsch-französischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS-Astrium: Bei seinem Spinoff Infoterra GmbH wird derzeit das Release 1 von "ERP5" eingeführt, einer Web-basierenden und quelloffenen betriebswirtschaftlichen Standardsoftware des französischen Anbieters Nexedi.

Projektsteckbrief

Best Practices

• Open-Source-Software ermöglicht den direkten Zugriff auf die Entwickler.

• Bei der Evaluierung sollten nicht nur die Kostenvorteile gesehen werden.

• Das Risiko ist kalkulierbar, wenn ein IT-Dienstleister die Verantwortung übernimmt.

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/

554984: Pro und kontra Open-Source-ERP;

572452: Unreife Open-Source-Produkte haben keine Chance;

575659: Open Source wird für die großen Serviceanbieter Pflicht;

572486: Mangelnder Support bremst Popularität von Open-Source;

572000: Open Source - die zweite Generation.

Infoterra soll sich der kommerziellen Verwertung von Radaraufnahmen der Erdoberfläche widmen, die der Satellit Terrasar-X ab dem 31. Oktober dieses Jahres zur Erde funken wird. Geschäftsentscheidend ist es, die Aufträge - abhängig von ihrer Priorität, der Auslastung des Satelliten sowie der vom Kunden gewünschten Qualität - zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu erledigen. Zudem muss weitestgehend ausgeschlossen werden, dass die Auftraggeber der hochauflösenden Satellitenbilder kriminelle beziehungsweise terroristische Absichten verfolgen.

Workflow-getrieben und flexibel

Also benötigt das frisch gebackene Unternehmen ein Order-Management-System, das nicht nur die internen Arbeitsabläufe unterstützt, sondern auch reibungslos mit fremden Systemen interagiert; dazu zählen die zugekaufte Software für eine regelbasierende Überprüfung der Auftraggeber ("Security-Engine") sowie die Systeme der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DLR). Neben der technischen Satellitensteuerung stellt die DLR unter anderem sicher, dass der Terrasar-X zu jeweils 50 Prozent kommerziell und staatlich genutzt wird. Kurz gefasst, lauteten die Anforderungen an die ERP-Software: Workflow-getrieben, leicht anzubinden und anzupassen - sowie möglichst kostengünstig.

Zunächst einige Bauchschmerzen

Der Mutterkonzern EADS-Astrium ist ein großer SAP-Anwender und hätte wegen der Integrationsvorteile auch bei Infoterra gern SAP-Anwendungen gesehen. Das Spinoff selbst präferierte anfangs jedoch eine Oracle-Lösung, weil sie besser in das Workflow-basierende Konzept gepasst hätte. Dagegen sprachen allerdings die Kosten. So freundete sich die operativ verantwortliche Konzernzentrale in Frankreich mit dem Gedanken an, auch eine lizenzfreie Open-Source-Alternativen in die Evaluierung einzubeziehen.

Mit ERP5 kam Infoterra bereits beim ersten Request for Information in Kontakt. Allerdings verursachte die Aussicht, das Kernsystem des Unternehmens in die Hände eines unbekannten französischen Anbieters zu legen, den Verantwortlichen zunächst einige Bauchschmerzen. Deshalb machten sie sich auf die Suche nach einem größeren IT-Dienstleister, der die Gesamtverantwortung für das System übernehmen würde. Sie fanden ihn in Unilog Avinci, einem Tochterunternehmen von Logica-CMG. In der darauf folgenden Ausschreibung bildeten Unilog Avinci und Nexedi eine Anbietergemeinschaft, die sich schließlich durchsetzt. Dafür sprachen keineswegs bloß Kostengründe, wie Projektleiter Ralf Düring betont: "ERP5 brachte nicht nur die Flexibilität von Oracle mit, sondern macht uns auch unabhängig von der Release-Politik eines Anbieters." Das Geschäft mit Satellitenbildern entwickle sich zu schnell, als dass Infoterra auf die Softwareindustrie warten könne: "Die Software darf uns nicht treiben, sondern wir treiben die Software." Das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Unilog Avinci arbeitet direkt mit Jean-Paul Smets, dem "Vater von ERP5", zusammen. Als Dienstleister für den Open-Source-Web-Server "Zope", der die Kollaborationsplattform für ERP5 bildet, fungiert Nuxeo.

Mitte des vergangenen Jahres erhielt Unilog Avinci den Auftrag für die Implementierung der ERP5-Lösung - mitsamt den Schnittstellen zur DLR, zur Security-Engine und zu den SAP-Anwendungen der Konzernmutter. Wenn der Terrasar-X am 31. Oktober von Baikonur aus in den Himmel über Sibirien schießt, soll das dritte und letzte Release der Softwareumgebung in Betrieb genommen sein. Release Nummer zwei ist bereits abgenommen und steht kurz vor der Auslieferung.

Kontrolliertes Risiko

Die Aufgaben der Open-Source-Software betreffen im Wesentlichen die kaufmännische Abwicklung der Geschäftsprozesse Ein- und Verkauf sowie Auftragsbearbeitung, Beschwerde-Management, Rechnungsprüfung, Faktura und Mahnwesen, aber auch die Interaktion mit den vor- und nachgelagerten Anwendungsbereichen. Als Herausfoderungen des Projekts bezeichnet Unilog Avinci die heterogene Anwendungslandschaft sowie die verschärften Sicherheitsanforderungen im Umfeld der Luft- und Raumfahrt, die ein "hohes Sicherheitsniveau" hinsichtlich der Nutzerauthentisierung und der Zugriffsrechtesteuerung erforderten. Darüber hinaus müsse das System den Vorgaben der ECSS-Standards (European Cooperation for Space Standardization) genügen.

Nicht nur für den Kunden, auch für den Dienstleister war das Projekt ein Novum: Laut Management-Berater Frank Thies hat Unilog Avinci schon einige Projekte mit OSS-Komponenten abgeschlossen - aber noch keines, bei dem die quelloffene Software unternehmenskritische Anwendungen abbildet.

Infoterra-Manager Düring gibt sich gelassen: "Wir waren uns darüber im Klaren, dass wir Neuland betraten, aber wir sind das Risiko bewusst eingegangen." Neben den pekuniären Vorteilen und der Flexibilität biete ERP5 beispielsweise eine objektorientierte Datenbank, die sich für die Ablage von Bildinformationen besser eigne als ein hierarchisches oder relationales System. Wie Unilog Avinci meldet, zieht der EADS-Konzern ERP5 mittlerweile sogar als Standard-ERP-Lösung für künftige Spinoff-Projekte in Betracht.