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"Wir müssen unsere Stärken nutzen und Aufholjagd betreiben"


30.10.1981 - 

Mit Professor Dr. Norbert Szyperski, Vorstandsvorsitzender der GMD

- Herr Professor Szyperski, Sie haben in Ihrer Rede auf dem Schloßtag der GMD von einer gewissen Gap-Hysterie gesprochen und aufgezeigt, welche Schwerpunkte Sie in Ihrer Arbeit für die GMD hinfort setzen werden. Würden Sie benennen wollen, welche Forschungsprojekte in der Bundesrepublik nicht weiter-verfolgt werden sollten, eventuell auch solche Vorhaben, die die GMD nicht mehr wahrnehmen wird?

Ich hatte da einige Andeutungen gemacht. Aber es geht mir nicht darum, ex cathedra Entscheidungen zu fällen: Das Projekt sollte man lieber einstellen, und jenes sollte man machen! Sondern es geht mir darum, daß wir in den einzelnen Institutionen und auf nationaler Ebene anfangen, über diese Fragen zu diskutieren und uns Meinungen zu bilden. Nicht zentralistisch, aber auf einer Plattform, von der jeder seinen eigenen Konsens beziehen kann. Mit der Gap-Hysterie habe ich gemeint, man sollte nicht jedesmal in Unruhe verfallen, wenn man merkt, hier haben wir nicht gerade das Beste zu bieten; und dann nur versucht, das irgendwie wieder auszugleichen.

- Man sollte also nur dort weitermachen, wo man in der Qualität auch wirklich vergleichbar gut ist, zum Beispiel wie die Amerikaner oder die Japaner?

Ja, man sollte zum einen seine Stärken weiter nutzen und zum zweiten Aufholjagd betreiben, wo Ergänzung notwendig ist, damit man seine Stärken nicht verliert. Das ist vielleicht etwas pauschal formuliert, bedeutet aber, daß man nicht im Gießkannenprinzip die Mittel verteilen sollte. Es gibt bestimmt viele Gründe dafür, die Struktur der Förderung nochmal neu zu bedenken. Auch der Forschungsminister hat das anklingen lassen. Ich habe versucht, es zu verdeutlichen: Wenn man etwas mehr Geld hat - nicht zu viel - dann kann man nach mit etwas weniger Struktur gute Ergebnisse erreichen. Wenn man aber weniger Mittel hat und weniger Ressourcen, dann braucht man mehr Struktur. Das ist nun mal im Leben so.

- Sie haben ferner von Intentionen gesprochen, über den Hobbybereich eine höhere Vertrautheit und Akzeptanz von Datenverarbeitung zu bewirken. Wie soll das gehen? Wie können hierfür Geldmittel sinnvoll eingesetzt werden? Haben Sie dafür überhaupt Geld?

Wir haben dafür kein Geld als GMD. Ich habe dabei aber an folgendes gedacht: In einigen Ländern, zum Beispiel den USA, gibt es so etwas wie Computercamps. Sie werden überwiegend für jüngere Leute aufgebaut.

- Sind das etwa Spielhöllen-artige Institutionen?

Nein, nein. Das entspricht sehr ernsthaft betreuten Einrichtungen. Computercamps sind so aufgebaut daß da Jugendliche für einen, drei oder fünf Tage erstmal hingehen, um ein Grundverständnis zu bekommen, dann aber - vielleicht so wie bei Eissporthallen - von Zeit zu Zeit die Anlagen nach Lust und Laune einfach benutzen, zum Teil mit eigenem Geld, zum Teil ohne, aber auf jeden Fall in hohem Maße subventioniert von der Öffentlichkeit oder auch von der jeweiligen Herstellerseite.

- Das wäre bei uns etwas für die Kommunen?

Genau. Ich habe das einmal Technologie-Center genannt. Dort müßte es ja nicht nur DV-Technik geben. Ich gehe davon aus, daß wir auf der einen Seite möglicherweise mit kürzeren Arbeitszeiten rechnen müssen, andererseits der Tätigkeitsdrang des Menschen unverändert bleiben wird. Und dann wäre es doch gut, wenn diese freien Valenzen sich nicht nur an den Hobby-Bereich, den reinen Freizeitbereich, binden würden.

- Welche Möglichkeiten sehen Sie überhaupt, solche Institutionen zu schaffen?

Wir möchten sowohl dem Forschungs- als auch dem Bildungsminister einige Vorschläge unterbreiten, in der Hoffnung, daß diese dann auch in die Bund-Länderkommission eindringen. Auch sollte man den Schulwettbewerb auf diesem Sektor forcieren.

- Sie glauben, daß in den nächsten 25 Jahren mehr die Menschen und ihre Organisationen Gegenstand der Forschung, auch der GMD-Forschung, sein werden. Wo noch, außer in der Wirkungsforschung, wollen Sie ansetzen?

Wir werden über die weniger intelligente Datenverarbeitung technologisch hinauswachsen in Dimensionen hinein, wo man von Expertensystemen spricht. Diese Expertensysteme haben die Eigenschaft, nicht nur Routine abzuwickeln. Sie haben auch gewisse Heuristiken und Lernprozesse in den Programmpaketen realisiert. Wenn man das mal antizipiert, dann wird es ja wesentlich darum gehen, nicht nur die Akzeptanz oder die Wirkung im Sinne des Vorausdenkens dessen, was kommen kann, zu beachten. Man muß viel stärker menschliche Denkprozesse, Entscheidungsprozesse und Informationsprozesse untersuchen, um dann dafür Unterstützung zu bieten.

- Sie denken an "künstliche Intelligenz"?

Zum Beispiel. Aber das Wort verwende ich ungern, weil es als so gefährlich empfunden wird. Aber ein Beispiel macht den Sachverhalt leichter vorstellbar. Wenn es etwa darum geht, einem Arzt auf einem Spezialgebiet Diagnosehilfe zu geben, beispielsweise dadurch, daß man ihn in die Lage versetzt, das Wissen seiner guten Fachkollegen mitzunutzen, ohne daß er sich selbst in allen Fachgebieten gleichzeitig fortbilden mußte. In einem solchen Fall könnte er seine Qualitäten im Wechselspiel verbessern. Wenn er eine derartige Hilfe benutzt, als ein Instrument, dann muß er nicht notwendigerweise die Kontrolle über seinen Bereich verlieren. Solche Systeme setzen voraus, daß man auf der einen Seite die kognitiven Bedingungen des Menschen studiert, auf der anderen Seite aber auch die organisationalen Voraussetzungen, damit so etwas eingefügt werden kann, ohne die Vorherrschaft des Menschen generell in Frage zu stellen.

- Wo kann in diesem Zusammenhang die GMD ansetzen, neu ansetzen?

Wir arbeiten im Rahmen unserer Untersuchungen zu Planungs- und Entscheidungssystemen im Vorfeld dieser Ansätze und genauso in unserem Institut, in dem wir uns mit der DV im Rechtswesen befassen. Und in der Grundlagenforschung, was die formalen Zusammenhänge anbelangt. Aber das ist gar keine Frage, wir müssen hier ausbauen: die Kapazitäten, die Know-how-Bereiche. Jetzt sind sie noch nicht so einfach verfügbar.

- Sie wollen mehr oder möglichst viel Konkurrenz in die Förderungsmodelle hineinpacken. Sie brachten als Beispiel das amerikanische NASA-Modell. Wie könnte so etwas in Deutschland aussehen? Gibt es schon Beispiele in Ihrem Einflußbereich?

In unserem Einflußbereich, so weit ich es sehe, kaum. Gute Beispiele - glaube ich - sind die Projekte, die in Deutschland im Hinblick auf die Weltraumforschung laufen. Da werden die Studien, die Entwürfe und letztlich die Aufträge zum Bau ganzer Aggregate auch im Wettbewerb vergeben. Zwar ist das ein beschränkter Wettbewerb, weil man nicht beliebig viele Anbieter hat. Aber es werden zum gleichen Thema, also zu den einzelnen Stufen einer Entwicklung, mehrere Gruppen direkt angesprochen. Und damit erreicht man letztlich auch eine Diffusion der Initiativen.

- Sie haben davon gesprochen, daß es erstrebenswert sei, wenn sich die Softwarehäuser zusammentäten. Wie wollen Sie das bewerkstelligen? Ist da nicht auch eine kaum wünschenswerte Konzentration zu befrüchten?

Wir können da praktisch nichts tun. Man sollte hier die "Besinnung" ansprechen. In dem Augenblick, in dem sich die einzelnen nicht mehr nur als Softwarehaus im eigenen Lande verstehen, sondern im europäischen oder internationalen Zuschnitt, kommt das Bedürfnis zu kooperieren automatisch. Die Wettbewerbsfähigkeit geht, glaube ich, dann nicht verloren, wenn erstens noch genügend Gruppen übrig bleiben und zweitens die Neuen in der Software-Entwicklung durch Neugründungen wieder gefördert werden. Man darf nicht vergessen, irgendwann in diesem Jahrhundert gab es in Deutschland einmal 120 Firmen, die Automobile hergestellt haben. Das wäre heute ein unerträglicher Zustand. Dieses Beispiel ist so ohne weiteres natürlich nicht übertragbar. Aber es läßt erkennen, daß Branchen, die neu sind, immer noch durch eine große Vielfalt vieler kleinerer Firmen gekennzeichnet sind; nachher bleibt dennoch eine ganze Menge Konkurrenz übrig, wenn dann die Konsolidierung eintritt.

- Herr Professor Szyperski, bedeutet der neue Mann im Vorstandsvorsitz der GMD ein neues Programm?

Seit 1979 hat sich die GMD auf fünf Programmbereiche konzentriert. Es findet eine programmatische Zentrierung statt; sie ist gegeben, und ich habe im Augenblick überhaupt keinen Anlaß, diese Frage zu stellen. Die Programme sind im Aufsichtsrat der Gesellschaft verabschiedet; sie reichen bis ins Jahr 1984. Die Programme werden fortgeführt und - wo notwendig - modifiziert, das ist klar. Ich bin aber überhaupt kein Freund von schnellen Umsprüngen.