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05.09.1997 - 

Tulip Computers nach dem Re-Engineering

Mit R/3 und Built-to-order gegen den Preisverfall

Rosmalen bei s'Hertogenbosch ist ein Industrievorort der 90er Jahre: kein Schmutz, kein Lärm, sondern gepflegte Büro- und Fertigungsgebäude, eingebettet in weitläufige Rasenflächen. Hier produziert Tulip Computers auf rund 24000 Quadratmetern etwa anderthalb Tausend Computer am Tag - auf Bestellung und in halbautomatisierter "Zellenproduktion".

Nach dem Beispiel starker Mitbewerber wie Compaq und Vobis setzt Tulip seit Ende Mai dieses Jahres auf eine durch integrierte Software unterstützte Einzelfertigung. Seither verspricht der PC-Produzent seinen Kunden, individuell ausgestattete Rechner quasi über Nacht zusammenzubauen und versandfertig zu machen.

Dieser Produktionsumstellung ging ein achtmonatiges Business Process Re-Engineering voraus, das sich die Niederländer mehr als eine halbe Million Mark kosten ließen und bei dem ihnen die Unternehmensberatung Coopers & Lybrand zur Hand ging. Auslöser dafür war wiederum die notwendige Umgestaltung der Softwarelandschaft.

Vor etwa drei Jahren stellte der PC-Produzent fest, daß seine Anwendungssoftware längst nicht mehr dem Stand der Technik entsprach. "Wir wollten eine Datenbank, die alle Informationen enthielt", erläutert der Qualitätssicherungs-Verantwortliche Maarten van de Ven. Mit anderen Worten: Statt der bis dahin eingesetzten heterogenen Anwendungssysteme suchte Tulip ein integriertes Softwaresystem, das eine einheitliche Daten- und Anwendungsplattform für das gesamte Unternehmen bilden sollte.

Fündig wurde der PC-Hersteller bei den R/3-Paketen der SAP. Die Gründe, die der Qualitätsexperte für diese Entscheidung ins Feld führt: Die SAP-Software habe ihn - neben der durchgängigen Integration und den guten Referenzen - aufgrund des günstigen Preises und ihrer Anpaßbarkeit überzeugt. Allerdings räumt er ein, daß das "Einrichten" der Software "die Hölle" gewesen sei.

Zudem machte Tulip schlechte Erfahrungen mit einem niederländischen SAP-Logo-Partner, der Inter Access Group, die Anfang 1996 mit der R/3-Implementierung betraut wurde. "Es gab dort zu wenig erfahrene Berater", bestätigt van de Ven die Klagen vieler SAP-Kunden: "Wir mußten den größten Teil der Arbeit selbst machen."

Obwohl sich die Mängel des Dienstleisters bereits nach einem halben Jahr offenbarten, hat Tulip die etwa einjährige Implementierungsphase mit der Inter Access Group zu Ende gebracht. Dazu van de Ven: "In der Mitte des Projekts den Partner zu wechseln geht nicht."

Ein Teil der Schwierigkeiten rührte allerdings auch daher, daß die eingesetzte R/3-Version 3.0, Release D, noch nicht ausgereift war. Beispielsweise brauchte Tulip anfangs etwa 250 Stunden, um die für den nächsten Tag benötigten Fremdkomponten auf Vollständigkeit zu überprüfen. "So lang sind unsere Nächte aber nicht", scherzt van de Ven. Mittlerweile hat SAP diesen Fehler jedoch behoben, so daß derselbe Vorgang innerhalb weniger Stunden abgeschlossen werden kann.

Für die weiteren Projektphasen hat Tulip mit Deloitte & Touche ein anderes Beratungsunternehmen ins Haus geholt, bei dem es bislang keinen Grund zur Klage gab. Derzeit setzen nur die niederländische Zentrale und die belgische Niederlassung R/3 ein - und zwar für ihr Finanzwesen sowie für Forecast, Einkauf, Produktionsplanung und Versand. Die anderen Länder sowie die Module Human Ressources Management, Service-Management, Projektplanung und ein Teil des Workflows sollen im kommenden Jahr auf die SAP-Software umgestellt werden.

Trotz des Aufwands für die Migration und der Anlaufprobleme begreift van de Ven die SAP-Einführung als eine einmalige Chance. "Dadurch, daß wir in der SAP-Software sowieso alles neu konfigurieren mußten, hatten wir Gelegenheit, unsere Prozesse eingehend zu untersuchen und alles zu ändern, was wir nicht mochten." Insofern wirkte die R/3-Einführung zumindest als Katalysator für die Inventur, der Tulip seine gesamte Unternehmensstruktur unterzogen hat.

Dabei kam der PC-Hersteller zu dem Schluß, daß die Fertigung auf Halde sowohl für den Hersteller als auch für den Kunden teurer sei als eine Produktion auf Zuruf. "Eine Senkung der Produktionskosten durch eine weitere Rationalisierung der Fertigung ist heute kaum noch möglich", konstatiert Thomas Hollex, Produkt-Marketing-Manager in der deutschen Tulip-Niederlassung. Im Gegenteil: Hohe Lagerkosten und außergewöhnliche Abschreibungen aufgrund des schnellen Technologiewechsels ließen die aufwendigere Einzelfertigung als die wirtschaftlichere Produktionsweise erscheinen. Tulip versucht, diese These durch jüngst angekündigte Preissenkungen zu untermauern. Der Kunde profitiert, betont Hollex, auch davon, daß er sich die Kosten für eine nachträgliche Konfiguration sparen könne.

Nach van de Vens Berechnungen legen etwa 30 Prozent der Kunden großen Wert auf eine Lieferung innerhalb von 48 Stunden. Zwei Fünftel wollten die Ware erst in einer Woche erhalten. Die restlichen 30 Prozent der Aufträge seien weniger zeitkritisch.

Tulip mußte den vor etwa zwei Jahren initiierten Neustart erst einmal teuer bezahlen: Fast 80 Millionen Mark hat die neue Fertigungsstätte gekostet, und die hohen Investitionen gingen zu Lasten des Bilanzergebnisses. Zudem verlor der PC-Hersteller in der Übergangszeit eine Reihe von Aufträgen, weil er nicht oder zu spät liefern konnte. Wie van de Ven beteuert, war den Kunden jedoch klarzumachen, daß diese Schwierigkeiten vorübergehender Natur seien. Außerdem hätte das Unternehmen ohne diesen radikalen Neuanfang vermutlich früher oder später weitaus höhere Verluste geschrieben.

Diese finanziellen Klimmzüge sollten sich zum einen durch die gestiegene Produktivität rechtfertigen. Nach Angaben van de Vens kann Tulip heute bei gleichgebliebener Mitarbeiterzahl 60 Prozent mehr PCs fertigen. Zum anderen binden die Lagervorräte nur noch 40 Prozent des Kapitals, das sie Anfang des vergangenen Jahres repräsentierten, als sie nach van de Vens Berechnungen 120 Millionen Gulden (108 Millionen Mark) wert waren.

Sicher hat die Umstellung der Fertigungsweise auch ein paar Haken. Van de Ven verschweigt nicht, daß die Belegschaft dazu tendiert, das alte System zu glorifizieren, sobald Probleme mit dem neuen auftauchen. Zudem habe die Entwicklungsabteilung erst einmal lernen müssen, statt in Computern in Modulen zu denken.

Auch die durchgängige Software-Unterstützung sorgt für einige Stolpersteine; in einem derart engmaschig integrierten System lassen sich Fehler nachträglich schlecht korrigieren. Beispielsweise schlägt eine falsche Gewichtsangabe für den PC bei der Fakturierung automatisch auf die Transportkosten durch. So wurden einem Kunden in der zweimonatigen Feintuning-Phase für einen PC im Wert von 1000 Mark versehentlich Liefergebühren in Höhe von 30000 Mark berechnet.

Marketing-Manager Hollex führt ein anderes Beispiel an: Wenn ein PC aus dem Prozeß herausgenommen wird, ohne daß das System eine Meldung darüber erhält, steht plötzlich die gesamte Produktion. "Wir waren daran gewöhnt, Probleme schnell und unbürokratisch zu lösen", faßt van de Ven zusammen. "Das geht mit einem solchen System nicht." Er erinnert sich an Produktionsstillstände von mehreren Stunden in der Einführungsphase. Sein Lösungsvorschlag klingt simpel: "Wir benötigen jetzt viel Disziplin." Doch sei der Zwang zum systematischen und verantwortungsbewußten Arbeiten nur scheinbar eine Einschränkung, in Wirklichkeit aber ein Vorteil.

Folglich ist der Qualitäts-Manager überzeugt, daß die neue Produktionsweise bei den Mitarbeitern langfristig uneingeschränkten Anklang finden wird. Immerhin seien damit die Voraussetzungen geschaffen, um Tulip spätestens im kommenden Jahr wieder auf die Siegerstraße zu bringen.

Zellenfertigung

Die neue Fertigungsanlage der Tulip Computers B.V. besteht im wesentlichen aus vier Sektionen:

der "Kitting Zone", in der die für einen bestimmten PC vorgesehenen Komponenten zusammengetragen werden,

-der Endmontage, deren Mitarbeiter jeweils für eine vollständige Maschine verantwortlich sind,

-dem Test- und Konfigurierbereich, wo das BIOS und das Betriebssystem aufgespielt sowie die Betriebstauglichkeit des PCs überprüft werden, sowie

-dem - vergleichsweise kleinen - Verpackungs- und Lagerareal, von wo aus der PC-Hersteller die Aufträge kurzfristig zusammenstellt und verschickt.

Alle Arbeitsschritte sind durch ein Förderbandsystem miteinander verbunden. Die PCs durchlaufen die unterschiedlichen Stadien ihres Zusammenbaus auf einer Trägerplatte, die alle für die Montage notwendigen Daten als "Eskort-Chip" beziehungsweise - in späteren Fertigungsphasen - in Form aufgeklebter Barcode-Etiketten mit sich führt. Die Daten stammen aus den R/3-Modulen für die Auftragsbearbeitung und die Produktionsplanung.

Für den Fertigungsprozeß selbst setzt Tulip auf ein Produktionssteuerungs-System namens "MAQS", das ehemalige Tulip-Mitarbeiter entwickelt haben. Laut van de Ven sind in der Produktion - aufgrund der zahlreichen Lesevorgänge - Antwortzeiten im Millisekundenbereich notwendig. SAP könne da nicht annähernd mithalten. Selbstverständlich ist die Fertigungssteuerung über Schnittstellen mit R/3 verbunden.

Wenn der Träger in der Kitting Zone korrekt bestückt wurde, nimmt die Endmontage eines Tulip-PCs nur zwölf bis 30 Minuten in Anspruch. Die 100 in der Fertigung tätigen Mitarbeiter produzieren derzeit rund 1600 Maschinen am Tag.