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Mit Rechnern lassen sich keine Beziehungsprobleme lösen

15.07.1988

Was tut ein Software-Entwickler, wenn er eine Ehekrise hat? Er schreibt sich ein Programm dafür! Dieses Bonmot fällt mir häufig ein, wenn ich zuschaue, wie Probleme angefaßt werden in der Industrie, wo ich früher tätig war, oder in meinem neuen Wirkungsfeld, der Universität.

Vor acht Jahren habe ich mir einmal mächtigen Ärger eingehandelt. Auf einer Tagung hatte ich behauptet, daß unsere Schwierigkeiten beim Entwickeln großer Software-Systeme nicht mehr vorwiegend technologischer Art seien, sondern menschlicher. Damit kann ich zwar heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Aber so ganz ins Bewußtsein gedrungen ist uns dieses Faktum doch noch nicht.

Wenn Menschen in Organisationen aus irgendeinem Grund nicht miteinander auskommen, blocken sie sich gegenseitig den Informationsfluß. Das ist genauso in der Familie oder im Schützenverein. "Da muß ein Informationssystem her", ist häufig die Forderung in der Wirtschaft; "dann kriegt jeder exakt die Information, die er braucht." Denkste! Wie denn auch! Wenn ich mauern will, kann ich das nicht nur

verbal oder mit Papier. Computer verlegen sogar noch mehr dazu. Die Systeme sind so schön kompliziert, daß ich viel leichter eine Ausrede finde, wenn ich beim Politikmachen erwischt werde. Dann ist halt der Computer schuld. Mit Rechnern allein läßt sich ein Beziehungsproblem in der Firma ebensowenig lösen, wie eine Ehekrise mittels Paragraphen und Rechtsanwälten.

Aus der Psychologie wissen wir, daß es in jeder Organisation zwei Ebenen gibt: die Beziehungsebene und Sachebene.

Grundsätzlich gilt, daß sich ein Problem, das auf der Beziehungsebene liegt, niemals auf der Sachebene lösen läßt. Denken Sie an Ihre Meetings: Wie oft hatten Sie nicht schon den Eindruck, daß es den Streithähnen gar nicht um die Sache ging. Die wurde nur als Vorwand oder als Wurfgeschoß benutzt. Umgekehrt gilt: Sobald die Beziehung geklärt ist, löst sich jedes Sachproblem in kürzester Zeit fast von alleine.

Sie können es drehen, wie Sie wollen: Wo die Beziehungen nicht geklärt sind, wird jedes Computer-System zum Fiasko: Es taugt nur als Wurfgeschoß und um sich dahinter zu verschanzen. Vor 15 Jahren habe ich einmal als Consultant an der Simulation eines riesigen geplanten Informationssystems mitgearbeitet. Der Klient, eine umfangreiche, in sich zerstrittene Organisation, wurde sich an einigen Stellen über die Grundstruktur nicht einig. "Simulieren Sie Alternativen, damit wir uns die Entscheidung noch offen halten können, sagte man uns. "Kein Problem", dachten wir. Wir produzieren halt viel Papier. Papier ist geduldig!

Als dann die Implementation begann, hielt sich der Kunde immer noch seine Alternativen offen. Ich schätze, daß diese Software im Laufe der Jahre mindestens 100 Millionen Mark an Steuergeldern gekostet hat - laufen tut sie immer noch nicht, von Alibifunktionen abgesehen. Was meinen Sie, was sich wohl ändern würde, wenn man nochmals 100 Millionen Mark hineinbuttern würde? Oder 500 Millionen?

Das frühere manuelle Informationssystem ist einerseits ein in Jahrzehnten gewachsenes Produkt der bestehenden Beziehungsstrukturen; andererseits, dient es deren Erhaltung. Vieles läuft dabei informell, "auf dem kleinen Dienstweg". Das neue System, von einem Planungsstab nach Rationalitätskriterien entworfen, bedroht die bestehende Machtverfilzung.

Die Lösung wird daher bewußt oder unbewußt boykottiert beziehungsweise solange modifiziert, bis sie ähnliche Ungereimtheiten und Widersprüche wie die alte Organisation, mit allen uns so wohlbekannten Konsequenzen, enthält. Das Computer-System bringt, die versteckten Inkonsistenzen verstärkt ans Tageslicht. Es ist jedoch nur ein Spiegel der Organisation. Wie soll denn ein Stück Software, das eine in sich inkonsistente Organisation abbildet, besser sein, als diese?

Häufig beziehen zwar die DV-Leute am Schluß die Prügel. So mancher von uns kann davon ein Lied singen. Aber wer ein häßliches Gesicht hat, der vermag auf den Spiegel einschlagen, so viel er will. Schöner wird er davon nicht.

Josef Weizenbaum erzählt die Geschichte von dem Betrunkenen, der vergeblich seinen Schlüssel unter einer Straßenlaterne sucht. Schließlich fragt ihn ein Polizist, ob er ihn auch tatsächlich dort verloren habe. "Nein das nicht", entgegnete der Betrunkene, "aber hier ist es so schön hell!"

Hell ist es da, wo wir uns mittlerweile (hoffentlich) so schön auskennen - im Software-Engineering, aber der Schlüssel liegt woanders. Kein Wort gegen Software-Engineering! Es war ein großartiger Schritt, der 1968 begann. Er ist noch längst nicht abgeschlossen, und es gibt sicher noch viel zu tun. Aber die Idee scheint ausgereizt zu sein. Die Musik ist raus. Ein großer Sprung ist nicht mehr zu erwarten.

Wir, das heißt unser Team, haben vor sieben Jahren diesen hellen Weg weitgehend verlassen und uns dahin gewagt, wo es zunächst so dunkel schien. Wir haben eine faszinierende Welt entdeckt. Wir haben Fähigkeiten entwickelt, mit Menschen zu arbeiten, die wir früher für ausgeschlossen gehalten hätten. Wir sind heute in der Lage, Software- und auch Management-Teams zu Hochleistung, Vertrauen und Freude an der Arbeit zusammenzuschweißen. Und wir sind in der Lage, unsere Fähigkeit, das zu tun, auch noch an andere weiterzugeben. Harlan Mills nächste Schlacht ist in vollem Gange.

Und wir sind keineswegs allein. Wenn Sie die Augen aufmachen, werden Sie überall neues Leben entdecken, vereinzelt zwar noch und versteckt wie die ersten Blumen im Frühling: Menschen, die die alten Spiele und Ränke satt sind und herausgefunden haben, daß es nur Gewinner gibt, wenn sie total vertrauensvoll zusammenarbeiten. Wir sind tatsächlich - zwar zögernd noch, aber deutlich erkennbar - auf dem Wege. "from a me-society to a we-society". Ich weiß, daß Sie tausend Gegenbeispiele auf den Lippen haben. Klar doch! Daher meine Anregung: Halten Sie die Augen auf! Der Effekt ist so ähnlich wie der mit einem Ihnen bisher unbekannten Auto: Sobald Sie sich ernsthaft für den Typ interessieren, sehen Sie ihn plötzlich überall.

Die Zeit scheint reif zu sein für eine "Neue Technologie", und es ist interessant zu beobachten, daß diese "Technologie der Menschlichkeit" sich ausgerechnet dort am stärksten ausbreitet, wo die Idee der Mechanisierung - oder die Technologie der Unmenschlichkeit, wenn man es so provokativ ausdrücken will - ihre höchsten Triumphe feiert: in unserer Branche. Dazu fällt mir Mephisto ein: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."

*Peter Molzberger ist Gründer der Firma Human Technologies mbH.