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10.02.1995

Mit RZs im Wohnzimmer Kunden verscheuchen Industrie produziert am Bedarf vorbei

Der DV-Branche regnet es zur Zeit wieder einmal heftig rein. Oeffentliches Aergernis erregen zur Abwechslung aber keine spektakulaeren wirtschaftlichen Abstuerze und Unternehmenszusammenbrueche oder monopolistische Kraftmeiereien ungeliebter Industriegroessen. Momentan scheint die Branche mehr mit den Tuecken einer nur unvollkommen beherrschten Technologie zu ringen. Doch trotz der Pleiten, Bugs und herben Pannen reagieren deutsche Anwender relativ gelassen auf die Probleme der Hersteller. Sie wundern sich eher ueber die Unfaehigkeit von Computerunternehmen, auf ihre Beduerfnisse zugeschneiderte Produkte zu entwickeln. Deutlich wird das etwa beim Angebot portabler Rechner.

Intel darf sich ruehmen, die fuer einen Monopolisten geltenden Marktregeln dermassen ungeruehrt in aller Oeffentlichkeit dekliniert zu haben, dass manchem Parteigaenger einer freien Marktwirtschaft der Glaube an dieselbe abhanden gekommen sein duerfte. Zwar hat die Konkurrenz den Chipkroesus wegen dessen scheibchenweiser Berichterstattung ueber die Rechenschwaeche des Renommierprozessors "Pentium" ordentlich durch den Kakao gezogen. Neben verstaendlicher und klammheimlicher Schadenfreue - und einem geruettelt Mass an Eigeninteresse beim Wettbewerb - bleibt jedoch eins gewiss: An den Schalthebeln der Macht sitzen noch immer dieselben. Wieviel Glaubwuerdigkeit die Branche durch die Pentium-Affaere verloren hat, ist kaum zu bilanzieren.

Noch sind die medialen Nachbeben dieses Skandals nicht abgeebbt, da musste die Computerszene den naechsten Offenbarungseid leisten: Bausteine, ausgewiesen als DRAM-Speicher, entpuppten sich als Verwalter von Nullmengen. Aufschriften auf Placebo-Chips taeuschten nur scheinbar vorhandene Datensilos vor. Absender der teuren wie hohlen Fracht waren Lieferanten aus dem Fernen Osten. Wieder verlor die DV-Industrie ihr Gesicht und muss sich - frei nach dem ostfriesischen Bloedel-Otto - vorwerfen lassen: Sogar wo Mist draufsteht, ist noch lange nichts drin.

Neben solchen journalistisch dankbaren Themen gaben und geben Computerhersteller jedoch auch mit weniger spektakulaeren Vorfaellen Anlass, an ihrer Fachkompetenz zu zweifeln. Belege fuer diese These verschicken in den letzten Monaten in schoener Regelmaessigkeit die Pressestellen der Hardwarehersteller. Insbesondere die Anbieter tragbarer PCs sehen sich immer wieder gezwungen, vor teilweise recht unangenehmen Fehlfunktionen ihrer Mobilsysteme zu warnen und diese aus dem Verkehr zu ziehen.

Von besonderer Pikanterie ist, dass nicht die Krauter und Klitschen mit ihren in Garagen zusammengeschusterten und zu sich selbst inkompatiblen Systemen den Kniefall vor dem Kunden ueben muessen. Vielmehr sind es die Arrivierten der Branche, die erroetend Unpaesslichkeiten ihrer Geraetschaft auszurufen haben.

Aktuelles Beispiel ist die IBM: Die Vorzeige-Notebooks der

"Thinkpad"-Linie werden mit Strom gespeist aus Netzteilen, die aus der Volksrepublik China stammen. Die Power dieser Geraete ist wegen eines Fertigungsfehlers ausgesprochen handgreiflich, musste doch Big Blue in einer gespreizten Pressemitteilung eingestehen, dass "in sehr vereinzelten Faellen die Gefahr eines elektrischen Schlages zwar unwahrscheinlich, aber nicht auszuschliessen" sei.

Wohl wimmelte ein Sprecher in der deutschen IBM-Zentrale Befuerchtungen ob etwaiger Gefaehrdungen von Thinkpad-Benutzern ab: Beim Anschluss schadhafter Geraete fliege zuallererst die Sicherung heraus. Ungemach koenne allerdings beispielsweise Italienern draeuen, deren Strominstallationen bekanntlich nicht wie in Deutschland strengen Vorschriften unterworfen seien.

Der Schuldige an dem spannungsvollen Problem war auch gleich ausgemacht: Zulieferer Astec aus China habe, so der IBM-Sprecher, das Netzteil baulich veraendert, ohne Big Blue davon in Kenntnis zu setzen. Diese Modifikationen wuerden von den Spezifikationen frueherer Lieferchargen abweichen, die IBMs Qualitaetskontrolle als funktionstuechtig abgenommen hatte.

Kaum eine Woche nach dem IBM ausgesprochen peinlichen Zwischenfall muss Hewlett-Packard 10000 Druckerfaxkopierer der Modellreihe "Officejet" zurueckrufen. Auch bei deren Netzteilen besteht die Gefahr, sich unverhofft in erhoehte Spannung zu versetzen.

Compaq, momentan Liebling der Branche und Nummer eins der weltweiten PC-Rangliste, musste vor seiner Klientel gleich mehrfach einen Kotau machen. Auch die vielversprechende Bezeichnung "Elite" konnte nicht verhindern, dass Compaqs leistungsfaehigste Notebooks zum wiederholten Mal negativ in die Schlagzeilen gerieten: Neu sind Probleme - fast haette man es sich gedacht - mit der eingebauten Stromversorgung.

Darueber hinaus aber stuerzte das im ROM-Speicher abgelegte Basic- Input-Output-System (BIOS) leistungsbewusste und deshalb als sogenannte Poweruser geadelte Anwender in die Krise: Hatten die naemlich mehr als 16 MB Arbeitsspeicher in ihren mobilen Rechnern installiert, erkannte das BIOS diesen Mehrwert nicht mehr.

Nur eine limitierte Anzahl der Modelle - O-Ton des Unternehmens: "Weit weniger als zehn Prozent" - war von der Malaise betroffen. Bitter fuer die Texaner allerdings, dass sich Compaq bereits wenige Monate nach der Markteinfuehrung der Elite-Rechner im Sommer 1994 gezwungen sah, die Produktion der Notebook-Linie voruebergehend einzufrieren. Seinerzeit hatten die Mobilsysteme ihre liebe Not mit der PCMCIA-Technologie. Bei dieser nehmen unterschiedliche Module im Scheckkartenformat Funktionen etwa als Faxmodem fuer die Kommunikation oder als Festplatte etc. wahr. Elite-Rechner wollten PCMCIA-Karten nicht erkennen und initialisieren. Damit nicht genug, tauchten auch in den preisguenstigeren "Contura"-Notebooks anfaenglich Fehler im PCMCIA-Controller auf.

Auch Direktvertreiber Dell verschlankte seinen Umsatz im Herbst 1993 unfreiwillig, indem er weltweit 17000 Subnotebooks der Modellreihe "325SLi" zurueckrufen musste. Fehlerhafte Kondensatoren erhitzten sich so stark, dass im schlimmsten Fall die Hauptplatine durchzuschmoren drohte.

Die massiven und zahlreichen technischen Unzulaenglichkeiten der Notebooks riefen prompt ein Marktforschungsinstitut auf den Plan, das der Kompetenz der PC-Hersteller auf den Zahn fuehlen wollte. Die Analysten von Reliability Ratings aus Needham, Massachusetts, konstatierten dabei in ihrem Report "Study on PC Laptops" wenig Schmeichelhaftes: Umfragen bei DV-Verantwortlichen von US- Unternehmen haetten ergeben, dass Defekte bei Mobilsystemen fuenfmal haeufiger auftraeten als bei fuer den stationaeren Einsatz gedachten PCs.

Wegen des permanenten Preiskrieges unter den PC-Herstellern, erklaerte Analystin Meredith McCarthy, seien die Unternehmen zu kurzen Produktzyklen gezwungen. Dies fuehre oft zu nicht ausgereiften Rechnern.

Deutsche DV-Verantwortliche aeusserten sich zum Thema Zuverlaessigkeit von tragbaren PC-Systemen eher unaufgeregt. Tenor der Aussagen bei Versicherungsunternehmen mit vielen Aussendienstmitarbeitern: Im grossen und ganzen funktionieren die Mobilsysteme ordentlich.

Hans-Peter Ohl von der Deutschen Beamten Lebensversicherung in Wiesbaden sieht allerdings ein Problem in der Einkaufspraxis der PC-Hersteller: Anbieter wuerden Zubehoerteile wie etwa Festplatten jeweils dort erstehen, wo gerade die guenstigsten Marktpreise zu erzielen seien. Dadurch steige das Risiko, eine fehlerbehaftete Serie zu erwischen. In die negativen Schlagzeilen gerate aber der Systemanbieter, obwohl dieser mit der mangelhaften Qualitaet nichts zu tun habe.

Probleme bereiten mit schoener Regelmaessigkeit mechanische Teile wie die als Mausersatz fungierenden sogenannten Trackballs und die Halterungen der Klapp-Displays. Daneben bereitet vor allem die wenig ausgereifte Akku-Technologie Sorgen.

Wilfried Rieck, bei der Agrippina in Koeln unter anderem fuer die DV-Betreuung des Aussendienstes zustaendig, haelt tragbare Rechner im Vergleich zu stationaeren PCs prinzipiell fuer nicht so robust: "Tischsysteme sind erheblich weniger reparaturanfaellig."

Akkus, so auch seine eigenen Erfahrungen, halten nicht lange. Dies ist besonders aergerlich, weil es sich bei den Stromspeichern um Verschleissteile handelt, die nicht unter das Garantiegebot fallen. Riecks Kollege Bernd Strefling, Leiter der PC-Technik, moniert, dass das Laden der Akkus oft nicht sauber ablaufe. Zudem seien die Geraete nach wie vor nicht sonderlich benutzerfreundlich.

Zwar sehen die Modelle etwa von Toshiba einen Schutz vor dem Ueberladen und Tiefentladen vor. Bei herkoemmlichen Nickel-Cadmium- Akkus bilden sich jedoch Kristalle in den Zellen, wenn der Stromspeicher eine gewisse Spannungskennlinie unterschreitet. Wegen dieser physikalischen Vorgaenge werden wiederum die in tragbaren Systemen integrierten Hard- und Software- Ueberwachungsmechanismen genarrt. Die gaukeln dem Anwender auch nach Ladevorgaengen vor, der Akku sei nur halbvoll.

Dieser sogenannte Memory-Effekt verfuehrt Anwender dazu, ihre teilentladenen Akkus immer wieder aufzufuellen mit dem Ergebnis, dass diese relativ schnell unbrauchbar werden. "Wir haben sehr viele Akkus austauschen muessen", meint denn auch Strefling, da seien "nicht zu unterschaetzende Kosten" entstanden.

Erst die neuen Lithium-Ionen-Akkus, bei denen sich keine Kristalle bilden koennen, umgehen diesen unliebsamen Effekt. Allerdings sind sie mit fast 500 Mark in der Regel noch doppelt so teuer wie herkoemmliche Stromspeicher.

Toshiba verneint, dass es bei sachgemaesser Behandlung der Akkus zu Problemen kommen kann, streitet aber nicht ab, dass Anwender im Umgang mit der empfindlichen Geraetschaft eine gewisse Disziplin walten lassen muessen.

Genau hier setzt die Kritik von Harry Gehlen von der BHW Allgemeine Bausparkasse in Hameln an. In aller Regel seien Vertriebsmitarbeiter nicht mit physikalischem Verstaendnis gesegnet. "Die wollen den Laptop benutzen wie jeden anderen Gebrauchsgegenstand auch", formuliert er die klassische Forderung an Computerhersteller, endlich Produkte auf den Markt zu bringen, die narrensicher und kinderleicht "wie ein Staubsauger" zu bedienen sind.

Gehlen klagt wie viele seiner Kollegen in den DV-Abteilungen der Versicherungen ueber Trackballs, die leicht verschmutzen und dann nur noch eingeschraenkt benutzt werden koennen.

Bei der Konzeption der Maus-Surrogate bewiesen die Hersteller allerdings, dass sie lernfaehig sind. Mittlerweile integrieren immer mehr Anbieter die Daumenkugeln statt einer Maus unterhalb der Tastatur und greifen nicht mehr zu den Anklippmodellen, die an der Seite der Notebooks befestigt werden muessen. "Das ist fuer einen Aussendiensteinsatz nicht geeignet", spricht Franz Mersmann von der Iduna/Nova aus der Praxis. In seinem Haus werden kuenftig Kofferloesungen mit integriertem Drucker favorisiert. Praktischerweise sollen die Laptops beim Kunden benutzt werden koennen, ohne den Rechner aus dem Koffer herausnehmen zu muessen, "wozu wir bei Testmodellen - wollten wir die Anklipp-Maus nutzen - aber erst mal Aussparungen in den Koffer saegen mussten".

Ueberhaupt scheinen die Designer von tragbaren PCs sich wenig um die Beduerfnisse der Anwender zu scheren. Compaq etwa baute in fruehe Serien seiner

"Aero"-Notebooks Trackballs mit glatter Oberflaeche ein.

Wurden die mit feuchten oder fettigen Haenden bedient, griff der Uebertragungsmechanismus nicht mehr. Dieser Fehler ist mittlerweile behoben.

Ausleiernde Klappscharniere bei Displays demonstrieren ebenfalls, dass die Hersteller ihre Mobilsysteme nicht unbedingt fuer den praxisgerechten Einsatz im Feld vorbereiten. Dies ist um so unverstaendlicher, als die Notebooks ueberwiegend - Toshiba spricht von 60 bis 70 Prozent aller ausgelieferter Systeme - an Grosskunden wie Versicherungen verkauft werden.

Wie sehr die Notebook-Hersteller an den Beduerfnissen der Anwender vorbeidesignen, zeigt sich daran, dass bislang weltweit erst einem einzigen Anbieter die Idee kam, Drucker und Notebook in ein Geraet zu packen. DV-Experte Ohl von der Deutschen Beamten Lebensversicherung fragt Hersteller seit fuenf Jahren, warum sie dem Umstand nicht Rechnung tragen, dass Aussendienstmitarbeiter bei Kunden unterschriftsreife Vertraege vorbereiten, also ausdrucken wollen:

"Ich verstehe nicht", wundert sich der Mann von der Assekuranz, "warum die Hersteller den Bedarf am Markt nach solchen Loesungen nicht sehen."

Neben Canon scheint nur Compaq sich Gedanken ueber ein Kombigeraet aus Notebook und Drucker gemacht zu haben und ein Produkt in Zusammenarbeit mit Bormann, einer Zubehoerfirma fuer DV-Systeme aus Neusaess bei Augsburg, vorzubereiten.

Zwar sieht Ohl wie sein Agrippina-Kollege Strefling durchaus das Problem der vielen mechanischen und damit stoeranfaelligen Teile eines Druckers. Trotzdem verlangt er fuer Aussendienstmitarbeiter nach handhabbaren Loesungen, die die Klientel nicht verschrecken. Wie Gehlen von der BHW meint: "Der Kunde faellt doch in Ohnmacht, wenn Sie ihm erstmal ein Rechenzentrum ins Wohnzimmer stellen, bevor Sie ihm eine Versicherung verkaufen."