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07.06.1996 - 

Gastkommentar/

Mit Softwaremetrik wieder konkurrenzfähig werden

José Diaz Sachgebietsleiter Qualitätssicherung beim Zentraldienst der Polizei Brandenburg

Die Software-Implementierungstechnologie hat sich in den letzten 15 Jahren rasant entwickelt. Man ist von Assembler, Cobol, Fortran und C zu einer neuen Generation von Programmiersprachen gekommen wie ADA, C++, 4GL, Powerbuilder und Visual Basic.

Damals zog man die Projekte durch, ohne daß ein hierfür ausreichendes Konzept erstellt worden war. Im Laufe der Zeit wurden dann CASE-Tools wie Pro Mod, Systems Engineer oder Teamwork zur Erstellung von Softwareprojekten eingesetzt.

Diese Entwicklung hat manchen Firmen das Leben gekostet. Zwar waren die 70er und 80er die goldenen Jahre, in denen die Softwarehersteller viel Geld verdient haben, doch wurde im allgemeinen nicht groß über die Erstellungskosten nachgedacht.

Für die Erstellung der Systeme setzte man jedesmal verschiedene Methoden und Tools ein, ohne daß dies von den Auftraggebern verlangt worden wäre. Dadurch stiegen die Kosten stetig, die Preise für die Systeme blieben aber gleich. Die Gewinnspanne wurde somit jedesmal kleiner, so daß viele Firmen an einen kritischen Punkt gelangten.

Obwohl man Ende der 80er Jahre das Sinken der Produktivität erkannt hat, wurde nichts beziehungsweise wenig getan, um dem entgegenzuwirken.

Softwaremetrik ist in der Informatik-Welt auch heute noch ein Fremdwort. Sogar in den Hoch- und Fachhochschulen gibt es kaum Diplomarbeiten, die sich ernsthaft mit diesem Thema beschäftigen, von Vorlesungen oder Seminaren ganz zu schweigen.

Ungeachtet der Tatsache, daß man ohne eine empirische Meßmethode keine Richtzahlen für die Erstellung von Software erhalten kann, wird heute in fast keiner Firma eine empirische Methode dafür angewandt. Die Aufwands- und Kostenschätzung von Softwareprojekten, die als Grundlage für den Verkaufspreis des Systems dienen soll, geschieht durch den Projektleiter oder im ungünstigsten Fall durch einen Vertriebsmitarbeiter. Diese Schätzungen entbehren jeder Grundlage zur Aufwands- und Kostenermittlung. Wenn sie also auf bloßen Vermutungen, Launen und nicht zuletzt auf Gefühl basieren, kann das Ergebnis nur aus Zahlen bestehen, die man für die seriöse Führung einer Firma nicht anwenden darf.

Mit einer solchen Basis kann keine Firma lange überleben. Manche Manager zerbrechen sich den Kopf, warum sie mit einem bestimmten Projekt keinen Gewinn erzielt haben, obwohl der Projektleiter über langjährige Erfahrung und fundiertes Wissen verfügt. Solchem Grübeln wird in den Führungsetagen vielfach noch mit Achselzucken ausgewichen - nach dem Motto: "shit happens". Die eigentliche Ursache einer solchen Misere wird in den seltensten Fällen gesucht. Statt dessen besteht die erste Reaktion seitens der Manager darin, den Projektleiter samt Team zu kreuzigen.

Es gibt jedoch andere, weniger grausame Methoden, um Projekte in den Griff zu bekommen. Sie sind seit langem auf dem Markt. Schon in den 70ern haben sich Leute wie Gilb, DeMarco, Boehm, Basili und andere mit dieser Problematik beschäftigt. In den 80er und 90er Jahren wurden dann einige Schätzmethoden veröffentlicht. Vielfach waren sie aber weder zufriedenstellend noch ausreichend verifiziert. Was sie jedoch alle bieten, ist eine diskus- sionswürdige Grundlage für die Weiterentwicklung der Aufwands- und Kostenschätzung.

Softwaremetrik wird von den Firmen immer noch nicht ernst genommen. Sie halten sie darüber hinaus auch für überflüssig, da sie zunächst einmal nur Zeit und Geld kostet. Übersehen wird dabei aber, daß sich die Investition letztlich positiv auf die Bilanz der Firma auswirkt. Sie wird konkurrenzfähiger, weil sie die mit der Projekterstellung einhergehenden Kostenrisiken verläßlich einschätzen lernt.

Als Lösung des Problems sollten die Softwarehäuser - im Sinne eines späten, aber sicheren Erfolgs - eine kleine Gruppe einsetzen, die sich mit der Auswertung der letzten und laufenden Projekte, mit der Entwicklung einer Meßmethode und mit der Sammlung der gewonnenen Erfahrungen aus dieser Arbeit beschäftigt. Nur so kann eine empirische und brauchbare Aufwands- und Kostenschätzung realisiert werden, die auch in einem frühen Stadium des Projektes zum Zuge kommen kann, um brauchbare Zahlen für die Erstellung eines realitätsnahen Angebotes zur Verfügung zu stellen.

Wenn dies geschieht, kann der Standort Deutschland für die Erstellung von Software noch eine Chance haben. Die Lösung des Problems liegt nicht in der Entwicklung der Software in den Ost- oder Fernost-Staaten, die jetzt mit zehn Jahren Verspätung die goldenen Achtziger erleben dürfen, sondern in der Innovation und Einführung der empirischen Maßnahmen zur Aufwands- und Kostenschätzung der Projekte.