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15.01.1982

Mit steigender Computerisierung nimmt Bedeutung der subjektiven Beurteilungskriterien zu; Schluß:Arbeitsplatzeffekt per Saldo ungünstig

Wie wenig noch das mit der Einführung der modernen Informationstechnik durchaus mögliche "job enrichment" praktiziert wird und statt dessen tayloristische Arbeitsorganisation an der Tagesordnung ist, beschrieb das vorige Kapitel. Daß die Neuerung "DV" Gewinner und Verlierer haben muß, wurde ebenso deutlich. Welche Positiv- und Negativwirkungen die Informationstechnik im konkreten betrieblichen Einzelfall auslösen kann, ist aber weitgehend Sache des Managements.

Von ganz anderer Qualität - gleichwohl in diesem Zusammenhang zumindest zu erwähnen - sind DV-bedingte Veränderungen in der Sozial- und Machtstruktur der Betriebe: Die Einführung von DV in Verwaltung und Produktion geht nämlich durchweg mit einer Verbreiterung des innerhalb eines Betriebes vertretenen Berufsspektrums einher.

Neben die fachlichen Spezialisten herkömmlicher Art treten methodische Spezialisten wie etwa Informatiker auf der einen oder Wartungs- und Sicherheitsberufe auf der anderen Seite. Und diese Methodenspezialisten vestehen häufig sehr wenig von den Arbeitsinhalten, die sie mit Hilfe der DV gestalten.

Mit wachsender Bedeutung der apparativen Einrichtungen steigt nun aber zwangsläufig die faktische Macht dieser Gruppe, während sich ihre Mitglieder gleichzeitig gehaltsmäßig und hierachisch weitgehend den bisherigen Sozialmustern des Betriebes entziehen.

Mit Einführung der DV steigen zudem die Schwierigkeiten einer wie auch immer begründeten "gerechten" und differenzierten Entlohnung. Selbst in vielen, in dieser Hinsicht relativ "unproblematischen" Produktionsbereichen versagen die herkömmlichen, auf quantitativen Messungen beruhenden Bewertungskriterien, weil gerade diese Tätigkeiten zunehmend von Maschinen übernommen werden.

Mit steigender Computerisierung werden ferner die in der Regel nur subjektiv zu fällenden Bewertungs- und Beurteilungskriterien wie Flexibilität, Motivation, Engagement, Aufmerksamkeit, physische und psychische Belastbarkeit wichtiger. Daß mit einer solchen Subjektivierung der Personalbewertung gravierende Führungs- und Motivationsprobleme verbunden sind, sollte auf der Hand liegen.

Abnehmende Solidarität

Aufgrund dieser vielfältigen Entwicklung wird im übrigen nicht selten auch die innerbetriebliche Interessenvertretung gestört. Denn bisher zentrale Aufgaben der Betriebsräte, beispielsweise und insbesondere im Zusammenhang mit tariflichen Eingruppierungen, werden in zunehmendem Maße bereits innerhalb der Mitarbeiterschaft konfliktträchtig.

Die mit der Computerisierung verbundene abnehmende Homogenität der Mitarbeiterstruktur führt zu Machtverschiebungen innerhalb der Interessenvertretung und damit zu abnehmender Solidarität. So bringen beispielsweise die gewerblichen Arbeitnehmer teilweise nur sehr wenig Verständnis für die Probleme von Rationalisierungsfolgen im Angestelltenbereich auf.

Fassen wir zusammen: Die qualitativen Auswirkungen der neuen Informationstechnik auf die Arbeitskräfte und die sozialen Beziehungen im Betrieb ist durch eine Ambivalenz zwischen der Entlastung des Menschen von monotonen und schweren Tätigkeiten auf der einen Seite und durch die Gefahr einer zunehmenden Isolation des Beschäftigten und einer Entfremdung von seinem Arbeitsprodukt auf der anderen Seite charakterisiert .

Die neuen Informations- und Kommunikationstechniken bergen ganz zweifellos erhebliche Möglichkeiten, verantwortungsvolle, komplexe und damit interessantere Arbeiten zu schaffen. Bislang ist es aber der Wirtschaft noch nicht hinreichend gelungen, dieses Potential der DV-Technik für in diesem Sinne humanere Arbeitsplätze zu nutzen.

Während aber im Bereich der Produktion objektive Anpassungsprobleme der Qualifikationsstrukturen bestehen, ist es im Bereich der Arbeitsorganisation eher so, daß diese Frage - zumindest bislang - ein zu geringes Gewicht im Zielsektor der Unternehmensführungen besitzt. Das Entstehen inhumanerer Arbeitsplätze, ein Trend, der in der Vergangenheit die Einführung der Informationstechnik über weite Strecken begleitet hat, liegt nicht - wie zahlreiche Beispiele deutlich belegen - in der Logik der neuen Technik, sondern ist das Ergebnis eines unternehmerischen Entscheidungsprozesses.

Infolge der ziemlich rasch fortschreitenden Entwicklung derjenigen Länder, die mit ihren jungen, exportorientierten Industrien die preisliche und qualitative Schwelle zum Weltmarkt erreicht haben, wird sich der Konkurrenzdruck auf den internationalen Märkten in Zukunft noch deutlicher als bisher verstärken. Die Bundesrepublik, die im übrigen weit vor Japan der zweitgrößte Exporteur ist - oder präziser: Die deutschen Unternehmen werden ihre derzeit noch günstige Wettbewerbsposition nur dann halten können, wenn es gelingt, ihre Produkte und die Produktionstechnik durch den DV-Einsatz so zu ändern und zu modernisieren, daß sie im Vergleich zu den Schwellenländern neuere und besere Produkte oder Produktionsverfahren anbieten können.

Abschließend sei daher die These gewagt, daß die Zukunft der Wirtschaft und damit unser materieller Wahlstand davon abhängt, ob das mit der Informationstechnik gegebene Wirkungspotential zur Durchsetzung produkt- und produktionstechnischer Neuerungen tatsächlich umfassend und möglichst schnell genutzt wird.

Der Notwendigkeit, die erforderlichen Innovationen vorzunehmen, steht das Risiko noch weitgehend ungeklärter Effekte der neuen Technik auf dem Arbeitsmarkt entgegen. Es ist schwierig, die Auswirkungen der modernen Informationstechnologie auf Arbeitsmarkt und Beschäftigungsbedingungen sicher und eindeutig zu bestimmen.

Zu jedem Beispiel gibt es Gegenbeispiele, und jedem positiven Potential stehen negative Erfahrungen gegenüber. Aus diesem Grund bleibt nach Lage der Dinge nichts anderes übrig, als diese gegenläufigen Tendenzen zu akzeptieren:

I. Die moderne Informationstechnik ist eine Schlüsseltechnik, die nahezu alle Produktions- und Dienstleistungsbetriebe erfaßt und durchdringt und dabei einen sehr großen Anteil der Tätigkeiten und Vorgänge grundlegend ändert.

II. Den tatsächlichen positiven Beschäftigungseffekten im Herstellerbereich und zumindest potentiellen positiven Effekten im Anwenderbereich stehen Freisetzungen im Anwenderbereich gegenüber; diese Freisetzungseffekte haben in der Vergangenheit überwogen. Da aber sowohl die Hersteller als auch die besonders betroffenen Anwenderbranchen von DV zu den Wachstumsbranchen gehören, ist die pauschalisierende These vom "Job-Killer EDV" unzutreffend.

III. Es ist nicht möglich, die für eine erfolgreiche arbeitsplatzschaffende

Einführung der Informationstechnik erforderliche Änderung der Qualifikationsstrukturen der Arbeitnehmer schnell zu erreichen.

IV. Große Probleme zeigen sich derzeit noch im Bereich der Qualität der Arbeitsbedingungen, vor allem im gewerblichen Bereich. Hier kann befürchtet werden, daß in den neustrukturierbaren und rationalisierbaren Tätigkeitsfeldern die negativen Erfahrungen, die man im Produktionsbereich mit dem Taylorismus bereits überwunden hatte, noch einmal durchgemacht werden.

* Professor Dr. Bert Rürup lehrt an der Technischen Hochschule Darmstadt Volkswirtschaftslehre (Finanzwissenschaft). Dr. Rolf Cremer ist tätig ,als Hochschulassistent im Institut für Volkswirtschaftslehre der Technischen Hochschule Darmstadt (Empirische Wirtschaftsforschung). Der abgedruckte Beitrag basiert auf einem Festvortrag, den Professor Rürup auf dem IBM-Forum für Wissenschaft und Verwaltung am 15. September 1981 hielt.