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"Zuflucht zur Selbstbefriedigung"

Mit Walter Gollbach, Dezernent für Öffentlichkeitsarbeit bei der Hessischen Zentrale für Datenverarbeitung, Wiesbaden, sprach Dieter Eckbauer

13.07.1979

-Herr Gollbach, in "inform", der internen Informationsschrift der Hessischen Zentrale für Datenverarbeitung, kommentieren Sie in eigener Sache, "die Datenverarbeitung gehört nicht zu den beliebtesten Kindern der gesellschaftlichen Wirklichkeit unserer Tage". Das klingt, als resignierten Sie gegenüber den Urteilen und Vorurteilen, die sich in der Öffentlichkeit über die Datenverarbeitung gebildet haben. Versagen die Spezialisten bei ihrer Aufgabe, sich den Nichtspezialisten verständlich mitzuteilen?

Sicherlich ist das mit einer der Gründe. Aber ich glaube, daß es nicht der alleinige Grund ist. Die eigentlichen Ursachen sehe ich vielmehr darin, daß das Phänomen Datenverarbeitung bis jetzt in der breiten Öffentlichkeit ad eins noch nicht so recht zur Kenntnis genommen worden ist, ad zwei aus sehr verständlichen Gründen nicht Begriffen werden kann und ad drei, daß die Politik dieses Phänomen bislang eigentlich nur unter dem rein wirtschaftlich-technischen Aspekt gesehen hat.

-Kann die Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Datenverarbeitung verbessert werden?

Im Augenblick relativ wenig. Mir scheint, daß wir - als Datenverarbeitungszentralen - in einer Phase stecken, in der man vernünftigerweise vorübergehend in Deckung gehen sollte.

-Sind Datenverarbeiter überhaupt fähig, Kritik objektiv wahrzunehmen?

Das würde ich schon bejahen, wenngleich es auch stimmt, daß die Datenverarbeiter par excellence von ihrem Job so fasziniert sind, daß sie in einer Art von selbstgewähltem Ghetto-Dasein ihre Umwelt weitgehend nicht mehr zur Kenntnis nehmen oder falsch einschätzen, vor allem aber, daß sie nicht mehr in der Lage sind, sich auf der Welle des normalen Mitbürgers zu artikulieren. So kommt keine Kommunikation zustande - vom gegenseitigem Verstehen ganz zu schweigen.

-Vermissen Sie Argumentationshilfen durch den Hersteller?

Der Hersteller ist hilfreich, wenn man es mit einem Kreis zu tun hat, der schon

DV-interessiert ist. Dann haben die meisten Hersteller eine bessere Art der Artikulation als die Rechenzentren oder die eigentlichen Anwender. Wenn man aber das Gespräch mit der sogenannten breiten Öffentlichkeit sucht, dann ist der Hersteller nicht sehr hilfreich.

-Sie haben indirekt zugegeben, daß die DV-Spezialisten computerhörig sind: Ehe sie die eine Dienstleistung m den Griff bekommen, laufen sie schon wieder andere, neuen technischen Konzepten hinterher.

Wir sind gezwungen, hinterherzulaufen. Aber ich glaube, die Öffentlichkeit interessiert sich weniger für die technischen Probleme der Datenverarbeitung und das Bedürfnis der Datenverarbeiter, nach Möglichkeit up to date zu sein. Ich glaube, die Öffentlichkeit hat gegenüber der Datenverarbeitung ganz andere Bewertungskriterien.

-Die wären?

Nun, das Bewußtsein für Datenverarbeitung überhaupt ist in der breiten Öffentlichkeit wohlgemerkt erst sehr spät entstanden. Und dieses Bewußtsein hat sich zunehmend an negativen Erscheinungen geschärft, die durch den Einsatz des Hilfsmittels Datenverarbeitung ausgelöst wurden. Und darunter hat die Datenverarbeitung auf der einen Seite zunehmend zu leiden. Auf der anderen Seite hat die Öffentlichkeit ein zwar noch nicht artikulierbares Bewußtsein, aber immerhin doch eine bestimmte, dumpfe Vorstellung von den Möglichkeiten und Gefahren der Datenverarbeitung, die sie aber noch nicht verkraften kann.

-Würde es den DV-Spezialisten nicht gut anstehen, das Werkzeug Computer einmal selbst in Frage zu stellen?

Das tun wir eigentlich ständig. Das ist schon bedingt durch die täglichen Probleme, die so in einem Rechenzentrum auftauchen. Nur das Problem, nach außen hin, ist - sprechen wir doch mal unter uns Pastorentöchtern -, daß die meisten Tageszeitungen aus sehr verständlichen Gründen meistens nicht die personelle Qualität haben, um über unsere Probleme kompetent zu berichten, mit Ausnahme ganz weniger großer Blätter, die sich einen sogenannten Experten halten.

-Gibt es denn außerhalb des Rechenzentrums überhaupt logische Wahrheit?

Ich glaube nicht, daß es in diesem Sinne logische Wahrheit außerhalb des Rechenzentrums gibt, aus dem einfachen Grunde, weil das, was draußen passiert, was

offiziell passiert, was öffentlich passiert, eine Reaktion ist, die weitgehend mit politischen Tendenzen behaftet ist, wobei ich den Begriff "politisch" sehr weit fassen möchte. Da findet ein ständiges Taktieren statt, das mit Logik relativ wenig zu tun hat. Auf diese Art und Weise kann man EDV überhaupt nicht verkaufen.

-Sehen Sie eine zunehmende Tendenz zur Computerfeindlichkeit in der Gesellschaft?

Die Gesellschaft ist vor allen Dingen im Laufe der letzten zwei Jahre computerfeindlicher geworden durch die Ereignisse im politischen Bereich, hier wiederum vor allen Dingen im nachrichtendienstlichen Bereich. Die Fragen des Datenschutzes bewegen den sogenannten einfachen Mann auf der Straße wesentlich mehr als die Fragen der Datenverarbeitung nach ihrem Nutzen oder Nichtnutzen als solche. Diese negativen Punkte, die dort gesetzt worden sind - aus welchen Gründen auch immer -,bestimmen das Verhalten des Bürgers zur Datenverarbeitung. Das ist zwar bedauerlich, läßt sich aber nicht aus der Welt reden. Deswegen habe ich vorhin gesagt, daß Datenverarbeiter, die nicht zu diesem Kreis gehören, der nun aus irgendwelchen Gründen die Datenverarbeitung mit in die Kritik gebracht hat, ,im Augenblick eigentlich gar keine Möglichkeit haben, die positiven Seiten der Datenverarbeitung herauszustellen.

-Trotzdem: Welchen Rat können Sie dem DV-Praktiker geben? Resignation wäre ja wohl fehl am Platz?

Die wäre sicher fehl am Platz. Nur, der Zeitpunkt ist ungünstig, in die Offensive zu gehen.

-Können Sie das näher begründen?

Es sind einige Dinge hinzugekommen, die, sagen wir mal, das Bild abrunden. Es sind nicht nur bestimmte Geschichten, die im politischen Bereich laufen. Es kommt das allgemeine gesellschaftspolitische Phänomen hinzu; es kommt hinzu, daß die soziale Komponente der Datenverarbeitung lange Zeit zumindest nicht hinreichend gewürdigt worden ist, um es gelinde auszudrücken. Es kommt hinzu, daß die Datenverarbeitung bei vielen Menschen heute Existenzängste auslöst - siehe Druckerstreik.

-Waren das denn greifbare Anlässe?

Da waren mögliche Auswirkungen durch die Einführung von Mikroprozessoren in der Industrie schon erkennbar - es hat ja auch Betroffene gegeben -, aber es wurde einfach nicht zur Kenntnis genommen. Jetzt ist auf einmal eine Öffentlichkeit entstanden, die durch die vorhin genannten Vorfälle in bezug auf Datenverarbeitung außerordentlich negativ belastet ist und die infolgedessen auf diese Negativaspekte derart fixiert ist, daß sie über den normalen PR-Rummel dort nahezu gar nichts auslösen können.

-Wie kommen wir weiter, nachdem eine derartige Polarisierung entstanden ist?

Der einzige Weg, und meiner Ansicht nach der erfolgversprechendste, ist zur Zeit noch der, daß man sich mit kleinen Besuchergruppen in Rechenzentren die Zeit nimmt, die Leute individuell anzusprechen und mit ihnen die Diskussion ruhig im Detail zu führen, und zwar auch in der Form, daß man diese Vorstellung abbaut, die Datenverarbeitung sei eine Art perfekte Maschine, die immer und in allen Fällen hundertprozentige ,Ergebnisse liefert. Das ist eine Öffentlichkeitsarbeit, auf die ich eigentlich mehr setze als auf die sogenannten Pressemeldungen und dann gelegentlich auch das Gespräch mit den Politikern, obwohl - unter uns gesagt - für die meisten Politiker die Datenverarbeitung nur insoweit von Interesse ist, als sie möglichst billig sein und möglichst viel leisten soll.

-Das ist aber doch eine etwas beängstigende Vorstellung, zumal Politiker Entscheidungen von sehr großer Tragweite fällen, wie eben jetzt - wir hatten das vorhin kurz gestreift - das Problem Nachrichtendienste etc.

Sie dürfen nicht vergessen, daß Politiker vielbeschäftigte Leute sind. Die Datenverarbeitung gibt ihnen kaum eine Möglichkeit, sich zu profilieren. Und selbst wenn sie darauf verzichten würden, müßten sie zunächst mal den Nachholbedarf an Primitivkenntnissen, möchte ich mal sagen, aufarbeiten, und das macht Mühe, und in unserer Gesellschaft wollen sich viele Leute diese Mühe nicht geben.

-Woran liegt das?

Weil der Computer den meisten unheimlich ist - unheimlich aus Unkenntnis. Aus dieser Unkenntnis heraus wächst Unbehagen und Mißtrauen. Damit sind schon gewisse Abwehrstellungen vorhanden, die kaum aufgebrochen werden können. Wir leben zur Zeit noch in einen Ghetto. In einem Ghetto, das zunächst mal selbst gewählt haben, aus dem heraus wir - zumindest in den Anfängen - gelinde gesagt recht hochnäsig auf unsere dämliche Umwelt herabgeguckt haben. Und jetzt steht diese Umwelt auf. Während wir einigermaßen hilflos sind, mit dieser Umwelt fertigzuwerden. So besteht natürlich die Gefahr ,daß wir DV-Spezialisten wieder zu uns selbst zurückflüchten und in diesem Selbstbefriedigungsgespräch die Befriedigung suchen, die uns draußen im Augenblick zunehmend verweigert wird.