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24.09.1993

Mit Windows NT weckt Microsoft schlafende Hunde COSE-Initiative treibt die Unix-Standardisierung voran

Mehr als 70 Unternehmen sind den COSE-Vorreitern IBM, Hewlett- Packard (HP) und Sunsoft sowie Lizenzgeber Novell gefolgt und haben ein systemuebergreifendes Superset von 1170 Schnittstellen fuer Unix-Betriebssysteme angekuendigt. Die Entwicklung des Sets von Application Programming Interfaces (API), das die Portierung von Anwendungsprogrammen zwischen verschiedenen Unix-Derivaten zu einem Kinderspiel machen soll, wird von der X/Open geleitet. Nicht zuletzt auf Druck von Herausforderer Microsoft zieht die DV- Industrie jetzt an einem Strang, um den Standard Unix auf breiter Ebene durchzusetzen. Fraglich ist nur, ob der Schulterschluss langfristig von Bestand sein wird.

Erstaunliches spielt sich in diesen Tagen in den Open-Systems- Gremien ab: X/ Open-President Geoffrey Morris findet sich Seite an Seite mit David Tory, dem CEO der Open Software Foundation (OSF) und Peter Cunningham, Chef von Unix International (UI), zur "wichtigsten Unix-Ankuendigung seit Jahren" in New York ein. Alle drei demonstrieren Einigkeit bei der Ankuendigung des API-Sets, das es Software-Entwicklern schon ab Mitte naechsten Jahres ermoeglichen soll, Applikationen nur in einer einzigen Version zu schreiben und - jeweils rekompiliert - unter verschiedenen Unix-Derivaten ablaufen zu lassen.

Veranstaltungsort dieser Ankuendigung war ironischerweise das Equitable-Building an der siebten Strasse, Ecke 51. Strasse in Manhattan. An diesem Ort war die OSF im Mai 1988 von IBM, DEC, Bull, HP, Apollo, Siemens und Nixdorf aus der Taufe gehoben worden. Eine Dauerfehde zwischen dieser Organisation, die zeitweilig in dem Ruf stand, die Durchsetzung eines Unix-Standards eher zu verhindern als zu beschleunigen, und Unix International, den Vertretern der reinen Unix-Lehre, nahm ihren Lauf.

Dass sich die Anbieter heute nicht mehr mit endlosen Streitigkeiten aufhalten wollen, zeigt die Eile, mit der Standardisierungsvorschlaege verabschiedet und bei der X/Open zwecks Spezifika- tion eingereicht werden. Die ersten Vorschlaege zur Durchsetzung einer einheitlichen grafischen Benutzeroberflaeche Common Desktop Environment (CDE) liegen bereits seit Ende Juni 1993 bei der X/Open vor. Kurz entschlossen wurde Motif als Normwerkzeug fuer die Gestaltung von Benutzeroberflaechen gewaehlt. Auch diese Entscheidung unterstreicht den Willen der Initiatoren. Jahrelang hatte Sun Microsystems, Gruendungsmitglied von Unix International, vergeblich versucht, die Open-Look-Oberflaeche als Standard durchzusetzen. Jetzt lenkte das Unternehmen ein - ob bereitwillig oder notgedrungen sei dahin gestellt.

Weiter noch als mit der Einigung auf eine grafische Benutzeroberflaeche (COSE 1), an der auch IBM, HP, Sunsoft und USL mit Produkten mitwirken, geht COSE mit der Vereinheitlichung des Betriebssystems Unix selbst (COSE 2). Gemeinsame Programmierschnittstellen sollen Software-Entwicklern und Systemherstellern kuenftig die Moeglichkeit bieten, die Entwicklungszeiten deutlich zu reduzieren und damit auch die Kosten fuer Unix-Software zu senken. Anwender koennen mit einem breiteren Angebot an Anwendungssoft- ware rechnen, die den API- Spezifikationen entspricht. Vorhandene Programme lassen sich laut X/Open-Ankuendigung in Zukunft mit einem viel geringeren Aufwand zwischen verschiedenen Hardwareplattformen hin und her portieren.

Die X/Open sieht sich selbst in der Rolle des "Waechters ueber diese wichtige Spezifikation", wie Morris formulierte. Das Gremium werde die Bildung eines branchenweiten Konsenses in Sachen API unterstuetzen und formalisieren. In einem "Fast-track"-Verfahren sollen die Ergebnisse zunaechst in den X/Open Portability Guide einfliessen. Dieses Verfahren wird voraussichtlich Mitte 1994 abgeschlossen sein - von diesem Zeitpunkt an koennen Produkte mit den genehmigten APIs ausgeliefert werden. Spaeter dann soll eine Testtechnologie entwickelt werden, mit der sich Qualitaet und Konformitaet von Systemen messen lassen. Letztendlich, so teilt X/Open mit, wird die API-Spezifikation Bestandteil eines erweiterten XPG4 sein.

Fuer eine "Revolution" haelt Michael Thuleweit, Marketing Manager der Software AG (SAG), diese Entwicklung im Unix-Markt. Die Darmstaedter bedienen mehr als 25 verschiedene Unix-Plattformen mit ihren Produkten. Kuenftig werde sich der Portierungsaufwand um ein Vielfaches reduzieren. "Wir erwarten von dieser Entwicklung sehr grosse Benefits."

Probleme sieht Thuleweit noch bei der Portierung systemnaher Software. "Das API bezieht sich nicht auf die extrem systemnahen Bereiche, etwa Plattenzugriffe oder Treiber im Kernel." Die Software AG programmiere aber sehr tief im Kernel, weshalb diese Aspekte von Bedeutung seien. Dennoch stehe der Vorteil des COSE- Engagements prinzipiell ausser Frage.

Thuleweit ist sich sicher zu wissen, warum die Organisation ins Leben gerufen wurde: "Das einzige Ziel ist ganz klar, Microsoft mit Windows NT Paroli zu bieten." Bill Gates werde mit dem neuen Betriebssystem zweifellos eine wichtige Marktposition einnehmen. Vor allem in Rechnerverbuenden mit 80 bis 100 Teilnehmern werde NT voraussichtlich erfolgreich eingesetzt.

Schwieriger duerfte es Microsoft dagegen fallen, Windows NT im High-end-Bereich durchzusetzen. Dort sei die Position von Unix auch in Zukunft unangefochten. "Nachdem, was wir heute von Windows NT gesehen haben, glauben wir nicht, dass dieses System in fuenf oder sechs Jahren der Nachfolger von Unix generell wird", urteilt der SAG-Marketier. "Die meisten unserer Kunden sagen ganz klar: ,Wir wollen im Server-Bereich Unix einsetzen+. Es gibt bei Windows NT noch zuviele Nachteile, die Unix laengst beherrscht." Thuleweit macht auch nachdruecklich auf ein politisches Problem aufmerksam: "Akzeptiert der Markt wirklich ein zweites Mal einen dominierenden proprietaeren Betriebssystemhersteller?"

Microsoft werde mit NT wohl in erster Linie die Desktop-Unix- Varianten sowie OS/2 angreifen. Das neue Betriebssystem duerfte sich laut Thuleweit vorrangig im kommerziellen, weniger im technischen Bereich durchsetzen. Auf jeden Fall sei es der Verdienst von Bill Gates, die Unix-Gemeinde aufgeruettelt und "den Standardisierungsprozess beschleunigt zu haben".

Auch Diebold-Mitarbeiter Karsten Prey, der der COSE-Initiative aufgrund der Egoismen einzelner Mitglieder eher skeptisch gegenueber steht, sieht das Problem, dass abermals die Aera eines proprietaeren Systems anbrechen koennte. Mit NT als Alternative lege man sich auf Microsoft fest, und dann "haben wir wieder die gleichen Verhaeltnisse wie in den vergangenen Jahren mit der IBM". Es bestehe aber kein Grund, sich verrueckt machen zu lassen, denn "der DV-Markt ist kein Anbietermarkt mehr, sondern wird von Anwenderinteressen geformt. An diesem Wandel hat Unix uebrigens einen erheblichen Anteil".

Wie muendig die Anwender inzwischen geworden sind, hat wohl die IBM in der juengsten Vergangenheit am deutlichsten zu spueren bekommen. Albert Henne, Leiter des Client-Server-Competence-Centers der IBM in Hamburg, gibt unumwunden zu, dass die COSE-Gruendung eine Reaktion auf Microsofts Win- dows-NT-Entwicklung gewesen sei. Demnach steht die IBM heute auf der Seite der Open-Systems- Anbieter dem Erzrivalen Microsoft gegenueber, der versucht, das zu tun, womit Big Blue jahrzehntelang Erfolg hatte: ein proprietaeres Betriebssystem im Markt durchzusetzen.

"Wir werden endlich ein einheitliches Unix mit einer einheitlichen Benutzeroberflaeche bekommen", freut sich heute Client-Server- Spezialist Henne. Der Anwender werde dann zwischen Microsoft und Windows NT auf der einen und einer Vielzahl von Herstellern mit einem einheitlichen Unix-Betriebssystem auf der anderen Seite entscheiden muessen.

Im Moment, so scheint es, tickt die Uhr fuer die COSE-Gemeinde - sofern es dieser gelingt, sich an ihre Zeitplaene zu halten. Unix ist in den unterschiedlichsten Varianten in nahezu jedem groesseren Unternehmen vorhanden. Dagegen duerfte Microsoft mit dem NT- Geschaeft nur langsam aus den Startloechern kommen. Kaum ein Anwenderunterneh- men verfuegt gegenwaertig ueber die noetigen hardwaretechnischen Voraussetzungen, um NT als Client-Server- Betriebssystem auf breiter Ebene einzufuehren.

Mit dem Test des Systems hat sich unter anderem die Prodacta GmbH in Karlsruhe beschaeftigt, ein noch junges Schulungs- und Beratungsunternehmen.

Dort lief NT auf einem 486/33-PC von Peacock mit einer Hauptspeicherkapazitaet von 16 MB. Diese Konfiguration reichte nach Angaben von Geschaeftsfuehrer Herbert Uhl fuer den professionellen Einsatz keineswegs aus: "Das ist kein Zustand, mit dem man arbeiten kann!"

Uhl mag daher gegenwaertig niemandem raten, auf Windows NT zu wechseln. Die Vorteile liessen sich erst dann nutzen, wenn der betreffende Anwender auf breiter Ebene eine voellig neue Hardware, etwa DECs Alpha-Plattform, einsetze. "Man muesste saemtliche Rechnerplattformen aufstocken - und zwar ganz kraeftig. Selbst dann hat man noch Performance-Verluste." Viele Funktionen, die NT gerade als Desktop-System biete, liessen sich auch mit Windows for Work- groups abdecken. Dennoch sei NT ein Betriebssystem fuer die Zukunft, da es fuer den Einsatz in Mehrprozessor-Architekturen wie geschaffen sei.

Die Frage, ob Microsoft mit Windows NT dem Unix-Markt wirklich Paroli bieten kann, wird nach Ansicht von Branchen- kennern davon abhaengen, ob die diversen Unix-Anbieter langfristig in der Lage sein werden, ihre Interessen zurueckzustellen und Einigkeit zu demonstrieren. Erste Differenzen zeigen, dass dies keineswegs sicher ist: DEC etwa trat der COSE-Vereinigung erst nach einigem Zoegern bei. Der Konzern hatte sich im Vorfeld des Zusammenschlusses zu wenig informiert gefuehlt. Schliesslich ging jedoch auch fuer DEC kein Weg daran vorbei, an der Vereinheitlichung von Unix mitzuarbeiten.

Fuer Diebold-Berater Prey ist dieses Verhalten symptomatisch fuer den Gesamtzustand der COSE-Initiative: "Die wollen sich doch alle Optionen offen halten." Die meisten Unternehmen verfolgten eine Doppelstrategie, sowohl auf Windows NT zu setzen als auch auf ein ueber Schnittstellendefinitionen vereinheitlichtes Unix zu bauen.

Robert Weinberger, Workstation-Marketing-Manager bei HP, bestaetigt diese These. Auf die Frage nach dem NT-Engagement seines Unternehmens antwortet er: "Entschieden ist diesbezueglich noch nichts - aber wir sind prinzipiell open minded." Der Unix- Spezialist ist sich sicher: "Alle werden auch auf NT gehen. Sogar die Unix-Gralshueter bei Sun." NT sei ein "exzellent programmiertes Server-Betriebssystem".

Mehr noch falle ins Gewicht, dass gegenwaertig alle Hersteller Angst haetten, "am Markt abgehaengt zu werden", wenn sie das Microsoft- System ignorierten. Auch die zwiespaeltige Haltung der COSE- Mitglieder gab Industriebeobachtern in New York Anlass zur Kritik. Grundsaetzlich, so Chris Pitt von der Meta Group UK, sei es natuerlich wichtig, dass die Unix-Strategen miteinander redeten. Auch naehere sich die Unix-Gemeinde mit ihrer COSE 2-Ankuendigung dem Ideal herstelleruebergreifender Applikationen. "Aber diese vielen Hersteller repraesentieren zu unterschiedliche Interessen", monierte der britische Analyst.

Pitt fuehlt sich an das ACE-Debakel erinnert: "In New York konnten sich die Teilnehmer ja nicht einmal darauf einigen, wer in dieser neuerlichen Initiative die Fuehrung uebernimmt." IBM, neben HP allgemein als treibende Kraft von COSE angesehen, sei "eher ein widerstrebender Partner". Nach aussen hin vertrete Big Blue "eisenhart die COSE-Linie".

Wenn die Armonker aber an ihr ureigenes Geschaeft daechten, relativiere sich fuer den angeschlagenen DV-Riesen die Euphorie. Man duerfe gespannt sein, ob IBM wirklich die hauseigenen AIX- Schnittstellen mit denen etwa von SCO harmonisieren werde. Einem anderen Insider aus der Unix-Szene fehlt an COSE der dringend benoetigte "Druck einer einzigen Firma". Daran aendere auch die Praesenz der IBM nichts. Auch stehe die Unix-Vereinigung im Wettlauf mit Microsoft unter grossem Zeitdruck.

Nach Ansicht dieses Branchenkenners ist erst in einigen Jahren ernsthaft mit Applikationen zu rechnen, die zum API-Superset konform sind.

Es waren jedoch nicht nur solche strategischen Fragen, die Teilnehmer der New Yorker COSE-Ankuendigung skeptisch stimmten.

Auch liessen die praesentierenden Unternehmen noch wichtige Fragen zum Procedere unbeantwortet: So gab es nach wie vor keine klare Aussage, wann denn nun das sogenannte Joint Develop- ment Agreement (JDA) der COSE-Anfuehrer HP, IBM, Sun- soft und USL unterzeichnet werde. Die Quadriga hatte bereits im Maerz 1993 auf der Uniforum die zugrundeliegenden Technologiebeitraege praesentiert.

Eine formelle Verabschiedung des JDA ist Voraussetzung des kommerziellen Cross-licensing-Verfahrens fuer die von den COSE- Mitgliedern angestrebte Entwicklung einer Common Desktop Environment (CDE). IBM-Manager Bob Blake geht davon aus, dass diese "Formalitaet" bald erledigt sei.

Michael Thuleweit, Marketing-Manager der Software AG in Darmstadt

"Wir erwarten von dieser Entwicklung sehr grosse Benefits"

"Die meisten unserer Kunden sagen ganz klar: ,Wir wollen im Server-Bereich Unix einsetzen+."

Robert Weinberger, Workstation- Marketing-Manager bei HP

"Alle werden auch auf NT gehen. Sogar die Unix-Gralshueter bei Sun."

Chris Pit von der Meta Group UK

"In New York konnten sich die Teilnehmer ja nicht einmal darauf einigen, wer in dieser neuerlichen Initiative die Fuehrung uebernimmt."