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18.08.2000 - 

Gurus geben ihre Prognosen zur Zukunft der Arbeit ab

Mitarbeiter müssen Selbst-GmbHs gründen

Die Zukunft gehört flexibel und selbständig arbeitenden Einheiten und Teams, die sich je nach Auftrag immer wieder neu zusammenfinden, sagen die einen. Kritiker dagegen bezweifeln, dass sich virtuelles Arbeiten durchsetzen wird, dass sich alle Unternehmensbereiche einer Firma outsourcen lassen und dass nur eine Hand voll Mitarbeiter Prozesse steuern, für die heute ganze Konzerne notwendig sind. Von Dagmar Sobull*

Schon im Jahr 2015 werde es kaum noch große Firmen im heutigen Sinne geben, schätzt Robert Laubacher, Professor in Cambridge am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Norden der USA: "Kleine Firmen werden immer größer und einflußreicher, große Firmen immer kleiner und dezentraler", skizziert der Zukunftsforscher den Trend in Richtung E-Lance-Ökonomie. Mit der deutsch-englischen Wortschöpfung sind elektronisch vernetzte Freiberufler (Freelancer) gemeint, die sich zur tragenden Säule der neuen Arbeitswelt entwickeln könnten.

Die rasante Entwicklung in der Informationstechnik ermögliche es Unternehmen im 21. Jahrhundert, völlig neue Organisationstypen zu entwickeln, meint Laubacher. Vorherrschende Arbeitsform könnte die "Firma auf Zeit" sein, in der sich Freiberufler und Kleinstfirmen mit dem für die jeweiligen Aufgaben nötigen Know-how zusammenfinden: "Elektronisch vernetzt übernehmen flexible Projektteams bestimmte Entwicklungs-, Produktions-, Vermarktungs- und Vertriebsaufgaben, die zuvor durch dauerhaft bestehende Unternehmen erledigt wurden."

Als Prototypen des erfolgreichen E-Lancers bezeichnet Laubacher den finnischen Informatiker Linus Torvald. Der stellte 1991 die Grundversion des Linux-Betriebssystems ins Internet und forderte andere Programmierer auf, sein System zu testen und zu verbessern. Bald arbeiteten Tausende rund um den Globus an dieser Software. Innerhalb von drei Jahren entwickelte diese lockere, informelle Gruppe Linux zu einer der besten Unix-Versionen, die je kreiert wurde - ganz ohne Manager oder gar Vorgesetzte. Anschließend löste sich das virtuelle Netzwerk der Mitarbeiter so lautlos auf, wie es entstanden war. Das Produkt Linux setzte im Folgenden zu einem weltweiten Höhenflug an.

Die Erfolgsstory der Linux-Gemeinde sei ein Meilenstein auf dem Weg in die neue Arbeitswelt, ist Laubacher überzeugt. Die elementare Einheit der künftigen E-Ökonomie seien nicht die Kapitalgesellschaften, sondern freischwebende Individuen.

"Sie docken sich rund um den Globus mal hier, mal dort an einen Job an, um nach getaner Arbeit weiterzuziehen, während die großen, dauerhaft bestehenden Unternehmen zu wachsenden Hohlkörpern werden." Die Grenzen des Wachstums seien schließlich die logische Konsequenz der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung, meint der MIT-Professor: "Nur solange es billiger ist, Aufgaben innerhalb der eigenen Organisation abzuwickeln, können Unternehmen wachsen. Wenn diese Leistungen aber günstiger extern einzukaufen sind, werden die Konzerne ausgehöhlt und die Aufgaben an flexible und selbständige wirtschaftliche Einheiten übertragen."

Bisher spielten die Netzwerkunternehmer zahlenmäßig zwar kaum eine Rolle. Aber künftig werde es "ein großes Gewusel" im Netz geben von E-Lancern und anderen Anbietern. Davon ist auch Hans-Jörg Bullinger vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart überzeugt. Der Vorsitzende des Programmausschusses "Zukunft der Arbeit" arbeitet an einer weltweiten Studie über die "Megatrends" zu diesem Thema und konstatiert zwei gegenläufige Entwicklungen: Zum einen die Ausdehnung multinationaler Unternehmen zu weltweiten Wertschöpfungsverbünden, zum anderen "Arbeitskontexte auf Zeit": Selbständige Kleinunternehmer oder gar Ein-Mann-Betriebe schließen sich für begrenzte Zeit zu virtuellen Unternehmen zusammen. Wer in der neuen Ökonomie Erfolg haben wolle, müsse vor allem "hochgradig flexibel" sein, betont Bullinger.

Außerdem müssten sich die Beschäftigten darauf einstellen, dass sie spätestens in zehn Jahren weit mehr als bisher nach Leistung bezahlt würden. Herkömmliche Besitzstände wie eine automatisch wachsende Honorierung der Zugehörigkeit zum Unternehmen oder Positionen in der Hierarchie verlören an Bedeutung.

Management-Guru Charles Handy vergleicht die weltumspannende Arbeitswelt von morgen mit einem Kleeblatt. Demnach bestehen Firmen künftig aus drei Blättern: ein Blatt, vornehmlich das Management, koordiniert und initiiert die anderen beiden Blätter. Hochqualifizierte Spezialisten, die je nach Projekt zusammengerufen und verpflichtet werden, bilden das zweite Blatt. Das dritte Blatt besteht aus geringer qualifizierten externen Mitarbeitern, die für Verwaltungsaufgaben und Service zuständig sind.

Bereits heute spielt Outsourcing eine wesentliche Rolle in der Firmenpolitik. So existiert kaum noch eine Großbank, die ihre Belege selbst verarbeitet. Gehaltsabrechnungen und andere Formen der Datenverarbeitung sowie Reinigungsdienste gehören ebenfalls schon seit Jahren zu den bevorzugt ausgelagerten Bereichen. Aber Outsourcing bleibt längst nicht mehr auf geringer qualifizierte Tätigkeiten beschränkt. Enormes Potenzial sieht Bullinger vor allem bei der Entwicklung und dem Verkauf von wissensintensiven Dienstleistungen, die den globalen Handel vorantreiben.

Die Zulieferung von hochspezialisiertem Know-how und Beratungsleistungen jeder Art sei in den verschiedensten Bereichen gefragt - in der Forschung und Entwicklung ebenso wie bei der Vermittlung von Arbeit, Waren, Informationen und bei Finanzdienstleistungen, aber auch im Bereich von Pflege-, Gesundheitsdiensten, Freizeit- und Erholungsangeboten.

Das Paradigma des "IdeaDriven-Growth" etabliert sich als neues volks-, aber auch betriebswirtschaftliches Erklärungsmodell, so Bullinger: "Insbesondere kleine, explosiv wachsende Hightech-Dienstleister, die im Internet Produkte und Dienstleistungen entwickeln und anbieten, sind derzeit die Schrittmacher einer globalen Serviceökonomie."

Das Wachstum der Beschäftigtenzahlen in den USA spricht für diese Prognose. War vor 25 Jahren noch jeder fünfte Arbeitnehmer in Nordamerika bei einem der 500 größten amerikanischen Unternehmen beschäftigt, ist es heute nicht einmal mehr jeder zehnte. Der größte private Arbeitgeber der Vereinigten Staaten ist mittlerweile weder General Motors noch IBM oder UPS, sondern die Zeitarbeitsvermittlung Manpower.

Der Anteil der Freiberufler an der Erwerbsbevölkerung werde sich bis zum Jahr 2009 verdoppeln, schätzt Meinhard Miegel, Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft: "Die Grenzen zwischen abhängiger Arbeit und Unternehmertum werden sich verwischen." Die klassische Festanstellung, womöglich noch auf Lebenszeit, gilt längst als Auslaufmodell. Karriere machen künftig hochqualifizierte "Wissensarbeiter", die hohe Anforderungen erfüllen müssen, betont Heiner Bubb, Präsident der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft und Inhaber des Lehrstuhls für Ergonomie an der TU München. Zu ihren Qualifikationen, die sich rund um den Globus meistbietend vermarkten lassen, gehören analytisches und planerisches Denken, selbständiges Lernen und Problemlösen, Transferkompetenz und Teamfähigkeit sowie Flexibilität und Entscheidungsfähigkeit.

"Führungskräfte der Zukunft müssen vor allem das Chaos managen können - wie ein Filmregisseur. Denn die Wirtschaft wird in weiten Teilen quasi nach dem Modell einer Filmproduktion funktionieren. Einander völlig unbekannte Leute müssen in kürzester Zeit motiviert die Dinge zu einem exzellenten Ergebnis zusammenbringen." So skizziert Birger Priddat von der Universität Witten-Herdecke seine Vision von der Arbeitswelt der Zukunft. Hintergrund dafür seien veränderte Organisationsstrukturen in den Unternehmen, erläutert der Wirtschaftswissenschaftler.

Firmen seien in Zukunft so organisiert, dass der Kunde im Mittelpunkt steht, nicht mehr das Produkt, sagt Priddat. Damit verlieren Hierarchien an Bedeutung: "Wenn der Kunde mit einem Wunsch kommt, ist der Mitarbeiter gefordert, der eigene Sach- mit Organisationskompetenz verbinden kann - ohne vorher irgendeinen Chef zu fragen."

Gesucht seien aber auch neue Manager-Typen, betont Priddat: "Nicht mehr der Chef mit Schlips und Nadelstreifen, sondern Leute, die sozusagen wild Bindungen erzeugen können: zeitlich befristete Bindungen ans Unternehmen, zwischen den Beteiligten und ans Projekt."

Probleme in der EinkommensverteilungDie Mehrheit der Menschen in beschäftigungsfähigem Alter wird diese hohen Anforderungen an Wissensarbeiter der Zukunft allerdings kaum erfüllen können und zunehmend auf vergleichsweise schlecht bezahlte, zeitlich befristete Tätigkeiten angewiesen sein. Sie werden mehrere Jobs gleichzeitig ausüben, um irgendwie über die Runden zu kommen, vermuten Arbeitsmarktexperten. "Modellhaft gibt es das ja längst", sagt Priddat: "Da hat einer Soziologie studiert, arbeitet als Taxifahrer, fährt nachmittags für den Pizza-Service und abends schreibt er gegen Geld Dissertationen für andere - Letzteres dann in Schwarzarbeit."

Probleme sieht der Wirtschaftswissenschaftler insbesondere bei der Einkommensverteilung: "Der Gesamtlohn für den Einzelnen wird dabei nicht größer sein als bei einer Vollzeitstelle. Man wird also fürs gleiche Geld, negativ gesagt, mehr und länger arbeiten müssen und, positiv gesagt, flexibler und freier arbeiten können."

Für DAG-Chef Roland Issen ist das virtuelle Unternehmen der Zukunft geradezu ein Schreckgespenst, das den Menschen vor allem soziale Unsicherheit, Dauerstress und mehr psychische Belastungen brächte. Ein Großteil der heutzutage Arbeitslosen seien un- und angelernte Kräfte, sagt Issen. Auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft würden jedoch nur die Fittesten überleben. Die Arbeitslosigkeit werde weiter steigen und die Gesellschaft noch stärker zwischen Arm und Reich zerfallen, so das Horrorszenario des Gewerkschaftsvertreters.

Für eine neue Definition von Wohlstand plädiert Patrick Liedtke vom Club of Rome. Grundlage dafür könnte ein "Drei-Schichten-Modell" der "Tätigkeitsgesellschaft" sein. Neben einer existenzsichernden Grundarbeit von etwa 20 Stunden wöchentlich für diejenigen, die in der freien Wirtschaft nicht mithalten können oder wollen, plädiert Liedtke für eine Aufwertung der unbezahlten Arbeit in Haushalt, Familie und Ehrenamt. Außerdem sollen die rechtliche und wirtschaftliche Benachteiligung von Teilzeitkräften beseitigt und verstärkt Möglichkeiten geschaffen werden, "zwei oder auch mehr Teilzeit-Arbeitsverhältnisse miteinander zu verbinden".

So lasse sich der berufliche Einsatz in jeder Lebensphase an die individuellen Bedürfnisse anpassen, meint Liedtke - etwa um in jungen Jahren Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen, oder um in der dritten Lebensphase allmählich in den Ruhestand zu gleiten.

Ob Globalisierung und E-Lance-Wirtschaft zu einer "Blüte individuellen Wohlstands, persönlicher Freiheit und Kreativität" führen werden, wie Fortschrittsoptimist Laubacher vermutet, oder eher tiefe soziale Brüche und Verwerfungen hervorrufen wird, wie Kritiker der neuen Arbeitswelt befürchten, bleibt abzuwarten. Einig sind sich die Experten allerdings schon jetzt, dass all jene durchs Raster fallen werden, die über keine besonderen Talente und keinen Netzzugang verfügen.

Selbst wer als Angestellter im Unternehmen verbleibt, muss künftig mehr Selbstverantwortung an den Tag legen. Dazu gehört etwa die ständige Weiterbildung auch auf eigene Kosten. Denn langfristig zählt nicht mehr das "Employment", also der Arbeitsplatz, sondern die "Employability", neudeutsch Beschäftigungsfähigkeit. Mitarbeiter müssen künftig "sinnbildlich eine Selbst-GmbH gründen" und sich damit als Unternehmer in eigener Sache verstehen, rät Heinz Fischer, Personalvorstand der Deutsche Bank AG: "Selbst-Unternehmer und -Unternehmerinnen zeichnen sich durch Eigenständigkeit, Eigenbestimmtheit, Eigenverantwortung und Eigeninitiative sowie durch die Bereitschaft wie die Fähigkeit aus, den Geschäftserfolg für ihre Selbst-GmbH zu maximieren. Sie nutzen ihre Chancen, wie und wo sie sich bieten."

*Dagmar Sobull arbeitet als freie Journalistin in Hannover.