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05.05.1995

Mitteleuropas Computerszene nun vor einem guten Take-off?

Mit der Beseitigung des eisernen Vorhangs Ende 1989 erhofften sich viele westliche Unternehmen schon bald bluehende Maerkte im Osten. Eine Vision, die schwerlich ad hoc realisiert werden konnte, zumal der Uebergang von der zentralistischen Plan- zur westlichen Marktwirtschaft kaum ein Spaziergang war, wie anfangs so mancher Anbieter noch glaubte. Nur step by step erholen sich die mittel- und osteuropaeischen Maerkte und beginnen, eine funktionierende Computerindustrie aufzubauen.

Nach Jahren des wirtschaftlichen Niedergangs scheinen die ehemaligen Ostblockstaaten nun wieder auf dem Wege der Gesundung zu sein. Der seit 1990 anhaltende Schrumpfungsprozess macht neuem Wachstum Platz. Allerdings zeigt sich der Aufschwung bei den mittel- und osteuropaeischen Nachbarn recht unterschiedlich.

So konnte Polen mit seinen vierzig Millionen Einwohnern bereits 1993 das Bruttoinlandsprodukt steigern und verbuchte im letzten Jahr ein Wachstum von 4,5 Prozent. Die Arbeitslosenquote lag dagegen noch bei 17 Prozent. Polnischen Wirtschaftsexperten zufolge wird sich daran demnaechst kaum etwas aendern.

Bei einem Zuwachs von zwei Prozent sind im kleineren Ungarn - neun Millionen Einwohner - etwa elf Prozent der Bevoelkerung ohne festen Arbeitplatz. Anders die ebenfalls neun Millionen Menschen zaehlende Tschechische Republik: Hier habe man nach der politischen Wende "auf Schocktherapien verzichtet", meinen Beobachter, und mit einer "vorsichtigen Anwendung des Konkursgesetzes" die Arbeitslosenzahlen bei vier Prozent halten koennen. Das Wachstum betrug 1994 etwa 2,5 Prozent. Die wirtschaftliche Entwicklung in Tschechien erscheint Insidern am stabilsten in der mitteleuropaeischen Region (Polen, Ungarn, Tschechische Republik): Der Staatshaushalt ist ohne Defizite und die Inflationsrate mit etwa acht Prozent relativ niedrig.

In Mitteleuropa ist man der Auffassung, dass der wirtschaftliche Aufschwung mit der Computerisierung der Gesellschaft zusammenhaengt. 1994 wuchs der IT-Markt Polens, Ungarns und Tschechiens um etwa 25 Prozent.

Trotz dieser Tendenzen sind PC-gestuetzte Arbeitsplaetze in den Unternehmen noch in der Minderheit. Somit wird die Adaptionsrate der Informationstechnologie in diesen Regionen auch in den kommenden Jahren noch hoch sein und die zu erwartenden Wachstumsraten betraechtlich.

Vor allem der russische IuK-Markt besitzt ein grosses Potential und ist bereits jetzt extrem PC-orientiert. Alexandre Giglavyi, Leiter einer Moskauer Informatik-Eliteschule, meint dazu: "Etwa achtzig Prozent aller genutzten DV-Technik in unserem Lande sind PCs." Im letzten Jahr seien allein fuer Hardware etwa 1,1 Milliarden Mark ausgegeben worden. Eine Entwicklung, die besonders grosse amerikanische Firmen ins Land locke. Bereits Anfang 1990 haetten die ersten Unternehmen ihre Geschaeftsstellen in Ballungszentren wie Moskau und Sankt Petersburg eroeffnet.

Deutsche Unternehmen, so der Informatiker, wuerden hingegen vorsichtiger agieren und eher im naeheren Ausland investieren.

Was die Laender vor der deutschen Haustuer anbetrifft, so sind sie trotz ihres gemeinsamen grossen IuK-Bedarfs sehr unterschiedlich mit DV-Equipment bestueckt (siehe Tabelle). Waehrend die Tschechen den groessten Mainframe- und Server-Anteil halten, bestimmt in Polen und Ungarn der PC die DV-Welt.

Laut Ivan Straka, Medienbeobachter aus Prag, entwickelt sich Mitteleuropas Low-end-Buerosegment "sehr intensiv", und Client- Server-Technologien werden zu allgemeinen Standards.

Vor allem in Ungarn haben sich viele arbeitslose Akademiker selbstaendig gemacht und verhelfen dem Soho (Small Office Home Office)-Markt zu einem schnellen Auftrieb. Dennoch: Die Dynamik der Branche sei immer noch "von grossen Regierungs- und Bankenprojekten abhaengig", behauptet Dezsoe Futasz, DV-Berater in Budapest.

Ein eher begrenztes Potential, das in den kleineren Laendern zur Marktsaettigung fuehren koennte. Waehrend in Ungarn 1994 nur etwa zwei Prozent mehr fuer Hardware ausgegeben wurden als im Jahr zuvor, erwarten Beobachter fuer die polnische und tschechische Republik kuenftig zweistellige Zuwaechse.

Die DV-Branche ist im Wachsen

Im Gegensatz zum Hardware-Angebot, das hauptsaechlich von westlichen Herstellern bestimmt wird, koennen sich die einheimischen Softwerker besser behaupten als die auslaendische Konkurrenz. In Polen decken sie etwa die Haelfte aller Software- und Beratungsleistungen ab. Tschechische und ungarische Kunden kaufen dagegen lieber bei westlichen Vendors wie Novell, Microsoft, Oracle, Autodesk und Informix. Dabei verkaufen allein in Ungarn mehr als hundert Firmen - vom fuehrenden VAR bis hin zum neugegruendeten kleineren Unternehmen - ihre Loesungen auf dem internationalen Parkett.

Waehrend in den Kommunen und Banken Produkte namhafter Hersteller dominieren, bevorzugt der mitteleuropaeische Bildungsbereich eher Loesungen einheimischer Hersteller.

Die geografische Lage Mitteleuropas sowie traditionelle Beziehungen zu Ost und West werden kuenftig ideal fuer die Etablierung paneuropaeisch taetiger Firmen sein. Einen Beitrag dazu leisten auch Fachmessen wie die Invex, die jaehrlich im Oktober in Tschechien (Brno) stattfindet. Im vergangenen Jahr praesentierten dort rund eintausend Aussteller aus den IT-starken Laendern ihre Produkte.

Rund um die Branche sind in der mitteleuropaeischen Region seit der politischen Kehrtwende auch neue Medien entstanden. Neben Zeitschriften, die westliches Know-how praesentieren und seit etwa 25 Jahren am Markt sind wie die Warschauer "Informtyka", gibt es zahlreiche andere Computerblaetter. Eine wahre Erfolgsstory ist das polnisch-deutsche Verlagshaus Lupus, das mittlerweile neun Computertitel vertreibt und im eigenen Testlabor die vom Markt angebotenen Systeme prueft. Der amerikanische IDG-Verlag ist seit Ende der 80er Jahre mit den polnischen, tschechischen und ungarischen Versionen der "Computer World", "PC World" und anderen Magazinen vertreten.

Viele einheimische Verlagshaeuser sind auf der Suche nach Joint- venture-Kapital. Nur wenige Publikationen wie die tschechische "Softwarove noviny" koennen sich ohne westliche Hilfe am Markt behaupten.

Als bevoelkerungsstaerkstes Land Mitteleuropas "mit dem groessten IuK- Nachholbedarf" werde die polnische Republik kuenftig eine grosse Rolle spielen, behauptet Waclaw Iszkowski, Praesident der polnischen Kammer fuer Informatik und Telekommunikation. In diesem Jahr rechne man mit einem Volumen fuer Hardware, Software und Services von etwa 2,5 Milliarden Mark.

Was naehere Angaben zur gesamten DV-Situation des Ostens betrifft, kommen selbst Marktforscher wie Dataquest und IDC ueber oberflaechliche Untersuchungen nicht hinnaus. Somit fehlen den an den Ostmaerkten interessierten Firmen bisher offizielle Statistiken und Daten zu den Wachstumsdekaden von 1984 bis 1994.

Auch Analysen und Prognosen von IBM, Informix, Oracle oder Compaq sind kaum aussagekraeftig, da sie die Informationen auf europaeischem Niveau aggregieren, ohne die ehemaligen RGW-Staaten im einzelnen zu betrachten.

Die Historie der polnischen Computerindustrie begann Ende der 60er Jahre mit der Mainframe-Aera und dem Bau des "ZAM-41" sowie "Odra 1305", einem Grossrechner, der binaerkompatibel zur "ICL 1900" war. An dem ostblockweit verwendeten Einheitlichen System der Elektronischen Rechentechnik (ESER) - eine Folge des Comecon - beteiligten sich die polnischen Rechnerbauer mit "Riad", einer Kopie des 360er Mainframes von IBM, sowie Minicomputern auf Basis der PDP-Anlagen von DEC (siehe auch CW-Sonderausgabe zum zwanzigjaehrigen Bestehen, November 1994, Seite 256). Einer eigenstaendigen Grossrechnerentwicklung, resuemiert Iszkowszki, habe man ein viel zu fruehes Ende bereitet.

Die Entwicklung des polnischen PC-Marktes sei "auf dem Ruecken mutiger Pioniere" ausgetragen worden, behaupten Insider. Mit "Rucksackimporten aus dem fernen Osten" habe man die Einfuhrbeschraenkungen der sozialistischen Planwirtschaft umgangen und mit dem "Zusammenbau der Rechner aus dem Koffer" Polens neue DV-Aera eingelaeutet.

Legale Grundlage fuer die ersten privaten Unternehmen sei ein laengst in Vergessenheit geratenes Gesetz aus den 30er Jahren gewesen. Die "schwere Anfangszeit" kommentiert Leonard Zabielski, Geschaeftsfuehrer des schwedisch-polnischen Softwarehauses Tessel- Systems: "Wer gelernt hatte, unter den Bedingungen der sozialistischen Mangelwirtschaft unternehmerischen Ehrgeiz und Improvisationskunst zu entwikkeln, der konnte auch in der westlichen Marktwirtschaft bestehen."

Die Liberalisierung der polnischen Wirtschaft und Industrie sowie die Einfuehrung einer konvertierbaren Waehrung fuehrten nach der Wende zur Explosion der privaten Computerszene. Waehrend staatliche Firmen noch mit dem Zusammenbruch der traditionellen Ost-Maerkte kaempften, florierten bereits die kleinen privaten Anbieter.

Softwarefirmen nutzen Vorteile

Daneben praegten auslaendische Global-Player die Szene. Derzeit sind in den Unternehmen des Landes etwa 400 AS/400, diverse HP9000 und Workstations von Sun, Silicon Graphics sowie Intergraph installiert; ergaenzt durch Powerserver und Number-Cruncher in den Universitaeten. In den grossen Rechenzentren wie dem ZUS, dem Amt fuer die Auszahlung der Renten und Angestelltengehaelter, stehen Maschinen von Cray und Convex.

Der Bestand in Polen wird derzeit auf 250000 PCs geschaetzt. Davon kommen 60 Prozent von den einheimischen Clonemakers, 40 Prozent von Firmen wie Olivetti, HP etc. Seit Anfang letzten Jahres scheint sich die Softwaresituation in Polen zu stabilisieren. Mit dem Gesetz zum Schutz des Copyrights kam auch das Startzeichen fuer viele westliche Firmen mit ihren aggressiven Marketing-Kampagnen. Besonders erfolgreich waren hier Novell, Informix und Oracle.

Gegen die Uebermacht auslaendischer Softwaresysteme konnten sich die Loesungen der polnischen Entwickler kaum durchsetzen. Eine Ausnahme macht die Malkom Ltd., Warschau, mit ihrem "QR-Tekst-Editor", einer Textverarbeitung. Ein sicherer Markt fuer die einheimischen Softwerker scheinen Anwendungen fuer den Finanz- und Buchhaltungsbereich zu sein. Hier nutzen sie Heimvorteil: Kenntnis von gesetzlichen Regeln, Verordnungen sowie des Wirtschaftssystems.

Das betrifft auch Loesungen fuer die Aus- und Weiterbildung. So entwickelte die Supermemo World aus Poznan eine "Datenbank fuer den Selbstunterricht", die das einfache Erlernen von Fremdsprachen ermoeglichen soll und auf dem amerikanischen Markt Interesse findet. Mit multimedialen Systemen und einer neuen Programmiertechnologie fuer Soundkarten konnte sich die Young Digital Poland aus Gdansk einen Namen machen. Nach Schaetzungen der Warschauer Polish Software Market Association, eines Verbunds der Softwerker des Landes, betraegt der Anteil der lokalen Firmen an Bankenloesungen etwa 50 Prozent.

Die Telekommunikation nimmt beim polnischen Nachbarn eine Schluesselposition ein. Fuer die Computerisierung der Wissenschaft - ueber das Nask-Netz sind zur Zeit mehr als 150 Institutionen und Hochschulen ueber 10 000 Rechner miteinander verbunden - seien im letzten Jahr etwa 20 Millionen Dollar investiert wor- den, erklaert Kammerpraesident Iszkowski. Hinzu kaemen Daten-Highways wie das moderne ATM-Netz in der Landesmetropole.

Zu den namhaften polnischen Firmen der Branche gehoert die DGT Ltd., Gdansk, Anbieter von digitalen Telefonsystemen. Mit mehr als 71000 verkauften Loesungen machte das Unternehmen 1994 einen Umsatz von zehn Millionen Dollar. Die 1988 gegruendete Sprint Telecommunication Ltd. aus Olsztyn hat sich auf Netzwerktechniken spezialisiert. Laut Geschaeftsfuehrer Jan Chojecki betrug der Umsatz der Firma im vergangenen Jahr vier Millionen Dollar.

Das Know-how polnischer IuK-Anbieter scheint auch auf internationalen Messen mehr Beachtung zu finden. So ist Iszkowski mit dem Resultat der diesjaehrigen CeBIT "aeusserst zufrieden" und plant, fuer den naechsten Hannover-Treff groessere Standflaechen zu mieten. "Wir wollen zeigen, dass Polen eine aufstrebende Computerindustrie hat und wir nicht nur der Absatzmarkt fuer westliche Firmen sind", meint er. "Die Zeit ist reif fuer eine Zusammenarbeit im Markt."

Und so suchen nicht nur polnische Hard- und Software-Anbieter nach auslaendischen Partnern. Ost- und Mitteleuropa braucht die Kooperation mit anderen Laendern. Dabei sieht sich die neue oestliche Anbieterriege wohl kaum als verlaengerte Werkbank der Key- Player des Marktes, sondern will selbst Wissen und Koennen in die internationalen Buendnisse einbringen.

* Rosa Vojuvic-Mondovic ist Mitarbeiterin der Eprconsult GmbH, Frankfurt am Main; Thomas Gloerfeld ist bei der Unternehmensberatung Andreas Dripke GmbH, Wiesbaden, beschaeftigt.