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24.10.1997 - 

Betriebswirtschaftliche Standardsoftware/PPS-Anwender berichten über ihre Erfahrungen

Mittelstand und SAP trennen noch Welten

Manchem DV-Leiter drückt die unüberschaubare Komplexität und das hohe Alter seiner Software-Umgebung aufs Gemüt. Rechtfertigen kann er die uferlos gestiegenen Aufwendungen für Pflege und Betrieb der fragmentarisch verstreuten Systeme und Schnittstellen jedenfalls nicht mehr. In der Klemme zwischen unstrittiger technischer Kompetenz der Eigenentwicklungen und der Forderung nach Transparenz, Flexibilität und Kostenbewußtsein muß er sich dem Diktat der Fachabteilungen und Führungsetagen beugen. Standardsoftware soll den Nutzen der Informationstechnologie endlich unter Beweis stellen.

"Produktiver und flexibler" wollte man sich gegenüber den Kunden in Szene setzen, erinnert sich Erwin Strittmatter, DV-Leiter der Josef Bernbacher und Sohn GmbH in München. 1995 entschied sich der bayerische Nudelspezialist für ein PPS-System der Firma Soft M, das sich letztlich in einem "aufwendigen Auswahlprozeß" für die AS/400-Umgebung durchsetzen konnte. Bei Bernbacher ist man sich sicher, daß in puncto Sicherheit, Software-Angebot und Kosten vorläufig keine Alternative zur AS/400 in Sicht sei.

Auch Richard Urich stimmt das Hohelied auf die IBM-Maschine an, kämpft jedoch mit einer anderen Dimension von Problemen. Der DV-Leiter der Schroff GmbH, einem weltweit operierenden Anbieter von Schaltschränken im badischen Straubenhardt, steuert derzeit den Umstieg auf eine PPS-Lösung von J. D. Edwards in allen Niederlassungen rund um den Globus. Bis zu 90 Prozent Eigenentwicklungen und ein zu teurer Mainframe veranlaßten zum Handeln. Daß die Tochter eines US-Konzerns mit ihrem Projekt in zweistelliger Millionenhöhe "voll im Plan" liegt, findet Urich schon verwunderlich. Denn das Projekt stand zu Beginn unter keinem guten Stern.

"Ich habe alle Berater ausgetauscht", redet der Experte Klartext. Keine Erfahrungen hätten die Consultants mitgebracht, die frisch von der Uni auf den Anwender losgelassen wurden. Bis er den gewünschten Partner endlich an sich binden konnte, sei die Spannung zwischen Urich und dem PPS-Anbieter kaum noch auszuhalten gewesen.

Heute ist man wieder guter Dinge und die Firma Schroff inzwischen zum Referenzkunden avanciert. Daß man sich nicht für SAP entschieden habe, wie im Nordschwarzwald ursprünglich geplant und wogegen die US-Mutter aus Kostengründen heftig protestierte, sei im nachhinein "die richtige Strategie" gewesen. Laut Urich war die Diskrepanz zwischen kleinen und großen Einheiten in der weltweiten Niederlassungsstruktur für SAP einfach ungeeignet.

Voll im Budgetplan liegt auch das PPS-Projekt von Michael Eppinger, Geschäftsführer der ESA Eppinger Werkzeugbau GmbH in Denkendorf. Doch ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Trotz Einhaltung des Etats für Software und Hardware, Beratung und Schulung fallen jetzt hohe interne Personalkosten an. Aber nicht nur viel Zeit ist mit der Eingabe von Bewegungsdaten verbunden: "Eine Reihe von Studenten geben noch immer Daten ein."

Eppinger übt sich in Selbstkritik: "Wir haben die Katze im Sack gekauft." Seit 1989 war zwar ein leistungsfähiges System von Triumph-Adler im Einsatz, das allerdings an Performancegrenzen stieß und inzwischen von einer kleinen Softwareschmiede übernommen wurde. Gesucht war aber ein Anbieter, der aufgrund seiner Marktgröße eine gewisse Sicherheit, etwa in puncto Release-Wechsel, bietet und zudem auch noch in der Nähe ansässig ist.

Einführung länger als bei anderen Anbietern

Mit "Piuss Penta" von PSI, einem objektorientierten System, dessen Stärken in der Fertigung liegen, sei man "sehr zufrieden". Erfahrungen aus dem Kreis seiner Geschäftsfreunde nimmt Eppinger zum Anlaß, andere Anwender zu warnen, daß die Einführung von SAP R/3 mehr als doppelt so lange dauere als das bei anderen Anbietern der Fall sei.

Einen großen Partner suchte auch Rainer Meffert, DV-Leiter der Meffert Farbwerke AG in Bad Kreuznach. Eine Entscheidung "über das Jahr 2000 hinaus" war zu treffen. Der Mittelständler, der mit seinem Hauptsitz, ferner einer Fabrikationsstätte in Polen und einem französischen Handelshaus rund 150 Millionen Mark Umsatz erzielt und 300 Mitarbeiter beschäftigt, hat mit "Baan Triton" sein "Herzstück" gefunden. Anstatt der geplanten zwölf ist es in nur acht Monaten eingeführt worden.

"Unerfreuliche Reaktionszeiten"

Sicherheit und Vertrauen gibt ihm ein Partner, mit dem man schon früher zahlreiche DV-Projekte gestemmt hatte und der auch die Baan-Entscheidung maßgeblich beeinflußt habe. So sei auch das Problem zu ertragen, daß sich mit dem Hersteller "unerfreuliche Reaktionszeiten" und "überfällige Releases" ergeben.

Spätestens jedoch mit der Integration eines HP-Kompetenzzentrums habe sich das Projekt wieder "erfreulich" entwickelt. Neben PPS stehen nun mit EDI und Workflow weitere strategische Projekte auf dem Plan. "Über den Euro oder das Jahr 2000 machen wir uns keine Sorgen, weil wir offenbar den richtigen Partner gefunden haben."

Weitere Anwendererfahrungen über die PPS-Einführung ließen sich heranziehen, wären da nicht die großen Vorbehalte gegenüber der Darstellung in der Presse. Aus Angst vor Repressionen trauen sich viele nicht, ihre Namen zu nennen. Insbesondere mittelständische Unternehmen haben oft ein falsches Bild von den tatsächlichen Marktverhältnissen.

"SAP wird total überzogen diskutiert", mahnt denn auch Georg Neubauer, PPS-Experte vom Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) in Berlin. Im Mittelstand gebe es eine Reihe sogenannter No-names, die mit ihrem Branchen-Know-how die Walldorfer auf die hinteren Plätze verweisen, so Neubauer. Ähnlich wie die Experten vom Aachener Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR) bieten auch die Fraunhofer Hilfe.

Doch bevor sich ein Unternehmen für das Thema Standardsoftware erwärmt, sollte es seine Hausaufgaben machen. Die erste Frage lautet: Welche unternehmerischen Ziele wollen wir verfolgen? Sind Durchlaufzeiten zu verkürzen, ist die Kapitalbindung zu reduzieren oder das Time-to-market zu beschleunigen? Erst wenn man sich darüber Klarheit verschafft habe, stünden die Prozesse auf dem Prüfstand.

Viele Anwender zerbrechen sich den Kopf über die richtigen Methoden und die am besten geeigneten Anbieter. Kein Wunder, daß man sich bis ins kleinste Detail verheddert: "over-engineered" - und die Vorbehalte wachsen. Doch damit hat man sich keineswegs vor dem Schlimmsten gewappnet. Was ist mit weiteren Modulen, wie gestaltet sich der Release-Wechsel, welchen Aufwand bringt das Customizing mit sich? Wer nicht über den Tisch gezogen werden will, dem empfiehlt Neubauer, frühzeitig einen Vertrags-Manager abzustellen: "Den DV-Leiter eher nicht..

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Noch bevor sich ein Unternehmen für das Thema Standardsoftware erwärmt, sollte es seine Hausaufgaben machen, also fragen: Welche Ziele wollen wir erreichen, welche Durchlaufzeiten anstreben, wie die Kapitalbindung und den Time-to-market reduzieren etc. Nach der Entscheidung indes stellen sich weitere Fragen hinsichtlich Customizing, Release-Wechsel etc. Sorgfalt ist auch auf die Vertragsgestaltung zu legen; der DV-Leiter ist hier häufig überfordert. Ein Fachmann lohnt sich.

*Max Leonberg ist freier Autor in München.