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29.10.2004

Mobile IT beschleunigt den Güterverkehr

Railion Deutschland, der Güterverkehrsbereich der Deutschen Bahn (DB), hat seine mobile IT-Infrastruktur von Grund auf modernisiert und damit seine Produktionsprozesse erheblich beschleunigt.

Das Arbeiten mit mobilen Endgeräten war für die Railion-Mitarbeiter kein Neuland: Bis zum Frühjahr 2004 war im bundesweiten DB-Güterverkehrsnetz eine Anwendung namens "Mobile Datenerfassung" (MDE) im Einsatz. Als Frontends dienten betagte, auf 386SX-Prozessoren basierende, tragbare Datenfunkgeräte, die lediglich über eine LCD-Anzeige verfügten. "In den Bahnhöfen waren jeweils Funkantennen beziehungsweise Koppelrechner installiert, die mit dem zentralen Großrechner in Verbindung standen", beschreibt Rolf Degenkolb, Projektleiter bei Railion Deutschland, die überholungsbedürftige Hardwarebasis der alten Lösung. Letztere deckte sämtliche Produktionsprozesse - von der Zustellung und Abholung der Wagen beim Kunden über die Reihung der Züge bis hin zu deren Überprüfung - ab.

Ein weiteres Manko der MDE-Altanwendung: Sie ermöglichte den Mitarbeitern zwar, Daten unterwegs zu erfassen, ihnen zugewiesene Aufträge mussten sie allerdings noch in Papierform entgegennehmen. Die Folge war ein Hantieren mit Formularen und langen Listen. Der Abgleich mit den Daten des zentralen Rechensystems war ausschließlich über Terminals in den Bahnhöfen möglich. Als besonders problematisch erwies sich der One-Way-Ansatz jedoch im Bereich der Kundenbedienung. "Die Funkverbindung war auf die Rangierbahnhöfe begrenzt - wer sich also vor Ort beim Kunden aufhielt, war grundsätzlich offline", blickt Bernhard Vornholdt zurück. Ehemals für die Betreuung des Altsystems zuständig, ist er heute in der Railion-Zentrale für die fachliche Seite der neuen Anwendung verantwortlich.

Zeitnahe Eingaben sowie der Zugriff auf vorhandene Kundendaten von unterwegs waren demnach ausgeschlossen. Aus diesem Grund erhielten auch die Disponenten im Kundenservicezentrum von Railion Deutschland Informationen zum jeweiligen Status eines Auftrags erst, wenn der Mitarbeiter in den Rangierbahnhof zurückgekehrt war und die Daten abgeglichen hatte - ein Prozedere, das zu viel Zeit in Anspruch nahm und auch die Aktualität der Systemdaten verzögerte. Weitere Einschränkungen ergaben sich daraus, dass nicht jeder Railion-Standort mit der entsprechenden Technik ausgestattet war.

Zukunftsfähige Grundlage

Das sollte sich ändern: Angesichts des technisch verschlissenen Altsystems, aber auch aufgrund des Rückgabezwangs der analogen Funkfrequenzen an die Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation beschloss der Schienen-Carrier im Jahr 2001, eine neue Lösung auf einer technisch zukunftsfähigen Basis zu entwickeln. Für Railion bedeutete das den Umstieg von der primär drahtgebundenen Datenübertragung etwa via X.25 und TCP/IP auf die Plattform GSM/GPRS. Ziel war eine zentral administrierte Anwendung, die keine eigene Infrastruktur erforderte und das Ausmustern der alten Koppelrechner ermöglichte. Die bestehenden Abläufe und übergreifende Prozesse sollten dabei weitgehend unverändert bleiben. Nach einer europaweiten Ausschreibung, die DB Systems, der IT-Dienstleister der Deutschen Bahn, gewann, machte sich Railion im Juli 2002 an die Umsetzung des Projekts.

"Heute erfolgt die Anbindung an die Backend-Systeme mittels GSM/GPRS", erklärt Ralph Schäfer, Leiter des Produktentwicklungsteams Supply-Chain-Management bei DB Systems, der das Railion-Projekt technisch begleitet hat. Seit März 2004 erledigen rund 3500 Railion-Mitarbeiter ihre Arbeit mit Hilfe moderner Industrie-Handhelds. Die für ihr operatives Geschäft benötigten Informationen etwa zur Überprüfung der Wagenreihung oder für den Funktions-Check der Wagenbremsen erhalten sie via Funk - unabhängig vom Aufenthaltsort. Nach Auftragabschluss wird der aktuelle Status über die elektronischen Assistenten direkt an die zentralen Rechensysteme gemeldet. Auf diese Weise sind heute auch die Disponenten im Kundenservicezentrum zeitnah informiert.

Die technische Basis

Grundlage der neuen Mobillösung ist das in Kooperation mit DB Systems entwickelte System "Cargo Digitale Datenkommunikation" (CDD). Die in Java programmierte Applikation befindet sich sowohl auf dem Server als auch lokal auf dem mobilen Client. Damit läuft sie unabhängig von der Verbindung zum Netz oder zum Server. Als intelligentes Bindeglied zwischen den Frontends und den Backend-Systemen dient der modular aufgebaute System-Management-Server: Das auf Solaris und Bea Weblogic basierende Kernstück der Anwendung fungiert als Middleware und ist zuständig für Sicherheitsmechanismen wie Authentifizierung und Autorisierung, aber auch für das Auditing, die technische und fachliche Protokollierung sowie die Nutzerverwaltung.

Always online

Die Datenverbindung zum Endgerät erfolgt über GPRS in einem mobilen Virtual Private Network (VPN) des öffentlichen Funknetzes von T-Mobile und ist damit laut Railion flächendeckend verfügbar - zumal die Netzanbindung der Güterbahnhöfe im Zuge des Projekts ebenfalls verbessert wurde. "Durch die Kommunikation via GPRS besteht praktisch eine permanente Datenverbindung", erklärt Schäfer. Anders als bei dem Datenübertragungsverfahren HSCSD (Highspeed Circuit Switched Data), das bei jeder Aktion einen neuen Verbindungsaufbau erfordert, buchen sich Mitarbeiter heute zu Beginn ihrer Schicht einmal ein und bleiben dann online.

In Sachen Hardware fiel die Entscheidung zugunsten des Industrie-Handhelds "Dolphin 9500" von Handheld Products (HHP) auf Basis von Microsofts Betriebssystem "Pocket PC 2003". Das wetterfeste Gerät ist für das Arbeiten bei Dunkelheit ausgelegt und konnte daher in seiner Funktion als mobiler Railion-Gefährte überzeugen.

Mit der Einführung der neuen Lösung haben die Railion-Mitarbeiter erheblich an Mobilität gewonnen: Auf der Strecke, vor Ort beim Kunden oder im Rangierbahnhof lassen sich Daten nun direkt erfassen und in Echtzeit bearbeiten. "Wer heute einen Wagen zustellt oder abholt, kann sich vorab die entsprechenden Auftragsdaten ansehen und den Auftragsabschluss zeitnah dokumentieren", schildert Vornholdt die Vorzüge des CDD-Systems.

Das Mehr an Flexibilität hat seinen Preis: "In Summe hat das Projekt zehn Millionen Euro verschlungen", so Projektleiter Degenkolb. Mit einem positiven Return on Investment (RoI) rechnet das Unternehmen in zweieinhalb bis drei Jahren: "Betriebsführung und Wartung der Altanwendung haben jährlich mit bis zu sechs Millionen Euro zu Buche geschlagen - bei CDD kalkulieren wir mit lediglich zwei Millionen im Jahr", umschreibt Degenkolb das Einsparpotenzial. Als einen weiteren Vorteil erachtet Railion die heute unmittelbare Verfügbarkeit von Auftragsinformationen für das hauseigene Kundenservicezentrum. "Je aktueller die Daten, desto präziser die Auskünfte an unsere Kunden", bringt der Projektleiter die Bedeutung des neuen Systems auch für die Qualität von Produktion und Dienstleistungen auf den Punkt.

Die Bremsfaktoren

Ernsthafte Stolpersteine hat es laut Railion kaum gegeben. Dennoch kam es zu Pannen, durch die sich der Projektabschluss um einige Monate verzögerte: Als einer der Bremsfaktoren erwies sich ein Hardwarelieferant, der seine Zusagen hinsichtlich einiger technischer Parameter nicht einhalten konnte. "Wir mussten daraufhin im laufenden Projekt den Partner wechseln und ein anderes Gerät einsetzen", erinnert sich Marcus Beier von DB Systems, der Hardwarespezialist im Railion-Projekt. Möglich sei dies nur gewesen, weil die CDD-Anwendung auf Java basiere und somit die Portierung der Applikation auf ein anderes Endgerät keine allzu großen Änderungen erfordert habe. Damit jedoch nicht genug: Zwischenzeitlich vom Auslaufen des Supports für das Handheld-Betriebssystem Pocket PC 2002 unterrichtet, sah sich das Unternehmen gezwungen, kurzfristig auf die Nachfolgeversion Pocket PC 2003 umzusteigen. "Für uns bedeutete das, bei bundesweit 2000 bereits in der Schulung und in der Produktion im Einsatz befindlichen Geräten im Nachhinein das OS auszutauschen", blickt Beier zurück.

Für diese Verzögerungen entschädigt sahen sich die Projektverantwortlichen allerdings durch die große Akzeptanz der Mitarbeiter. Die wurden laut Degenkolb von Anfang an intensiv in das Projektgeschehen einbezogen, so dass die Lösung am Ende ihren Erwartungen entsprach. "Wir haben dem Programmierer fachprozesskundige Mitarbeiter zur Seite gestellt, so dass nicht in die falsche Richtung entwickelt wurde." Ein Anreiz zur Kooperation sei zudem sicherlich gewesen, mit den neuen Geräten "einmal etwas Modernes in der Hand zu halten".

Nach der Produkteinführung stehen nun Nachbearbeitung und Pflege des Systems an. Eine gezielte Weiterentwicklung des CDD-Systems ist bereits in Arbeit: Konkret geplant ist die Integration einer Barcodelese- und einer Fotofunktion sowie die Anbindung über das bahneigene Funknetz GSM-R. (kf)