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05.03.1982

Modernes Marienbild: Stillende Programmiererin vor dem Bildschirm

05.03.1982

Grant Johnson* Systemanalytiker, Frankfurt

Das besondere technische Charakteristikum der neuen Informationstechnik liegt in der synergetischen Zusammenkoppelung von bereits bestehenden elektronischen Techniken (und im Bereich der Technik der Datenübertragung in der Erweiterung vorhandener Kapazitäten); ihr hervorstechendes soziales Charakteristikum liegt in ihrer Anwendungsmöglichkeit in der Privatwohnung, dem Hort der gesellschaftlichen Reproduktion. Sagt man, daß die Privatsphäre erobert werden soll, so ist das zugleich richtig und falsch: Richtig ist ohne Zweifel, daß der Ort besetzt werden soll, an dem die Privatheit traditionsgemäß ihre Hochburg hatte; es wäre aber falsch zu meinen, nur die sogenannte Privatsphäre solle revolutioniert werden, vielmehr sollen vermittels dieser Technik Tätigkeiten, die traditionsgemäß außerhalb der Wohnstätte stattfinden, in die Wohnung gebracht werden. Es wäre also genauso richtig wie falsch zu behaupten, nicht die private, sondern die öffentliche Sphäre solle eine Umwälzung erfahren; in Wahrheit handelt es sich um die Verschränkung von Privatheit und Öffentlichkeit.

Dieser etwas täppische Versuch, eine passende Begrifflichkeit zu finden, hat etwas vom Streit um des Kaisers Bart an sich, doch er zwingt uns auch die Erkenntnis auf, daß Begriffe wie Privatheit und Öffentlichkeit ein vielschichtiges Verhältnis zueinander haben: Jenseits - oder vielmehr unterhalb - der Ebene, auf der solche Begriffe ihre formelle und institutionelle, juristische oder politische Bedeutung haben, besteht ein Sinnsubstrat, das eher assoziativ ist und einem ebenso assoziativen Verhaltens- und Affektsubstrat entspricht. Mit Privatheit und Öffentlichkeit werden nämlich jeweils charakteristische Vollzugsorte bezeichnet: die Wohnung und die Stadt mit den entsprechenden Interaktionsmodi, dem Umgang mit den Nächsten und den Fremden. Um den Verlauf der folgenden Überlegungen vorwegzunehmen: Sollte tatsächlich eine Konstellation aufzuspüren sein, die dem Entwurf der neuen Informationstechnik entgegenkommt, so müßten sich die ersten Anzeichen dieser Konstellation als Änderungen auf der Ebene des assoziativen Verhaltens- und Affektsubstrats manifestieren, und genau dort werden wir sie im folgenden auch suchen. Es wird dabei unterstellt, daß sich eine soziale Krise, die langfristig die zentralen Institutionen einer Gesellschaft unterspült, zunächst als Störung des assoziativen Sinn-, Verhaltens- und Affektsubstrats äußert. Konkret bedeutet das für den hier vorgestellten Fall, daß die Akzeptanz gegenüber den neuen Informationstechniken (auch) auf Störungen im Verhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verweist. Und dafür sind in der Tat, wenigstens in der amerikanischen Gesellschaft, gewisse Indikatoren vorhanden: Es besteht eine Krise des städtischen Lebens die sich beim Individuum zunächst als diffuse, in manchen Familien an Paranoia grenzende Angst vor dem Fremden äußert. Solche Angst kann sich in den Wunsch niederschlagen, dem Fremden zu entfliehen; wird sie zum Massenphänomen, erscheint sie als Tendenz zur Enturbanisierung. Enturbanisierung entspringt auf individueller Ebene dem Wunsch, sich zu ent-fremden. Hier kommt die neue Informationstechnik wie gerufen denn sie eignet sich vorzüglich als Mittel der stationären Flucht vor dem Fremden.

Welche Tätigkeitsbereiche sind es eigentlich, die die elektronische Verschränkung von Öffentlichkeit und Privatheit erfahren sollen? Es sind mehr oder weniger alle. Denn es gibt kaum einen Bereich, für den nicht bereits Vorschläge vorliegen, die notwendig auf eine im obigen Sinn gemeinte Privatisierung allen Verhaltens zielten, das bislang durch den Umgang mit Fremden bestimmt war. Nehmen wir einige Beispiele:

Arbeiten. Vor einiger Zeit ist ein Versuch bei der Control Data Corporation angelaufen, bei dem es - wen wundert's? - Programmierern ermöglicht werden soll, ihre Aufgaben per Terminal und Datenübertragungsleitung zu Hause zu erledigen. So wurde eine produktive Tätigkeit, die in urbanisierten und industrialisierten Gesellschaften durch die räumliche Trennung von Arbeits- und Wohnstätte gekennzeichnet ist, aus ihrem geografischen und sozialen Kontext gelöst wobei natürlich die funktionalen Zusammenhänge bestehen bleiben. Der Versuch gilt interessanterweise als progressiv denn er betrifft vor allem weibliche Arbeitskräfte, die nun wie es in den Werksbroschüren heißt, flexibel ihren Mutterschaftsurlaub gestalten können. (Modernes Marienbild: die stillende Programmiererin vor ihrem Bildschirm.)

Einkaufen. Die größten amerikanischen Versandhäuser haben schon damit begonnen ihre Kataloge auf die neue Technik umzustellen. Der Versandhauskatalog war, um einen Ausdruck von Edward Rose umzumünzen, the great book of the world. Unzählige pubertierende Provinzjünglinge haben ihre erste Vorstellung vom ausgereiften weiblichen Körper aus den der Nachtwäsche gewidmeten Seiten gewonnen, haben - wenn die Eltern nicht zu Hause waren - angesichts dieser aneinandergereihten, halbnackten, verführerisch sich anbietenden Frauengestalten ihr erwünschtes männliches Auftreten eingeübt, mit heftig klopfendem Herzen dem Traum nachhängend, eine aus dieser Reihe auszuwählen und mit jeden Widerstand brechender Pose sagen zu können: "Dich nehm' ich!'

Nun soll dieses "große Buch", das nur den einen gewichtigen Nachteil hat, gedruckte Warenschau, eben Buch zu sein, seine zeitgemäße Erneuerung erfahren. Und die zur Gestaltung der Videowarenschau erdachte Form ist bemerkenswert: Es ist die Form der Talk-show. Die angepriesene Ware wird als stiller Gast an einem Gespräch teilnehmen. Dieses ansonsten sicherlich sehr lebhafte Gespräch, bei dem nur die Ware eine souveräne Schweigsamkeit wahrt, soll vorführen, vorleben, wie man den stillen Gast angemessen würdigt, eine revolutionäre Form der Sozialisation.

Wählen. Einige besonders radikale Köpfe haben bereits vorgeschlagen, die repräsentative in eine elektronisch vermittelte, direkte Demokratie umzuwandeln. Derartige Vorschlage sind im Augenblick sicherlich noch nicht besonders ernst zu nehmen, doch sie sind symptomatisch. Die Regelung der Entscheidungsfrage ist gegeben, jedenfalls technisch durchführbar: Anstehende, gesamtgesellschaftlich brisante Fragen sollen möglichst gleichzeitig von Millionen von Haushalten entschieden werden - die technische Infrastruktur kann mittlerweile ja geschaffen werden. Wie es dabei zur politischen Willensbildung kommen soll, wird nicht näher erörtert, wichtig ist nur, daß dabei das Haus nicht verlassen werden muß.

Man kann die Auflistung dieser Vorschläge, Pläne und Vorstellungen beliebig fortsetzen und hetzt dabei doch immer nur den sich immer weiter steigernden Phantasieprodukten der Vertreter der neuen Technik nach.

Zitat aus Kursbuch 66, Seite 52 ff. Grant Johnson, "Auf dem Weg zum elektronischen Wehrdorf". Kursbuch/Rotbuch Verlag, Berlin 1981.

*Der Autor leitet das Center for the Study of Language and Technology in Cortona, Italien.