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15.11.1996 - 

Preiskampf bei monolithischen Büroanwendungen

Modularisierung bringt Office-Markt in Bewegung

Laut einer IDC-Studie hielt Microsoft 1995 nach ausgelieferten Stückzahlen rund 60 Prozent des weltweiten Office-Marktes, beim erzielten Umsatz sogar 84,5 Prozent. Die Hauptkonkurrenten Lotus und der neue Eigentümer von "Wordperfect", Corel, versuchen nun, ihre Position mit Niedrigpreisen zu verbessern. Angeblich vereinigte der kanadische Anbieter in den USA zuletzt fast 50 Prozent der Neukäufe auf sich. Auch Lotus will seinen Marktanteil von unter zehn Prozent im Vorjahr auf 26,3 Prozent im zweiten Quartal dieses Jahres gesteigert haben. Es überrascht wenig, daß die IBM-Tochter mit einem Verkaufspreis von 149 Dollar für das gesamte Büropaket dabei keine Umsatzsteigerung erzielen konnte. Ihr Marktanteil stagnierte bei acht Prozent. Dennoch soll der Preis für die Anfang 1997 erscheinende "Smartsuite 97" weiter auf 99 Dollar sinken.

Bemerkenswert an diesem Ausverkauf ist, daß er sich im erhofften Wachstumsmarkt für 32-Bit-Windows-Software abspielt. Die 16-Bit-Welt von Windows 3.1 hat Microsoft ohnehin schon kampflos der Konkurrenz überlassen.

Die Billigpreispolitik ist vor allem im Consumer-Markt erfolgreich, den OEMs günstig mit Bundling-Verträgen bedienen. Bei professionellen Anwendern hingegen, denen es um eine sichere Zukunft eingesetzter Software geht, hat sich Microsofts Office als Quasi-Standard etabliert. Sie bleiben von den Billigofferten auch weitgehend unbeeindruckt.

Die Gates-Company versucht, das untere Segment dieses Marktes mit einer "Small Business Edition" von "Office 97" abzusichern, die Anfang nächsten Jahres erscheinen wird. Sie wird neben "Word" und "Excel" den "Publisher 97" enthalten, der anstelle von "Powerpoint" geliefert wird. Aber selbst dieses abgespeckte Büropaket soll preislich noch deutlich über der Billigkonkurrenz bleiben.

Eine größere Herausforderung für die schwergewichtigen Windows-Anwendungen des Marktführers ist aber der Vormarsch von Internet-Technologien in die Unternehmens-DV. Unter der Bezeichnung "Intranet" bewirken sie die Entstehung eines neuen Marktes, in dessen Mittelpunkt nicht die Win-32-Programmier-Schnittstelle, sondern plattformunabhängige Standards wie HTML oder Java stehen.

Zwar öffnen Hersteller ihre traditionellen Büropakete mehr und mehr für das Internet, indem sie Funktionen wie HTML-Filter oder die Unterstützung für Hyperlinks integrieren. Doch den Verfechtern des netzwerkzentrierten Computings geht es vor allem darum, den Client auf ein wartungsfreundliches Maß zurückzustutzen. Die weitere Anreicherung der Office-Anwendungen um Internet-Features läuft diesem Trend entgegen.

Update-Karussell nähert sich dem Ende

Diese Internet-Befähigung bestehender Anwendungen ist insofern problematisch, als die schwergewichtigen Büroprogramme ohnehin schon mit Funktionen überfrachtet sind. Mehrere Studien belegen, daß die meisten Anwender Textverarbeitungen oder Tabellenkalkulationen nur zu einem Bruchteil ausnutzen. Die Zeit, als Hersteller mit immer neuen Funktionen ihre Kunden zu Updates der immer umfangreicher werdenden Anwendungen überreden konnten, geht deshalb zu Ende.

Zu diesem Schluß sind die betroffenen Anbieter bereits selbst gekommen. Sie ziehen zwei unterschiedliche Konsequenzen: Einerseits versuchen sie, Anwendern den vollen Funktionsumfang der monolithischen Anwendungen leichter zugänglich zu machen. Da dieser auf vielen Arbeitsplätzen aber nicht benötigt wird, bietet sich andererseits der Umstieg auf neue, modulare Architekturen an. Sie machen es möglich, für schlanke Clients nur ressourcenschonende Grundfunktionen einzurichten und weitere Features bei Bedarf einfach nachzurüsten. Auftrieb erhält dieses schon länger existierende Konzept durch den Erfolg von Java und die beginnende Markteinführung des Network Computers (NCs).

Da der schlanke Client den Windows-PC nicht auf allen Arbeitsplätzen ersetzen kann und die Umstellung nicht von heute auf morgen erfolgen wird, fahren Anbieter wie Corel und Lotus eine Doppelstrategie: Sie entwickeln ressourcenschonende, modulare Software und machen gleichzeitig bei den etablierten Paketen das Update-Karussell weiter mit.

Als am konservativsten erweist sich Microsoft, das Anfang nächsten Jahres mit Office 97 erneut eine Sammlung wuchtiger Anwendungen ausliefern wird. Richard Fade, Vice-President und zuständig für die Desktop-Produkte, erteilte erst kürzlich Spekulationen eine Absage, wonach Office in überschaubare OLE-Module aufgesplittet werden soll. Fortschritte in Sachen Modularität machte der Marktführer, indem er den Anteil des gemeinsam benutzten Codes auf 50 Prozent anhob. Zudem müssen bei einer File-Server-Installation von Office 97 nur mehr 20 Prozent des Programmcodes auf der Festplatte des Desktop-Rechners abgelegt werden. Der Überforderung von Benutzern durch die Funktionsfülle will die Gates-Company durch ein erweitertes Hilfesystem begegnen (siehe CW Nr. 41 vom 11. Oktober 1996, Seite 17).

Corel und Lotus sind Vorreiter bei Java-Suiten

Weiter geht die Lotus Development Corp., die typische Büroanwendungen als "Lotus Components" in Form von OCX-Modulen anbietet. Allerdings positioniert die IBM-Tochter diese Komponenten in erster Linie als Add-on für den Notes-Client, dessen Funktionsumfang sich damit aufrüsten läßt. Pikant daran ist, daß Lotus wie schon in der Smartsuite damit auf Microsofts Komponentenmodell OLE setzt und IBMs Konkurrenzsystem "Opendoc" links liegen läßt.

Einen diplomatischen Ausweg beschreitet der in Cambridge, Massachusetts, ansässige Hersteller mit der geplanten Java-Version der Smartsuite. Sie soll im nächsten Jahr auf den Markt kommen und sich an Suns "Javabeans" halten. Damit ist es den Programmen möglich, sich sowohl in OLE- als auch in Opendoc-Umgebungen einzufügen.

Auch Lotus sieht noch für geraume Zeit zwei verschiedene Märkte für Office-Anwendungen. Jeffrey Beir, Vice-President bei der Business Desktop Group, ist der Überzeugung, daß die Komponententechnik zumindest in den nächsten drei bis fünf Jahren die Nachfrage nach dem herkömmlichen Paket Smartsuite nicht gefährden werde. Es handle sich nach seiner Auffassung zunächst um einfache Werkzeuge, deren Funktionen Profi-Applikationen noch nicht ersetzen könnten.

Von den etablierten Anbietern reagierte bisher Corel mit "Office for Java" am konsequentesten auf den wachsenden Intranet-Markt. Die Textverarbeitung Wordperfect und die Tabellenkalkulation "Quattro Pro" liegen bereits in einer Betaversion vor. Da sie als Java-Anwendungen in einem Browser wie Netscapes "Navigator" ablaufen, können sie direkt von Corels Web-Server http://www.corel.com geladen werden.

Unklar ist noch, ob der kanadische Hersteller schon in der ersten Version ein bestehendes Komponentenmodell wie Javabeans nutzen wird. Aber schon die Java inhärente Modularität bietet erhebliche Vorteile. Beispielsweise wird Funktionalität in Form von Java-Klassen erst bei Bedarf auf den Client heruntergeladen. Deshalb läßt sich für mobile Anwender relativ einfach ein abgespecktes Basissystem zusammenstellen. Systemverwalter haben außerdem eine fein abgestufte Kontrolle über benutzerspezifische Konfigurationen. Hinzu kommt, daß sich Java-Methoden im Navigator über Javascript steuern und so in komplexere Anwendungen einbinden lassen.

Die Distribution der Applets erfolgt über HTML-Seiten, in die sie eingebettet sind. Änderungen oder Updates werden zentral am Server vorgenommen und gelangen automatisch zum Benutzer.

Modulare Software bringt neue Anbieter ins Spiel

Während Corel mit der Billigofferte bei Windows-Anwendungen kaum in der Unternehmens-DV Fuß fassen kann, gibt eine Studie der Meta Group dort dem Java-basierten Office-Paket gute Chancen. Die Marktbeobachter glauben, daß der kanadische Anbieter durch die Verbreitung von Intranets Microsoft im Profi-Markt erhebliche Anteile abnehmen kann, sofern sich der Marktführer nicht stärker bei Objekttechnologien engagiert.

Generell hat komponentenorientierte Software den Ruf, im Vergleich zu den großen monolithischen Anwendungen die Einstiegsschwelle für Hersteller zu senken. Die regen Aktivitäten im Java-Umfeld scheinen diese Einschätzung zu bestätigen. Dort tauchen im sonst exklusiven Club der Office-Anbieter kurzfristig neue Hersteller wie beispielsweise die Applix Inc. auf. Auch etablierte Softwarehäuser wie Oracle rechnen sich plötzlich in diesem Markt gute Chancen aus. Der Datenbankhersteller will mit einem in Java entwickelten Büropaket namens "Hat Trick" auf den Markt kommen und so die Akzeptanz des von Larry Ellison propagierten NCs erhöhen. Es wird aus einer Textverarbeitung, einer Tabellenkalkulation und einem Präsentationsgrafik-Programm bestehen. Laut Hersteller soll es sich ähnlich wie Corels Office for Java mit 2 MB Arbeitsspeicher begnügen und keine lokale Festplatte benötigen.