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23.10.1998 - 

Open-Source-Produkt als Netz-Betriebssystem

Molkerei-Experte Alfa Laval hat keine Angst vor Linux

"Ein Betriebssystem sollte nur für die Bereiche eingesetzt werden, für die es sich eignet." So lautet der kategorische Imperativ von Thorsten Keller, seines Zeichens internationaler Projekt-Manager und Netzverantworlicher der Agri Information System GmbH (AGS), Glinde bei Hamburg. In der Praxis bedeutet das: Die von Keller betreuten Marktgesellschaften der AGS-Mutter Alfa Laval Agri nutzen für die Bürokommunikation und als Front-end der SAP-Software R/3 eine Multiuser-Auführung von Windows NT. Im Back-end-Bereich, also für Dateispeicherung, Druckverwaltung, Daten-Backup, E-Mail- und Faxverkehr sowie als Name- und Web-Server bevorzugt Keller das Freeware-Produkt Linux. Auch die Clients laufen unter Linux - ohne daß die Anwender davon etwas merken würden.

Die AGS wurde vor vier Jahren aus dem Gesamtunternehmen ausgegliedert. Mit ihren 35 Mitarbeitern tritt sie als IT-Dienstleister - insbesondere als Know-how-Pool für SAP R/3 - gegenüber den europäischen Marktgesellschaften des Milchvieh-Spezialisten auf. Die skandinavischen Niederlassungen orientieren sich allerdings an einer zahlenmäßig kleineren DV-Abteilung am Alfa-Laval-Stammsitz Tumba.

In puncto IT-Infrastruktur sind sich Glinde und Tumba nicht immer einig. Das gilt besonders für das Thema Linux. Für den Netzspezialisten Keller ist das Betriebssystem wesentlich mehr als nur eine kostengünstige Lösung. Er preist die Vorzüge der Open-Source-Software mit einer Begeisterung, die seine schwedischen Kollegen nicht teilen. Ob und wann die von Alfa Laval Agri angestrebte IT-Konsolidierung schließlich einen Konsens herbeiführen wird, ist nicht absehbar.

Der schwedische Konzern profitierte zu Beginn dieses Jahrzehnts vor allem von der rasanten Marktentwicklung im Osten Deutschlands und Europas. Umsatzsteigerungen um mehr als 30 Prozent waren laut Keller eher die Regel als die Ausnahme. Doch vor etwa zwei Jahren habe das Neugeschäft dort deutlich nachgelassen. Da gleichzeitig die Milchquoten in Italien sanken und der Rinderwahnsinn den britischen Markt blockierte, habe sich das Unternehmen an weit geringere Zuwächse gewöhnen müssen. Zwar schreibe es immer noch schwarze Zahlen, doch drehe es mittlerweile jede Mark zweimal um.

Angesichts des mehr oder weniger unerwarteten Gegenwinds beschloß das Konzern-Management, die bis dahin wenig standardisierten Informationssysteme einer gründlichen Revision zu unterziehen und weitgehend zu vereinheitlichen. "Unser Vorstand war der Ansicht, Alfa Laval Agri benehme sich bislang wie eine bessere Genossenschaft", erläutert Keller.

Die Entscheidung für R/3 fiel allerdings schon ein wenig früher - "als wir noch richtig Kohle hatten", fügt der Vernetzungsspezialist mit hintergründigem Lächeln hinzu. Jüngeren Datums ist hingegen das andere der beiden in Tumba erlassenen Dogmen. Es heißt: Microsofts Office 97 auf jedem Büroarbeitsplatz.

Kellers Team besteht aus vier Mitarbeitern, die beinahe 500 Anwender in 15 Netzen betreuen. Um sich die Arbeit zu erleichtern und die Kosten so gering wie möglich zu halten, experimentierte AGS schon vor drei Jahren mit der Fernadministration von Windows-Arbeitsplätzen. Die Netzadministratoren hatten eine Infrastruktur erstellt, bei der Windows 3.11 mitsamt den Applikationen auf einem zentralen Server installiert und jeden Morgen auf die mit DOS ausgestatteten Clients heruntergeladen wurde.

Diese Lösung erzeugte allerdings eine extrem hohe Startlast im Netz und beschänkte sich zudem auf die 16-Bit-Welt. So suchte das Unternehmen bald nach einer Weiterentwicklung dieser Technik, denn der Einsatz von Office 97 setzte den Umstieg auf ein 32-Bit-Betriebssystem, sprich: auf Windows NT, voraus.

Da das Microsoft-Betriebssystem per se nicht Multiuser-fähig ist, stellte sich Keller die bange Frage, unter welchen Umständen sich das neue System ebenso problemlos adminstrieren ließe wie das alte. Die Inhouse-Netze bei Alfa Laval arbeiteten damals mit dem Betriebssystem von Novell. Deshalb beschäftigte sich der Netzwerker zunächst mit einer Lösung auf Basis von "Netware 4.11". Dieser "Application Launcher" sorgte dafür, das die zwangsläufig lokal gespeicherte Registry der Windows-NT-User jeweils ein- und ausgetragen wurde - ein nach Kellers Dafürhalten ziemlich umständliches Verfahren: "Das schien uns wenig elegant und keineswegs aus einem Guß."

Mehr Sympathie brachte der Netzspezialist dem Konzept der Insignia Solutions Ltd. entgegen. Das britische Software-Unternehmen hatte unter der Bezeichnung "Ntrigue" eine Multiuser-fähige Version des 32-Bit-Betriebssystems Windows NT entwickelt. Sie basierte auf dem Produkt "Winframe" der Citrix Systems Inc., unterstützte aber zusätzlich zum Citrix-eigenen Übertragungsprotokoll "Independent Computing Architecture" (ICA) auch das aus der Unix-Welt stammende X.11. Keller hat eigenen Angaben zufolge in Praxistests herausgefunden, daß dieses Protokoll eine bessere Grafikauflösung und eine höhere Geschwindigkeit erlaube.

Nachdem Insignia diesen Teil seines Geschäfts vor etwa neun Monaten an Citrix verkaufte, ist Alfa Laval mittlerweile auf "Wincenter 3.1" von der Network Computing Devices Inc. (NCD), Mountain View, Kalifornien, umgestiegen. Das Konzept blieb jedoch dasselbe: In jeder Niederlassung steht ein Anwendungs-Server, auf dem das NT-Betriebssystem und die Windows-Applikationen installiert sind. Diese Maschine - jeweils ein Compaq-Gerät des Typs "Proliant" mit Dual-Pentium-Prozessor - erledigt die gesamte Verarbeitung. Via X.11-Protokoll bekommt der Client nur die Bildschirminhalte der Anwendung. Auf diese Weise ist es Keller und seinem Team möglich, allen Anwendern die neuen 32-Bit-Applikationen anzubieten, ohne die Software mehr als ein einziges Mal zu installieren - und das alles bei vertretbarer Netzlast.

Der Applikations-Server ist aber nur die eine Hälfte eines Rechnerpärchens, das in bislang zwölf der 15 europäischen Marktgesellschaften zu finden ist. Ergänzt wird er jeweils durch eine Einprozessormaschine - ebenfalls aus der Proliant-Familie. Dort läuft das neue Netzbetriebssystem der west- und südeuropäischen Alfa-Laval-Gesellschaften: Linux.

Als Keller begann, das X-Client-Konzept umzusetzen, suchte er zunächst nach einem Unix-Betriebssystem, das auch auf Intel-Plattformen lauffähig war. "SCO Unix" schied aus, weil Alfa Laval Agri vor der Nutzungsgebühr von 2000 Mark pro Arbeitsplatz zuurückschreckte. Das Open-Source-System Linux bedeutete in dieser Hinsicht eine verlockende Alternative.

Allerdings traute Keller dem Frieden noch nicht so recht: In der ersten Testinstallation fungierte Linux zwar schon als Betriebssystem auf den Clients, als File-Server diente aber Novell Netware. Wie Keller berichtet, stellte sich jedoch schnell heraus, daß das Novell-System mit den Multi- user-NT-Zugriffen nicht umgehen konnte. Die Software habe vorausgesetzt, daß sich pro Netzkarte nur ein einziger Anwender anmeldete.

Folglich mußte Keller eine Entscheidung treffen, die ihm nach eigenem Bekunden nicht leicht fiel. Er machte sich auf die Suche nach einem neuen Betriebssystem für die Backup-Funktionen.

Die Option, Windows NT in dieser Funktion zu nutzen, kam für Keller nicht in Frage. Im Vergleich zu anderen Systemen sei es langsam beim File- und Print-Serving, schlecht installierbar und nicht zuverlässig genug. "NT erfüllt seine Aufgabe optimal beim Betreiben von Windows-Applikationen, nicht beim Netzbetrieb", konstatiert der Projektleiter.

Nachdem alle anderen Möglichkeiten aus unterschiedlichen Gründen ausgeschieden waren, machte Keller aus der Not eine Tugend. Da Linux auf den Clients anstandslos arbeitete, wagte er den Versuch, das System als File- und Print-Server einzusetzen. Ganz nebenbei konnte Alfa Laval auf diese Weise auch die Anzahl der eingesetzten Betriebssysteme verringern.

Die Landesgesellschaften von diesem Konzept zu überzeugen war nicht ganz einfach. Das Argument, mit dem Keller sie auf seine Seite brachte, war - neben den reduzierten Softwarekosten - die Aussicht, daß die vorhandene Client-Hardware weiter genutzt werden konnte. Andernfalls hätten 80 Prozent der Workstations verschrottet werden müssen. So kommt es, daß sich bis auf die Skandinavier alle europäischen Niederlassungen auf Kellers Infrastruktur-Konzept eingelassen haben.

Nachdem das System seine Feuertaufe bestanden hatte, wurden auch die anderen Vorteile des Open-Source-Systems offenbar. Dazu Keller: "Linux ist ein Unix, das bedeutet: einfacher Support und hohe Stabilität." Das System laufe mittlerweile seit 200 Tagen ohne Neustart. Die Tatsache, daß es von unterschiedlichen Entwicklern optimiert werde, sei kein Argument gegen Linux, sondern sein großer Vorteil; bei etwaigen Problemen könne er über das Internet blitzschnell Hilfe bekommen. Last, but not least seien die in der Windows-Welt gefürchteten Viren unter Linux unbekannt.

Nach den guten Erfahrungen mit dem Open-Source-System hat sich Keller entschlossen, auch das im Aufbau befindliche Intranet auf einem Open-Source-Produkt aufzubauen. Als Web-Server wird die ebenfalls kostenfrei im Internet zu bekommende "Apache"-Software eingesetzt.

Der Netzverkehr innerhalb Europas läuft über ein derzeit von IBM gemietetes Virtual Private Network. Auf dieser Grundlage entwickelt die AGS bereits eine Reihe von Intranet-Anwendungen. Dazu zählt beispielsweise "Alfa Search": Die in Schweden zusammengetragene Sammlung von Benutzerhandbüchern, die bislang nur auf CD verfügbar ist, soll künftig auch im unternehmenseigenen Web nachzuschlagen sein.

Ein anderes Vorhaben betrifft die Netzadministration: Gemeinsam mit der in Lüneburg ansässigen Unternehmensberatung Manavi & Hausmann arbeitet das Keller-Team an einer Applikation, die es den Marktgesellschaften ermöglichen soll, alle ihr Netz betreffenden Daten per Intranet zu übermitteln.

Pro Netzwerk kommen etwa 120 bis 150 Parameter zusammen. Bei einem runden Dutzend unterschiedlicher Netze bedeutet die ständige Aktualisierung der Netzdaten eine Menge fehleranfälliger Routinearbeit. "Für die Inventarisierung wäre es viel sinnvoller, wenn nicht der Support, sondern ein Key-User in der Marktgesellschaft die Daten einspeist", findet Keller. Damit ließe sich der Netzsupport derart vereinfachen, daß ein derzeit notwendiger weiterer Arbeitsplatz eingespart werden könnte.

Das Administrations-Intranet soll später auch Referenzlösungen enthalten, zum Beispiel Verkabelungsstandards für Dial-in-Gateways. Mit dem Projektende ist in Kürze zu rechnen. Die Kosten beziffert Keller mit weniger als 100000 Mark.

Neben dem konkreten Nutzen will der Netzspezialist mit diesem Projekt auch einen Lerneffekt erzielen. Es geht ihm darum, herauszufinden, für welche Anwendungen und inwieweit die Intranet-Technik für die Unternehmensziele nutzbar sei. Der Web-Browser läuft im übrigen auf dem Applikationsserver. Auf diese Weise arbeiten die Anwender völlig ungestört innerhalb ihrer Windows-Welt.

Das Unternehmen

"Bauern sind heute High-Tech-Unternehmer", behauptet Thorsten Keller. Um seine These zu stützen, zählt der Netzspezialist der Alfa Laval Agri Informations Systems GmbH auf, was sein Mutterkonzern so alles produziert: von intelligenten Fütterungsanlagen und Melkmaschinen über Systeme, die per Satellit die Ausbringung von Dünger steuern, bis hin zu Geräten, die die Paarungswilligkeit weiblicher Rindviecher messen. Das im schwedischen Tumba beheimatete Unternehmen erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von beinahe anderthalb Milliarden Mark und beschäftigt 3000 Mitarbeiter in 45 Ländern. Foto: Alfa Laval Agri

Die Features

- Büroanwendungen: Microsoft Office 97 Professional, MS Project

- Mail: Netsacpe Communicatior, Sendmail

- Web-Browser: Netscape Navigator

- Firewall: Bastion-Gateway

- Kommunikation mit AS/400: Rumba AS/400 Edition 5.2 von Walldata

- Kommunikation mit R/3: SAP R/3 GUI unter Windows NT

- File- und Database-Sharing: Unix Network File System (NFS), Samba File Access Service für den Benutzer-Komfort beim Aufruf der Datenverzeichnisse

- Gemeinsamer Zugriff auf Drucker, Plotter und Scanner: Unix Print and Spool Services, Samba Print Service

- Web-Server: Apache HTTP-Server

- Telefaxe vom Desktop versenden: Hylafax for Linux

- Sicherheit: Unix Backup Tools, Unix Secure Shell, Unix Password Security

- Netz-Services: Domain Name Service (DNS), Network Information Service (NIS), X.400-Address-Service, BOOTP/ DHCP

Kellers Kriterien

für die Auswahl von Linux

- Es handelt sich um ein vollentwickeltes, robustes Unix-System.- Implementierung und Support sind einfach.- Das System läuft monate-, wenn nicht jahrelang ohne einen Neustart.- Linux läuft auf vielen unterschiedlichen Hardwareplattformen.- Das System wird von gewieften Entwicklern ständig verbessert.- Im Notfall ist über das Internet schnell Hilfe zu bekommen.- In puncto Kosten ist das Betriebssysem konkurrenzlos.- Es gibt keine Linux-Viren.

Kellers Argumente

gegen NT als Netz-Betriebssystem

- Es gibt keine Speicherplatzbegrenzung für User.- Im laufenden Betrieb ist kein Treiber-Update möglich.- Wichtige Administrations-Tools müssen zugekauft werden.- Teilweise ist in jeder Nacht ein Neustart notwendig.- Das System läuft fast nur auf Intel-Plattformen (Ausnahme: DEC Alpha).- Die Performance steigt beim Hinzufügen von Rechnerkapazität nicht linear an.