Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

26.01.2001 - 

Thema der Woche

Motivationsdelle in der New Economy

Mit den fallenden Börsenkursen am Neuen Markt verloren die Aktienoptionen als Motivationsinstrument ihren Reiz. Gerade bei Startups war es üblich, auf marktgerechte Gehälter zugunsten der Aussicht auf Aktien beziehungsweise auf Aktienoptionen zu verzichten. Die sind nun bei einer ganzen Menge von Unternehmen vorerst wertlos geworden.

Seit die Aussichten auf den großen Aktienreibach geschwunden sind, fassen sich viele an den Kopf und fragen sich, ob sie nicht viel zu naiv waren. Doch kaum jemand fühlt sich betrogen. Vera Sommer (der richtige Name liegt der Redaktion vor) arbeitet seit fast zwei Jahren bei einem Berliner Internet-Startup und kennt die Branche gut. Loyalität und Solidarität mit der Firma bezeichnet sie als die vorherrschende Reaktion ihrer Kollegen, die Stock Options als Teil des Gehaltes akzeptiert und nun verloren haben. "Die Mitarbeiter wissen: Der Arbeitgeber hat die Optionen nicht mit dem Ziel ausgegeben, seine Beschäftigten hinters Licht zu führen." Die Gründer glaubten selber an den Erfolg und arbeiteten zum Teil unter viel größeren Entbehrungen als bisher.

Sommer hat mitbekommen, dass die Kollegen Verständnis für diese schwierige Situation zeigen und sich sagen: "Wir ziehen alle an einem Strang. Wenn es in den Keller geht, dann geh ich mit."

Die Mitarbeiter konnten sich mit dem Slogan der New Economy: "Erwirb das Recht auf Anteile! Werde Mitunternehmer!" bestens identifizieren. Solche Aussichten zerplatzen wie eine Seifenblase, wenn im Strudel der allgemeinen Talfahrt Unternehmen den Sprung an die Börse nicht mehr schaffen.

Nach den Erfahrungen der Berliner Startup-Managerin sind jedoch nicht die entwerteten Optionen der Grund, warum Mitarbeiter eine Firma verlassen. Die Überlegungen sehen in der Regel eher so aus: Man hat einen Traum und will etwas aufbauen nach dem Motto: So eine Chance kommt nur einmal im Leben. Geht der Traum nicht in Erfüllung, kann es auch mit der Motivation schnell vorbei sein.

Bei Dieter Scheitor, bei der IG Metall zuständig für IT-Themen, klingelt seit Ende der Sommerpause 2000 in der Regel mindestens zweimal täglich das Telefon. Es sind Anfragen von Startup-Beschäftigten. Bis vor kurzem war "Gewerkschaft" in der Branche ein Unwort. Jetzt suchen ehemalige Mitarbeiter unter ande-rem Rechtsbeistand im Streit um ausstehende Gehaltszahlungen. Bezüglich der Aktienoptionen, konstatiert Rolf Schmidt von der Technologie- und Medienabteilung (TIM) der geplanten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, sind ihm aber die Hände gebunden: "Nicht immer werden Vereinbarungen über Aktienoptionen schriftlich und rechtlich einwandfrei getroffen, sondern mitunter als mündliche Zusage oder in einem persönlichen Brief." In solchen Fällen werde der Nachteil einer Verwischung von privaten und dienstrechtlichen Beziehungen deutlich.

Zunehmend wird auch in der Internet-Welt eine organisierte Mitarbeitervertretung zum Thema. Allerdings herrscht da noch große Unsicherheit, denn eigentlich, so die gängige Meinung der jungen Wilden, passen Gewerkschaften und Betriebsrat mit der New Economy nicht zusammen.

Als Alternativen werden dann Modelle wie die eines Tutors, eines Kommunikations-Managers oder eines externen Supervisors genannt. Bei einigen Unternehmen sind bereits institutionalisierte Gespräche zwischen Mitarbeitervertretern und Geschäftsführung in Form eines runden Tisches eingerichtet worden. Allerdings funktionieren die nur so lange gut, so ein Insider, wie keine Konflikte entstehen. Spätestens, wenn es um Entlassungen geht, ist die Harmonie vorbei, und die Mitarbeiter müssen feststellen, dass sie sich auf keine gesetzlichen Regelungen berufen können, wenn dann zum Beispiel ein Sozialplan erstellt werden müsste.

Beschäftigte beschweren sich eher über die Unzulänglichkeiten der internen Kommunikation. Der neue Stil bringt eine neue Art von Konflikten hervor, auf die die Mitarbeiter nicht vorbereitet waren. "Unsere Firma musste nach einem halben Jahr das Geschäftsmodell komplett ändern, weil der Markt plötzlich nervös wurde", so Sommer. Durch den hohen Druck und die Schnelligkeit der Geschäfte wurden die Unternehmensstrukturen häufig überstrapaziert. "Das hätte auch in der Old Economy keiner ausgehalten", glaubt die Berlinerin. Für eine vernünftige Personalführung bleibe da nicht mehr viel Platz übrig.

Wenn die Mitarbeiter dann auch noch merken, dass sie permanent für den Papierkorb arbeiten, zum Beispiel eine große Datenbank voller kommentierter Links im Internet aufbauen, die dann nach mehreren Monaten Arbeit erst gar nicht in Betrieb geht, dann ändert sich der Blick auf den Arbeitgeber. Der Vorteil flacher Hierarchien für die Abwicklung des normalen Arbeitsalltags kehre sich in Krisenzeiten in sein Gegenteil um, wenn es an eindeutig zuständigen Ansprechpartnern fehle.

Bei Michael Rückert, dem Berliner Niederlassungsleiter der WWL Internet AG, einem bereits etablierten Unternehmen in der Multimedia-Industrie, bewarben sich in den letzten Monaten auffallend viele vormalige Mitarbeiter von Startups. Nach einem teilweise nicht unüblichen Arbeitspensum von vierzig Stunden an zwei Tagen sehnten sie sich nach den geordneten Strukturen eines Unternehmens, das es geschafft hat.

Einen Lernprozess bei den Unternehmen der New Economy beobachtet Yousmile-Finanzchef Thomas Braun. "Es kommt immer seltener vor, dass Leute sich komplett für die Firma aufgeben. Wir haben uns vorgenommen, für das Jahr 2001 in normale Arbeitszeiten reinzuwachsen." Aktienoptionen, die das Geschenkeportal als zusätzlichen Bestandteil des Vergütungspaketes offeriert, haben für Yousmile auch weiterhin eine Bedeutung als Mittel der Mitarbeiterbindung. Das ersetze jedoch nicht die Personalgespräche und den Raum für Diskussionen.

Christoph Isenbürger, Gründer des Expertenportals Meome, hält Transparenz für ein wesentliches Kriterium der unternehmensinternen Kommunikation. Er hat keine Probleme, Fehler zuzugeben. "Wir befanden uns zwischen Juni und September 2000 in einer internen Krise. Im Zuge der schlechten Stimmung am Neuen Markt war der geplante Gang an die Börse nicht mehr möglich. Die vergebenen Aktienoptionen zählten nicht mehr." Um dennoch die Firma und einen Großteil der Mitarbeiter zu halten, entschied Isenbürger sich für eine Partnerschaft. Seit dem 1. Oktober 2000 gehört Meome zu 75 Prozent zur Freenet-Gruppe.

Nach einem neuen Optionsprogramm, das Funktion, Leistung und die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit berücksichtigt, konnten die Optionsverträge der Mitarbeiter in neue Abmachungen mit dem Internet-Dienstleister überführt werden. Nicht vielen Unternehmen am Neuen Markt gelang es, sich in Schwierigkeiten so schnell zu konsolidieren und die Aktienoptionen, wenn auch zu veränderten Bedingungen, für die Mitarbeiter zu sichern.

In manchen Firmen wie in der von Vera Sommer kam das Tief an der Börse der aufwändigen Entwicklung des Optionsprogrammes zuvor. Die Aussicht auf eine Notierung war somit geschwunden, und die Mitarbeiter hatten das Interesse an einem Beteiligungsprogramm verloren. Solche Nachrichten erreichen auch die Universitäten. Informatikabsolventen in Tübingen stellten dem Gewerkschafter Schmidt bei einem Vortrag verunsichert die Frage, ob es sich noch lohne, bei einem Startup anzuheuern. Der Technik- und Medienfachmann hielt sich mit einer konkreten Empfehlung zurück und meinte nur: "Ein Verlust an Pioniergeist wäre gerade bei der nachwachsenden Generation von IT-Spezialisten sehr bedauerlich."

Betriebsklima wichtiger als Aktienoptionen

Patrick Scheel, Geschäftsführer der Fenner Interselect GmbH, sieht aus der Erfahrung seiner täglichen Personalberatungspraxis die Alternative zu den Optionsprogrammen in der Betonung der "soften Themen". "Man kann mit Geld Menschen nur bedingt kaufen", lautet sein Credo. Damit lasse sich einiges kompensieren. Am Ende seien aber vernünftige Teamstrukturen und ein gutes Betriebsklima wichtiger als monetäre Anreize.

Funny money, das Lehrgeld für den vermeintlichen Spaß bei der Arbeit, haben die Startups bereits bezahlt. Mit dem Erwerb von Aktienoptionen gaben die Mitarbeiter ihrem Vertrauen in die Idee und den Business-Plan eines Unternehmens Ausdruck. Auch wenn dieser emotionale Wert sich fürs Erste mit den Stock Options nicht mehr verbindet, so ist die Idee davon sicher nicht auf ewig zu verwerfen.

*Arna Vogel ist freie Journalistin in Berlin.

Viel gelernt

Andreas Franz hat sich vor einigen Monaten aus der Startup-Szene verabschiedet. Nach einem siebenmonatigen Einsatz als Business Development Director bei Lycos Europe war er im April vergangenen Jahres als Vorstandsmitglied bei einem europäischen Familienportal eingestiegen. Doch angesichts der unsicheren Perspektiven in der Branche wechselte er im Oktober wieder den Arbeitgeber. "So kurze Abschnitte im Lebenslauf sind in der New Economy zwar kein Problem, sie sollten aber nicht zur Regel werden", sagt der 34-Jährige: "Wenn ich nochmal in die Internet-Szene einsteige, dann nur bei bereits etablierteren Firmen, die eine gefestigte Marktposition haben und deren Zukunftsperspektiven ich mitgestalten kann."

Eine Alternative könnten aber auch Unternehmen der Old Economy sein, die ja momentan massiv ins E-Business drängen, sagt Franz. Bei den sehr dynamischen Startups lasse sich zwar viel lernen, aber das Ziel sollte nicht nur ein Börsengang sein: "Was ich bei dem hohen Tempo und der Arbeitsbelastung in der Internet-Landschaft an Erfahrung gesammelt habe, lässt sich angesichts der gegenwärtigen Marktveränderungen ebenso gut in der Old Economy einsetzen." Belastbarkeit hat Franz schon während seiner MBA-Ausbildung parallel zu seinem damaligen Job bewiesen. Drei Jahre lang verzichtete er auf jegliche Freizeit. Stock Options jedenfalls sind für den Manager mit Startup-Erfahrung nicht mehr der alleinige Anreiz. Franz: "Es muss Spaß machen, etwas bewegen zu können, und die Arbeitsbedingungen müssen attraktiv sein." Dagmar Sobull

Das Märchen vom schnellen Reichtum

Chantal Salzberg kennt ihren Marktwert. Dreisprachig aufgewachsen in einem polyglotten Elternhaus beherrscht sie sieben Sprachen. Stationen in ihrem Lebenslauf: Abitur an der Europäischen Schule in Brüssel, Studium an der renommierten Manager-Schmiede St. Gallen, Auslandssemester in Harvard.

Mit viel Elan stieg Salzberg vor etwa anderthalb Jahren in die Internet-Wirtschaft ein. Im August vergangenen Jahres ging das von ihr und zwei Co-Gründern ins Leben gerufene Hochzeitsportal alafolie.de ins Netz. Hilfe und Tipps rund um Hochzeit und Eheleben in Verbindung mit passenden Werbeangeboten sollen das große Geld bringen. Doch darauf will Salzberg nicht warten. Nach einem Streit mit den Co-Gründern stieg die Vorstandsfrau ein Jahr nach der Gründung ihres Unternehmens wieder aus.

Dass man in der New Economy schnell reich wird, sei ein Märchen, sagt Salzberg: "Ich kenne viele Leute in der New Economy, aber keinen, der dort gut verdient." Sie selbst habe bei der Startup-Gründung "praktisch anderthalb Jahre für nichts gearbeitet". Gerademal die Spesen habe sie mit ihrem Einkommen decken können. Stock Options beurteilt Salzberg vom heutigen Standpunkt aus vorsichtiger.

Nach einer Auszeit von einigen Monaten, die sie sich zurzeit genehmigt, will Salzberg nach einem Job mit etwas längerfristiger Perspektive Ausschau halten. Mindestens vier Jahre soll der nächste Job dauern: "Ich will einen Arbeitsplatz, der Spaß macht und gut bezahlt wird", sagt die ehemalige Startup-Gründerin: "Die Zeiten, in denen man alles Mögliche ausprobiert, sind momentan nicht gegeben."

Dagmar Sobull, freie Journalistin in Hannover

Nie wieder New Economy?

Vollmundige Versprechungen einiger Firmenchefs, die sich nie bewahrheitet haben, und nicht ausgereifte Produkt- und Unternehmenskonzepte haben viele Startups an den Rand des Ruins geführt. Wenn es ganz schlecht lief, arbeiteten die Mitarbeiter viel für wenig Geld und hofften, dass sich ihre Optionen versilbern ließen. Daraus ist nun bei vielen Beschäftigten nichts geworden. Wir wollen wissen, wie Ihre Erfahrungen bei Internet-Startups und Firmen der New Economy waren und sind. Schreiben Sie uns Ihre Meinung im New-Economy-Forum unter: www.youngprofessional.de oder computerwoche.de.

Wir freuen uns auf einen intensiven Dialog.