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16.03.1990 - 

Der Workstationmarkt gerät in Aufruhr

Motorola geht System/6000 mit Unix-Rechnern an den Kragen

SAN FRANZISKO/MÜNCHEN (jm) - Momentan kann man den Workstation-Markt mit dem Wetter in Europa vergleichen: Schwere Stürme verändern die Landschaft. IBM hat mit seinem System/6000 Bewegung in die Szene gebracht, Intel will sich engagieren. Nun legt Motorola mit VME-Bus-Rechnern nach, die bis zu 67 MIPS erreichen sollen.

Die Motorola-Rechner MPC - Multi-Personal Computer werden nach Aussagen von Unternehmenssprechern direkt gegen die Konkurrenz von IBM und Sun positioniert. Das Unternehmen aus Schaumburg im US-Bundesstaat Illinois leitet die Attacke auf die Workstation-Schwergewichtskonkurrenz nach einem Pressebericht des "Wall Street Journal" mit einer 30-Millionen-Werbekampagne ein. Motorola betonte, daß man die RISC-Rechner nicht als technische Workstations plaziert, sondern im kommerziellen Bereich. Die sollen sowohl unter dein eigenen Signet als auch über OEMs vertrieben werden.

Gunther Guzielski, Leiter der Marketingabteilung des Geschäftsbereiches Computersysteme bei der Motorola GmbH, meinte zum Konzept der MPC-Rechner allerdings, man solle hier mit dem Begriff Workstation vorsichtig sein. "Bei unserer Lösung haben sie es mit einer Box zu tun, die als X-Client dient. Zusätzlich haben sie mehrere X-Server und X-Terminals." Das erkläre auch den Namen Multi-Personal Computer: Die Summe aus drei X-Window-Terminals mit dem System zusammen könne man dann als Drei-User-Workstation bezeichnen. Insofern sei übrigens auch die MIPS-Leistungsangabe entsprechend zu reduzieren. Guzielski betonte ferner, daß das MPC-System nichts revolutionär Neues biete, sondern auf im einzelnen aus der Delta-Serie bekannter Technologie aufbaue.

Die MPC-Rechner arbeiten mit dem RISC-Prozessor 88100 auf der VME-Bus-Architektur und laufen unter Unix. DOS-Anwendungen werden emuliert und können, wie Motorola mitteilt, als Task unter dem Mehrbenutzerbetriebssystem gefahren werden. Als Netzwerk-Server eingesetzt, bedient ein Modell MPC 300 bis zu 32 Teilnehmer. Das Low-end-Modell MPC-100 mit einer RISC-CPU stellt für bis zu sechs Teilnehmer Rechenleistung zur Verfügung.

Auf einem sogenannten Hypermodule - ein Miniboard, das von Motorola auch als CPU-Cluster bezeichnet wird - läßt sich ein MPC-System mit ein, zwei oder vier CPU-Chips im Feld ausrüsten. Wesentlich für eine Mehrprozessor-Unixversion sind bei dieser Architektur die auf dein Hypermodule aufgebrachten 88200-Cache-Memory-Management-Units mit maximal 128 KB Kapazität. Da die CMMUs cache-kohärent sind, waren laut Guzielski die für den eng gekoppelten Multi-CPU-Betrieb notwendigen Veränderungen an der Unix-Version nur sehr geringfügig.

Mit Software gebündelt: Die MPC-Rechner

Als Leistungsbandbreite gab man bei Motorola zwischen 27 und 67 MIPS an. In der Grundausstattung liefert Motorola die Rechner mit 16 MB Arbeitsspeicher, mindestens 300-MB-Festplatten und Streamern mit 150 MB und jeweils drei X-Window-Terminals aus. Die Rechner werden zwischen etwa 24 000 und 60 000 Dollar kosten.

Die MPC-Workstations sind von Haus aus mit einem Software-Paket versehen: Das "Bundle" besteht aus einer Unix-Netzwerk-Software, der OSF/Motif-Oberfläche, auf die der Window-Manager "Looking Glass" von Visix aufgesetzt wurde, und einem Applikationenpaket, welches eine Textverarbeitung, ein Tabellenkalkulations- und ein Datenbankprogramm umfaßt.

Die MPC-Rechner können über SNA in ein IBM-Netz eingebunden werden.

Terminal- und Druckeremulationen und LU6.2 werden ebenso wie Siemens MSV 1 und Decnet sowie OSI unterstützt.

Nach Informationen aus Branchenkreisen will Motorola mit seinen in San Franzisko vorgestellten Rechnern auf dem Workstation-Markt einen Preiskrieg auslösen. Das Unternehmen betont, man biete im Vergleich zu IBMs System/6000-Rechnern wie auch zu den Sparc-Servern von Sun ein günstigeres Preis-/Leistungs-Verhältnis. IBMs RISC-Computer kosten zwischen 29000 und 290 000 Mark, während man für Sparc-Stations bis hoch zu den Sparc-Servern zwischen 25 000 und 407 000 Mark zahlen muß. Motorola errechnet für seine Low-end-Maschine MPC-100 einen Preis pro MIPS von etwa 900 Dollar, IBMs Powerserver 320 hingegen käme auf etwa 1300 Dollar. In einer typischen Konfiguration betrüge die Kosteneinsparnis pro Nutzer für eine Motorola-Lösung ungefähr 30 Prozent. Guzielski: "Wenn man etwas ähnliches wie mit dem MPC-System auf Sun verwirklichen will, wird das bei denen etwa 15 Prozent teurer."

In der Bundesrepublik Deutschland werden die MPC-Systeme nach Aussage von Guzielski in vier bis fünf Monaten zur Verfügung stehen.

Einstieg in die Zukunft

Bislang hat man es bei Motorola sehr gut verstanden, die eigenen Rechneraktivitäten geheim zu halten. Dies soll sich ändern.

Die Wende verspricht man sich im amerikanischen Schaumburg vom bekannten Glaubensbekenntnis zu Offenheit und Standards. Grundpfeiler dieses Konzepts sind Unix und die 88000-Architektur in VME-Bus-Umgebung.

Es ist ein Tanz auf vielen Hochzeiten. Als Mitglied der 88/ Open-Vereinigung will Motorola davon profitieren, daß für ihren 88000-Prozessor ein Binärcode-Standard auf der Basis von Unix V Version 3.2 zumindest definiert ist. Diesen, Standard kann man nach eigenen Angaben objektcode-kompatibel zum Unix-Release 4 überführen. Wer jetzt seine Software portiert, brauche dies somit später nicht zu tun, und für alle 88/Open-Anhänger stünde Motorolas Work-group-Welt offen und Shrink-wrap-Software wäre dann wie im PC-Bereich möglich. Wegen der Nähe zu AT&T mit der man ein Secure-Unix entwickelt, sind die Schaumburger auch Mitglied bei Unix International. Weil man den OSF-Zug nicht abfahren sehen will, mischt dort Motorola Computer X als Mitglied mit.

Um auch im Rechnergeschäft groß raus zu kommen, hofft man jetzt bei Motorola auf die Weitsicht des Anwenders: den interessieren offene Standards wegen der Softwareinvestitionen. Er will möglichst an nur einem einzigen Terminal die Integration von SNA, Decnet und anderen Welten auf dem Schreibtisch stehen haben. Außerdem hat er eine menschenfreundliche Bedieneroberfläche im Sinn. All das zu einem vernünftigen Preis.

Ob der Anwender Motorola solche Perspektiven danken wird, bleibt abzuwarten. Aber es tut sich was bei den großen Brüdern der PCs. jm