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16.04.1976

Mr. Wang, Mr. Niemand und der Kernspeicher

Zwei "Denkfabriken" und ein Computerriese liegen im juristischen Clinch - und im grellen Licht der Scheinwerfer wird unversehens ein unbekanntes Stück Computer-Historie jahrzehntelangen Dunkel entrissen. Hauptakteure der frühen Szene: Rechnerproduzent Dr. An Wang (Wang Laboratories), Straßenbauinspektor Frederick W. Viehe - und der Ringkernspeicher (Core).

Aktueller Anlaß für das Stöbern in längst verstaubten Archiven ist die Weigerung der NCR-Gesellschaft, dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) Lizenzgebühren für deren Kernspeicher-Patente zu zahlen. Argument der NCR-Juristen: Das MIT-Patent sei hinfällig, denn es basiere auf frühen Arbeiten des Wang-Chefs Wang für das Harvard Computation Laboratory in Boston, Sie seien schon 1949 patentiert worden.

Und Inspektor Viehe, der veritable, Mr. Namenlos in dieser selbst für Kenner der Computer-Pioniere verwirrenden Geschichte? Er bastelte nach Dienst im stillen Kämmerlein an elektronischen Speichertechnologien, erhielt 1947 bereits sein erstes Patent und wurde in den folgenden zehn Jahren zum heimlichen Ideenlieferanten selbst für die riesige IBM. Erst 1956 machte er Wang juristisch die Prioritätsrechte an den wesentlichen Merkmalen der Ringspeicher-Technik streitig, und obwohl in diesem Prozeß 1959 schließlich die Wang-Partei in 15 von 16 Klagepunkten den Sieg davontrug, steht Viehes Beitrag zur Entwicklung des ersten preiswerten und zuverlässigen Speichersystem heute wohl außer Zweifel. .

Der Inspektor und die IBM

Was geschah nun damals in den späten 40er und frühen 50er Jahren zwischen dem Elektroniker-Paradies in Massachusetts an Amerikas Ostküste und Los Angeles drüben im fernen Westen? Was immer Viehe mit selbstgekauften Bauelementen aus dem Restposten-Elektronikhandel in seiner Stube auch zusammengelötet hat - nicht allein der IBM, so rekonstruiert "Datamation" diese ganze Geschichte, war es offenbar mehrere 100 000 Dollar Patentgebühren wert. Ob dabei auch gleich das Schweigen dieses Computer, Pioniers mit erkauft wurde, ist heute umstritten.

Viehes tragisches Ende

Der tüftelnde Autodidakt mit mehr als 100 Patentschriften stellt sich im Rückblick als tragische Figur dar. Von fachlich höchstens gleichrangigen Kollegen mangels stolzer Diplome - er hatte es gerade zu einem Jahr College gebracht - als nicht gesellschaftsfähig diskriminiert und deshalb von potentiellen Untergebenen abgelehnt, als er einen guten Job in einem Forschungsinstitut erhalten sollte, war er stets zum geistigen wie finanziellen Alleingang verurteilt.

Und dem mitunter etwas schwierigen Individualisten brachten auch die Früchte seiner Arbeit kein Glück. Obwohl er trotz des Dollarsegens seinen bescheidenen Lebensstil nicht ändern wollte, blieb er 1960 ausgerechnet mit seinem einzigen "Luxus", einem neuen Chevy, unter mengender Wüstensonne in Vulkanasche stecken. Auf der Suche nach Hilfe wurde er mit 48 Jahren ein Opfer der Wüste und seine knapp noch gerettete Frau, die beim Wagen geblieben war, starb einige Monate nach ihm an irreparablen Schäden.

Das Raus-rein-Prinzip

Und Wang? Geboren in China, seit 1945 an der Harvard-University, er die ganze Zeit - die Information se(..)ber verlorengeht. - Man muß nur dafür, sorgen, daß die Kerne umgehend wieder magnetisiert werden. Jay Forster vom MIT - heute vor allem bekannt als geistiger Vater der Simulations-Methoden für die Club of Rome Studie "Grenzen des Wachstums" - ergänzte diese Idee später um sein Konzept der Matrix auf Basis koinzidierender, sich überlappender Ströme - und der altbekannte Kernspeicher war geboren, Er brachte viele Dollar-Millionen ein, die überwiegend an das MIT und den öffentlich gefeierten Prof. Forrester gingen - eine einseitige Publicity, auf die wohl nun letztlich auch der eingangs geschilderte Prozeß zwischen MIT und NCR zurückzuführen ist. Dr. Wang selber aber konzentrierte sich seit 1951 nur noch auf die Entwicklung seines eigenen Unternehmens - mit bekanntem Erfolg.

Egon Schmidt ist freier Wissenschaftsjournalist.