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09.01.2004 - 

Feinkonzept für Umstieg nicht ohne Unterstützung von IBM und Suse möglich

München rechnet mit Linux-Problemen

MÜNCHEN (ba) - Mit dem Projekt "Li-Mux" arbeiten die IT-Verantwortlichen der Stadt München derzeit an einem Feinkonzept für die im Mai 2003 beschlossene Linux-Strategie. Angesichts der leeren Stadtkasse greifen dabei vor allem IBM und Suse der Kommune unter die Arme. Schwierigkeiten könnten der Skeptizismus der Verwaltung, einzelne IT-Fürstentümer und die fehlende Linux-Fähigkeit kleinerer Softwareanbieter bereiten.

Die Arbeit am Feinkonzept für den Linux-Umstieg verläuft für die IT-Mitarbeiter der Stadt München nicht ohne Probleme. So stellt die Stadt München keine zusätzlichen Budgetmittel für den damit verbundenen Aufwand bereit, berichtet Wilhelm Hoegner, Leiter des Amt für Informations- und Datenverarbeitung (Afid). Sein Plan, mit den eigenständig organisierten IT-Abteilungen der verschiedenen Stadtreferate eine Linux-Community aufzubauen, die das Projekt auf breiter Front treiben sollte, lasse sich wegen nicht genehmigter Freistellungen der Mitarbeiter kaum realisieren.

Stadt braucht Linux-Mäzene

Angesichts dieser Schwierigkeiten müssen die IT-Verantwortlichen auf externe Unterstützung bauen. Vor allem IBM und Suse greifen München bei den Linux-Vorbereitungen unter die Arme. Während Big Blue die Isarmetropole in erster Linie in Fragen des Projekt-Managements, der technischen Machbarkeit sowie bei den Tests unterstützt, konzentrieren sich die Linux-Entwicklungshelfer aus Nürnberg auf die Spezifikationen des Basis-Clients. Nach Angaben von IBM-Projektleiter Uwe Meyer-Gundelach beläuft sich der IBM-Aufwand auf zirka 310 Manntage. Das Sponsoring von Suse entspreche etwa 50 bis 70 Manntagen, ergänzt Suse-Firmensprecher Christian Egle.

Ziel des Projektes "Li-Mux - die IT-Evolution" ist es, eine detaillierte Kostenaufstellung zu ermitteln sowie einen Zeitplan für die Umstellung festzulegen. Außerdem sollen im Rahmen von Li-Mux die technische Machbarkeit überprüft sowie die Konfiguration eines einheitlichen Linux-Basis-Clients und der notwendige Schulungsaufwand für die Stadtbediensteten bestimmt werden.

Der Zeitplan sieht vor, das Feinkonzept im Frühjahr 2004 dem Münchner Stadtrat zur Abstimmung vorzulegen. Danach sollen die verschiedenen Teilprojekte ausgeschrieben werden. Im Rahmen der Ausschreibung sollen die teilnehmenden IT-Anbieter ihre Lösungen nicht nur schriftlich präsentieren, sondern auch in Praxisbeispielen auf den Prüfstand stellen. Ende 2004 werden die Stadträte im Münchner Rathaus endgültig über das fertig konzipierte Projekt abstimmen.

Trotz des Engagements von IBM und Suse sieht Hoegner die Herstellerunabhängigkeit der Stadt gewahrt. Von einer Vorprägung auf bestimmte Firmen könne keine Rede sein. Direktoriumsleiter Wolowicz rechnet für die Zeit nach dem Stadtratsbeschluss im Frühjahr 2004 mit einem harten Wettbewerb zwischen den IT-Anbietern um die Linux-Aufträge.

Die zu ergattern, machen sich auch andere Firmen wie Sun Microsystems Hoffnungen. So habe es Anfang Dezember vergangenen Jahres ein Treffen zwischen den IT-Verantwortlichen der Stadt München und Sun-Chef Scott McNealy gegeben, berichtet Marketing-Direktor Martin Häring. Dabei sei es in erster Linie um das integrierte Java Desktop System (JDS) gegangen, das Sun seit kurzem für 46 Euro pro Client und Jahr anbietet. Darin sind Applikationen wie Office und Mail sowie Service und Wartung enthalten. Neben der Desktop-zentrischen Lösung habe Sun der Stadt München auch eine Server-zentrische Lösung angeboten. Diese hätte den Vorteil, dass keine PCs ausgebaut oder neu angeschafft werden müssten und somit keine zusätzlichen Kosten anfallen würden, erläutert Häring. Die gestellten Aufgaben seien mit Prototypen in beiden Konfigurationen gelöst worden. Unter diesen Voraussetzungen glauben auch die Sun-Verantwortlichen, eine gute Ausgangsposition für die Vergabe der Open-Source-Projekte zu haben.

Die Linux-Migration soll Anfang 2005 starten, kündigt der Leiter des Direktoriums der Stadt München und künftige Stadtkämmerer Ernst Wolowicz an. "Es wird aber keinen Big Bang geben." Die Stadt werde den Umstieg in Etappen realisieren und sich dabei Zeit lassen. So sollen zunächst die Bereiche auf Linux portiert werden, die einen einfachen Umstieg versprechen. Die dabei gewonnenen Erfahrungen sollen dann in die Migration der komplexeren Szenarien einfließen. Letztendlich sei aber auch das keine Garantie für einen problemlosen Umstieg, warnt Afid-Leiter Hoegner.

So erfordere ein Projekt, wie es die Stadt München mit dem Umstieg auf Open Source angehe, auch Innovationsbereitschaft innerhalb der Verwaltung, mahnt Wolowicz. Diese sei jedoch nicht überall vorhanden. Er hoffe, dass in den nächsten Monaten noch ein Ruck durch die Münchner Amtstuben geht. Schließlich biete sich hier die Chance, die eigenen Prozesse zu überprüfen und zu optimieren. Peter Hoffmann, Projektleiter im Afid, rechnet damit, dass innerhalb der verschiedenen Referate Widerstände zu überwinden seien. So hätten sich in einzelnen eigenständigen IT-Abteilungen regelrechte Fürstentümer herausgebildet, die teilweise noch von den Vorteilen der Migration überzeugt werden müssten.

SAP sponsert Linux-Projekt

Hoegner sieht darüber hinaus technische Probleme auf die Stadt zukommen. Bei vielen kleineren Applikationsanbietern sei nicht klar, inwieweit sie ihre Softwareprodukte auf Linux umstellen. Rund 50 Prozent der Anbieter hätten bislang noch keine Ambitionen in Richtung Open Source gezeigt, berichtet der IT-Manager. Hier werde es weitere Gespräche geben. Besser sehe es dagegen bei großen Softwareherstellern wie Novell oder SAP aus. So betrieben die Walldorfer ein Projekt, das die grafische Benutzer-Schnittstelle an einen Linux-basierenden Client anpassen solle. Während derartige Anpassungen für Kunden in aller Regel kostenpflichtig sind, bezahlt SAP das Open-Source-Vorhaben selbst, erzählt der Afid-Leiter. Offenbar hofft auch der größte deutsche Softwarehersteller, etwas vom Glanz des größten Linux-Projektes in Deutschland abzubekommen.

"Es geht um Münchens Prestige"

Das Vorhaben scheint bereits jetzt die Aufmerksamkeit vieler IT-Manager auf sich zu ziehen. "Die Welt schaut auf uns", berichtet Wolowicz nicht ohne Stolz. Delegationen aus aller Herren Länder gäben sich derzeit beim Afid die Klinke in die Hand, um sich über das Linux-Projekt der bayerischen Landeshauptstadt zu informieren.

Am 28. Mai 2003 hatte der Münchner Stadtrat beschlossen, seine künftige IT-Infrastruktur in Richtung Open Source zu trimmen. Ihre Entscheidung pro Linux begründen die Verantwortlichen in erster Linie mit der größeren Herstellerunabhängigkeit in Sachen Betriebssystem und Office-Software. Außerdem werde damit der Wettbewerb im Softwaremarkt angeregt.

Die Mammutaufgabe erfordert aus Sicht des Direktoriums und von Afid jedoch eine sorgfältige Planung. Die Stadtverwaltung könne sich keine Ausfälle leisten, warnt Wolowicz. Ferner dürften die Bemühungen, bestehende Abhängigkeiten abzubauen, nicht darin münden, neue zu schaffen. Man sei sich des großen Risikos bewußt. "Es geht um Münchens Prestige. Wir sind zum Erfolg verurteilt."

Die IT-Landschaft der Stadt München

In der Münchner Stadtverwaltung arbeiten derzeit etwa 16000 Anwender an rund 14000 PCs. Die Rechner sind größtenteils mit dem Betriebssystem Windows NT 4.0 und Microsofts Büropaket "Office" in den Versionen 97 oder 2000 ausgestattet. Insgesamt pflegen die IT-Verantwortlichen im zentralen Amt für Informations- und Datenverarbeitung (Afid) sowie in den verschiedenen Referaten rund 300 Softwareprodukte, darunter etwa 170 Fachverfahren. Die Verwaltung der stadteigenen IT ist dezentral organisiert. Es gibt insgesamt 17 eigenständige DV-Organisationen, die unterschiedliche Konzepte in den Bereichen Betrieb, Benutzerverwaltung und Support verfolgen. Außerdem existieren keine gemeinsamen und standardisierten System-Management-Verfahren für Softwareverteilung, Security-Management oder den User-Helpdesk.

Die IT-Verantwortlichen der Stadt München rechnen mit rund 30 Millionen Euro Gesamtkosten für das Projekt. Darin sind neben den Aufwendungen für Hardware, Software und Services auch die internen Personalkosten enthalten. Die Migration will die Stadt überwiegend mit Hilfe der eigenen Mitarbeiter bewältigen.