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28.03.2003 - 

Größtes IT-Projekt der Firmengeschichte

Münchener Rück konsolidiert mit Mysap

MÜNCHEN (CW) - Mit dem größten IT-Projekt ihrer Firmengeschichte plant die Münchener Rück, ihre Kerngeschäftsprozesse weltweit mit einer durchgängigen IT-Plattform abzubilden. Eine neue Komplettlösung ersetzt dabei nahezu alle Altsysteme. Allein in der Münchner Konzernzentrale des Versicherers müssen rund 200 Millionen Datensätze migriert werden.

Noch vor einigen Jahren war die weltgrößte Rückversicherung eine Gruppe von weitgehend unabhängigen Gesellschaften. "Historisch war Rückversicherung ein regionales Geschäft, weil die Märkte entsprechend reguliert waren", erklärt Rainer Janßen, CIO der Münchener Rück. Viele der versicherten Risiken seien jedoch globaler Natur. Seit einigen Jahren bemüht sich der Konzern daher um eine stärkere Internationalisierung seines Geschäfts. Nicht zuletzt die Folgen des Terroranschlags vom 11. September 2001 und weitere große Schadensfälle wie die Flutkatastrophe vom vergangenen Jahr haben entsprechende Bemühungen beschleunigt. Allein die Zerstörung des World Trade Center hat das Ergebnis mit rund 2,6 Milliarden Dollar belastet.

Obwohl die einzelnen Gesellschaften weiterhin lokal agieren sollen, müssen Risikobewertungen sowie das interne Reporting weltweit vereinheitlicht werden, so die Vorgabe des Vorstands. Dabei geht es nicht nur um eine verbesserte Analyse der Folgen von Katastrophen für das internationale Geschäft. Auch der Kapitalmarkt soll schneller mit Informationen versorgt werden. "Die Anforderungen an das externe Berichtswesen, wie sie sich aus den US-amerikanischen General Accepted Accounting Principles (GAAP), International Accounting Standards (IAS) und der Quartalsberichterstattung ergeben, haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen", fasst Janßen die Entwicklung zusammen.

Standardsoftware statt Eigenentwicklung

So schreibt der Corporate Governance Codex die Erstellung des Abschlussberichts bereits 90 Tage nach Ende des Geschäftsjahres, Quartalsberichte 45 Tage nach Abschluss des Vierteljahres vor. Dies stelle jedoch einen Rückversicherer vor wesentlich größere Herausforderungen als beispielsweise ein produzierendes Unternehmen. "Weder liegen den Erstversicherern Ende des Jahres alle Schadensmeldungen des letzten Quartals vor, noch sind die Schadensmeldungen der Erstversicherer bei uns vollständig eingegangen", so Janßen. In der Folge müsse sein Unternehmen das Geschäftsergebnis so genau wie möglich schätzen, was ein sehr komplexer Prozess sei. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, brauche der Konzern eine weltweit durchgängige IT-Plattform.

Die Münchener Rück arbeitet daher mit Hochdruck daran, ihre Prozesse und Datenstrukturen global zu vereinheitlichen. In der Folge hat sie unter dem Arbeitstitel "Gloria" das größte IT-Projekt ihrer Unternehmensgeschichte angestoßen. Bei der Suche nach einer geeigneten Plattform für alle Geschäftseinheiten entschied sich der Rückversicherer für die Einführung der SAP-Software "Mysap Insurance". Vorausgegangen war eine intensive Vorstudie, bei der alle betroffenen Fachbereiche und die IT-Abteilung eingebunden waren. Laut Projektleiter Udo Schucar wurde auch die Möglichkeit einer Eigenentwicklung in Betracht gezogen, letztendlich hätten die Möglichkeiten der technischen Plattform von SAP aber überzeugt. Da die Münchener Rück außerdem bereits mehrere SAP-Lösungen nutze, verfüge das Unternehmen über die nötige Infrastruktur und entsprechendes Know-how. Gegenüber einer Eigenentwicklung erleichtere die Einführung eines Standardprodukts die Vereinheitlichung der Systeme, weil sich die individuellen Wünsche einzelner Niederlassungen leichter ablehnen ließen.

Zwischenschritt erleichtert Migration

Oberste Devise sei es, möglichst nah am Standard zu bleiben, auch um das neue System schneller einführen zu können. "Wir haben im Vorfeld ein internationales Projekt zur Identifizierung unserer gesamten Prozesse und Daten außerhalb des Lebensversicherungs-Geschäfts abgeschlossen", so Schucar. "Dabei haben wir festgestellt, dass mindestens 90 Prozent der Daten und Prozesse vereinheitlicht werden können." Die restlichen zehn Prozent ergäben sich vorwiegend aus unterschiedlichen gesetzlichen Anforderungen oder den Vorgaben der jeweiligen Aufsichtsämter in den einzelnen Ländern.

Um die Einführung der neuen Plattform zu vereinfachen, hat die Münchener Rück ein zusätzliches Projekt gestartet. Dabei migrieren nahezu alle Nicht-Lebens-Rückversicherungsgesellschaften im Vorfeld auf ein eigenentwickeltes System. Als Basis diente ein in Kanada eingesetztes System, das der Rückversicherer jedoch komplett unter .NET neu entwickelt und an die erweiterten Anforderungen angepasst hat. Dieser Zwischenschritt dient unter anderem der Vereinheitlichung der Datenstrukturen und Systemfunktionen. "Dadurch wird die Übernahme dieser Gesellschaften in Gloria wesentlich erleichtert, auch weil die Datenbereinigung dann schon abgeschlossen ist", erklärt Schucar die Vorgehensweise. Außerdem hätten einige Systeme nicht mehr den Anforderungen der Konzernzentrale entsprochen und daher ohnehin Zwischenlösungen gefunden werden müssen.

Die von SAP in Zusammenarbeit mit Msg Systems entwickelte Branchenlösung Mysap Insurance soll in mehreren Schritten eingeführt werden. Während die Münchener Rück für Tests der Plattform noch die Version 4.6.4 nutzte, will sie mit Release 4.7.1 ("R/3 Enterprise") produktiv gehen.

R/3-Enterprise als Basis

Den Anfang macht das Projekt mit der Installation der Basiskomponente FS-RI für das Rückversicherungs-Management, gefolgt vom Modul RM-PC (Risk-Manager Property & Casualty), das der Risikoberechnung für den Bereich Nicht-Lebens-Geschäft, also Sach- und Haftpflichtversicherungen, dient. Zusätzlich programmiert die Münchener Rück gemeinsam mit der Hannover Rück, Gerling und Msg Systems eine Lösung für das im RM-PC nicht abgedeckte Lebensversicherungsgeschäft. "Das wird jedoch voraussichtlich nicht in den Mysap-Insurance-Standard übernommen, da der Kundenkreis hierfür sehr limitiert ist", so Schucar.

Zeitgleich mit der ersten Implementierung werden die Mysap-Insurance-Module "FS-CD" (Collection and Disbursement) für das Forderungs- und Zahlungs-Management, die Rechteverwaltung "PD-Org", die Geschäftspartnerverwaltung "Business-Partner" sowie das Business Warehouse eingeführt.

Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Anbindung bestehender Frontend-Systeme, beispielsweise der Quotierungssysteme für die Risikoübernahme oder einer Customer-Relationship-Management-Lösung von Siebel, wie sie unter anderem die größte Tochtergesellschaft American Re einsetzt. Insgesamt müssen am Münchener Standort voraussichtlich 38, bei der American Re rund 26 Schnittstellen realisiert werden, bilanziert der Projektleiter.

Für diese Anbindung der Legacy-Systeme hat sich das Team von Schucar für den Einsatz des Biztalk-Servers von Microsoft als Enterprise-Application-Integration-(EAI-)Plattform entschieden. Der Biztalk-Server ist wiederum über eine Standard-XML-Schnittstelle mit dem SAP-System gekoppelt.

Exchange Infrastructure zu neu

Alternativ hatte die Münchener Rück auch den Einsatz der "Exchange Infrastructure" von SAP geprüft, sich aber letztendlich dagegen entschlossen. "Aufgrund der Brisanz haben wir eine Lösung gewählt, die unsere Anforderungen komplett abdeckt und mit der wir bereits positive Erfahrungen gemacht haben", fasst Schucar zusammen. Wenn die Exchange Infrastructure ausgereift sei, stelle sie jedoch für die Zukunft eine klare Option dar, die er weiterhin prüfen wolle.

Bereits eingesetzte Backend-Systeme von SAP wie Financials (Version 4.6b) sowie die Microsoft-Lösungen für die Bürokommunikation und mehrere Ixos-Archive werden im Gegensatz zu den Legacy-Anwendungen über SAPs Application-Linking-and-Embedding-(ALE-)Schnittstellen an Mysap Insurance angebunden.

Derzeit befindet sich Gloria im Übergang zur Realisierung. "Der Rollout erfolgt in mehreren funktionalen Stufen und wird sich für die Münchener Rück am Standort München, die direkt angeschlossenen Außenstellen sowie die US-Niederlassung American Re voraussichtlich bis 2005 erstrecken", kündigt Schucar an. Anschließend würden die verbleibenden Rückversicherungstochtergesellschaften sukzessive angebunden.

Für die einzelnen Niederlassungen fallen derzeit noch keine Kosten an, da die Münchener Rück das Projekt vorfinanziert. Die Töchter erwerben die Lizenzen von der Konzernmutter, wenn die Lösung zur Verfügung steht.

Aufwändiges Change-Management

Janßen erwartet die größten Schwierigkeiten beim Change-Management. Es werde nicht nur eine Software eingeführt, sondern auch die Arbeitsprozesse, deren Organisation, die Arbeitsinhalte und damit auch die Qualifikationsprofile der einzelnen Mitarbeiter würden geändert. In der bisherigen Systemwelt seien einzelne Prozesse in isolierten Arbeitsschritten bearbeitet worden. Beim Wechsel zu einem integrierten Gesamtsystem müsse jedoch jeder Beteiligte einen besseren Blick für das Ganze haben. Dies ändere gravierend die Art, wie Mitarbeiter aller Geschäftsbereiche mit ihren Informationsobjekten umzugehen hätten. "Wir müssen die Leute also nicht nur an eine neue Benutzeroberfläche gewöhnen, sondern auch an neue Arbeitsformen", fasst der CIO die Herausforderung zusammen. (rg)

Steckbrief

Ziel: Schaffung einer durchgängigen IT-Plattform für weltweit alle Niederlassungen.

Unternehmen: Weltweit größter Rückversicherungskonzern.

Herausforderung: Heterogene Ausgangssysteme.

Zeitrahmen: bis 2005.

Stand heute: Vorprojekte abgeschlossen, Start der Umsetzungsphase

Basis: Mysap Insurance, Biztalk-Server

Besonderheiten: Vormigration der Altsysteme auf eine .NET-basierende Eigenentwicklung.