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19.02.1999 - 

Notfall 2000/"Wer ko, der ko" - das "Isar-Valley" im Glanz moderner Systeme

Münchens IT-Verantwortliche zeigen sich optimistisch

Wenn in der nächsten Silvesternacht die Böller und Sektkorken knallen, wird es ernst in den Münchner Amtsstuben und Rechenzentren. Wie nicht anders zu erwarten, gehen die Meinungen über die möglichen Auswirkungen des Jahr-2000-Problems auseinander. Rund zehn Monate vor dem Jahreswechsel gewinnt der Optimismus die Oberhand, wie Winfried Gertz erfahren hat.

1,3 Millionen Menschen wohnen in München, rund 500 000 Pendler aus dem Umland kommen werktags hinzu. Wie selbstverständlich bedienen sie sich der kommunalen Dienstleistungsangebote. Die Bürger verlassen sich auf eine technische Infrastruktur, ohne die der moderne Großstadtbetrieb nicht funktionieren könnte.

Wer mit dem Amtsschimmel zu tun hat, den öffentlichen Nahverkehr nutzt oder von den Stadtwerken Energie bezieht, ist auf intakte Systeme ebenso angewiesen wie der Benutzer eines Aufzugs oder ein Patient in der Klinik. Und im Notfall läuft alles wie am Schnürchen: Nahtlos greifen die Systeme vom Alarm bis zum Rettungseinsatz ineinander.

In München ist man auf der Höhe der Zeit. Wilhelm Hoegner, Enkel des ersten bayerischen Ministerpräsidenten und Amtsleiter für Datenverarbeitung und Organisation der Stadt München, gibt sich zuversichtlich, daß an der Isar nicht die große Panik ausbricht.

Daß das Kreisverwaltungsreferat einen Hundertjährigen zur Erstimpfung schicken oder einem Stromverbraucher die Nachzahlungsforderung für 100 Jahre ins Haus flattern könnte, hält er für ausgeschlossen. "Kleinere Behinderungen werden aber kaum ausbleiben."

Mit der Software-Umstellung haben die Experten vergleichsweise wenig Probleme. Vierstellige Programmierzeilen wurden bereits ab 1985 verwendet. Für die Überprüfung der Anwendungen kann Hoegner auf komplette Dokumentationen sowie das Know-how der einstigen Cobol- und Assembler-Entwickler zurückgreifen, die fast alle noch im Berufsleben stehen. Andere Programme etwa für das Formularwesen oder die Personalabrechnung rüstet man schon seit 1990 auf das vierstellige Format um.

Schwierigkeiten bereiten Hoegner eher Hardware und Betriebssysteme. Server, die nicht mehr zu modernisieren sind, wandern auf den Schrott, Betriebssysteme werden durch Patches Jahr-2000-fähig gemacht. Die gesamte Verwaltungs-DV einschließlich Bürokommunikation und Publikumsanwendungen durchläuft derzeit einen umfangreichen Test. Haben DV- und Fachabteilung nichts zu beanstanden, wird das Zertifikat vergeben.

Doch nicht nur die Verwaltung als Schnittstelle zum Bürger muß dem drohenden Computercrash ins Auge sehen.

Auch die im kommunalen Epizentrum wirkenden Kommuni- kationssysteme, elektrischen Anlagen, Leitstellen, Notfallsysteme bis zur Haustechnik gehören auf den Prüfstand für Probleme mit vierstelligen Jahreszahlen. Verantwortlich dafür zeichnen die jeweiligen Referate des Bauamts.

Wie aus gutunterrichteten Kreisen zu vernehmen war, schlägt sich der Bereich Kommunika- tionstechnik mit einer Hicom-Anlage herum und hat noch mit Siemens ein Hühnchen zu rupfen. Dagegen ist man in der Gebäudeleittechnik froh, vor drei Jahren auf Sun-Server und PC-Systeme umgesattelt zu haben.

Bei der Branddirektion schließlich unverhohlener Stolz auf die nagelneue integrierte Leitstelle, die im Test nicht nur Jahr-2000- Festigkeit unter Beweis gestellt hat, sondern auch in puncto Euro und Internet auf dem neuesten Stand sein soll. Als unsichere Kantonisten könnten sich aber die betagten Brandmeldeanlagen erweisen, bei denen man auf die Zusicherung des Herstellers angewiesen ist.

Wie Heinz Funk vom Bauamt mitteilt, bereiten den Testern vor allem die SPS-Systeme (speicherprogrammierte Steuerungen) Unbehagen. Ob diesen chipbestückten Taktgebern noch rechtzeitig beizukommen ist, bleibt abzuwarten.

Ohne DV kein Strom. Völlig losgelöst von der Verwaltung, versuchen die Stadtwerke München (SWM), drohende Gefahren einzudämmen. Wie DV-Leiter Klaus Reiter versichert, habe man rechtzeitig auf SAP umgesattelt und sich damit vieler Sorgen entledigt. Eigenentwicklungen wie Verbrauchsabrechnungen für Privathaushalte und industrielle Kunden haben die erforderlichen Checks bereits bestanden.

Frühzeitig umgestellt oder ausgetauscht

Auch hier bereiten Hardware und Betriebssysteme die größeren Sorgen. Alle Lieferanten hätten, so Reiter, die Jahr-2000- Fähigkeit zusichern müssen. Im übrigen laufe die IV-Strategie darauf hinaus, NT als verbindliche Plattform und Unix lediglich in Ausnahmefällen zu favorisieren. "Sinix-Rechner werden aber auf jeden Fall ausgetauscht."

Damit auch an den Schnittstellen ins energieabhängige Umfeld unangenehme Überraschungen ausbleiben, haben Anwendungen für kaufmännische Systeme und Lagerverwaltungsrechner sowie für Spezialanwendungen die Probe aufs Exempel bestanden. Lastverteiler und Netzsysteme wurden schon vor zwei Jahren erneuert.

Zur Zeit muß das Stromversorgungssystem die Feuertaufe bestehen. Daß Strom, Gas und Wasser den Weg zum Kunden finden, hängt nicht zuletzt vom Kommunikationssystem ab. Ob die Hicom-Anlage aber über jeden Zweifel erhaben ist, "darüber bin ich mir nicht sicher", gibt Reiter freimütig zu.

Weil die technische Herausforderung bei den SWM zur Chefsache erklärt worden ist, schaut Stadtdirektor Gustav-Adolf Boger den Umstellungsexperten und Chipfahndern auf die Finger. Wohl um sich selbst Mut zu machen, greift Projekt-Manager Boger auch zu eher unsachlichen Argumenten: "In den USA macht man sich die Hosen voll, weil Altsysteme bis zum Exzeß in Betrieb bleiben. In Deutschland dagegen setzt man schon immer auf Innovation, weshalb in der Praxis auch die neuesten Systeme dominieren."

Besonderes Augenmerk widmet Boger den Leitsystemen und Prozeßrechnern, die bereits zu 70 Prozent erfolgreich getestet seien. Als Energielieferant und Dienstleister, der zum Beispiel den Fahrbetrieb des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV) ermöglicht, lastet eine große Verantwortung auf den Schultern der Stadtwerke. Aufklärung gehört dazu: "Wir haben die Innungen darauf hingewiesen, daß Heizungen ausfallen könnten." Eine Zusicherung der Lieferanten über die Jahr-2000-Fähigkeit ihrer Produkte böte zumindest von versicherungsrechtlicher Seite einen wirksamen Schutz.

Auch beim MVV hat man alle Hände voll zu tun. Die Verantwortlichen für den reibungslosen Betrieb von Straßenbahn, U-Bahn und Bus stimmen in den Chor der Optimisten ein. "Fast alle Hersteller haben auf unsere Anfrage vom Juni letzten Jahres geantwortet und die Kompatibilität ihrer Systeme versichert", heißt es in der Kommandozentrale.

Dennoch bleibt man auf der Hut. Für den Notfall liegen bewährte Konzepte in den Schubladen, sogenannte Rückfallroutinen. Von Kritikalität nicht frei scheinen aber sowohl die Funkkommunikation als auch die Torsteuerung der Bahnhöfe. Daß Stellwerke oder Weichen den Dienst verweigern, sei aber schon heute auszuschließen.

Dabei muß sich der MVV auf die Versicherung der Deutschen Bundesbahn verlassen, "das Bestmögliche" zu tun, wie es deren Frankfurter Zentrale verspricht. Eine Vorstandssprecherin teilte auf Anfrage mit, seit Jahren befaßten sich zahlreiche Projektgruppen mit der drohenden Gefahr. "Selbst die Überprüfung von Schließfächern zählt dazu." Daß die Pressestelle der Münchner Bahnregio jedoch glaubt, weder Software noch Elektronik sei vom Jahr-2000-Problem betroffen, läßt, was den Informationsstand des Unternehmens Zukunft betrifft, tief blicken.

Kommunale Institutionen, Energieversorger und Verkehrsplaner sind also guter Dinge. Nach vergleichsweise hohen Investitionen in die Umstellung geben auch die Finanzdienstleister grünes Licht. Wer Angst hat, nach der Jahreswende kein Geld zu bekommen, kann sich beruhigen. Bis zum 30. Juni 1999 nämlich müssen alle Banken ihre Euro- und Jahr-2000-Projekte abgeschlossen haben. So lautet die strenge Vorgabe des Bundesamts für das Kreditwesen in Frankfurt.

Stephan Kirchner, Sprecher der Stadtsparkasse München, ist stellvertretend für die Münchner Geldinstitute zuversichtlich, daß der Kunde keine Entbehrungen auf sich nehmen muß. Lieferanten von DV-Systemen seien zertifiziert, und aktuell gehe man den Embedded Chips in Leitsystemen und Hausanlagen auf den Grund.

"Wirtschaftliche Existenz steht auf dem Spiel"

"Wir müssen handlungsfähig bleiben", lautet die Devise. Für den Ausfall von Strom und Kommunikationsanlagen sind Notstromaggregate und Mobilfunksysteme fest eingeplant. Vorsorgemaßnahmen, die bei den mittelständischen Unternehmen in München und Oberbayern wohl eher die Ausnahme darstellen.

IHK-Geschäftsführer Reinhard Dörfler jedenfalls schlägt Alarm: "Jedes fünfte Unternehmen hat noch nichts unternommen, obwohl die wirtschaftliche Existenz insbesondere des Mittelstands auf dem Spiel steht." Ihre desinteressierten Mitglieder will die IHK deshalb in speziellen Seminaren mit dem nötigen Rüstzeug für die Umstellung vertraut machen.

Auch der Katastrophenschutz und das Gesundheitssystem sind in der Pflicht, besondere Vorsorge zu treffen. Mit den Gefahren setzt man sich aber sehr unterschiedlich auseinander. Zumindest beim Technischen Hilfswerk (THW) sieht man keinen zusätzlichen Handlungsbedarf. Walter Mayr, Geschäftsführer der Münchner Ortsverbände, erklärt lapidar: "Eine Kapazitätserhöhung ist aus Haushaltsgründen nicht möglich."

Prioritätenliste für Helfer im Notfall

Sollten die Retter gerufen werden, weil andere Kräfte nicht ausreichen, können sofort 400 Einsatzkräfte zur Verfügung stehen - mehr nicht. Notstromaggregate von rund 50000 Watt liegen bereit. Gehandelt wird nach festgegelegten Prioritäten: "Ein Stromausfall auf der Intensivstation der Herzklinik ist kritischer als bei der Bäckerei Aumüller."

Ganz oben auf dem Wunschzettel der Bürger steht eine störungsfreie medizinische Versorgung. Daß man dies ernst nimmt, zeigt die Projektansiedlung in den Chefetagen der Universitätskliniken. Sowohl die Krankenhäuser der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), wie das Klinikum Großhadern oder das Klinikum Innenstadt, als auch die Häuser der Technischen Universität (TU), etwa das Krankenhaus Rechts der Isar oder das Deutsche Herzzentrum, leisten alles Menschenmögliche, um DV- und medizintechnisch ihrem Versorgungsauftrag gerecht zu werden.

"Die Entscheidung vor einigen Jahren, SAP einzuführen", berichtet Sylvia Heigl, "hat zwar einige Bauchschmerzen bereitet, zahlt sich aber beim Jahr-2000-Problem aus." Wer sich auf Standardsoftware eingelassen habe, argumentiert die stellvertretende Verwaltungschefin des Klinikums rechts der Isar, könne sich nun um so intensiver um die Medizintechnik kümmern.

Lieferanten sind mit einer anderen Gangart konfrontiert: "Wir haben die Einkaufsbedingungen geändert und die Hersteller in die Haftung für mangelhafte Produkte genommen", so Heigl. Niemand könne es sich leisten, Kunden dieses Kalibers zu verlieren; die Firmen hätten die Kröte deshalb auch geschluckt.

Für Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungspersonal gilt zum Jahrtausendwechsel hundertprozentige Präsenzpflicht - trotz Wochenende und Urlaubszeit. "Man muß nicht unbedingt Silvester feiern, die Kneipen sind sowieso voll", erklärt Heigl augenzwinkernd.

Unwägbarkeiten hauen sie nicht um: "Wenn die Türen nicht richtig schließen, wird es halt ein bißchen kalt in der Bude." Daß ihr der Humor geblieben ist, hat einen einfachen Grund. "Die Oberfinanzdirektion hat uns garantiert, daß wir auch im Ja- nuar 2000 unser Gehalt bekommen.

Angeklickt

Optimismus pur in München. Keine ernsten Probleme erwarten sich die IT-Verantwortlichen in wichtigen Funktionen der öffentlichen Infrastruktur - allenfalls leichte Störungen in wenig wichtigen Bereichen. Sie zehren von einem Vorteil. Daß Christian Ude sich seit Jahren als nachgerade schwäbisch sparsamer Oberbürgermeister profiliert, hat weder seinem Ruf geschadet noch die DV-Abteilungen der Stadt zu Sozialfällen gemacht. Münchens Institutionen profitieren davon, daß sich eigentlich doch immer noch Geld für moderne DV-Systeme finden ließ.

Winfried Gertz ist freier Journalist in München.