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09.06.2006

Münchens OB Ude ist voll auf Linux

Mit dem Pilottest der Client-Software hat das Open-Source-Projekt der Stadt München erste Hürden genommen. Doch die Umstellung der Fachanwendungen bleibt schwierig.
Limux
Limux

Seit dem 12. Juni hat Münchens Oberbürgermeister Christian Ude einen Nebenjob: Er ist Betatester für den "Limux-Basis-Client", das Open-Source-Softwarepaket, das bis Ende 2008 auf rund 14 000 Rechnern der Stadtverwaltung arbeiten soll. Für die Verantwortlichen des international beachteten Migrationsprojekts steht bereits fest: "Limux läuft." Das zumindest erklärte die Bürgermeisterin und Open-Source-Protagonistin Christine Strobl zur Eröffnung eines Informationstags Ende Mai.

Limux-Basis-Client

Distribution:

Debian GNU/Linux.

Benutzeroberfläche:

- K Desktop Environment (KDE 3.4.x),

- XOrg X-Server.

Office-System:

- OpenOffice 2.x.

Kommunikation:

- Thunderbird 1.0.x,

- Firefox 1.0.x.

Bildbearbeitung:

- Gimp 2.x.

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Arbeitsgruppe Usability

Die Entwicklung des Basis-Clients komme gut voran, berichtet Florian Schießl, Sprecher des Limux-Projekts. Bereits seit März testen Mitarbeiter im Kulturreferat und im Direktorium der Stadt das System. Anfang Juni folgten weitere Nutzer im Revisionsamt und Kernbereiche des Direktoriums, darunter auch die Arbeitsplätze von Ude und Strobl. "Der ist gar nicht so anders als gewohnt", kommentierte die Politikerin ihre erste Begegnung mit der Benutzeroberfläche KDE (K Desktop Environment), die auf einer Debian/ GNU-Linux-Distribution aufsetzt. Dafür verantwortlich zeichnet die Arbeitsgruppe Usability, die sich eine einfache und bedarfsgerechte Bedienung auf die Fahne geschrieben hat. Mehrere Monate lang befragte sie Anwender aus verschiedenen Referaten zu ihren Arbeitsgewohnheiten. Im Herbst soll die Version 1.0 des Basis-Clients fertig sein; dessen Gebrauchstauglichkeit wollen sich die Bayern vom TÜV IT gemäß DIN EN ISO 9241 zertifizieren lassen.

Zu den größten Hürden, die das Linux-Client-Team nehmen muss, gehören die zahlreichen Dokumentenvorlagen und Makros, die sich nicht ohne weiteres von "Microsoft Office" in das quelloffene "Open-Office"-Büropaket übernehmen lassen. Die Münchner haben dazu das Projekt "Wollmux" aufgesetzt. Hinter der Wortschöpfung aus eierlegender Wollmilchsau und Limux verbirgt sich eine stadtweite Vorlagenverwaltung, die aus einem Briefkopf-, Formular- und Textbausteinsystem besteht. Während Pilotanwender die Briefkopfsammlung schon verwenden, basteln die IT-Experten noch an den weiteren Komponenten. Bis Ende des Jahres soll Wollmux komplett sein.

Weiche Migration

Für eine Übergangszeit nutzt die Stadt beide Office-Plattformen, erläutert Schießl. Im Zuge einer weichen Migration könnten die IT-Abteilungen der Fachbereiche selbst entscheiden, wann sie migrieren. Schon jetzt setzte die Verwaltung in größerem Umfang Open-Source-Software ein, unter anderem den Web-Browser "Firefox" und den E-Mail-Client "Thunderbird". Viele Bereiche würden zudem noch vor dem Betriebssystem-Wechsel auf das Open-Office-Paket umsteigen. In der Kommunikation mit Bürgern setzt München andererseits noch auf verbreitete proprietäre Dateiformate. Um Probleme beim Datenaustausch zu vermeiden, arbeiten Experten an einem Leitfaden für die Mitarbeiter, der vor allem Formatierungsmöglickeiten beschreibt.

Hohe Ansprüche stellen die IT-Verantwortlichen an die Service- und Supportprozesse für den Client-Betrieb. Das Änderungs-, Freigabe-, Problem- und Störungs-Management definierten sie anhand von Itil-Standards. In Sachen Softwareverteilung und System-Management für die Clients nutzen die Bayern eine LDAP-basierende Lösung, die sich der Open-Source-Projekte FAI (Fully Automatic Installation) und Gosa (Gonicus System Administrator) bedient. Bei Gosa handelt es sich um eine Systemverwaltung auf Basis der Skriptsprache PHP.

170 Fachanwendungen

Kopfzerbrechen bereiten dem Limux-Team nach wie vor die etwa 170 Fachanwendungen in den Referaten. Sie stammen von rund 120 verschiedenen Softwarehäusern, darunter auch sehr kleine, die sich eine Linux-Migration oft gar nicht leisten könnten. Für viele Windows-basierende Applikationen wie etwa "Visio" gebe es inzwischen echte Open-Source-Alternativen, berichtet Schießl. In diesen Fällen gelte es lediglich, Daten in das neue System zu übernehmen. Schwieriger wird die Umstellung bei Fachverfahren, die eng mit dem Windows-Client verwoben sind. Davon gibt es in der Landeshauptstadt offenbar mehr als ursprünglich angenommen. "Die Ablösung Windows-basierender Anwendungen durch native Linux-Programme oder Web-Applikationen kommt nicht so gut voran, wie wir uns das gewünscht haben", räumt Schießl ein. Das IT-Team prüfe deshalb andere Möglichkeiten. Zu diesen gehört beispielsweise die Emulation "Wine" oder die darauf basierende Software "Crossover Office". Nutzer können damit Windows-Anwendungen auf dem Linux Client starten.

Eine weitere Option bieten Virtualisierungsprogramme wie "VMware", die einen kompletten Windows-Rechner auf dem Linux-Client simulieren. Schießl: "Natürlich könnten wir per Terminal Server sofort alles migrieren. Aber das ist die mit Abstand unwirtschaftlichste Option." Derzeit werde für jede einzelne Fachanwendung geprüft, welches der wirtschaftlichste Weg sei. Vergleichsweise einfach gestaltet sich dagegen die Anbindung von Fachverfahren auf dem BS2000-Mainframe. Bereits in der alten Infrastruktur griffen die Münchner dazu auf eine Windows-Emulation für das Großrechner-Betriebssystem zurück. Die entsprechende Linux-Emulation funktioniert in der gleichen Weise.

"Unser Ziel sind 80 Prozent"

Langfristiges Ziel für die Fachverfahren bleibe eine native Linux-Lösung oder eine Web-Anwendung, betont Schießl. Dennoch würden in Einzelfällen Windows-Systeme weitergenutzt. So steuere beispielsweise ein Windows-Rechner die Druckstraße in der Stadtkanzlei. Die zugehörige proprietäre Software sei hochgradig an das Microsoft-System gebunden, eine Umstellung deshalb zu teuer. Laut dem Projektsprecher habe die Stadt München nie vorgehabt, sämtliche zum Projektstart installierten 14000 Rechner auf Linux umzustellen: "Unser Ziel waren immer 80 Prozent." Auch am Zeitplan für die Migration ändere sich nichts. Rechner, die derzeit als Pilotsysteme dienen, sollen im Herbst mit dem Basis-Client 1.0 in den Effektivbetrieb gehen. Dabei handele es sich um "einige hundert" PCs, so Schießl. Mit dem Abschluss des Limux-Projekts rechne er Ende 2008 oder Anfang 2009.