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30.04.1982 - 

Telekommunikation im Zielkonflikt zwischen Methodenwissen und Spezialisierung

Münchner Kreis: Neue Berufe und Arbeitsplätze

MÜNCHEN - "Telekommunikation als Berufschance?" war die Frage, die sich der siebte Kongreß des Münchner Kreises beantworten wollte. Der Vorstandsvorsitzende dieser überregionalen Vereinigung für Kommunikationsforschung, Professor Dr. Eberhard Witte, faßte das Tagungsergebnis dann so zusammen: Mischberufe und Spezialistenteams würden das Tätigkeitsfeld Telekommunikation in Zukunft bestimmen; von den noch bestehenden statischen Berufsbildern müsse abgerückt werden. Dem Schlagwort vom Chip als "Jobkiller" setzte Witte die Formulierung "Träger ganzer Berufswelten" entgegen.

Einen direkten Zusammenhang zwischen den Abiturientenzahlen eines Landes und seinem technologischen Erfolg stellte Bundesforschungsminister Dr. Andreas von Bülow im Grundsatzreferat des Kongresses her. Wenn die derzeit bei 25 Prozent stagnierende Exportrate der deutschen Telekommunikationsindustrie überwunden sei, dann würde den neuen Märkten auch ein entsprechend höheres Arbeitsplatzangebot in diesem zukunftsentscheidenden Sektor gegenüberstehen.

Das komplexe Thema des Kongresses war am ersten Tag gegliedert in Status-Berichte zum Beispiel über die Medienberufe Journalist oder auch Rundfunktechniker und Vorstellungen, wie sie sich für die neuen Aufgaben zum Beispiel Bildschirmtext oder im technischen Bereich Breitbandtechnik zu wandeln hätten.

"Der Zwang zur Höherqualifizierung ist unausweichlich", stellte der Intendant des Deutschlandfunks, Richard Becker, fest. Für den Redakteur wird der Bildschirm zum Arbeitsgerät, das er sowohl für die Einholung von Informationen als auch für das Redigieren und sogar für die Herstellung des Layouts benutzt. Die Grenzen zwischen Redaktion und Produktion im Bereich der klassischen Medien werden sich immer mehr verwischen.

Ausufernd und eingeengt

Den Telekommunikations-Ingenieur als aussichtsreichen Beruf versuchte der Kongreß am Nachmittag zu umreißen. Vertreter der Industrie und der Post sowie der Universitäten legten ein teils ausuferndes Pflichtenheft für diesen zukünftigen Diplomingenieur der Fachrichtung Elektrotechnik vor. Eher eingeengt wirkten Darstellung und Funktionsumfang des Fernmeldetechnischen Ingenieurs bei der Bundespost. Der akribische Vortrag von Ronald Dingeldey, dem Präsidenten des Fernmeldetechnischen Zentralamtes, vermochte nicht darüber hinwegzutäuschen, daß die Bundespost mit nur 0,5 Prozent an Akademikern unterdurchschnittlich schlecht dasteht.

Friedrich Ohmann vom Bereich Kommunikationstechnik der Siemens AG und Vorsitzender der Nachrichtentechnischen Gesellschaft im VDE schaffte es, auch den anwesenden Abiturienten einen Überblick über die diversen neuen Ausprägungen im Beruf des Telekommunikations-Ingenieurs zu vermitteln. Falls die Steigerungsrate an Studienanfängern so bleibe, wie sie derzeit sei, werde der voraussichtliche Bedarf der Industrie bis 1990 durch die zu erwartende Anzahl von Absolventen gedeckt werden können. Gegen einen "geburtenbedingten" Abfall des Angebots am Ende des Jahrzehnts müsse aber rechtzeitig Vorsorge getroffen werden.

Die Sicht aus dem universitären Blickwinkel vermittelte Professor Dr. Hans Marko von der Technischen Universität München: Telekommunikation ist für ihn eine neue Bezeichnung für ein Teilgebiet der Nachrichtentechnik oder auch Informationstechnik, die zum Gebiet der Elektrotechnik gehört. Zur Zeit kommen, nach den Informationen von Marko, 1,2 offene Stellen auf einen Berufsanfänger. Eine große Zahl von Bildungswegen für den Zugang zu diesem Studium steht den Aspiranten offen, dennoch werde die Zahl der Studienanfänger stets aufgrund von Motivation und Fähigkeit begrenzt sein. Er erwähnte die stetige Studienreform, die die Hochschulausbildung den Erfordernissen der Praxis anpasse. Für diesen Teil seiner Ausführungen holte sich der Münchner Lehrstuhlinhaber im Verlauf der sich anschließenden Diskussionen noch eine höfliche Bestätigung von seiten der Industrie.

Bildungssystem anpassen

Zu diesem Kongreßabschnitt kann zusammenfassend gesagt werden, daß die Vertreter der Industrie es bedeutend besser verstanden, Zusammenhänge und Sachverhalte sowie die sich ableitenden Prognosen und ihre Nutzanwendung für die Aspiranten dieses in seiner wirklich neuen Ausprägung nur schwierig zu fassenden Berufsfeldes zu vermitteln. Post und Universität konnten eigentlich nur den Status-quo beschreiben. Auch daran wurde eine Forderung des Forschungsministers nach einer besseren Anpassung unseres Bildungssystems an die neuen Gegebenheiten verständlich.

Der zweite Tag der Veranstaltung brachte dann die Konkretisierung der neuen Berufsbilder. Für den technischen Bereich schilderten prominente Vertreter der Telekommunikationsindustrie die diversen Einsatzgebiete. Dr. Hans Gissel, Vorstandsmitglied bei AEG-Telefunken, formulierte vier Anforderungsgrundsätze. Sie könnten im Dilemma zwischen der notwendigen Beherrschung breiten Grundlagenwissens und den ständig steigenden Spezialisierungstendenzen auf jeweils das richtige Maß verweisen. Das Anforderungsprofil eines Nachrichtentechnikers von heute sei sicherlich nicht das des Telekommunikations-Ingenieurs von morgen. In diesem Zusammenhang betonte er die große Bedeutung der betrieblichen Weiterbildung.

Begriffswandlung

Deutlich wurde die Wandlung des Berufsbegriffs in dem an Details reichen Vortrag des Vertreters von IBM, Bernhard Dorn. Die Entwicklung der Datenverarbeitung habe mit jedem Schritt hin zur Informationsverarbeitung analoge Berufe entstehen lassen. Bedenklich kann hier die hohe Spezialisierung in die von Dorn einzeln aufgeführten Funktionen stimmen, für die das im Vortrag verwendete herkömmliche Wort "Beruf" teilweise viel zu hoch gegriffen ist. Eine Grafik, die sogenannte Trompete, zeigte, wie sich aus den ursprünglichen Tätigkeiten des Bedienens und Programmierens ein differenziertes Spektrum von mehreren Dutzend Tätigkeiten bis heute bereits ergeben hat. Für den engeren Bereich der Datenverarbeitung faßte Dorns Vortrag die Situation gut zusammen. Basis neuer "Berufsbilder" würden die Bereiche Satelliten-Übertragung mit digitalisierter Integration von Sprache, Daten und elektronischer Post sein, weiter die Glasfasertechnik und deren Umsetzung in technische Komponenten eines Informationsnetzwerks.

Als besonders wichtig bezeichnete Dorn den Projektmanager für Informationsverarbeitung und Informationstechnik, der allerdings nicht mit dem Systemarchitekten verwechselt werden dürfe.

Der Systemarchitekt war Gegenstand des anschließenden Vortrags von Dr. Peter Schnupp und Max-Schulze-Vorberg junior von der Interface GmbH, München. Schnupp kennzeichnete ihn als den hochqualifizierten, interdisziplinär geschulten Spezialisten in beratender Funktion, der im Auftrag eines Systembetreibers die Entwicklung und Betriebsführung eines komplexen Kommunikationssystems plant und leitet.

Auch ein Vertreter der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft kam zu Wort: Dr. Herbert Nierhaus. Er betrachtete die Auswirkungen der Telekommunikation auf Berufs- und Qualifikationsstrukturen.

Viel Fluktuation

Nierhaus sieht voraus, daß zirka ein Drittel aller jetzt Beschäftigten auf neu geschaffenen Arbeitsplätzen tätig sein und rund ein Fünftel von ihnen den Arbeitsplatz innerhalb des Betriebes wechseln werden. Zugleich müsse aber damit gerechnet werden, daß rund zehn Prozent der heute Beschäftigten den Arbeitsplatz im bisherigen Betrieb verlieren werden. Eine permanente berufliche Weiterbildung werde für viele Angestelltentätigkeiten notwendig werden.

Über den Bildschirmtext- beziehungsweise Videotext-Redakteur sprach Alexander Kulpok der Leiter der Videotext-Redaktion von ARD und ZDF. Er hob die notwendige "Besinnung auf ureigene journalistische Vorzüge" für die neuen Medien als Positivum hervor; auch habe hier die neue Technik keinesfalls als Jobkiller gewirkt - im Gegenteil. Das Tätigkeitsfeld eines Medienkaufmanns schilderte Dr. Helmut Thoma, der Geschäftsführer der IPA-Radio Luxemburg. Professor Klaus Haefner, Universität Bremen, befaßte sich mit der Aus- und Weiterbildung mittels Telekommunikation und nahm hier einen optimistischen Standpunkt ein.

Ein zusammenfassendes, abschließendes Statement brachte der letzte Vortrag der zweitägigen Veranstaltung. Obwohl nur für den Bereich Information und Dokumentation (IuD) gedacht, kann es für das ganze Spektrum des Kongresses gelten. Der Vorsitzende des Vereins Deutscher Dokumentare (VDD), Bonn, Dr. Winfried Schmitz-Esser, sprach über die "Berufsfelder in Information und Dokumentation". Noch weitgehend hätten wir es mit Spezialistensystemen zu tun, für deren rationale Nutzung der kenntnisreiche Mittler (Dokumentar) unentbehrlich bleibe. Schmitz-Esser macht das "Info-Marketing" bei Gruner und Jahr.

Er sagte: Je einfacher, intelligenter' und nutzernäher die Informationssysteme der Zukunft sind, desto höher die Anforderungen an die Verarbeitung des Wissens und die dahinter stehenden Systeme. Dabei darf als zusätzliche Regel gelten: Je höher der Wert der Systeme, desto intensiver die Wissensverarbeitung."