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05.04.2002 - 

Wegen fehlgeschlagener Migration auf das R/3-Modul IS-U/CSS über Monate keine Abrechnungen möglich

Münchner Stadtwerken misslingt Umstieg auf SAP

MÜNCHEN (ba) - Den Stadtwerken München (SWM) ist der Umstieg auf das R/3-basierende Energieversorgermodul IS-U/CSS gründlich misslungen. Kunden berichten von monatelangen Verzögerungen und Datenverlusten. Auch andere Stromanbieter klagen über Probleme mit der SAP-Lösung.

"Die Verzögerungen waren schon dramatisch", berichtet eine Mitarbeiterin des Münchner Hausverwaltungsunternehmens Günther Gruber. Von August letzten Jahres bis zum März 2002 hätten die Stadtwerke keine Abrechnungen geschickt. Seit ein paar Wochen trudelten diese nun so nach und nach ein, schimpft sie. Als Entschuldigung hätten die Verantwortlichen des Energieversorgers angegeben, dass wegen DV-Problemen eine Zeitlang keine Jahresabrechnungen erstellt werden konnten.

Stadtwerke wissen von nichtsDoch davon will Christian Miehling, Pressesprecher bei den Stadtwerken, nichts wissen. Er verweist auf eine offizielle Erklärung, die bereits vom November letzten Jahres datiert und der im Grunde nichts hinzuzufügen sei. Darin heißt es, dass in den Monaten September und Oktober 2001 "zwei neue, hochkomplexe Softwaresysteme eingeführt" wurden: eine Standardsoftware für Kontoführung und Abrechnung sowie ein System zum Ausbau und zur Verbesserung der Kundenbeziehungen. Die Einführung beider Systeme verlief in jeder Projektphase "planmäßig und erfolgreich". Den Kunden seien keine Nachteile entstanden. Diesen Satz unterstreichen die SWM-Verantwortlichen in ihrer Mitteilung.

Bei den Kunden der Stadtwerke rufen diese Sätze verständnisloses Kopfschütteln hervor. So berichtet eine Münchnerin, bei der seit September letzten Jahres keine Abschlagszahlungen mehr gebucht wurden, dass offenbar die Daten ihrer Bankverbindung beim Umstieg verloren gegangen seien. Dies habe ein SWM-Sachbearbeiter im Abrechnungswesen unumwunden zugegeben, nachdem unzählige Versuche gescheitert seien, Informationen über die Service-Hotline zu bekommen.

Auch SWM-intern steht Pressesprecher Miehling mit seiner Darstellung auf verlorenem Posten. So erzählt ein DV-Mitarbeiter, der an dieser Stelle nicht genannt werden möchte, dass beide Systeme im letzten Herbst unter heftigen Geburtswehen eingeführt worden seien. Die Entwicklung des Abrechnungsmoduls "Industry Solution Utilities/Customer Care and Services" (IS-U/CCS) habe SAP bereits vor der Liberalisierung des Energiemarktes angestoßen. Damals seien Vorgänge wie die Fülle an verschiedenen Tarifen oder ein Wechsel des Versorgers gar nicht bekannt gewesen. Aus diesem Grund musste SAP in der laufenden Entwicklung immer wieder nachbessern.

Ein großes Problem bei der Migration sei die schlechte Qualität der Altdaten gewesen. Dies treffe die meisten Anwender im Umfeld der Energieversorger. Da es sehr mühsam ist, den Datenbestand vor dem Umstieg zu bereinigen, gingen die wenigsten diesen Weg. "Aus heutiger Sicht wären einige Monate zusätzlicher Arbeit in diesem Bereich sicher sinnvoll gewesen", räumt der Stadtwerke-Mitarbeiter ein.

Eile wegen EuroEin Grund für die Eile sei der Druck wegen der Euro-Umstellung gewesen. Das Altsystem, das seit 1979 im Einsatz war, wollten die Verantwortlichen nicht mehr auf die neue Währung umrüsten. Ursprünglich sei geplant gewesen, das Abrechnungssystem auf das R/2-basierende "Riva" von SAP umzustellen. Nachdem jedoch kurz darauf die Ankündigung des R/3-Moduls folgte, hätten die Verantwortlichen den Zwischenschritt gestoppt und gleich auf die aktuellste Lösung gesetzt.

Zwar funktioniere das System mittlerweile, man kämpfe jedoch immer noch damit, die Folgen zu beseitigen, erzählt der IT-Mitarbeiter, doch müsse nun eine fünfstellige Zahl an Rechnungen bearbeitet werden, die während der Migrationszeit liegen geblieben seien.

Wer letztendlich die IT-Probleme bei den Münchnern zu verantworten hat, wird sich mit letzter Sicherheit wohl kaum beantworten lassen. Stefan Helnerus, stellvertretender Arbeitskreissprecher für den Bereich Energieversorgung bei der Deutschen SAP Anwendergruppe (DSAG), berichtet, dass die eigentlichen Probleme nicht durch das neue Produkt, sondern in aller Regel durch die Überführung der Daten verursacht würden. Viele Anwender seien nicht in der Lage, ihren Datenbestand bis zur Produktivsetzung zu bereinigen, und würden ihren Datenmüll mitnehmen.

IS-U dagegen sei ein hochnormiertes System, für dessen Nutzung genau bekannt sein müsse, welche Daten wie zu strukturieren sind. Dafür müsse man inhaltliche Datenqualität erzeugen, fordert Helnerus. Es gehe zum Beispiel nicht, 20 verschiedene Schreibweisen für eine Straße zu haben. Auch die Anredeschlüssel müssten sauber vergeben sein. "Es kommt nicht gut, wenn im Briefkopf steht: Sehr geehrte Frau Stadt Dortmund."

Insider bemängeln jedoch, dass SAP zu lange gebraucht habe, um die Lösung auf den Markt zu bringen. Die Versorger im deregulierten Energiemarkt hätten händeringend darauf gewartet. Um diese Erwartungen zu befriedigen, habe SAP um "fünf vor zwölf noch schnell etwas auf den Markt geworfen". Dass dabei Fehler passiert sind, sei offensichtlich. So müsse sich SAP die Frage gefallen lassen, warum es keine vernünftigen Konverter und Schnittstellen zu den Altsystemen gebe. Das verursache immer wieder riesige Probleme. Doch davon will man bei SAP nichts wissen. Pressesprecher Ralf Nitsch erklärt, ihm seien keine Schwierigkeiten mit der IS-U-Lösung bekannt.

Stadtwerke sind kein EinzelfallAngesichts der mittlerweile gehäuft auftretenden Pannen dürften die Walldorfer jedoch bald in Erklärungsnöte geraten. So drohte bereits Ende letzten Jahres ein ähnliches Projekt des Energieversorgers GEW Köln zu scheitern. Ein Darmstädter Energieversorger sei froh gewesen, nach der Umstellung nur sechs Wochen lahm gelegt gewesen zu sein. Bei der Mainova, die 460000 Haushalte im Großraum Frankfurt versorgt, seien nach der Migration Rechnungsposten als Kundenguthaben verbucht worden.