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11.04.2003 - 

Studienergebnisse setzen Microsoft unter Druck

Münchner Verwaltung kokettiert mit Linux

MÜNCHEN (ba) - Hinter den Kulissen wird hart um Münchens IT-Zukunft gerungen. Während sich die Linux-Befürworter auf die Ergebnisse einer Ende letzten Jahres abgeschlossenen Studie berufen, warnen Skeptiker vor einer übereilten und unüberlegten Entscheidung. Man müsse erst alle Kostenaspekte sowie die neuen Angebote von Seiten Microsofts prüfen. Damit wird allerdings auch deutlich, dass es letztendlich nur um eines geht: den Preis. Die endgültige Entscheidung hat der Stadtrat auf den 28. Mai dieses Jahres vertagt.

Vor den IT-Verantwortlichen der Stadt München liegt ein Mammutprojekt. 16000 PC-Arbeitsplätze, die zum überwiegenden Teil noch unter Windows NT 4.0 laufen, müssen in den nächsten Jahren umgestellt werden, da Microsoft mittlerweile die Unterstützung des Betriebssystems aufgegeben hat und auch keine Patches für die Behebung von Sicherheitslücken mehr anbietet. Auf welche Plattform migriert werden soll, ist allerdings heftig umstritten. Es stehen eine Linux-Option sowie der Wechsel auf Windows XP zur Diskussion.

Lizenzpolitik verärgert IT-Verwaltung

Der Streit um die künftige IT-Plattform der bayerischen Landeshauptstadt begann vor rund einem Jahr. Die Kritik der IT-Verantwortlichen im Amt für Informations- und Datenverarbeitung (Afid) entzündete sich hauptsächlich an Microsofts restriktiven Lizenzprogrammen, mit denen die Kunden langfristig gebunden werden sollten. Diese "unverschämte Lizenzpolitik" führe zu erheblichen Kostensteigerungen, schimpften die Münchener IT-Experten. Unterstützung fanden sie im Stadtrat, wo SPD-Fraktionsmitglied Gerd Baumann Microsofts Lizenzgebaren als Weg geißelte, der Anwender in die totale und kostspielige Abhängigkeit führen könne. Diese Monopolpolitik dürfe die öffentliche Hand nicht länger hinnehmen. Die Debatten mündeten im April 2002 in dem Beschluss, eine Studie in Auftrag zu geben, die Kosten und Nutzen des Einsatzes von Open-Source-Lösungen im Vergleich zu Microsoft-Produkten bewerten sollte.

Nachdem das Thema rund ein Jahr in der Versenkung verschwunden war, sickerten vor kurzem erste Ergebnisse dieser Studie durch. Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) vom 4. April liege nach umfangreichen Prüfungen die Folgerung nahe, dass es für die Stadt am wirtschaftlichsten sei, sich ganz von Microsoft zu verabschieden. In einem Punkte-Ranking habe Linux zusammen mit Open-Source-Büroprogrammen mit 6218 von 10000 möglichen Punkten eindeutig die Nase vorn. Eine reine Microsoft-Lösung mit Windows XP komme dagegen nur auf 5293 Punkte.

Auch unter Kostengesichtspunkten empfehle sich Linux. Mit 5665 Euro pro Punkt falle die Open-Source-Lösung günstiger aus als die Microsoft-Variante, die die Stadt 5914 Euro je Punkt kosten würde. Insgesamt belaste der Umstieg auf Linux den Stadthaushalt um rund 25 Prozent weniger als die Migration von dem aktuell eingesetzten Windows NT 4.0 auf XP, so das Fazit des SZ-Berichts.

Die Studie sei noch nicht von der Stadt München freigegeben, erläutert Georg Unbehaun, Leiter des Bereichs Communications beim Dienstleister Unilog Integrata, der im vergangenen Jahr mit der Studie beauftragt wurde. Deshalb dürfe er auch nichts über die Methodik und die Ergebnisse verraten. Jedoch sei der Sachverhalt in dem SZ-Artikel stark verkürzt dargestellt worden, bemängelt er. Außerdem laute das Ergebnis nicht pauschal: Finger weg von Microsoft. Vielmehr erhalte man unter bestimmten Aspekten ein Punkteergebnis, auf dem eine Empfehlung speziell für die Stadt München aufbaue. Bei einer anderen Kommune könne das Resultat völlig unterschiedlich aussehen. Anhand der Studie hätten die Stadtverantwortlichen jetzt ganz andere Möglichkeiten, gegenüber Microsoft zu argumentieren, resümiert Unbehaun. Allerdings gibt es offenbar einigen Spielraum, wie die Ergebnisse zu interpretieren sind.

Hinter den Kulissen von Stadt-rat, Referaten und IT-Abteilungen brodelt es offenbar. Wie stark die Emotionen und Ideologien hochkochen, belegt die Tatsache, dass Teile der offenbar Linux-freundlichen Studie kurz vor dem Abschluss eines neuen Rahmenvertrags Microsofts mit dem Bundesinnenministerium in der Öffentlichkeit lanciert wurden. Von Seiten des Afid, wo man im vergangenen Jahr vehement für die Open-Source-Variante eintrat, will man die jetzige Entwicklung nicht kommentieren. "Es gibt kein Linux-Projekt, das ist alles verschoben", lässt Leiter Wilhelm Hoegner barsch ausrichten. Offenbar geht es den IT-Managern dort in Sachen Linux nicht schnell genug. Internen Quellen zufolge liegt die Studie bereits seit Ende letzten Jahres vor. Allerdings erschwerten strategische und politische Überlegungen im Hintergrund eine Entscheidung. Dass diese möglichst pro Linux ausfallen sollte, daraus macht man beim Afid keinen Hehl.

In den Fraktionen des Münchner Stadtrats will man die Ende Mai anstehende Entscheidung besonnener angehen. Bis dahin müssten Kosten und Nutzen eines Systemwechsels genau abgewogen werden, heißt es in einer offiziellen Verlautbarung der SPD-Fraktion. "Wir dürfen diese weit reichende Entscheidung nicht übers Knie brechen", warnt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Christine Strobl. "Ein Wechsel muss sich langfristig rechnen." In den weiteren Untersuchungen müssten nicht nur Aufwendungen für Wartung und Support, sondern auch weiche Faktoren wie Sicherheit, Ausfallschutz und Administrierbarkeit berücksichtigt werden.

Damit scheinen trotz anders lautender Informationen von Seiten Unilog Integratas in der Untersuchung nicht alle Kostenfaktoren berücksichtigt worden zu sein. Zu dieser "Art Studie" würden nun Stellungnahmen der einzelnen Referate eingeholt, beschreibt Jürgen Biehl, Sprecher der SPD-Fraktion im Münchner Rathaus, das weitere Vorgehen. Kritisch gegenüber dem Linux-Einsatz hätten sich bislang vor allem das Planungs- und Baurefe-rat geäußert, die mit zahlreichen Spezialapplikationen arbeiteten. Diese Fachanwendungen müssten dann wohl zumindest teilweise neu programmiert werden. Auch Jens Mühlhaus, Stadtrat der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und Rosa Liste sowie Mitglied der IT-Kommission, fordert, die Bedenken der Fachreferate sehr ernst zu nehmen. So seien diese bereits durch andere Infrastrukturmaßnahmen wie zum Beispiel umfangreiche SAP-Projekte, Personaleinsparungen und Umstrukturierungen stark beansprucht.

Trotz dieser Bedenken spricht sich Mühlhaus für eine Linux-Lösung aus. Der Grünen-Politiker befürchtet bei einer Entscheidung pro Microsoft zusätzliche, bislang kaum kalkulierbare Folgekosten. So könne beispielsweise nach Abschluss der jetzt diskutierten XP-Migration bereits die nächste Umstellung drohen, weil dann möglicherweise Windows XP nicht mehr unterstützt werde. Deshalb stecke München auch in dem momentanen Dilemma mit Windows NT. "Dann lacht wieder alle Welt über München." Diese potenziellen Folgekosten, die über einen Zeitraum von fünf Jahren hinausgehen, seien in der vorliegenden Studie nicht berücksichtigt, kritisiert Mühlhaus. Beim Einsatz von Linux funktioniere die Implementierung neuer Kernel-Versionen dagegen fließender, ohne dass eigene Großprojekte aufgesetzt werden müssten, und verursache vor allem keine zusätzlichen Lizenzkosten.

Die Umstellung von 16000 Rechnern sei allerdings keine triviale Aufgabe, warnt der Münchner Stadtrat. Probleme könnten unter anderem verschiedene Insellösungen bereiten, die teilweise noch unter Windows 3.11 oder verschiedenen Unix- und Macintosh-Systemen laufen. Außerdem würden dem IT-Stab künftig weniger Mitarbeiter zur Verfügung stehen, da für die nächsten Jahre angesichts der angespannten Haushaltssituation ein Einstellungsstopp verfügt wurde.

Die leeren Stadtkassen sind auch für Ernst Wolowicz, den Leiter des Direktoriums der Stadt München, das entscheidende Kriterium. Daher schlage man dem Stadtrat auf Basis der vorliegenden Studienergebnisse vor, sowohl beim Betriebssystem wie bei den Office-Anwendungen Linux- beziehungsweise Open-Source-Produkte einzusetzen. Vom langfristigen strategischen Ansatz her präferiere das Direktorium zwar Linux. Angesichts der aktuellen Haushaltslage der Stadt München liege der Fokus aber auf dem Kostenaspekt. Deshalb könnten sich die Umstände noch grundlegend ändern, "wenn Microsoft bei den Kosten weit günstiger sein sollte als bisher".

Stadt hofft auf neues Microsoft-Angebot

Daher müsse man die Bedingungen der neuen Rahmenvereinbarung abwarten, die Microsoft mit Bundesinnenminister Otto Schily abschließen wird und die für die gesamte öffentliche Hand gelten soll. Außerdem habe Microsoft angekündigt, der Stadt in Sachen Preisen, Vertragslaufzeiten und kostenlosen Service- und Consulting-Leistungen für die Migration weiter entgegenzukommen. Zu diesen Themen würden in den nächsten Wochen zwei Workshops mit Microsoft-Vertretern stattfinden. Ende April erwartet Wolowicz dann ein neues Angebot der Gates-Company.

Ob dabei viel Neues auf den Tisch kommt, ist fraglich. So werde das Unternehmen keinen Kuhhandel mit der Stadt München betreiben, versichert Microsoft Deutschland. Aus diesem Grund werde sich das Microsoft-Angebot an den Bedingungen des neuen Rahmenvertrags orientieren. "Es wird keine Sonderkonditionen für München geben", wehrt Microsoft-Sprecher Thomas Baumgärtner ab. Sonst fange bald jede Kommune an, mit Linux zu drohen, um einen Vorzugspreis von Microsoft zu bekommen. Es wäre Quatsch, sich darauf einzulassen.

Ballmer interveniert beim Bürgermeister

Ganz so gelassen scheint Microsoft die Diskussion um den potenziellen Linux-Einsatz in München und die daraus möglicherweise resultierende Signalwirkung jedoch nicht zu nehmen. Baumgärtner bestätigt, dass Microsoft-Chef Steve Ballmer seinen Schiurlaub in den Schweizer Alpen Anfang April unterbrochen habe, um mit dem Münchner Oberbürgermeister Christian Ude persönlich zu verhandeln. Ob sich diese Intervention auf höchster Ebene auszahlt, wird sich Ende Mai zeigen.