Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

Bill Gates:"Multimedia wird größer als alles, was wir heute machen"


19.07.1991 - 

Multimedia - ein Glitzertraum soll endlich Wirklichkeit werden

LONDON (gs) - "Multimedia - Hope or Hype?" - die ketzerische Frage des Kongreßredners hätte gut über der gesamten Veranstaltung stehen können. So sehr sich die 55 Aussteller der Multimedia-Show, die Ende Juni in London stattfand, auch um den Nachweis mühten, daß die Kombination von Computer und Video nach Jahren der bloßen Versprechen endlich praktisch nutzbare Realität geworden ist, so beeindruckend einzelne Anwendungen auch waren - ein großer Teil der multimedialen Vision ist unübersehbar noch immer Vision.

Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Bezeichnung: Niemand weiß so recht, was "Multimedia" eigentlich heißen soll. Manche würden das Wort am liebsten ganz streichen. Henrik Ahlen etwa, Chef der schwedischen Multimedia AB, spricht viel lieber von "Medienintegration". Noch weiter geht Bob Stein von The Voyager Company: "Wir benutzen das Wort nie, es ist ohne Bedeutung. Alles, was Multimedia impliziert, ist in einer halben Stunde irgendeines Fernsehprogramms enthalten."

Das allerdings, das Fernsehbild, die Kombination von Ton, Grafik, Video- und Tricksequenzen, ist nur die halbe Wahrheit: Der Clou an Multimedia, und da sind sich ausnahmsweise alle einig, ist die Interaktivität. Erst die Möglichkeit, in den Ablauf des Geschehens einzugreifen, macht aus dem Film einen Dialog, aus dem passiven Zuschauer einen aktiven Benutzer.

Interaktivität ist der Kern all derjenigen Anwendungen, auf die sich die größten Zukunftshoffnungen richten: Verkaufsunterstützung, Schulung, Training, Präsentationen und Auskunftssysteme. In der "Application Gallery", einer Sonderschau der Londoner Veranstaltung, auf der "echte" Anwendungen gezeigt wurden, war von allem etwas zu sehen. Überzeugen konnten nicht alle. Gelegentlich waren die bunten Bilder, die Musikschnipsel und die freundlichen Lautsprecherstimmen nicht mehr als Schnickschnack, der nur Zeit und Nerven kostete.

Die derzeit verbreitetste Variante ist Computer-Based Training (CBT) - Schulung am Computer. CBT erlaubt, wie

ihre Hersteller wortreich versichern, nicht nur ein flexibleres und individuelleres Lernen, sondern kann zugleich die Schulungsausgaben kräftig reduzieren.

Die in diesem Bereich gezeigten Anwendungen erschienen fast durchweg plausibel. Ein sehr schönes Beispiel war "The Reading Disk" von Cambridge Training and Development, die erwachsenen Analphabeten helfen soll, lesen zu lernen, ohne sich dabei öffentlich bloßstellen zu müssen.

Das größte Marktpotential der nächsten Zeit sieht das englische Marktforschungsunternehmen Inteco bei Auskunftssystemen, die schon bald in Bahnhöfen, Flughäfen oder Kaufhäusern Informationschalter und Fahrpläne ablösen könnten.

Auch Systeme zur Verkaufsunterstützung versprechen, ein gutes Geschäft zu werden. Mit ihnen kann beispielsweise ein Autokäufer sämtliche Modell- und Ausstattungsvarianten seines Traumwagens am Bildschirm durchspielen, und dann mit einem Tastendruck sofort erfahren, was ihn der Spaß bei den unterschiedlichen Finanzierungsalternativen jeweils kosten würde.

Während die Amerikaner vor allem auf diese professionellen Anwendungsbereiche setzen, haben die Japaner eher den privaten Sektor im Visier. Für Charles P. Lecht, Japan-Korrespondent der CW-Schwesterpublikation "Computerworld", steht die umfassende Vereinigung der Unterhaltungselektronik unter japanischer Flagge unmittelbar bevor: "Die Entwicklung der japanischen Computer läßt keinen anderen Schluß zu, als daß Hi-Fi-Anlage, Videorecorder, Fernseher, Anrufbeantworter und auch das Telefon selbst vermutlich schon bald durch ein einziges computerbasiertes Gerät ersetzt werden."

Wie groß der Markt für Multimedia wirklich ist, weiß niemand genau. Dazu sind die Verhältnisse noch immer viel zu unübersichtlich. Doch die Zahlen, die genannt werden, sind beeindruckend. Inteco beispielsweise rechnet für 1993 mit weltweiten Multimedia-Umsätzen von 8,7 Milliarden Pfund, nach heutigem Kurs etwa 26 Milliarden Mark. Ein Jahr später sollen dann allein in den USA und in Europa schon 29 Milliarden Mark umgesetzt werden. Etwas zurückhaltender, aber kaum weniger optimistisch, äußert sich der Gartner-Group-Analyst Bill Caffery: Er prophezeit dem US-amerikanischen Multimedia-Markt ein Wachstum von heute 1,5 Milliarden Dollar auf das mehr als Vierfache bis 1995. Ganz besonders zuversichtlich blickt William M. Spaller in die Zukunft. Der Direktor für IBMs Multimedia-Systeme rechnet für 1994 allein bei den Plattformen bis 15 000 Dollar mit Umsätzen von 24 Milliarden Dollar.

Solche Aussichten erinnern an die frühen Boomjahre der Computerbranche. Kein Wunder, daß den von Rezession und ruinösen Preiskämpfen gebeutelten Anbietern beim Thema Multimedia die Herzen aufgehen, ganz besonders natürlich den Hardwerkern, denen in ihren traditionellen Märkten die Margen wegbrechen.

Unklar ist allerdings, wieviel von den Milliarden überhaupt noch zur freien Verteilung anstehen. Denn während eine rasch wachsende Zahl von kleinen und jungen Firmen noch emsig an den Produkten bastelt, die den Markt erschließen sollen, sind die Riesen aus Computer-, Unterhaltungs- und Medien-

industrie dabei, ihn großräumig in Besitz zu nehmen.

Firmen wie Apple, Microsoft, IBM, Philips, oder Sony haben die Frage "Hope or Hype?" für sich längst entschieden. Mit manchmal fast schon religiöser Inbrunst stürzen sie sich in die multimediale Zukunft. Sie haben in den vergangenen Jahren viel Geld in die Entwicklung der nötigen Basistechnologien und Werkzeuge gesteckt und hoffen jetzt auf die Früchte ihrer Investitionen. IBM beispielsweise finanziert allein im Media Lab des MIT mit 1,5 Millionen Dollar vier Forschungsprojekte.

Bill Gates, Microsoft-Boß und passionierter Visionär, zieht seit Jahren durch die Lande und predigt allen das Evangelium vom "much more personal Personal Computer". Und weil "Multimedia ... größer (wird) als alles, was wir heute machen", hat er seinen Programmierern schon vor einiger Zeit den Auftrag gegeben, entsprechende Erweiterungen für MS-DOS und -Windows zu entwickeln.

Zuerst kam die CD-ROM-Software Bookshelf, und nicht wenige in der damals beschaulichen DOS-Welt, in der noch kein Mensch je ein CD-ROM-Laufwerk gesehen hatte, wunderten sich über dieses "Science-Fiction-Programm". Inzwischen

scheint klar, daß Gates seine Firma noch erheblich stärker auf Multimedia-Kurs trimmen will: Im Mai 1991 erschien das Multimedia Developers' Kit für Windows; etwa zur gleichen Zeit erwarb Microsoft die elektronischen Verwertungsrechte an dem 600 Titel umfassenden Sortiment des englischen Verlags Dorling Kindersley. Dazu gehören Nachschlagewerke wie das populäre "How Things Work", die sich hervorragend für eine multimediale Aufbereitung eignen.

Parallel zu diesen Aktivitäten hat der Softwareriese sich mit einigen großen Hardwareherstellern (unter anderem Tandy, Olivetti, Philips, AT&T, NEC, Fujitsu und Zenith) zusammengetan und die Spezifikation für einen Standard-Multimedia-PC erarbeitet. Noch in diesem Sommer sollen die ersten nach dieser Spezifikation gebauten PCs auf den Markt kommen.

Bislang allerdings war alle Mühe vergebens: Angesichts der beschränkten Möglichkeiten der PCs ß la IBM (der Standardplattform für die Microsoftware) wurden und werden die real existierenden Multimedia-Anwendungen fast ausschließlich für Apples Macintosh oder Commodores Amiga entwickelt. Anders als der biedere (und immer etwas rückständige) PC wurden diese Rechner von vornherein für Anwendungen mit Bild und Ton konzipiert. Erst jetzt, mit der Verfügbarkeit leistungsfähigerer PCs und grafischer Benutzeroberflächen, beginnt sich daran etwas zu ändern.

Philips und Sony, altgediente Pioniere in Sachen optische Datenspeicher, knüpfen währenddessen ausgedehnte Kooperationsnetze. Ihr Ziel ist es, eine Hausmacht aufzubauen, die ihnen hilft, ihre Technologien als internationale Standards durchzusetzen .

Standards sind der entscheidende Schwachpunkt der sonst so zukunftsgewissen Branche. Es gibt kaum welche. Und solange das so bleibt, kann nicht damit gerechnet werden, daß irgend jemand viel Geld für Multimedia ausgibt. Die Standards sind der große Unsicherheitsfaktor in allen Kalkulationen.

Einen Anfang machten Philips und Sony, als sie zusammen mit Microsoft das CD-ROM-XA-Format definierten, ein Speicherungsformat, das es erlaubt, einiges der multi-medialen Möglichkeiten schon in normalen PC-Umgebungen zu nutzen.

Das Wahre jedoch, wenn man den Holländern glauben darf, ist dieser Kompromiß mit den unbefriedigenden Möglichkeiten der heutigen PCs nicht. Die Zukunft, sagen sie, heißt CD-I (CD Interactive).

IBM: Eines der Top-Themen für die neunziger Jahre

Das von ihnen entwickelte und von einem "CD-I-Konsortium" (derzeitige Mitglieder: Philips, Sony, Matsushita) gehütete Format zur Video Speicherung, hat bislang vor allem bei den japanischen Unterhaltungselektronik-Unternehmern Anklang gefunden: Technics, National und Yamaha wollen noch in den nächsten Monaten mit CD-I-Laufwerken auf den Markt kommen.

Im Gegensatz zu CD-ROM XA, für das ein normales, neueres CD-ROM-Laufwerk ausreicht, ist für CD-I ein spezielles Abspielgerät nötig - ein hoch spezialisierter 32-Bit-Computer auf der Basis von Motorolas 68020 mit einem eingebauten CD-Laufwerk. Diese teure Zusatzhardware, so fürchten manche, könnte die Marktchancen von CD-I erheblich mindern.

Zusammen mit den Prozessor-Designern der kalifornischen Start-up-Firma C-Cube arbeitet Philips an der Weiterentwicklung von C-Cubes Komprimierungs-Chips, die Fotos und bewegte Bilder in Echtzeit auf einen Bruchteil ihres Originalvolumens zusammenstauchen.

Weitere Kooperationen bestehen mit dem Musik- und Filmverlag Polygram, mit dem englischen Zeitungszaren Maxwell, dessen Berlitz-Sprachkurse Philips multimedial in Szene setzen will, und mit Motorola, dem Hersteller der bei Multimedia dominierenden 68xxx-Prozessoren. Angehängt hat sich bereits Kodak, dessen neues Photo-CD-System, bei dem Fotos auf WORMs (einmal beschreibbare CD-ROMs) abgespeichert werden, sowohl zu CD-ROM XA als auch zu CD-I kompatibel ist.

Einen eigenen Weg geht Commodore, dessen CDTV-System (Commodore Dynamic Total Vision) für den Amiga nach Einschätzung von Fachleuten allerdings eher für den privaten Markt gedacht ist.

Ganz besonders engagiert gibt sich IBM. In Armonk ist Multimedia eines der fünf oder sechs Themen, auf die man sich in den neunziger Jahren konzentrieren will. Hardware-Basis soll primär das obere Ende der PS/2-Familie sein - und später vielleicht mal ein zusammen mit Apple gezeugter "Blue Mac".

IBM war von Anfang an mit dabei: Seit 1983 wird an Computer-Based Training gearbeitet, und seit fünf Jahren wird es in großem Umfang in der internen Ausbildung eingesetzt.

Peter Fornachon, Big Blues englischer Multimedia-Chef, sieht auch weiterhin beim CBT die langfristig besten Chancen: "Im Jahr 2000 werden 75 Prozent aller Jobs eine höhere Ausbildung erfordern; die traditionelle Ausbildung aber wird immer schlechter. Die Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter zunehmend selbst schulen."

Wie üblich, wenn die Armonker etwas wirklich wollen, wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. IBM will keine Segmente, sie will den ganzen Markt. Das erklärte Ziel ist, so IBM Vice-President Michael Braun, ein "One-Stop-Shop" für Multimedia zu werden.

Der Kunde soll eine vollständige Produktpalette vorfinden, vom Frame-Grabber über Audio-Boards und optische Platten bis zur erforderlichen Software.

Das ist keine Absichtserklärung, sondern wird bereits zügig realisiert. Seit letztem Jahr präsentiert IBM immer neue Bausteine ihrer Vision voll Multimedia. Auf der diesjährigen Frühjahrs-Comdex in Atlanta gab es zwei Upgrade-Kits, die aus PS/2-Rechnern Multimedia-Maschinen für CBT respektive Verkaufsunterstützung machen sollen. Neben Karten, Schnittstellen und Programmen enthält das eine Paket einen Touch-Screen-Monitor, das andere ein 3 1/2-Zoll-Laufwerk für wiederbeschreibbare optische Platten.

Eine weitere Produktankündigung soll im August erfolgen, und für Ende des dritten Quartals ist schon jetzt, bei dem zugleich IBMs gesamte Multimedia-Strategie, vom PC bis zum Mainframe, dargelegt werden soll.

Noch fehlt die erlösende "Killer-Applikation"

Big Blues neue Partnerin Apple könnte in dieses Konzept hervorragend passen: Die Anfang Juni vorgestellte Software-Erweiterung "Quicktime" für das Mac-System 7.0 bietet eine Standardplattform mit den für eigene Multimedia-Anwendungen erforderlichen Grundfunktionen: Sie erlauben Bildkompression und -dekompression, das Abspielen von Videoclips und die Ausdehnung der Mac-Oberfläche auf die fertige Präsentation. IBM käme elegant - und an Microsoft vorbei! - zu einem voll ausgereiften Multimedia-Betriebssystem.

Noch aber gilt für Quicktime, was für vieles andere im Bereich Multimedia ebenfalls gilt: Es ist erst angekündigt. Wann es kommt, was es kostet und was es wirklich kann, muß sich noch zeigen .

Paul Allen zumindest, der einst mit Bill Gates Microsoft gründete und der nun mit seiner eigenen Firma Asymetrix ("Tool Book") selbst in Richtung Multimedia unterwegs ist, gibt sich skeptisch: "Ich glaube, es ist eine tolle Technik, aber wie bei jeder Technik braucht es Anwendungen, damit die Leute anspringen. Es braucht die 'Killer-Applikationen'. Langfristig gesehen finde ich es wirklich aufregend, aber ich glaube nicht, daß wir schon so weit sind."