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08.03.1996

Multimedia/In verkaufsnahen Bereichen schon Wettbewerbsvorteile

Vieles wird derzeit mit "Multimedia" be- und umschrieben. Vom Videospiel ueber die CD-ROM mit modernen Pin-ups oder dem Otto- Katalog bis in T-Online umbenannten Btx der Telekom - alles laeuft unter dem neuen Schluesselwort. Der PC-Haendler um die Ecke wirbt wie die Computershop-Ketten und sogar die Kaufhaeuser fuer seine Multimedia-faehigen PCs, kein Hersteller tritt ohne ein derartiges Angebot auf. Auch die eher zurueckhaltenden oeffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten springen auf den Zug der Zeit und kuendigen multimediales oder gar interaktives Fernsehen an.

Offenbar ist das Wort der Modeterminus heutiger Tage - fuer alles und jedes zu (miss-)brauchen. Doch was ist Multimedia eigentlich? Nuechtern erklaert der Duden-Verlag in seinem Fremdwoerterbuch das Multimedia-System: "Informations- und Unterrichtssystem, das mehrere Medien (zum Beispiel Fernsehen, Dias, Buecher) gleichzeitig verwendet." Etwas technischer klingt eine Definition aus der Computerindustrie: "Multimedia bedeutet die Integration von Bild, als einzelnes oder bewegtes, mit Text, Ton und Kommunikation, dargestellt auf der grafischen Oberflaeche eines Personal Computers."

Ist das so grandios? Der gute alte Zusammenschnitt des Super-8- Hobbyfilmers bestand schliesslich auch schon aus Text, bewegten Bildern und Ton. Und der moderne Videoamateur zeigt uns die Strandschoenheiten von Ibiza untermalt vom Liveton quengelnder Kinder.

Der Mensch gewinnt welt- weite interaktive Praesenz

Das Neue scheint allein darin zu bestehen, den PC an die Stelle einer Leinwand zu setzen. Die zweite genannte Definition verweist jedoch noch auf das Stichwort Kommunikation, und hier scheint die wirkliche Neuerung zu liegen. Seit laengerem gibt es die Integration mehrerer Medien, doch immer war der Adressat ein reiner Rezipient. Nun soll also der Dialog zwischen der Darstellung unterschiedlicher Medien und dem Adressaten moeglich sein.

Die meisten Menschen zaehlen zum sogenannten "visuellen Typ". Ihnen faellt das Aufnehmen von Informationen und das Lernen durch kurze Filmsequenzen mit Ton und Bild leichter als durch das Lesen eines Buches. Und der Markt, der sich hinter dieser nuechternen Tatsache verbirgt, weckt natuerlich Begehrlichkeiten.

Mit einem durchschnittlichen jaehrlichen Wachstum von fast 21 Prozent rechnen die Marktforscher von Frost & Sullivan. Im Jahr 2000 soll danach der Umsatz mit Multimedia-Produkten allein in den USA auf 20 Milliarden Dollar ansteigen. Fuer Europa wird ein Wachstum von 1,5 Milliarden Dollar im Jahr 1994 auf ueber 37 Milliarden prognostiziert.

Angesichts dessen steigert sich mancher Anbieter in wahre Euphorie, wenn er die Einsatzmoeglichkeiten der neuen Technik zu beschreiben sucht. "Der Mensch gewinnt zu seiner lokalen Praesenz die Moeglichkeit der weltweiten elektronischen Praesenz hinzu, und zwar nicht nur passiv, sondern interaktiv in natuerlicher audiovisueller Kommunikation", schwaermt zum Beispiel Hans Wiedig vom Siemens-Strategieausschuss Multimedia von der neuen Technologie.

Waehrend die einen den Aufbruch zu neuen Ufern herbeisehnen, gibt es auch verhaltenere Stimmen. Das renommierte B.A.T.- Forschungsinstitut stellte fest, dass fast die Haelfte der Deutschen (48 Prozent) quer durch alle Altersgruppen sich schon heute von der medialen Vielfalt ueberfordert fuehlt. Horst Opaschewski als wissenschaftlicher Leiter ist gar ueberzeugt, dass die Medienrevolution schon bald psychologisch an ihre Grenzen stossen wird. Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) verweist darauf, dass das Interesse der Buerger an multimedialen Angeboten wie Online-Services, Abonnementfernsehen, Einkaufen per Bildschirm, interaktives Fernsehen bisher gering sei. Auch immer mehr TV-Programme im Gefolge der modernisierten Uebertragungstechnik rufen keine Begeisterung hervor.

Etliche Skeptiker warnen allerdings nur vor verfruehten Erwartungen, nicht vor Optimismus ueberhaupt: In vielen Bereichen werde Multimedia sich durchsetzen. Schaut man sich die vorhandenen Angebote an, wird deutlich, warum das so ist. Denn verfuegbar sind profane, aber nuetzliche Dinge. Die CD-ROM ist der Renner. Sie enthaelt elektronische Buecher, zum Beispiel Lexika mit Video- und Toneinspielungen, digitale Landkarten oder gar komplette Museumsfuehrungen etwa durch den Louvre in Paris, das Van-Gogh- Museum in Amsterdam und demnaechst das Pergamonmuseum in Berlin. Das pure Vergnuegen haben die silbrigen Scheiben mit Spielen im Blick, von denen der Markt geradezu ueberschwemmt wird. Selbst fuer Vorschulkinder werden bereits die ersten interaktiven Lernprogramme angeboten.

Doch nicht nur fuer den Massenmarkt der Privatverbraucher gibt es zahllose Angebote. Auch im Business-Markt etablieren sich einige Entwicklungen, die eine naehere Betrachtung rechtfertigen. Vor allem drei Bereiche sind offenbar fuer den Einsatz multimedialer Systeme besonders attraktiv: Video-Conferencing, Aus- und Weiterbildung sowie Verkaufs- und Informationsunterstuetzung.

Der wohl interessanteste Bereich, in dem auch relativ schnell konkrete Wettbewerbsvorteile vorstellbar sind, ist unter den Schlagworten Point-of-Information sowie Point-of-Sale zu subsumieren. Bernhard Swoboda, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Marketing der Universitaet Essen, sieht in diesen Systemen ein echtes Serviceangebot fuer den Verbraucher, das neben der Praesentation eines Einzelprodukts das Gesamtangebot transparent macht.

Im Handel werden Papierkataloge zunehmend durch multimediale Kataloge auf CD-ROM ersetzt. Karstadt loest ein typisches Handelsproblem mit dem "Music-Master". Ueber 60000 Musiktitel hat die Warenhauskette im Programm, doch viele Filialen koennen in ihren Musik- und Videoabteilungen lediglich bis zu 5000 Titel unterbringen. Der Music-Master ermoeglicht den zumeist jugendlichen Kunden, per Touchscreen aus 120 000 Musik- und Videotiteln das Gewuenschte abzurufen, Musikstuecke anzuhoeren und kurze Videoclips anzusehen. Ueber das Warenwirtschaftssystem lassen sich nicht vorraetige Titel schnell bestellen.

Kiosksysteme auf Grundlage von Internet

Die Automobilbranche nutzt Multimedia fuer den Kundenkontakt. Bei Daimler-Benz kann man zum Beispiel am Bildschirm sein Traumauto zusammenstellen. Der Kunde kann sich Wagenfarbe und Sitzbezuege selbst aussuchen und sieht gleich am Bildschirm, ob die mauve- metallicfarbene Lackierung mit den weinroten oder den braunen Sitzen gefaelliger harmoniert.

Einige Reiseveranstalter setzen multimediale Kioskinformationssysteme ein. Der Reiselustige kann am Bildschirm Informationen ueber Reiseziel, Hotels, Land und Leute abrufen. Ueber Datennetze laesst sich rasch feststellen, ob das Traumziel noch freie Plaetze hat. Selbst die Buchung ist interaktiv moeglich.

Auch Fremdenverkehrsaemter beginnen, Kiosksysteme zur Zimmervermittlung und Touristeninformation einzusetzen. Unter anderem das Stadtinformationssystem Heidenheim, der Verkehrsverein Graubuenden oder die Gemeinde Schweich an der Mosel sind hier Vorreiter gewesen. Immer oefter trifft der Auskunftswillige auf ein Orientierungs- und Informationssystem, so zum Beispiel im BMW- Museum und im Deutschen Museum Muenchen.

Multimediale Informationssysteme werden auch in der Immobilienberatung eingesetzt. Datenbanken ueber die Liegenschaften, angereichert mit Fotos und Videos von den Objekten und ihrer Umgebung und ergaenzt durch gesprochene Anmerkungen, werden aufgebaut. Der Kunde kann seine Wuensche bezueglich Lage, Bautyp, Zuschnitt und Kaufpreis angeben und erhaelt in kuerzester Frist erschoepfend Auskunft ueber die in Frage kommenden Angebote. Bendzko Immobilien aus Berlin nutzt diese Technik zugleich, um hochwertige Farbaufnahmen auszudrucken, die der Interessent dann in Ruhe zu Hause durchsehen kann. Die Zahl der Ortsbesichtungen laesst sich erheblich einschraenken, weil eine qualifizierte Vorauswahl getroffen werden kann.

Ein noch recht neuer Trend ist der Aufbau von Kiosk- und Inhouse- Informationssystemen auf Grundlage der Internet-Technologien. Der Vorteil liegt hier im Einsatz marktgaengiger Standardsoftware wie leistungsfaehiger Datenbanken und der Nutzung schneller, Multitasking-faehiger Server. Fuer den Handel sind diese Systeme interessant, weil die Aktualitaet der Informationen durch den Einsatz professioneller Anwendungen aus dem Business-Bereich eventuelle Administrationsprobleme loesen hilft. Zu den Pionieren auf diesem Gebiet zaehlt die Messe Duesseldorf, die zur 27. Internationalen Bootsausstellung ein Besucherinformationssystem in Betrieb nahm und dessen Inhalte gleichzeitig im Internet zur Verfuegung stellte.

Die fuer den Privatgebrauch angepriesenen Multimedia-PCs der Computershops eignen sich allerdings selten fuer die professionelle Nutzung. Engpaesse gibt es bei schnellen Uebertragungswegen, auch der berechtigte Stolz auf das gut ausgebaute ISDN-Netz in Deutschland sollte darueber nicht hinwegtaeuschen. Der wichtigste Erfolgsfaktor eines Multimedia-Systems bleibt jedoch die zielgruppenadaequate Aufbereitung der Informationen, die Gestaltung des Dialogs mit dem Benutzer. Hier scheinen noch immer die groessten Defizite zu liegen. Nach wie vor sind Multimedia-Systeme oft zu sehr auf technische Finessen hin konzipiert. Die didaktische und gestalterische Aufbereitung wird dann teilweise vernachlaessigt.

*Nico Klauke ist freier Journalist in Berlin.