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27.01.1995

Multimedia-Messe Milia '95 Kritische Vertreter der Branche erlauben sich Nachdenklichkeit CW-Bericht, Hermann Gfaller

CANNES - Die Multimedia-Messe "Milia" in Cannes versteht sich als Forum fuer Fachleute und nicht als Erlebnisspielplatz fuer Spiele-, Sound- und Videofreaks. Daher fehlten die den Besucher bei derartigen Veranstaltungen sonst unvermeidlich an jedem Stand androehnenden Lautsprechertuerme. Im Konferenzteil war - erstaunlich fuer einen Pionier-Markt wie Multimedia - Nachdenklichkeit angesagt.

Auf den ersten Blick war die Messe eine Show der Inhalte. Vor allem CD-Produkte aller Art fielen ins Auge. So praesentierte der Dumont-Verlag auf einem Windows-Rechner einen Venedig-Reisefuehrer. Rund 130 Sehenswuerdigkeiten passen auf die 600 MB Daten fassende CD, von denen aber aus Speicherplatzgruenden nur die wenigsten als Videosequenzen abgespielt werden koennen. Hier sind die Grenzen des optischen Datentraegers offensichtlich schon erreicht.

Speicherprobleme hat das vom Ullstein-Verlag herausgegebene "Lexikon der Musik" nicht. Dort nehmen 5000 Beitraege, 1500 Fotos und rund 100 Soundsequenzen lediglich 15 MB in Anspruch. Allerdings hatten die Projektverantwortlichen mit den Urheberrechten zu kaempfen. Vor allem bei zeitgenoessischer Musik war es schlicht zu teuer, die Rechte fuer einen Tonausschnitt zu erwerben.

Hier sind grosse Medienkonzerne im Vorteil. Sie steigen mit Recycling-Produkten in den neuen Markt ein. So praesentierte der Fernsehsender ZDF eine CD mit Tips, die schon im Wirtschaftsmagazin Wiso gezeigt worden waren.

Schnelles Geld mit Sex und Gewalt

Innovativer gibt sich der Bertelsmann-Konzern, der eine Fan-CD zur RTL-Fernsehserie "Gute Zeiten - Schlechte Zeiten" vermarktet. Diese enthaelt alle wesentlichen und unwesentlichen Informationen ueber die Schauspieler, die von ihnen dargestellten Charaktere und deren Beziehungsgeflecht. Im Quiz-Teil schliesslich zeigt sich, wer ein echter Kenner ist. Er wird zum Beispiel gefragt: "Wem gehoeren die Fuesse in dem eben gezeigten Filmausschnitt?" Laut Bertelsmann ist diese Anwendung schon jetzt ein Renner.

Besonders gut wurden in Cannes die Voyeure bedient. Ein Aussteller kommentierte das Uebermass an multimedialen Sex-Produkten mit der (historisch nicht haltbaren) Vermutung, dass das erste Druckerzeugnis zwar die Bibel gewesen sei, das zweite aber sicherlich ein Sex-Roman. Auf der Milia aber waren offenbar selbst unter der Hand gehandelte Pornos zu bekommen. So ertappte der Autor die Standbesetzung des franzoesischen Kulturministeriums, wie sie sich zwischen die Schenkel einer CD-Darstellerin zoomte.

Bei einem Grossteil der gezeigten CD-Anwendungen handelte es sich natuerlich um Spiele. Die Aussteller versuchten sich dabei vor allem mit neuen technischen Moeglichkeiten zu profilieren. So praesentierte zum Beispiel IBM France ein Westernduell, bei dem der Spieler nicht gegen eine Cartoon-Figur antritt, sondern auf einen per Video aufgenommenen Mann schiessen muss, der sich in einem fotorealistischen Ambiente bewegt. Spielespezialist Rob Fulop von PF Magic haelt solchen Aufwand jedoch fuer nebensaechlich. Fulops Argument: "Wer eine Spielsituation zum xtenmal durchlaeuft, sieht keine grafischen Element mehr, sondern nimmt nur noch seine Aufgabe wahr."

Am haeufigsten zu sehen war in Cannes das Baller- und Flugspiel "Rebel Assault" von George Lucas, das auf den Action-Szenen seines Science-Fiction-Maerchens Star Wars beruht. Gezeigt wurde die Software jedoch als Beispiel fuer CD-Abspielgeraete, die sich wie Video-Rekorder an den Fernseher anschliessen lassen. Mit diesen rund 1000 Mark teuren Geraeten von Philips ("CDI-Player") und demnaechst Apple ("Pippin"), siehe Artikel auf Seite 13, draengen die Anbieter auf den lukrativen Consumer-Markt. Die PC-Version von Rebel Assault, die sich im Weihnachtsgeschaeft als Kassenrenner erwies, soll nun auch die Taschen all derjenigen oeffnen, die sich keinen Computer ins Wohnzimmer stellen wollen. Bisher ist dem CDI- Player von Philips, der schon mehrere Jahre am Markt ist, der Erfolg jedoch versagt geblieben.

Dieser Misserfolg liegt nicht zuletzt in den Problemen bei der Erstellung von interaktiven Multimedia-Anwendungen begruendet. Dass hier noch einiges zu tun ist, geht aus dem Bericht eines Spieleentwicklers hervor, der klagt, wie schwierig es etwa bei Apple-Systemen sei, Bewegtbilder in einem bildschirmfuellenden Format ablauffaehig zu machen. Der beliebteste Trick, diesen auch unter Windows existierenden Mangel zu kaschieren, ist, den Benutzer aus den hinteren Reihen eines virtuellen Kinos auf eine weit entfernte - und daher kleine - Leinwand blicken zu lassen.

Doch die gerade erst aus der Film-, Musik-, Verlags- und DV- Industrie zusammenwachsende Multimedia-Branche hatte in Cannes nicht nur technische Probleme zu diskutieren. Die Akteure ahnen zwar, dass sie dabei sind, die Grundformen menschlicher Kommunikation zu veraendern, ohne aber genau zu wissen, mit welcher Wirkung.

Robert Stein, Mitbegruender des CD-Pionierunternehmens Voyager, beklagt vor allem, dass die Branche nicht ueber die Konsequenzen ihres Tuns nachdenke. Der Begriff Multimedia sei derzeit fast ausschliesslich auf Home-Shopping, Lexikons und Videospiele begrenzt, weil phantasielos lediglich entwickelt werde, was rasch Geld einbringt.

Gefaehrlich kann diese Vorgehensweise laut Stein werden, weil Kommunikation die Art und Weise ist, in der wir unsere Wirklichkeit wahrnehmen. Am Beispiel von Marcel Duchamps verdeutlichte er, wie weit sich unser Wirklichkeitsverstaendnis bereits veraendert hat. Als der franzoesische Kuenstler Leonardos Mona Lisa mit einem Schnauzbart versah, stellte er damit die gesamte damalige Kunstgeschichte in Frage. Wenn heute ein Kind dasselbe am Computer macht, bedeutet das fuer die Kunstgeschichte nichts. Stein schliesst daraus unter anderem, dass sich in einer Welt der Werke aus manipulierbaren Daten der Begriff der geistigen Urheberschaft aufloest. Die rechtlichen Konsequenzen einer solchen Entwicklung sind noch keineswegs geklaert.