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02.07.1999 - 

Arbeitsmarktprognosen ohne reale Grundlage

Multimedia: Politiker haben den Mund zu voll genommen

MÜNCHEN (ag) - So schillernd der Begriff, so unglaublich die Beschäftigungsprognosen: Vom Multimedia-Markt versprechen sich Politiker schon länger mehrere hunderttausend Arbeitsplätze. Dabei nehmen sie nicht wahr, daß nach wie vor kleine Dienstleister die dynamische Branche prägen, die langsamer wachsen als erwartet.

Multimedia ist immer für Versprechungen gut: Schon Ex-Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers sprach im vergangenen Jahr auf der CeBIT-Home von 990000 Multimedia-Arbeitsplätzen, die im Deutschland des Jahres 2001 existieren sollten. Dem CDU-Mann halfen die rosigen Prophezeiungen kurz vor der Bundestagswahl nichts mehr. Der SPD-Politiker Siegmar Mosdorf, parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, tritt jedoch in Rüttgers Fußstapfen, wenn er für den Multimedia-Bereich 260000 bis 280000 zusätzliche Arbeitsplätze in den nächsten zwei Jahren vorhersagt.

Branchenkenner können angesichts solcher Zahlen nur den Kopf schütteln. Der Deutsche Multimedia Verband (dmmv) weiß von etwa 36000 vorhandenen Arbeitsplätzen in der Szene, für die nächsten zwei Jahre rechnet er mit 24000 zusätzlichen Stellen. Auch Lutz Michel, Inhaber der MMB Michel Medienforschung und Beratung, Essen, rät zur Zurückhaltung: "Unter Multimedia-Unternehmen verstehen wir Agenturen, die im Durchschnitt 13 feste und acht freie Mitarbeiter haben. Von den etwa 1200 Multimedia-Firmen in Deutschland haben maximal fünf mehr als 100 Mitarbeiter."

Daß Staatssekretär Mosdorf, der sich auf eine zwei Jahre alte Studie der Unternehmensberatung Booz, Allen & Hamilton stützt, in ganz anderen Kategorien denkt, liegt an der Definition von "Multimedia". Der Begriff wird nicht wie üblich auf Multimedia-Dienstleister und -Produzenten bezogen, sondern als umfassende Bezeichnung für die ganze IuK-Technik benutzt. Ob Telefonie, Endgeräte oder Netzwerke, das Etikett Multimedia muß auf alles passen. Für Adam Bird, Vice-President bei Booz, Allen & Hamilton in München, ist demnach auch Netzwerkprimus Cisco ein Multimedia-Unternehmen.

Solche Unschärfen rufen in der Multimedia-Branche Widerstand hervor: Man will sich nicht mit der IT- und TK-Branche im selben Topf wiederfinden, auch wenn man die Infrastruktur, die die IT liefert, braucht. Die Branche ist stolz auf ihre eigenen Leistungen. Wie fruchtbar die Allianz zwischen den Kreativen und Programmierern ist, zeigt die Tatsache, daß die Multimedia-Branche in den vergangenen fünf Jahren dreimal soviel Arbeitsplätze geschaffen hat, als dies den privaten Radio- und Fernsehsendern in 15 Jahren gelungen ist.

"Vor allem die vielen Neugründungen, oft im Umfeld von Universitäten, machen den Markt so dynamisch und versprechen mittelfristig neue Arbeitsplätze", prognostiziert Medienforscher Michel. Überschätzt als Stellenbeschaffer werden dagegen die Verlage. Wagen sie den Eintritt ins Multimedia-Geschäft, setzen sie zuerst auf ihr angestammtes Personal und lagern dann Design- und Programmieraufgaben an Subunternehmer aus.

Neben der anhaltenden Gründungswelle prägt den Multimedia-Markt ein Konzentrations- und Konsolidierungsprozeß. Große Vollservice-Agenturen wie die Bertelsmann-Tochter Pixelpark kaufen kleine, erfolgreiche Mitbewerber auf. Im Konzert der Branchenführer will auch die Hamburger Agentur Popnet weiter mitspielen: Einen kräftigen Akzent haben die ehemaligen Gründer der Stadtmagazine "Prinz" mit der Verpflichtung eines 15köpfigen IT-Teams gesetzt. Die Sammelbewerbung der ehemaligen Philips-Mitarbeiter kam Popnet gerade recht, um unkompliziert die eigene IT-Mannschaft zu verdoppeln. "Der Markt verlangt die Expansion. Sonst bleibt nur der Rückzug in die Nische", sagt Popnet-Sprecherin Kathrin Heider.

Daß Informatiker oder andere IT-Professionals gleich fest angestellt werden, ist die Regel. Für Absolventen der über 130 Multimedia-relevanten Studiengänge in Deutschland bleibt der feste Einstieg ohne einschlägige Berufserfahrung dagegen Wunschvorstellung. "Am Anfang steht in der Regel das schlecht oder gar nicht bezahlte Praktikum, bei dem der Hochschulabsolvent auf der gleichen Stufe steht wie der 18jährige Computerfreak", sagt Michel. Der dornige Weg zur Festanstellung lohne sich aber gerade für Neulinge, die so nicht nur die Thematik kennenlernten, sondern auch Rahmenbedingungen wie Termindruck oder die Notwendigkeit, sich immer wieder rasch in neue Gebiete einzuarbeiten.

Auch viele Kreative arbeiten frei. In einer Studie für die Akademie für Technikfolgenabschätzung haben Dietmar Böhm und Bernd Volkert herausgefunden, daß die freie Mitarbeit in vielen Fällen weniger frei ist, als das Wort suggeriert: So sind auch die Selbständigen in der Regel länger an ihren Auftraggeber gebunden, der ihnen zum Teil nicht einmal die Wahl läßt, ob sie zu Hause oder im Unternehmen arbeiten. Auch über ihre Arbeitszeit können sie nur bedingt verfügen, da sie die Aufträge meist sehr kurzfristig bekommen.

In Sachen Vergütung gelte das Motto "Üppiges für wenige". Im Gegensatz zu den IT-Freiberuflern, die von Jahresumsätzen zwischen 200000 und 300000 Mark ausgehen können, kommt ein freier HTML-Programmierer oder Screendesigner auf durchschnittlich 70000 Mark. Umsätze wie in der IT-Branche sind die Ausnahme.

Auch die Multimedia-Branche hat mit Nachwuchsmangel zu kämpfen. Zwar ist die Situation nicht so angespannt wie in der Informationstechnologie, aber angesichts vieler Einsteiger ohne Erfahrung ein Problem. Mittlerweile setzt man verstärkt auf die neuen IT-Ausbildungsberufe und den Mediengestalter für Digital- und Printmedien. "In der einst eher freakigen Agenturszene gibt es bereits mehrere hundert richtige Lehrverträge." Für Medienforscher Michel ein untrügliches Zeichen, daß die Branche erwachsen und die duale Ausbildung wie in anderen Berufszweigen auch selbstverständlich wird.

Daneben rekrutiert die Branche ihren Nachwuchs aus dem Umschulungsmarkt. Vom Arbeitsamt geförderte Multimedia-Kurse finden großen Zulauf. Der Münchner Thomas Schmid hat durch eine Fortbildung zum Web-Designer den Einstieg gefunden. Schon während der einjährigen Schulung beim Münchner Institut CDI hat der 26jährige erkannt, daß er ohne Spezialisierung keine Chance auf dem Multimedia-Arbeitsmarkt hat. "Manche haben geglaubt, daß sie nach dem Kurs alles wüßten. Eine Illusion, wenn man bedenkt, daß wir für den Bereich HTML-Programmierung gerade einmal zwei Wochen Zeit hatten", kritisiert Schmid.

Mittlerweile hat sich Schmid mit zwei anderen Umschülern selbständig gemacht. In der Agentur Netzmotor sind die Aufgaben genau verteilt: Während er für das Marketing und den Kontakt zu den Kunden zuständig ist, kümmert sich der Grafiker Roland Adam ums Design und die Geographin Ann-Kathrin Gebert um die Programmierung.

Projekt-Management, Konzeption, Design und Programmierung sind die vier zentralen Tätigkeitsfelder für multimediale Arbeiter, mögen die Berufsbezeichnungen auch immer noch so unterschiedlich wie zahllos sein. Daß etwa die Gestaltung von Web-Seiten von jeder Firma anders bezeichnet wird, ist bis jetzt noch typisch für die Branche.