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15.12.2000 - 

Firmen erwarten in Sachen Weiterbildung vor allem Eigeninitiative

Multimedia: Umschüler müssen sich durchkämpfen

MÜNCHEN (am) - Die Wachstumsprognosen für den Multimedia-Markt sind enorm: Laut einer Untersuchung der Michel Medienforschung wird sich die Branche in drei Jahren verdoppelt haben. Doch mit welcher Ausbildung gelingt Bewerbern der Einstieg? Dass Umschulungen nicht unumstritten sind, zeigte eine Podiumsdiskussion.

Es war einmal ein junger Schreiner, der hatte viele Ideen. Doch als er eine Stauballergie bekam, musste er sich auf die Suche nach einem neuen Beruf machen. Also setzte er seine Baseball-Kappe verkehrt herum auf und stellte sich bei einer Multimedia-Agentur um die Ecke vor. Schließlich boomt diese Branche und warum sollte es dann keinen Job für ihn geben? Seine ersten Design-Versuche schreckten den Agentur-Chef eher ab; die Unpünktlichkeit des jungen Schreiners, der als Praktikant für 600 Mark im Monat einstieg, brachte ihm auch keine Pluspunkte ein. Und doch sagt sein Chef nach zwei Jahren über ihn, dass sich das Vertrauen in den unbedarften Einsteiger gelohnt hat. Schließlich sei er heute sein "kreativster Programmierer".

Ein Märchen oder ein Wunder, wie es nur in der Internet-Welt mit ihren scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten geschehen kann? Hansjörg Zimmermann hat es erlebt. Der Chef der Münchner Multimedia-Agentur "Die Argonauten" erzählt die Geschichte auf einem Forum der "Süddeutschen Zeitung" zum Thema "Multimedia-Fortbildung: Viel gelernt, aber nichts richtig?". Den Zuhörern war jedoch schnell klar: Das ist nicht der Normalfall. Denn auch wenn die Multimedia-Branche noch jung ist, ist sie eher konventionell, was die Auswahl ihrer künftigen Mitarbeiter betrifft. So hätte auch Zimmermann am liebsten Absolventen der einschlägigen Hochschulen wie der Hochschule der Künste in Berlin: "Wer in einer Weiterbildung gelernt hat, gut mit QuarkXpress umzugehen, ist für mich kein Designer. Das ist er erst dann, wenn er von der entsprechenden Hochschule kommt."

Aber was passiert mit der Vielzahl derer, die eine in der Regel vom Arbeitsamt geförderte Umschulung zum Multimedia-Designer oder Webmaster besucht haben? Sind sie mit ihrer maximal 18 Monate dauernden Ausbildung fit für den Arbeitsmarkt? Auf diese Fragen gibt es keine definitiven Antworten. Zwar hat das Bundesinstitut für Berufsbildung erhoben, dass 68 Prozent aller Umschulungsteilnehmer sechs Monate nach Abschluss einer Maßnahme einen Job haben. Ob dieser ihren Erwartungen entspricht, ist aber eine andere Frage. Erich Blume, Direktor des Münchner Arbeitsamtes, brach aus eigenem Interesse eine Lanze für die Umschulungskurse, die ja sein Institut mitfinanziert.

Seiner Meinung nach sind 19 von 20 Beschwerden nicht berechtigt, in denen die mangelnde technische Ausstattung oder die Art der Wissensvermittlung nach dem Motto "Von allem ein bisschen, aber nichts richtig" kritisiert wird. "Die von uns geförderten Kurse müssen breit angelegt sein, damit die Teilnehmer hinterher auch mehr Chancen haben. Wir können nicht für eine ganz bestimmte Aufgabe in einem einzelnen Betrieb schulen. Die Firmen müssen dann nachbessern", argumentierte Blume.

Ein Hauptkritikpunkt an Umschulungskursen ist aber, dass deren Teilnehmer oft völlig unterschiedliche Vorqualifikationen mitbringen, was sich dann unweigerlich auf das Niveau des Unterrichts auswirkt. Lutz Goertz, Referent für Aus- und Weiterbildung beim Deutschen Multimedia-Verband (dmmv), gab dieser Kritik zumindest indirekt Recht: "Natürlich ist die Vorqualifikation wichtig. Aber viele Institute finden kaum mehr Teilnehmer, die ausreichende Vorkenntnisse für die Weiterbildungsmaßnahmen mitbringen."

Joachim Graf, Gesellschafter und Redakteur des Münchner Hightext-Verlages, fand deutliche Worte, was er von einer Crash-Ausbildung im Multimedia-Bereich hält, wie sie private Institute anbieten: "Diese Akademien schulen doch nur digitale Klebemiezen." Für ihn liegt der Denkfehler schon darin, dass Multimedia automatisch mit Arbeit am Computer verbunden werde, obwohl in diesem Bereich doch in erster Linie Kreativität gefragt sei, die eine Schule kaum vermitteln könne. Auch beim Berufsbild des Online-Redakteurs seien die journalistischen Qualifikationen wichtiger als der Umgang mit der Technik. Letztere könne man sich binnen sechs Monaten aneignen, was aber nicht für einen fundierten Journalismus zutreffe.

Eine solche Abwertung der Computerkenntnisse konnten manche der Zuhörer nicht nachvollziehen, zumal in ihren Weiterbildungskursen gerade auf Programme wie Photoshop, QuarkXpress oder Programmiersprachen wie HTML oder XML Wert gelegt wird. Sie kritisierten vielmehr, dass die Programme im Zwei-Wochen-Schnellverfahren gelehrt würden. Sinnvoller sei es, in der begrenzten Zeit von ein- bis eineinhalb Jahren nicht das komplexe Thema Multimedia bewältigen zu wollen, sondern sich vielmehr auf die Vermittlung von Grundkenntnissen zu konzentrieren. In einzelne Programme könnten sich die Kursteilnehmer dann besser in ihrer Freizeit einarbeiten.

Die Bereitschaft, ständig dazu zu lernen, forderten alle Diskussionsteilnehmer von den Bewerbern ein. Die Entwicklung in der Branche sei so rasant, dass immer neue Techniken beherrscht werden müssten. Viele Agenturen erwarten, dass die Bewerber ihre Weiterbildung selbst in die Hand nehmen, um Wissenslücken im Bereich Multimedia zu schließen. "Zum Patchwork-Lebenslauf kommt die Patchwork-Ausbildung: Es ist der Job eines jeden einzelnen, sich seine Aus- und Weiterbildung selbst zusammenzusuchen", zog Graf sein ernüchterndes Fazit.

Graf monierte auch, dass selbst bei den umsatzstärksten Agenturen in Deutschland Ausbildung noch ein Fremdwort sei. Man kaufe die Mitarbeiter lieber ein, als sie selbst zu qualifizieren. Nur langsam setzt ein Umdenken ein. So hat Lutz Michel, Inhaber der Michel Medienforschung und -beratung, in einer Befragung von über 300 Agenturen herausgefunden, dass sich 45 Prozent von ihnen dafür entschieden haben, den Nachwuchs in gestalterischen und neuen IT-Berufen zu schulen - allerdings noch in geringem Umfang. "Das ist ein Zeichen für die Professionalisierung der Branche. Die jungen Agenturen sind in den ersten drei Jahren nur damit beschäftigt zu überleben. Dann erst denken sie an Personalentwicklung."

Allerdings, so schränkte Michel ein, sollten sich Bewerber die Frage stellen, ob sie sich auf diesen "chaotischen Arbeitsmarkt" einlassen möchten, in dem mit jedem Projekt neue Anforderungen an die Mitarbeiter gestellt würden. "Die Umschüler dürfen nicht erwarten, dass ihnen der Traumjob nach der Qualifizierungsmaßnahme auf dem Tablett serviert wird. Sie brauchen viel Antrieb, um in diesem Markt erfolgreich zu sein", lautete Michels Fazit.

Für Argonauten-Chef Zimmermann ist Weiterbildung ein wichtiges Bindungsinstrument. Er ist stolz darauf, dass seine Agentur einen Millionenbetrag in die Qualifizierung der Mitarbeiter investiert: So werden fünf Prozent auf das Gehalt draufgelegt, um Mitarbeiter zu qualifizieren. Den Preis für dieses Engagement zahlen aber auch die Mitarbeiter: "Wir bilden weiter, zahlen dafür aber unterdurchschnittlich", gab Zimmermann zu. Hinter einer "schlechten Bezahlung" verbergen sich übrigens in der Multimedia-Branche noch ganz andere Zahlen als zum Beispiel in der Informationstechnologie. Das wurde so manchem Zuhörer klar, als Zimmermann davon sprach, dass die Gehälter in der Multimedia-Branche im Vergleich zu anderen Bereichen wie der Architektur "viel zu hoch" sind: So bekomme ein Junior-Designer "nach einer lausigen Ausbildung" bereits zwischen 40000 und 60 000 Mark im Jahr.