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10.01.1975

Nach dem Computer-Sündenfall zurück ins Realzeit-Paradies

Helmut Hoseit

Gesellschafter und Mitglied der Geschäftsleitung der ADV/ORGA F. A. Meyer KG, Leiter des Geschäftsbereiches TECHNISCHE SYSTEME, München.

Das Phänomen "Realzeit" wird auf seinem ureigenen Terrain, der Prozeßlenkung inzwischen von aller Welt anerkannt, ja man richtet sich sogar auf friedliche Koexistenz ein. Nach wie vor besteht aber eine gewisse Scheu, dieser Erscheinung Eingang in die Domänen der kommerziellen EDV-Einsatzgebiete zu gewähren. Dies mag zum Teil daran liegen, daß man die Realzeit-Technik für den Tummelplatz für Fortgeschrittene oder Hasardeure hält, die sich, fern jeder Praxis und ohne Rücksicht auf Kosten oder gar Wirtschaftlichkeit, in wissenschaftlicher Ekstase austoben wollen. Ich möchte versuchen, Brücken zwischen diesen Welten zu schlagen.

Dabei stößt man sofort auf eine Blüte der babylonischen Sprachverwirrung, die - trotz eifrigster Bemühungen des FNI - auf dem Gebiet der Datenverarbeitung herrscht. Das Wort "Realzeit" wird als Kompromiß zwischen konkurrierenden Übersetzungen des englischen "real time", wie z. B. "Echtzeit", "schritthaltend" verwendet. Ich bestehe aber auf der Aussprache "[re'a:ltsait]", anstatt der von lieben Kollegen gelegentlich vorgetragenen Fassung "['ri:eltsait]".

Die Abgrenzung des Begriffs ist noch schwieriger als die deutsche Benennung. Was ist "real" oder "echt" bezüglich der Zeit? Vielleicht läßt sich das aus dem Konträren ableiten. Also: Was ist das Gegenteil von "real"? - "Irreal"? Nicht viel weiter kommt man mit dem Versuch, die Grenze zwischen Real- und Nicht-Realzeit-Verhalten durch Angabe von Zeitgrößen zu ziehen, also etwa zu definieren: Ein Realzeit-System ist, wenn es nicht in maximal soundsoviel Millisekunden reagiert, keines. Das "Reale" des Zeitverhaltens muß vielmehr auf die Zeitachse der außerhalb des Systems ablaufenden Prozesse bezogen werden. So gesehen, kann auch ein erst in Minuten reagierendes System durchaus den Stempel "Realzeit" verdienen, wenn es z. B. eine Filmentwicklungsanstalt zu steuern hat. Man muß natürlich davon ausgehen, daß der reale Prozeß dergestalt ist, daß er zum Warten auf die Ergebnisse des Rechners nicht angehalten werden kann.

Hier liegt der wesentliche Unterschied zur herkömmlichen Stapelverarbeitung: Der Auftraggeber eines Rechenzentrums, der dort seine Daten abliefert, kann - zumindest an diesem Projekt erst dann weiterarbeiten, wenn er die Ergebnisse zurückbekommt. Er muß also entweder untätig abwarten oder sich einer anderen Arbeit zuwenden.

Wenn er zu der ersten Methode greift, weil er nicht mit Parallelarbeiten betraut ist oder das Multiprogramming nicht beherrscht, wird man aus Wirtschaftlichkeitsgründen die Verarbeitungszeiten beim Rechner (= Wartezeiten des Benutzers) möglichst klein halten wollen. Der Grenzfall ist ein

Dialogsystem, bei dem der Benutzer gleich sitzen bleibt. Bei der Abgrenzung des Begriffes Realzeit habe ich das Wort "Prozeß" verwendet. Um von vornherein die mit diesem Wort verbundene Assoziation mit industriellen Prozessen, Prozeßsteuerung und Prozeßrechnern zu vermeiden, muß man sich klarmachen, daß auch andere Abläufe ganz herkömmlicher, nicht automatisierter Art, wie z. B. die Verwaltung eines Unternehmens, ebensolche "Prozesse" sind und mit Realzeitverfahren gesteuert werden können.

Aus der Sicht der heutigen computerverseuchten Umwelt ist es schwer verständlich, daß die - noch gar nicht so sehr lange vergangenen - computerlosen Zeiten im Grunde genommen viel fortschrittlicher waren. Ein einigermaßen funktionierender, mit fleißigen Menschen besetzter Verwaltungsapparat leistete nämlich hinsichtlich Multiprogramming, Realzeitverarbeitung, Überlappung, direktem Speicherzugriff und sonstigen modernen, nur auf Maschinen angewandten Techniken sehr viel mehr als heutige gängige Rechensysteme. Ein solcher humaner Automat wird z. B. selbstverständlich durch das Eintreffen von Daten (Zetteln, Aufrufen oder dergleichen) in Bewegung gesetzt und löst damit eine ganze Lawine von Tätigkeiten aus. Ich nenne dies: Das Realzeit-Paradies vor dem Computer-Sündenfall. Im Gegensatz zu der paradiesischen "datengetriebenen" Methode sind unsere heutigen Computer "programmgetrieben", d. h. sie können eine bestimmte Funktion nur und erst dann ausführen, wenn ein Operateur genannter Mensch in sie ein Programm lädt. Sie führen dann diese Funktionen an den zufällig vorliegenden Daten aus, die derselbe Mensch vorher gesammelt und im richtigen Moment in den richtigen Schlitz gesteckt hat.

Der Anbruch des Computerzeitalters ist (also) im Sinne der Realzeit-Verarbeitung ein bedauerlicher aber reparabler Rückschritt gewesen. Mit ihm wurden Menschen gezwungen, synchron mit Programmlaufperioden zu arbeiten, ihre eingespielten Funktionen auseinanderzureißen, wider besseres Wissen unrealzeitgemäß zu schaffen, kurz: sie wurden in die Stapel-Hölle vertrieben. Dies lag ganz einfach daran, daß der Computer nicht, wie der "Realzeit-Mensch", auf einmal erschaffen, sondern durch eben diesen Menschen langsam entwickelt wurde. Die ersten Exemplare dieser Geräte waren leider nur in der Lage, einzelne, sehr einfache Teilfunktionen der Verwaltung zu automatisieren. Und durch die Herauslösung dieser automatisierbaren Teilfunktionen ging der ganze organische Mechanismus der Verwaltung kaputt. Es sei an dieser Stelle daran erinnert, wie oft auch heute noch als Entschuldigung für Fehlleistungen der Verwaltung die Einführung der Datenverarbeitung herhalten muß. Das Automatenparadies ist wieder herzustellen, wenn man sich den Verwaltungsapparat wieder als ein Netz von voneinander abhängigen Instanzen und Prozessen und nicht als eine Paralleladdition von Funktionen vorzustellen versucht. Die Prozesse haben ein aufgeprägtes Zeitverhalten. Sie können ablaufen, sobald

- ein vorher festgelegter Zeitpunkterreicht ist oder

- ein anderer Prozeß ein entsprechendes Signal gesandt hat oder

- Daten eingetroffen sind.

Die gegenseitige Abhängigkeit dieser Prozesse ist natürlich auch in Form der gemeinsam benutzten Dateien vorhanden. Das Prinzip der Realzeit-Verwaltung führt also zwangsläufig zur "integrierten" Datenverarbeitung. Der Mythos, der diesem Wort noch anhängt, birgt das Zugeständnis, daß die heute übliche Datenverarbeitung desintegriert ist.

Für die Verwaltung eines Fertigungsbetriebes kann der Integrationseffekt so weit gehen, daß die Nahtstelle zum eigentlichen Fertigungsprozeß und dessen Steuerung per Prozeßrechner nicht mehr sichtbar ist. Beim heutigen Stand der Technik stellt sich überhaupt die Frage nach dem Unterschied zwischen "normalen" Rechnern und Prozeßrechnern. Ich wage sogar die Frage: Sind nicht die Prozeßrechner eigentlich die normalen?