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22.10.1982 - 

Teil 1

Nach der Ölkrise nun eine Informationskrise?

Wer heute mit amerikanischen Fachleuten aus dem Computerbereich und damit verwandten Bereichen spricht, dem begegnet zwar eine höfliche Anteilnahme an den technischen Entwicklungen in Europa, aber das wesentliche Interesse seiner Gesprächspartner gilt auf diesem Gebiet den Japanern. Ähnliche Erfahrungen macht man in Diskussionen mit Japanern hinsichtlich ihrer Zuwendung zu den Vereinigten Staaten, als ob Übereinstimmung dann bestünde, daß die künftige Kommunikations- und Informationstechnik im wesentlichen eine Angelegenheit dieser beiden Industriegiganten ist, während Europa im wesentlichen in die Rolle eines Absatzmarktes gerät. Dabei wurde noch 1942 in unserem Land von Konrad Zuse die erste programmierbare Rechenmaschine der Welt erfunden. Auch England konnte Pionierleistungen auf diesem Gebiet aufweisen; bis vor kurzem hatte dieses Land noch eine international beachtenswerte Computerindustrie.

Kein nationales Unglück

Nun ist es kein nationales Unglück, wenn aufgrund einer weltweiten Arbeitsteilung gewisse Produktionszweige in fremde Länder abwandern; solange sie im nationalen Wertschöpfungsprozeß durch andere ersetzt werden können. Ein Verdrängungsprozeß im Bereich der Informationsgüter-lndustrie bedeutet aber, über den Verlust der Wertschöpfung hinaus, einen Verlust an volkswirtschaftlich nutzbarer Intelligenz. Computer und andere Produkte der Informationsgüter-lndustrie sind nämlich Intelligenzverstärker für die Menschen, die sie zu bedienen wissen, denn sie ergänzen die menschlichen intellektuellen Fähigkeiten in hervorragender Weise - umgekehrt gefährden sie die Arbeitsplätze jener, die sie ohne ihre Hilfe im internationalen Wettbewerb verteidigen müssen. Der Wissenschaftler, Arzt, Ingenieur, Facharbeiter oder Angestellte, der bei seiner Arbeit durch Computer des geeigneten Typs - er reicht vom Mikroprozessor bis zum Supercomputer - unterstützt wird, kann in gleicher Zeit unvergleichlich mehr leisten als sein Kollege, der ohne diese Hilfe auskommen muß. Es vollzieht sich hier im sensorischen und intellektuellen Bereich ähnliches wie auf dem Gebiet der Muskelarbeit im Zusammenhang mit der Mechanisierung.

Computer schaffen, indem sie Informationen verarbeiten neue, höherwertige Information. Auch die Kenntnis der energiesparendsten, umweltfreundlichsten wirtschaftlichsten Methoden der Gütererzeugung ist Information und als solche vom Computer verarbeitbar und vermehrbar. Der Besitz von Informationen dieser Art ist heute ein wichtiges Gut, um die Lebensgrundlagen der Volker in einer an Ressourcen rasch ärmer werdenden Welt zu sichern, ja der Besitz dieser (stets zunehmenden) Information kann wertvoller sein als der Besitz der - weil abnehmenden - Ressourcen selbst. Eine Führungsrolle in der Informationstechnik eröffnet die Möglichkeit, auf jedem anderen Gebiet ebenfalls eine Führungsrolle zu erringen.

Wenn wir die beiden Gigant en in der Informationstechnik, die Vereinigten Staaten und Japan, betrachten, dann haben wir latent eine ähnliche Situation wie im Bereich des Erdöls vor Bildung des Opec-Kartells: die weltweite Computerproduktion stammt zu 83 Prozent (Stand 1979) von amerikanischen und japanischen Firmen. Damit liegt die Frage nahe, ob nach der ÖIkrise uns in Europa nicht auch eine Informationskrise drohen kann. Das Gefährliche der Informationskrise liegt darin, daß es sich um eine schleichende Krise handelt, sie kennt nicht Ereignisse wie den ersten oder zweiten Ölschock, die die Öffentlichkeit wachrütteln. Die Informationskrise drückt sich vielmehr in einem allmählichen Sinken der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, der Wechselkursparitäten sowie einem Steigen der Arbeitslosigkeit aus.

Die Bedeutung, die eine so erfolgreiche Industrienation wie Japan dem Computer als Intelligenzverstärker des Menschen beimißt, wird am deutlichsten an der Ausstattung der japanischen Elite-Universitäten mit Rechenanlagen. Man hält es offenbar für ausreichend, und die jüngste Vergangenheit widerlegt nicht diese Annahme, daß es offenbar genügt, etwa ein Dutzend der 443 Universitäten des Landes, voran die ehemaligen kaiserlichen Universitäten, weit über normale internationale Maßstäbe mit Rechenanlagen zu bestücken. So sind diese im Mittel mit einer zehnmal größeren Computerleistung ausgestattet als vergleichbare deutsche Universitäten, obwohl vor etwa zehn Jahren die Computerinstallationen in beiden Fällen noch etwa den gleichen Stand hatten.

Bedenkt man, daß in der modernen Forschung eine Reihe von Experimenten gewissermaßen rechnerisch im Computer und nicht mehr im Labor ablaufen, ja daß man diesen Weg überall beschreitet, wo er nur irgendwie gangbar ist, weil er sich als der bei weitem wirtschaftlichere und schnellere erwies, dann erkennt man welche Bedeutung diese großen Rechnerkapazitäten, die man - ohne Vernachlässigung der kleinen und mittleren Rechner in den Instituten - vorhält, für den wissenschaftlichen Fortschritt haben.

Das berühmte Forschungszentrum "Los Alamos" in den Vereinigten Staaten plant von vornherein entsprechende Reservekapazitäten bei den Computern ein, um die Wartezeiten der Wissenschaftler auf die Rechenergebnisse zu minimieren, denn "eine gewisse Überkapazität im Computersystem ist eine wesentliche Voraussetzung um die Produktivität der Wissenschaftler und Ingenieure zu maximieren", wie es im "Two Year Operational Plan FY 1981-1982" der Computing Division dieses Forschungszentrums heißt. Dieser Grundsatz scheint auch eine Maxime der Japaner zu sein; denn an diesen Universitäten warten Wissenschaftler auf die Ergebnisse des Computers praktisch nur so lange, wie sie selbst zur Lösung der Aufgabe brauchen, während an vielen, gerade technischen Universitäten in unserem Lande Wissenschaftler oft Tage und Wochen warten müssen, bis ihre Aufgaben vom Computer überhaupt erst in Angriff genommen werden.

Bis zur Sättigung

Die großzügige Ausstattung dieser japanischen Universitäten mit Computerkapazität ist wohl auch auf die Absicht zurückzuführen, es den dort arbeitenden Wissenschaftlern zu ermöglichen, die Anwendbarkeit der Computer in ihren Fächern bis zur Sättigung voranzutreiben. Tagelanges Warten auf die Computerresultate schreckt dagegen die Forscher ab, ebenso wie die Studenten die heute bereits Diplomarbeiten an Großrechnern wegen der damit verbundenen langen Wartezeiten meiden. Es ist nämlich in der technischen Forschung nur ganz selten der Fall, daß mit einer einzigen Rechnung die Lösung des Problems gefunden ist, vielmehr gleicht auch die numerische Behandlung komplexer Aufgabenstellungen eher einer in den Computer verlegten Versuchsreihe. Da diese Arbeitsweise gleichermaßen für alle technischen Disziplinen ob Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauingenieur- oder Chemieingenieurwesen gilt, besteht die große Gefahr, daß unser Land nicht nur auf dem Gebiet der Computer selbst, sondern auch auf diesen Gebieten, in denen es heute noch Weltspitzenniveau aufweist, auf nachrangige Plätze zurückfällt.

Im Vergleich zu den DV-Anlagen selbst (Hardware) nehmen sich die japanischen Programmprodukte (Software) noch bescheiden aus, obwohl nicht verkannt werden darf daß einzelne dieser Produkte zum Beispiel Programmier sprachenübersetzer, internationale Spitzenprodukte darstellen. Die japanischen Firmen schicken sich zur Zeit an, auch auf den internationalen Softwaremarkt vorzudringen denn die Software stellt das Bindeglied zwischen dem Computer und den Anwendungsgebieten her. Die Software-Fabriken, das sind Zusammenfassungen von tausend und mehr Entwicklern, Ingenieuren, Programmierern, die dort zur Zeit in Betrieb genommen werden sollen Produkte entwickeln die nicht nur auf japanischen Rechnern ablauffähig sind. Der Beitrag, den die Wissenschaftler an den überreich mit DV-Kapazität ausgestatteten Universitäten leisten, ist ebenfalls im Softwarebereich zu sehen.

Lerneifer erstaunt

Zudem scheint der Drang geistiges Neuland zu erobern, bei der japanischen Jugend im wesentlichen noch ungebrochen zu sein; beobachtet man in japanischen Computer-Shops die 13 bis 15 Jahre alten Jugendlichen, wie sie die zahlreichen dort aufgestellten Mikrorechner umlagern, um ihre Programme zu entwickeln, dann ist man über den Lerneifer und das technische Interesse dieser Jugend erstaunt. Die nahe gelegenen Musik-Shops mit verhältnismäßig wenigen Pop-Jüngern an den "Ohrwürmern" können nur neidisch auf die benachbarte Computerkonkurrenz blicken. (Teil 2 folgt)

Der Abdruck dieses Artikels erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und des Autors. Zuerst erschien die Abhandlung am 18. September auf Seite 216 der FAZ.