Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

10.03.1995

Nach Kaizen und Lean-Konzepten Renaissance der humanen Arbeitswelt? "Not too lean": Eine Warnung vor Magersucht in den Unternehmen

Von Karl-Ferdinand Daemisch*

Aus Japan entliehene Lean-Konzepte haben einst die Parole "Humanisierung der Arbeitswelt" verdraengt. Jetzt scheint genau das wieder in Mode zu kommen. Derweil haben in Europa radikale Konzepte wie "Virtual Reality in den Unternehmen" Hochkonjunktur.

Ende 1994 hatte das Wiesbadener Statistische Bundesamt frohe Botschaft kundzutun: Der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die gesamtwirtschaftliche Leistung in Deutschland, habe in den ersten drei Quartalen 1994 real 2,5 Prozent betragen. Die Wirtschaft fand ihre Strategien Lean Production und Just in time, Rationalisieren, Entlassungen und Abbau von Sozialleistungen bestaetigt.

Im neuen Jahr untermauerten Meldungen des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) den Befund der Bundesstatistiker. Der Trend zum Abbau von Arbeitsplaetzen ist bei seiner Klientel nicht nur vorbei. Sie werden - vermutlich um 40 000 Stellen - wieder aufgestockt. So gut laufen die Geschaefte, dass manches Unternehmen schon nicht mehr nachkommt. Das betrifft vor allem Zulieferfirmen, bei denen ein vorauseilender Gehorsam des Guten wohl etwas zuviel tat.

Just in time nicht auf Menschen anwenden

Da Japan mit Kaizen, dem Urbegriff fuer Lean, erfolgreich arbeitete, folgte hier mancher doch wohl eher mechanisch dieser reinen Lehre. So reissen die Nachrichten auch ueber renommierte Firmen nicht ab, die weiter Mitarbeiter zum Teil in fuenfstelliger Zahl entlassen. Der sich sonst als hochinnovativ gebaerdende Computersektor befindet sich hier in vorderster Front.

Inzwischen ruehrt sich Widerspruch - und das im Land der Kaizen- Erfinder selbst. Diese Lehre sei falsch, konstatierte Professor Koishi Shimizu von der Universitaet Okayama. Zum Abweichen, etwa des Automobilherstellers Toyota, von den bisher gewahrten Lean- Prinzipien aeusserte er im August 1994 im Berliner Wissenschaftszentrum: "Die Produktion war zu mager geworden. Sie benoetigte, um im Bild zu bleiben, mehr Fett."

In der Produktionspraxis bedeutet "Schmierfett", nach Shimizu, eine andere Arbeitsorganisation - eine ohne das ausschliesslich bestimmende Diktat von Material-, Zeit- und Maschinentakten. Sie uebt weniger Druck auf die Arbeiter am Band aus und sieht attraktive Entlohnungssysteme vor.

Toyota bezeichnet die geaenderte Arbeitsweise als "Montagesystem der naechsten Generation". Der Autobauer wurde dafuer prompt belohnt. Das arbeitnehmerfreundliche Produktionsverfahren errang den Industriepreis "Okochi Memorial", die hoechste japanische Auszeichnung fuer Innovation auf dem Gebiet der Produktionstechnik.

"Man kann die Aenderungen unter Humanisierung der Arbeit zusammenfassen", so Shimizu weiter. In der Vergangenheit waren in Japan ebenso wie hierzulande starke Anreize fuer Rationalisierung durch hohe Anteile von Produktivitaetsaspekten an der Entlohnung bedingt. Dies muendete in eine Verringerung der Arbeitsgaenge - und wirkte sich so auf die Zahl der Beschaeftigten aus. "Dieses Vorgehen, immer intensiver betrieben, pumpt aber die Beschaeftigten aus", meint Shimizu und mahnt: "Das Prinzip Just in time darf nicht auf Menschen angewendet werden."

Toyota unternahm die vorsichtigen Schritte der Um- und Abkehr auch vorerst nur im Werk Miyata der Toyota Motor Kyushu Inc. Dort laufen nun zahlreiche kurze Produktionslinien anstelle einer langen.

Daran arbeiten fuer die Qualitaet selbstverantwortliche Arbeitsgruppen von etwa 20 Mitarbeitern wieder mit den bei Lean Production verpoenten Material- und Zeitpuffern. Als quasi Nachweis fuer angenehmere Arbeitsbedingungen gehoert zu jeder Gruppe nun auch mindestens eine Frau.

Die Kaizen-Anreize bleiben dennoch erhalten, wirken aber auf eine andere Art. Nun wird der erreichte Grad der Eigenvorgaben vom Management bewertet, woraus sich alle sechs Monate an die Mitarbeiter ausgeschuettete Bonuszahlungen ableiten. Das kennt jeder Betriebsberater: Aus gefoerderter Eigeninitiative und einem angenehmen Arbeitsumfeld entspringt die beste Motivation.

Zahlen des Muenchner Ifo-Instituts weisen eine ruecklaeufige Inflation und zunehmende Auftragseingaenge aus. Auch Schatzbriefe und Bundesobligationen erreichen bereits wieder Zinssaetze deutlich ueber der Sieben-Prozent-Marke. Von einer nur verhaltenen Erholung kann also nicht mehr die Rede sein. Im Bundesdurchschnitt haelt sich die Arbeitslosigkeit, seit Jahren hoechstens saisonal gebessert, jedoch bei etwa zehn Prozent. Internationaler Preis- und Wettbewerbsdruck spielen dabei sicher eine Rolle.

In einem Hochlohnland mit einem guten und somit teuren sozialen Netz wurde jedoch zu lange allein auf das Etikett "Made in Germany" vertraut. Know-how oder innovativ Neues hatte kaum einen Stellenwert. Dies ueberrascht auch nicht, wenn Management nur als Verwaltung von Ueberfluss betrieben wird.

Phantasie fehlt ebenso wie die Bereitschaft, neue Ideen aufzugreifen und danach zu handeln. Nun kommen Impulse, die sich von traditionellen Vorstellungen loesen, wie "virtuelle Firmen" oder "fraktale Unternehmen" aus den universitaeren Denkfabriken. Damit werden Lean-Gedanken bis zur extremen Konsequenz weitergefuehrt. Vorreiter sind hier Institute der Fraunhofer- Gesellschaft (FhG) vor allem in Stuttgart.

Lean in Vollendung: virtuelle Unternehmen

Die FhG-Ueberlegungen lauten: Was waere, wenn ein Unternehmen praktisch keine Betriebsstaetten oder Verwaltungsbauten mehr haette? Wenn die Mitarbeiter "am Draht" taetig sind, das heisst von zu Hause aus? Darueber hinaus sind im "Collaborative Engineering" Kunden und Lieferanten mit dem "virtuellen Unternehmen" in ergebnisgebundenen Netzwerken zusammengeschaltet. Analog zu "Das Netz ist der Computer" wuerde fuer fraktale Unternehmen vereinfacht gelten: Telefon, E-Mail und Datentransfer sind die Firma. Dem folgt die Wirtschaft nicht, sondern macht erst einmal Schuldzuweisungen. Verbands-, Hochschul- und Industrie-Manager beklagen unisono den sich verstaerkenden Mangel etwa an Ingenieursnachwuchs. Obwohl die Bevoelkerung neue Technologien mit deutlicher Mehrheit akzeptiert, wie eine vom Verband Deutscher Elektrotechniker (VDE), Frankfurt, beim Sample Institut in Auftrag gegebene Studie belegt, bleiben die entsprechenden Studenten aus.

Nach dieser Untersuchung halten immerhin 80 Prozent von 1300 befragten Personen neue Technologien fuer wichtig bis sehr wichtig. Die Ingenieure, die sie beherrschen und umsetzen sollen, fehlen jedoch. Solange die von der Industrie gebotenen Berufsaussichten schlecht bleiben, wird sich dieser Zustand kaum aendern.

Die an den FhG-Instituten ausgebrueteten Vorstellungen virtueller Realitaeten - und ihrer industriellen Umsetzung - sind derzeit jedoch nur bedingt praxisreif. Das hat auch mit den technischen Moeglichkeiten zu tun. Dass fuer Virtual Reality (VR) Rechnerleistungen erforderlich sind, die sich vor allem mittelstaendische Unternehmen nicht leisten koennen, duerfte in einiger Zeit kein Problem mehr sein. Bis in etwa vier Jahren, so wird geschaetzt, macht der Preisverfall bei Computern VR moeglich.

Die VR-Modellvorstellung spielt in den Unternehmen als Simulation des Fertigungsalltags, von der Konstruktion bis zu Einbausimulationen eines Roboters in einer gegebenen Werkhalle, eine zunehmend groessere Rolle. Fehler im Entwurf, vor der Realisierung, zu erkennen hilft nicht nur Kosten sparen. Ein als "Virtuelles Prototyping" bezeichnetes Verfahren beschleunigt die Fertigung. Es macht sozusagen "Erfahrung aus der Zukunft schon heute nutzbar".

Zweifelhafter Vorrang des technisch Machbaren

Die virtuelle Fabrik loest starre Formen auf: Mitarbeiter der Verwaltung, immerhin 40 Prozent der Beschaeftigten, finden sich nicht mehr am eigentlichen Arbeitsort, dem Firmensitz, ein, sondern sind etwa mit ATM-Geschwindigkeit (Asynchronous Transfer Mode) verkabelt und leisten ihren Dienst von zu Hause aus. Ist dies eine Loesung fuer Kostensenkung im Unternehmen - Bau und Unterhalt grosser Firmengebaeude entfallen - und gleichzeitig des Arbeitslosenproblems?

Derzeit sicher nein: VR ist nur so gut wie die Datenbasis, und die ist sehr duenn. In Deutschland entstehen die Hochgeschwindigkeits- Verbindungen extrem zoegerlich. Die spaetestens 1998 faellige Deregulierung der deutschen Telekom wird daran nicht viel aendern.

Dass es gesellschafts- und arbeitspolitische Auswirkungen dieser neuen Techniken geben wird, darueber sind sich die Forscher im klaren: Es ist eine Revolution, geben sie unumwunden zu - und haben die Industrie, nicht jedoch den Menschen im Auge. Eigentlich bestuende die Chance, den Wandel vernuenftig zu planen. Ob der Wille dazu vorhanden ist, um negative, Revolutions-immanente Umstaende zu vermeiden, scheint eher fraglich.

Was Shimizu in Sachen "traditionelle" Lean-Prinzipien anmahnt, naemlich das Schmierfett nicht zu vergessen, gilt natuerlich bei ihrer Extremform erst recht. Doch scheinen begleitende Untersuchungen zur soziooekonomischen Vertraeglichkeit die Protagonisten der schoenen neuen Welt eher zu stoeren. Es geht, verstaerkt sich der Eindruck, einmal mehr nur um technische Machbarkeit.

Der zweifelhafte Erfolg des VR-Vorlaeufers Lean hat jedoch bewiesen, dass Technik zwar hervorragende, aber eben nur technische Antworten liefern kann. Umbrueche des Umfangs "virtuelle Unternehmen" benoetigen einen Konsens nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der gesamten Bevoelkerung. Technik allein kann die Annahme eines Wertewandels beim Inhalt "Arbeit" von Versorgung und Versicherung hin zu postmateriellen Werten wie Sozialstatus, Solidaritaet oder Selbstverwirklichung kaum begruenden.