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24.07.1992 - 

CECUA und ECTUA präzisieren Forderungen

Nach Maastricht: EG-Kommission sucht den Dialog mit Anwendern

24.07.1992

BRÜSSEL - Die IT- und TK-Anwender wollen weitaus stärker als bisher in die EG-weite Standardisierungs-, Forschungs- und Entwicklungspolitik einbezogen werden. Mit dieser, an sich nicht neuen Forderung, beendeten die Teilnehmer einer vom European Forum of IT&T-Users erstmalig veranstalteten Konferenz "European Networking in the 90's" ihr Meeting, das einer Vertiefung des Kontaktes zwischen Anwendervereinigungen und der EG-Kommission dienen sollte.

Themenschwerpunkte des von der Brüsseler EG-Kommission mitinitiierten Meinungsaustausches waren grundlegende Fragen der Kommunikation im vereinten Europa, Fortschritte bei der Standardisierung von IT- und TK-Produkten, die Entwicklung der IT-Technologie in den öffentlichen Verwaltungen , sowie die Probleme eines einheitlichen Datenschutzes in Europa. "In all diesen Bereichen wisse man derzeit nicht, wohin die Reise geht", wie Tilo Steinbrinck, Präsident der Confederation of European Computer User Associations (CECUA) und Chairman der Konferenz feststellte.

Unklarheit besteht bei den Anwendern vor allem auch über das zukünftige Beziehungsgeflecht zwischen Anwendern, Herstellern und der EG-Kommission angesichts der Beschlüsse der EG-Regierungschefs in Maastricht sowie den internationalen Herausforderungen, mit denen sich die europäische DV- und TK-Industrie zunehmend konfrontiert sieht. Hauptkritikpunkt der User an die Adresse der Kommission als Exekutiv- und Regulierungsorgan des EG-Ministerrats sei daher mehr denn je, so der CECUA-Präsident, die Tatsache, "daß Brüssel in der Vergangenheit eher die Zusammenarbeit mit den Herstellern gesucht habe".

Dies zu ändern und nach geeigneten Wegen für eine Intensivierung des Dialogs zu suchen, war deshalb auch das erklärte Ziel sowohl der EG-Kommissare als auch des Veranstalters, dem European Forum of IT&T Users - eine im Vorjahr durch die enge Kooperation von CECUA und dem European Council of Telecommunications Users (ECTUA) gegründete Dachorganisation.

Koordination der User-Groups notwendig

Was man bei der für IT- Technologie zuständigen Generaldirektion XIII (DG XIII) der EG-Kommission darunter versteht, machte DGXIII-Mitglied Michael Hardy deutlich. Der Kommission gehe es, so Hardy, in erster Linie um eine Koordination der unterschiedlichen Anwenderinteressen- und -vereinigungen. Dies sei, so der Vertreter der DG XIII vor den Konferenzteilnehmern, wichtig, "um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können".

Bedingt durch einen zunehmend käuferorientierten Markt gebe es "eine direkte Beziehung zwischen der europäischen Wettbewerbsfähigkeit und der täglichen Praxis der Anwender". Dies vor allem, weil nach Auffassung der Kommission der technologische Rückstand zu den USA und Japan in einzelnen Industriebereichen schon bis zu zwei Jahre betrage. Die Anwender sollten daher, so Hardy, "ihre Verantwortung wahrnehmen und ihre Interessen stärker artikulieren und vertreten".

Hintergrund der Bemühungen seitens der EG-Kommission sind die Bestimmungen des Vertrages von Maastricht, wo in Artikel 130 unter anderem auch eine stärkere und einheitliche Förderung der europäischen IT-Industrie festgeschrieben wurde.

Der EG-Ministerrat hatte damit die Konsequenzen aus dem drastischen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit der europäischen TK- und DV-Hersteller in einzelnen Marktsegmenten - vor allem gegenüber der Konkurrenz aus den USA und Fernost - gezogen.

Schon seit längerem war aus Brüsseler EG-Kreisen in diesem Zusammenhang immer wieder auch auf das Mißverhältnis innerhalb der EG zwischen dem Bruttosozialprodukt auf der einen und den Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf der anderen Seite hingewiesen worden.

Offensichtliches Ziel der EG-Kommission ist es daher, die immer mehr Gewicht bekommenden Positionen und Anregungen der Anwender zu kanalisieren und institutionalisieren.

Mit ihrem verstärkten Eingehen auf die Belange der IT-Anwender rennt die DGXIII zunächst auch offene Türen ein, wenngleich bei den in Brüssel Anwesenden zunächst noch Vergangenheitsbewältigung angesagt war. "Aktuelle Themen wie Objektorientierung, User-Interface oder Client-Server sind Probleme, die man bei der Kommission bisher nicht zur Kenntnis genommen hat", gab CECUA-Präsident Steinbrinck die skeptische Stimmung unter den Usern wieder. Wettbewerb alleine genüge nicht, es müßten auch die entsprechenden Strukturen geschaffen werden. Allein am Beispiel ISDN zeige sich, so Steinbrinck, "das ein entsprechendes Low-Cost-Netz in Europa bis dato nicht realisierbar ist".

Wie weit die Dinge aus Sicht der Anwender noch im argen liegen, demonstrierten auch die Ergebnisse der zu den vier Tagungsthemen eingerichteten Workshops. So ist die Situation für europäische TK- Anwender nach Auffassung von ECTUA-Präsident Erwin Schäfer nach wie vor vom "Gebahren der Monopolisten" gekennzeichnet, die "zu schlechten Tarifen miserable Dienstleistungen liefern". Bevor man also in der Telekommunikation überhaupt über Applikationen spreche, müsse, wie Schäfer ausführte, "die Infrastruktur stimmen".

Hauptanliegen der TK-User seien daher in erster Linie eine deutliche Verbesserung der Services - beispielsweise in Form sicherer Bereitstellungszeiten - sowie andere Tarifstrukturen mit ausschließlich kostendeckend kalkulierten Monopolleistungen. Weiterhin werde eine Verstärkung der Bemühungen zur Umsetzung der im Grünbuch von 1987 festgeschriebenen Liberalisierung bei der Sprachübertragung und integrierten Datennetzen gefordert.

Auch die Standardisierungspolitik der EG hat nach Meinung der Konferenzteilnehmer bisher nicht zu den von den Anwendern erhofften Verbesserungen geführt. Hier gelte es, sich verstärkt an den Marktbedürfnissen zu orientieren und für mehr Transparenz zu sorgen; zudem müßten offene Systemlösungen langfristig mehr als nur OSI-Standards erfüllen. Als großer Wunsch vieler Praktiker vor Ort kristallisiere sich eine engere Verzahnung von Normung, Standardisierung und erster (Test)-Implementierung heraus.

Nach wie vor im dunkeln tappt man auch beim Projekt einer "europaweiten Vernetzung" der öffentlichen Administrationen. Obwohl immer wieder die Notwendigkeit eines einheitlichen europäischen Verwaltungsraumes betont wird und bis jetzt Investitionsmittel von rund einer Milliarde ECU bewilligt worden sind, verfüge man, so die Bilanz der Netzspezialisten in Brüssel, sechs Monate vor dem Start des Binnenmarktes über kein einheitliches, funktionsfähiges Verwaltungsnetz.

Noch weiter von einer Lösung entfernt ist man nach Auffassung der europäischen User bei der Regelung eines einheitlichen Datenschutzes in Europa. Rechtssicherheit könne, so das Fazit, nicht losgelöst von der technischen Sicherheit betrachtet werden. Darüber hinaus gelte es zu klären, was innerhalb der EG das gemeinsam zu Schützende darstelle; was letztlich als ein Konsens der sehr stark voneinander abweichenden nationalen Bestimmungen festgeschrieben werden könne. In dieser Angelegenheit sei, wie CECUA-Präsident Steinbrinck das Ergebnis der Diskussionen zusammenfaßte, "noch ein ganzes Bündel von Vorschlägen seitens der Kommission erforderlich".

Ob sich die europäischen Anwender und die EG-Kommission als Regulierungs- und Standardisierungsinstanz letztlich näher kommen, bleibt abzuwarten. Die nun größere Dialogbereitschaft in Brüssel wurde von den Anwendern jedenfalls nur als ein erster Schritt in die richtige Richtung gewertet. Bisher kennzeichne, wie CECUA-Präsident Steinbrinck die drängende Ungeduld seiner Mitglieder umschrieb, die EG-Kommission "eine Politik der Papiere, nicht aber der Durchführung". Die DV und TK-Industrie müsse sich, um zu überleben, am Massenmarkt und somit "in der volkswirtschaftlichen Pyramide nach unten orientieren". Soll dies gelingen, bedarf es dazu aber auch flankierender Maßnahmen der EG in Form einer aktiveren Infrastruktur- und Industriepolitik.

Brüsseler Forderungen

Nehmen wir einmal an, in den zuständigen Gremien der EG-Kommission fänden die Belange der DV- und TK-Anwender Gehör. Unterstellen wir ferner, daß es den in sich zersplitterten User-Groups gelänge, sich zu (einigen wenigen) wirklichen Interessenvertretungen zu organisieren. Und was wäre, um bei den Fiktionen zu bleiben, wenn die Hersteller Lösungen entwickeln und anbieten wurden, die der Markt - pardon, der Kunde - benötigt?

Immer wieder wird auf Konferenzen über die Frage debattiert, wie denn die unterschiedlichen Interessen von Anwendern, Herstellern und Regulieren in Einklang zu bringen sind. Wer da nach einer Antwort sucht, wird dann sehr schnell von der Realität eingeholt: Nach Willensbekundungen mit hehren Worten geht man auseinander und jeder kocht sein eigenes Süppchen.

Perspektiven für einen Sinneswandel? Wohl kaum, solange die europäischen DV- und TK-Hersteller - und nicht nur die - zwar von einer partnerschaftlichen Beziehung zu den Anwendern sprechen, diese jedoch gleichzeitig über ihre Forschungsanstrengungen im unklaren lassen. Allzu gerne schielt man dort auf die Subventionen aus Brüssel, Bonn, Paris oder anderswo und vieles von dem, was an Produkten auf den Markt kommt, hat mit dem ursprünglichen Förderungszweck nur mehr wenig zu tun. Dies um so mehr, da in den Verträgen von Maastricht die Grenzen zwischen Industrie- und Forschungspolitik noch mehr verwischt worden sind.

Hoffnungsschimmer Anwendervereinigungen? Wohl kaum, solange dort vielerorts finanzielle Abhängigkeit von den Herstellern und mancherorts auch persönliche Eitelkeiten der Bildung schlagkräftiger Organisationen sowie der Formulierung einheitlicher Ziele im Wege stehen. Hier weist die "User-Seite", das muß den EG-Kommissionären zugestanden werden, in der Tat noch große Defizite auf. Um so wichtiger daher das Bestreben wie etwa von CECUA und ECTUA, einen koordinierten Dialog voranzutreiben; um so verständlicher deren Einladung an andere Anwendervereinigungen, sich dem anzuschließen.

Daß gegenwärtig immer häufiger von einem "käuferorientierten" Markt gesprochen wird, zeigt doch, daß die Position der Anwender so stark wie selten zuvor ist. Nichts dokumentiert dies besser als die Tatsache, daß man in Brüssel dies nicht mehr nur zur Kenntnis nimmt, sondern auch - unter Erfolgs- und Zeitdruck stehend - entsprechend handeln will. Eine europäische IT-Industrie der der Wind im internationalen Wettbewerb kräftig ins Gesicht bläst, wird daher gar nicht umhin können, mitzuspielen. Die Forderung "Maßnahmen statt Papiere" ist also aktueller denn je - aber auch an alle Beteiligten zu richten.