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24.02.1995

Nach vier Jahren mit negativen Ergebnissen Mit einer Rosskur schafft die Groupe Bull den Turnaround Von CW-Korrespondent Lorenz Winter

PARIS - Binnen 15 Monaten gelang dem Bull-Boss Jean Marie Descarpentries der fuer die beabsichtigte Privatisierung des Unternehmens unerlaessliche Turnaround. Seit 1990 hatte der Pariser Computerfabrikant nur noch Verluste gemeldet. Jetzt konnte Descarpentries ein Umsatzwachstum von 5,9 Prozent auf 29,9 Milliarden Franc (rund 8,6 Milliarden Mark) melden, ein erstmals wieder positives Betriebsergebnis von 237 Millionen Franc sowie einen von 3,4 auf 0,66 Milliarden Franc verringerten Verlust nach Steuern.

In der IT-Branche gehe das Geruecht um, das Management von Big Blue habe sich letzthin nur noch "in Jeanskleidung" blicken lassen, scherzte der Bull-Chef zur Eroeffnung der Bilanzpressekonferenz. "Wir aber tragen nach wie vor korrekt Zweireiher und Krawatte."

Beim PC-Geschaeft den Ratgebern widersetzt

Den schweisstreibenden Kraftakt der Vormonate laesst freilich schon die Tatsache erahnen, dass zum 13koepfigen Vorstand nur noch vier Mitglieder gehoeren, die noch aus der Aera von Amtsvorgaenger Bernard Pache stammen; alle uebrigen wurden vom Bull-Boss fuer ihren neuen Job handverlesen. "Vertreter der Generation 'Verluste und Schulden' gibt es bei uns jetzt nicht mehr", versicherte er vor der Fach- und Finanzpresse.

Gestuetzt auf seine jahrzehntelange Erfahrung als Berater und Sanierer bei McKinsey und Grosskonzernen, legte Descarpentries auch bei dem Computerfabrikanten die Axt an - aber nicht dort, wo das defizitaere Unternehmen der IT-Branche und anderer Industriezweige sonst meist tun: beim Personal und bei den Firmenaktiva.

Zwar gingen im Hause Bull durch einen schon von Pache ausgehandelten Sozialplan 1993/94 6500 Jobs durch Umsetzungen, Vorruhestand und Einfuehrung von Teilzeitarbeit verloren. Der Konzern beschaeftigt seit Anfang 1995 nur noch rund 27900 Mitarbeiter - 1993 waren es 36000 und 1994 rund 31700.

Ein Verkauf von "Kronjuwelen" aber kam fuer Descarpentries nicht in Betracht, obwohl ihn das Pariser Industrieministerium anfangs beispielsweise zum Verzicht auf das defizitaere PC-Geschaeft (ZDS) draengen wollte. Seine Ueberzeugung, dass Bull "im Kern gesund" sei, liess er sich jedoch nicht ausreden. Die von Jacques Noels geleitete PC-Division ist mit einem Umsatzzuwachs von 18 Prozent absoluter Spitzenreiter des Konzerns und schrieb im letzten Quartal 1994 operational auch wieder schwarze Zahlen.

"Wer sich durch 'Gesundschrumpfen' saniert, verliert im Jahr darauf unausweichlich Marktanteil und Umsatz", dozierte der Ex- McKinsey-Mann vor den Journalisten. "Dieser Weg fuehrt nur in die Irre." Statt dessen stutzte der Vorstand auf Geheiss seines Praesidenten radikal die Kosten: 1,4 Milliarden Franc wurden beim Sachaufwand gestrichen und 1,1 Milliarden (mit Einwilligung des Betriebsrats) bei den Gehaltsausgaben.

Die elf Milliarden Franc "letztmaliger" Kapitalnachschuss seitens der oeffentlichen Hand und von France Telecom wurden insbesondere zum Abbau der Nettoverschuldung von 5,6 auf 2,9 Milliarden Franc genutzt. Damit konnte Bull seine Zinslast von 1,2 auf 0,5 Milliarden Franc schmaelern. Insgesamt wurden in der Bilanz Verlustquellen von mehr als 3,5 Milliarden Franc gestopft. Descarpentries: "Aller Aufwand, der fuer unsere Kunden nutzlos war, wurde ruecksichtslos getilgt."

Heute arbeiten drei der sieben Divisions des Konzerns rentabel. Davon sind zwei (Enterprise Systems sowie Wartung und Support) freilich traditionelle "Milchkuehe" der Gruppe, deren Umsatz schon 1994 um zirka acht Prozent zurueckging. Von den fuenf anderen Wachstumsfeldern schliesst bisher nur der relativ kleine Geschaeftsbereich "Emerging Technologies" mit Gewinn nach Steuern ab. Der PC-Bereich koennte dieses Resultat nach den Partnerschaftsabkommen mit Packard Bell und IPC aus Singapur 1995 schaffen. Bei den Unix-Systemen bleibt der Erfolg der angebotsseitigen Umstrukturierung indes abzuwarten.