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16.10.1981

"Nachmachen was Apple, Commodore und Co. vorexerzieren"

Mit Professor Dr. Ulrich Lohmar, Stiftungsverband für Kommunikationsforschung in Bonn, sprachen Helga Biesel und Elmar Elmauer

- Herr Professor Lohmar, auf dem Schloßtag der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung wies Bundesforschungsminister Dr. Andreas von Bülow die versammelte EDV- und Informatik-Creme aus Wissenschaft und Wirtschaft darauf hin, daß wir die Vorzüge von Informations- und Kommunikationstechnologie nicht ohne Restrisiken würden genießen können. Diese ministerielle Warnung gibt Anlaß zu der Frage, ob denn die Akzeptanz-Diskussion in der Bundesrepublik kein Ende findet und der Computer immerzu weiter als jobkillernder Moloch durch die Diskussion geistern wird?

Ich fürchte, die Akzeptanz-Diskussion ist in unserem Lande gerade erst in Fluß gekommen. Wir fangen jetzt erst an zu begreifen, daß Informationen, sozusagen wie es Professor Szyperski auf dem Schloßtag ausgedruckt hat, der vierte, für Industriegesellschaften neue Rohstoffe sind und als solcher erst einmal begriffen werden müssen. Und ich finde es eigentlich auch überzeugend, daß wir die Menschen, die heute oder später von der Informationstechnologie betroffen sind, rechtzeitig fragen, wie diese technologischen Hilfsmittel gestaltet werden sollen. Dies ist notwendig, wenn wir erreichen wollen, daß Computer für uns eine Art technischer Butler werden und keine Vorstufen zu George Orwells imaginärem Zeitzeichen 1984.

- Ist denn die Basis schon so informiert, daß man sie fragen könnte? Eine sinnvolle Akzeptanzdiskussion können Sie doch nur führen, wenn der von der Technik Betroffene weiß, was es bedeutet, damit umzugehen. Und dafür hat doch unser Ausbildungssystem bisher überhaupt keine Voraussetzungen geschaffen!

Ich halte den Punkt, den Sie hier ansprechen, für entscheidend: Wir haben bisher in der Bundesrepublik Deutschland nur eine "Klasse von Informierten" - so muß man sie wohl nennen - die wissen, wovon sie reden, wenn über Datenverarbeitung, Kommunikationstechnologie und Informatik gesprochen wird. Nun müssen wir aber unbedingt und ganz schnell zu einer Verbreiterung der Informationen im technischen und im Anwendungsbereich kommen. Das Schlüsselgebiet dafür sind die Schulen unseres Landes. Diese aber sind heute weder technisch und ganz zu schweigen von ihrem Bewußtsein her auf die neue Entwicklung in den nächsten zehn Jahren vorbereitet. Vielleicht könnten Gewerkschaften und Industrien gemeinsam die Kultusminister einladen, darüber bald zu gemeinsamen Beratungen und Entscheidungen zusammenzukommen.

- Nützt das was? Muß man nicht befürchten, daß gerade die Kulturpolitik versagt und sich an zu kurzfristigen Zielen ausrichtet, wenn es um Technologie-Ausbildung geht? Da ist nicht nur die Devise " werdet bloß keine Ingenieure" aus der Mitte der 60er-Jahre noch im Ohr. Wir haben zwar jetzt eine Menge Informatik-Studenten, aber keine Professoren. Oder meinen Sie, man kann solche Zyklen einfach nicht besser aussteuern?

Wenn man Statistikern und Prognostikern vertraut, so ist es vermutlich nicht besser machbar. Zukunft entsteht nicht dadurch, daß man sie prognostiziert, sondern daß man sie gestaltet. Und diesen Denkfehler haben wir häufig gemacht, nicht nur bezogen auf die Informationtechnologie. Für mich ist es eine der interessantesten Erfahrungen in unserem Land, daß noch vor zehn Jahren alle Parteien übereinstimmend erklärt haben, Wissenschaft und Technik gehören an die Spitze der gesamten Infrastruktur-Politik. Der Verfall dieses politischen Bewußtseins innerhalb von zehn Jahren gemessen an der Entwicklung in Japan und in den USA ist schwer begreifbar, rational kaum zu erklären und hat seinen Schlüssel vielleicht darin, daß wir, die Experten, der politischen Führungsschicht nicht einsichtig machen konnten, daß von dieser Spitzenstellung von Forschung und Technologie in der Innenpolitik das wirtschaftliche Wachstum und damit der soziale Frieden im Lande abhängen. Wir haben als Experten eben nicht klarmachen können, daß die Parteien die 1990 Wähler gewinnen wollen, lese Wähler am besten damit gewinnen, wenn sie in Forschung und Technologie nicht nur kleine Schritte sondern große Sprünge nach vorn vorweisen können.

- Lassen Sie uns hierzu die Eingangsfrage präziser wiederholen: Ist in der politischen Führung der Bundesrepublik die Bereitschaft eher geschrumpft, Technologie-Förderung im allgemeinen zu betreiben und besonders die Informations- und Kommunikations-Technologie zu forcieren? Oder wird hier aus einer undefinierten Angst vor einer Akzeptanz-Diskussion vorhandenes Geld für zukunftstweisende Technologien blockiert?

Ich weiß nicht, ob es sich um eine Blockade handelt. Ich fürchte nur, daß durch die große Bescheidenheit von Leuten, die für dieses große Aufgabengebiet Geld vom Staat wollen - und dies sind meine Erfahrungen in der Politik -, sich diese Leute selbst Steine in den Weg legen. Meine Erfahrung ist eben: Wenn man sehr viel Geld fordert und dies begründet, kriegt manÆs leichter als wenn man sich mit kleinen Fischen aufhält, die dem Thema überdies nicht angemessen wären. Kurzum: Mir geht es darum, daß die politische Führungsschicht des Landes durch Beispiele dafür, was die neue Technologie bewirken kann, neugierig gemacht und engagiert wird und daß erst dann über Geld geredet wird.

- Wie beurteilen Sie denn den Zuteilungsschlüssel, soweit das Geld bereits fließt: Sind die Mittel für die Informationstechnologie der Rolle uns Wirkung, die von dieser Technologie ausgeht, angemessen - oder müssten auch hier die Prioritäten anders gesetzt werden?

Ich glaube nicht, daß man mit Geld alles machen kann. Zuviel Geld zum falschen Zeitpunkt bringt die Leute nur in Verlegenheit. Ich fürchte, daß wir uns heute in einer viel unangenehmeren Situation befinden: Nicht nur, daß wir zu wenig Geld ausgeben - gemessen an den Aufwendungen für Energieforschung für den Informatiksektor - wir würden uns auch in einer beträchtlichen Verlegenheit befinden, wenn wir den zehnfachen Betrag von heute auf morgen sinnvoll einsetzen wollten, weil die pädagogischen Vorbereitungen, die öffentliche Meinung, die Verbreiterung der Schicht von Urteilsfähigen mit dazugehören. Man kann nicht nur Geld einsetzen. Das hieße einen großen Stein ins Wasser werfen und nach ein paar Kreisen auf der Wasseroberfläche wäre alles wieder wie vorher.

- Haben Sie keine Bedenken, daß angesichts der von Ihnen skizzierten Rückständigkeit die Bundesrepublik auf dem Sektor der Informationstechnologie abhängig geworden ist von anderen Staaten, insbesondere von den Vereinigten Staaten und Japan? Müssen wir fürchten, daß über kurz oder lang fremde Staaten unseren Zugang zu unseren eigenen Informationsquellen regulieren?

Ja, die Gefahr besteht offenkundig in bezug auf die Vereinigten Staaten, aber auch in bezug auf Japan. Das schließt nicht aus, daß wir in unserem Land diesen Rückstand aufholen könnten, wenn wir diese Art von Aufbruchstimmung schaffen, wie man sie ähnlich seit einem Jahr in den USA beobachten kann. Aber am Anfang einer solchen Entwicklung muß das Begreifen und muß der Entschluß stehen. Wenn beides fehlt, wird das zum Detail-Anzwicken und dies wäre nur eine Alibifunktion gegenüber dem Status quo, den wir haben - mit Sicherheit zu wenig.

- Wir haben in der Bundesrepublik bislang vor allem damit zu tun, die Beherrschung der Maschine zu erlernen. Wie weit sind wir denn - verglichen mit den USA - darin gekommen, die Anwendung zu beherrschen? Zumal die Zukunftschance ja doch wohl in der Software-Produktion liegt, und nicht im totalen Wettbewerbskrieg auf Chip- und Hardware-Ebene?

Das Problem ist, daß wir uns in der Bundesrepublik auf einer technologischen Entwicklungsstufe befinden, die die in den Vereinigten Staaten erreichte Perspektive noch gar nicht enthält. Ich war vor ein paar Monaten für längere Zeit drüben und bin mit dem Eindruck zurückgekommen, daß die großen Computerunternehmen der USA mit Macht, mit aller Macht, darauf zumarschieren, die Mikroelektronik bis zur Selbstbedienungschance zu organisieren. Das heißt: Mikroprozessoren und Computer werden so bedient werden können, wie heute das Telefon - oder die Schreibmaschine. Das heißt: Ohne die Dolmetscherschicht der spezifischen technischen Intelligenz, die bei den großen Computern heute noch zwischen Anwender und Hersteller stehen. Wenn dieser Durchbruch zum Selbstbedienungs-Computer gelingt, dann würden wir ihn als Massenware bekommen und hätten einen völlig anderen Markt. Das wären dann auch völlig andere Voraussetzungen für eine Computerpädagogik, die sich jetzt an Spezialisten wendet, die damit umgehen. Es ist allerdings schwierig, das, was heute getan werden muß, mit dem, was für morgen richtig ist, zu verbinden. Aber ich meine, wir müssen diesen Schritt tun, den uns in den Vereinigten Staaten Unternehmen wie Apple, Commodore und Co. vorexerzieren.