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19.10.1977

Nackte Informatik reicht längst nicht mehr aus

- Welche Berufsaussichten haben gegenwärtig Fachhochschulinformatiker?

Sowohl von unserer Fachhochschule, in der wir drei Studiengänge Informatik führen, als auch von anderen Fachhochschulen, mit denen wir ausführlich Kontakt haben, läßt sich sagen, daß wir mit der Unterbringung der Informatikabsolventen absolut keine Probleme haben. Es ist vielfach so, daß sie bereits vor Aushändigung ihrer Abschlußurkunden Arbeitsverträge abgeschlossen haben.

- Welche Informatikzweige gibt es in Furtwangen?

Die Fachhochschulen in der Bundesrepublik haben sich überregional darauf geeinigt, eine Dreiteilung in allgemeine Informatik (AI), Wirtschaftsinformatik (WI) und technische Informatik (TI) vorzunehmen. Die allgemeine Informatik zielt mehr in Richtung Systemprogrammierung und ist etwas mathematischer orientiert; die Wirtschaftsinformatik hat den Schwerpunkt Wirtschaft, und die technische Informatik legt den Schwerpunkt auf Prozeßtechnik. Alle drei Studiengänge sind in Furtwangen vertreten.

- Nach den Arbeitslosenstatistiken scheinen Fachhochschüler derzeit sogar weniger von Kündigung und Arbeitslosigkeit betroffen zu sein als Vollakademiker. Worauf führen Sie das zurück? Ist die Ausbildung an den Fachhochschulen besonders praxisgerecht?

Ich meine ja. Die Ausbildung an der Fachhochschule ist praxisgerecht. Dies liegt nicht daran, daß wir glauben, wir hätten bessere Studieninhalte, sondern der wichtigste Punkt ist, daß vor allem in Baden-Württemberg und Bayern - und hier wird ja die Mehrzahl der Informatiker ausgebildet - in das Studium von acht Semestern zwei Industriesemester integriert sind. Dies bedeutet für den Professor und für den Studenten, daß er sich der Praxis anpaßt. Es ist also völlig unmöglich, daß eine Ausbildung in einem sogenannten akademischen Bereich erfolgt und die Anwendung zu kurz kommt. So etwas würden die Studenten die aus dem Praxissemester kommen, nicht mitmachen. Dadurch haben wir die Gewähr eines optimalen Feedback.

- Welche Tätigkeiten üben denn Ihre Studenten in diesen Praxissemestern konkret aus?

Wir wollen hier durch Vorschriften nicht zu stark reglementieren, sondern stellen die Anforderung, daß die Studenten im Projekt mitarbeiten. Wir wollen nicht, daß für sie irgendwo ein Platz geschaffen wird, auf dem sie nebenher mitlaufen.

- Greift das Professoren-Kollegium aktiv ein, um sicherzustellen, daß die Firmen, bei denen Praxissemester absolviert werden, auch in bezug auf das Lernziel das nötige Umfeld bringen?

Die Professoren pflegen den Kontakt mit den Firmen. Aber wir haben das nicht institutionalisiert, das sollte man auch nicht tun. Die Professoren machen auch Exkursionen zu diesen Firmen, so daß in der Regel ein Dialog vorhanden ist. Alles dient dem Ziel, unser "Produkt Student" so optimal auszubilden, daß die Industrie hier zufrieden ist.

- Nun beklagt -sich die Industrie darüber, daß keine schulische Institution EDV-Vertriebsrepräsentanten produziert, wobei gerade diesem "Beruf" das Image des Vertreters genommen werden müßte.

Ja, ich bin auch der Meinung, früher galt vielleicht noch die Philosophie, man müsse, überspitzt gesagt, Automatentheorie drei hören, weil man nur dann wer sei. Dies hat sich geändert. Wir haben zum Beispiel Wahlvorlesungen - Vertriebsrhetorik und Marketing - und stellen fest, daß viele Absolventen vor allem aus dem Fachbereich Wirtschaftsinformatik in den Vertrieb gehen. Obwohl das Problem der Produkt-Haftung auch für die EDV immer wichtiger wird: Die Kombination von Informatik und Jurisprudenz findet noch in keinem Lehrbetrieb statt?

Das ist richtig. Mir ist im Bereich der Fachhochschulen nichts bekannt. Ich nehme diese Anregung dankbar auf.

- Entsprechen die theoretischen Lösungen, die während des Studiums vermittelt werden, den Möglichkeiten, die die Praxis zuläßt? Wie weit ist denn gerade auf dem Gebiet der Informatik die Kluft zwischen Theorie und Praxis?

Sicher kann hier teilweise von einer Kluft gesprochen werden. Aber durch Feedback auf Grund der Praxissemester können Theorie und Praxis nicht so weit auseinanderklaffen, wie man zunächst meinen möchte. Festzustellen ist, daß die Studenten vor einigen Jahren sehr gerne zu Großfirmen gegangen sind, weil sie meinten, nur dort große EDV machen zu müssen und in großen Projekten etwas tun zu sollen. Inzwischen beobachte ich Jedoch den Trend, daß auch die mittlere Datentechnik oder Mini-Computer interessant geworden sind, was ja nicht eine Frage der Firmengröße ist. Hiermit geht einher die stärkere Hinwendung zu realisierbaren Lösungen. Insgesamt ist dies aber kein spezifisches Problem der Fachhochschulen, sondern das gilt genauso für die Universitäten.

- Eine Zeitlang herrschte auf dem DV-Ausbildunssektor rüde Wettbewerbssitten. Nicht immer war abzuschätzen wie seriös ist, was mit dem Ausbildungsziel in der Praxis anzufangen war. Hat sich die Situation gebessert?

Diese Situation hat sich sicher gebessert. Ich war ja Mitglied des Ad-hoc-Ausschusses für EDV-Fachkräfte im BMFT, und dort haben wir seinerzeit das Anforderungsprofil untersucht und festgestellt, daß die Phase, in der diese Feld-, Wald- und Wiesenausbildung stattgefunden hat, eigentlich immer in Richtung problemorientierter Sprachen ging. Da war man unabhängig von der Maschine und konnte aus dem Lehrbuch lehren. Die Anwender haben inzwischen aber höhere Anforderungen gestellt, und danach hat sich eben auch gezeigt, daß solche Ausbildungsinstitutionen keine Chance mehr haben.

- Hat auch das Höherschrauben des Eingangsniveaus auf Abiturebene für Fachhochschulen einen Fortschritt gebracht?

Das kann man nicht unbedingt sagen, man muß hierbei differenzieren, zumal das Eingangsniveau für Fachhochschulen in der BRD noch nicht generell das Abitur ist. Es ist jedoch unverkennbar der Trend, daß das Abitur alleinige Voraussetzung für den Einstieg in die Fachhochschule wird, schon aus politischen Gründen, damit man Mitte der achtziger Jahre die Abiturienten unterbringen 4 kann. Nun wird vielfach bedauert, daß die Fachhochschulen weggehen würden vom Potential derjenigen Studenten, die über den Zweiten Bildungsweg kommen. Da muß man aber richtigstellen: Diejenigen die früher den Zweiten Bildungsweg gemacht haben, die den guten Ruf der Ingenieurschule prägten, das sind solche, die heute auch das Abitur machen. Das heißt, das ursprüngliche Potential ist einfach nicht mehr vorhanden. Worauf wir achten müssen, ist: Daß der Abiturient, der zu uns kommt, nicht eine falsche Philosophie mitbringt, durch theoretischen Überbau falsch motiviert ist. Dort ist es unsere Aufgabe, ihn auf anwendungsbezogene Dinge zurückzuführen. Der höheren Eingangsstufe folgt natürlich eine höhere Ausgangsstufe. Definitiv ist, daß die Fachhochschulen demnächst alle das Diplom verleihen werden, was zwar zunächst einmal eine Etikette ist, aber auch gesellschaftlich einige Folgen haben wird.

- Wie sehen Sie das Problem, die Ausbildung nur an bestimmten Maschinen führe zu einer Herstellerabhängigkeit im Lehrbetrieb?

Ich glaube, daß das kein wesentliches Problem mehr ist, denn der Student soll ja nicht nur für heute ausgebildet werden. Wir wurden dem Studenten und dem Anwender keinen Gefallen tun, wenn wir dem Anforderungsprofil unmittelbar gerecht werden wollten, wenn wir speziell für die Anwendung, die er in der nächsten Woche machen soll, ausbilden. Wir müssen einen Kompromiß finden zwischen methodischer und unmittelbar einsetzbarer Ausbildung. Ich sehe auch wegen der Normierung der derzeitigen Entwicklung im Bereich der Softwareproduktion einen zurückgehenden Einfluß der Maschinenorientiertheit.

- Sie sagten, ausgebildet für morgen. Nun kann aber eine Schule nur immer den "State of the Art" von gestern reproduzieren. Gerade in der Datenverarbeitung kann dieses Gestern eine furchtbare Kluft sein. Wie passen Sie sich vom Lehrstoff, vom Lehrmaterial, auch von den Studiengängen bis hin zu den Berufsbezeichnungen diesen sich so schnell verändernden Verhältnissen an?

Zunächst einmal zu den Berufsbezeichnungen: Da sollte man nicht versuchen, mitzuhalten. Aber die Frage ist sehr essentiell und sehr wichtig weil es hierbei um die Eigeninnovation der Ausbilder geht. Das heißt, wenn heute jemand in eine Hochschule eintritt, und er bildet sich nicht selbst ernsthaft fort, dann ist seine Fähigkeit, guten Unterricht zu geben, nach einigen Jahren nicht mehr vorhanden. Nun ist die Datenverarbeitung generell im Wandel. Die Zahl der Spezialisten im engeren Sinne wird schrumpfen Die Zahl derjenigen, die von der Datenverarbeitung im weiteren Sinne tangiert werden, wird wachsen.

- Wie passen sich die Ausbildungsstätten von ihrem Lehrangebot dieser Situation an?

Diese Anpassung findet statt. So hatte vor einigen Jahren die Informatik als nackte Informatik einen höheren Stellenwert als jetzt. Nunmehr können wir deutlich erkennen, daß man die Informatik mit Fachwissen integrieren muß. Dem versuchen wir durch Schwerpunktbildung im Studium Rechnung zu tragen. Ich selber mache derzeit eine Untersuchung im Auftrag des Kultusministeriums, in der ich Delphi-Befragungen in der Industrie durchführe, mit der Absicht, gewünschte Lernziele für den graduierten Informatiker zu erhalten. Diese Aktivitäten dienen eben immer der Anpassung an die neue Entwicklung.

Prof. Dr. Johann Löhn (40) hat sich das weite Feld der Informatik von zwei konträren Seiten erschlossen: Einmal war es sein wissenschaftliches Interesse, dann eine in der Praxis als Unternehmensberater (bis zu seiner Berufung als Rektor der Fachhochschule Furtwangen 1972) erzwungene Notwendigkeit. Die Person Löhn ist, bei all ihrer "stringenten Eloquenz", von einer praktischen Seite geprägt. Auch das Anliegen, das er als Hochschullehrer verwirklichen will sucht die Bewährung in der Praxis; sein Ziel ist es, den Transfer zwischen Wissenschaft und praktischer Bewährung zu erreichen, zu erleichtern und zu beschleunigen, sowohl was die akademische Arbeit anlangt wie auch in bezug auf "das Produkt Student".