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16.04.1993 - 

Nur vielseitige Anbieter ueberstehen die Konzentrationstendenzen

Nationale Besonderheiten bleiben auch im EG-Binnenmarkt erhalten

"Software-Anbieter muessen in einem multilingualen Umfeld zu Hause sein, dessen regionale Maerkte nach wie vor durch nationale Besonderheiten, vor allem kultureller Art, gepraegt sind", erlaeutert Peter Schnell vom Vorstand der Software AG. Nationale Eigenheiten werden durch die wirtschaftliche und spaeter auch politische Union seiner Ansicht nach nicht verschwinden. So werde in Spanien auch kuenftig ein anderes Marketing erforderlich sein als etwa in Grossbritannien oder in Skandinavien. Unterschiedliche Management-Kulturen liessen sich ebensowenig vereinheitlichen wie etwa technische Unterschiede oder nationale Gewohnheiten. Daher habe sich etwa in Deutschland SNI eine Position sichern koennen, waehrend in Frankreich Bull stark sei und in Grossbritannien ICL und Sequent dominierten.

Verschiedene Sprachversionen selbstverstaendlich

Multikulturalitaet sieht Manfred Buchholz, Key Account Manager der Sema Group in Ratingen, als taegliche Aufgabe: "Der Konzernmitarbeiter aus Mailand muss die Moeglichkeit haben, in Frankfurt am Terminal zu sitzen und ueber eine italienische Oberflaeche Funktionen auszuloesen, die den nationalen Bestimmungen entsprechen." Dabei ist die Sprache allerdings nur das Merkmal, an dem sich die nationalen und regionalen Unterschiede am deutlichsten zeigen.

In einem exportorientierten Land wie der Bundesrepublik, in dem 20 Prozent der Grossunternehmen auslaendische Muttergesellschaften haben, sind Pflichtenhefte wie das folgende eines deutschen Handelshauses keine Ausnahme: "Betriebswirtschaftliche, steuerrechtliche und weitere landesspezifische Vorschriften muessen beruecksichtigt sein fuer Deutschland, Schweiz, Oesterreich, Italien, Frankreich, Grossbritannien, Daenemark und die Tuerkei." Verschiedene Sprachversionen von Benutzeroberflaechen werden unter diesen Umstaenden als selbstverstaendlich vorausgesetzt.

Eine solche Vorgabe ueberfordert in der Regel die Softwarehaeuser, die bislang ausschliesslich auf nationalen Maerkten zu Hause sind und hier ihr relativ gutes Auskommen haben. Allerdings wird der Markt fuer rein nationale Anbieter auch schon deshalb enger, weil aus dem benachbarten Ausland leistungsfaehige Wettbewerber hereindraengen: Nationale Nischen wie etwa im Steuerbereich werden verschwinden.

Im Zuge einer Harmonisierung nicht nur des Marktes, sondern auch der Gesetze und Normen, erwachse solchen Anbietern zunehmend Konkurrenz durch die grossen Haeuser, denen bislang ein nationaler Kleinstmarkt uninteressant schien: "Zwoelf solcher Nischen ergeben zusammengenommen schon einen Markt, fuer den es lohnt, sich zu engagieren", betont Schnell.

CASE-Anbieter profitieren von kurzen Zyklen

Das ist einer der Gruende, aus denen die Oeffnung des Binnenmarktes einen Konzentrationsprozess - durch Fusionen oder strategische Partnerschaften ueber Laendergrenzen hinweg - beschleunigt, der sich schon seit langem abzeichnet. Gefragt sind multinationale Unternehmen, die von Anfang an der Devise gefolgt sind, dem jeweiligen nationalen Charakter des Landes auch dadurch Rechnung zu tragen, dass die Mitarbeiter von dort kommen und nicht etwa aus der deutschen Zentrale delegiert werden. Allein bei der Walldorfer SAP AG zum Beispiel besitzen mehr als 1200 von insgesamt 3100 Beschaeftigten eine andere Staatsangehoerigkeit als die deutsche.

Dabei kann auch nach Ansicht von Hans Jacobs, President Product Operations Europe der Softlab GmbH in Muenchen, das Thema Software fuer Europa fuer deutsche Softwerker nicht mit einer Anpassung ihrer Produkte an laenderspezifische Gegebenheiten oder mit der schlichten Bereitstellung von mehrsprachigen Benutzeroberflaechen erledigt sein. Vielmehr gelte es, sich den grossen Aufgaben der Automatisierung, der Integration von Verwaltung, Produktionsplanung und Produktionssteuerung, zu stellen und sie schnell und kostenguenstig in den Griff zu bekommen.

Dieser Zwang, Software immer schneller und in immer kuerzeren Zyklen entwickeln oder beschaffen zu muessen, kommt fuer Jacobs innerhalb der deutschen Software-Szene vor allem den CASE- Anbietern zugute. Denn nur mit diesen Tools (zur Einzelfertigung) und komplexen Software-Entwicklungsumgebungen (als Infrastruktur fuer die Softwarefabrik im eigenen Haus) lasse sich Software - egal ob es sich um Individualprogramme oder um die Anpassung und Integration von Standardsoftware handelt - in der benoetigten hohen Qualitaet schnell und kostenguenstig produzieren.

Fuer das Gros der mittelstaendischen Software-Unternehmen, die bisher hauptsaechlich auf dem inlaendischen Markt taetig sind, sieht Jacobs aber auch einen Silberstreif am Horizont. Ab Juli 1993 haetten deutsche Softwerker bessere Chancen als zuvor, sich Auftraege aus dem Ausland zu sichern. Ab diesem Zeitpunkt naemlich zwingt der europaeische Binnenmarkt die oeffentliche Hand, viele ihrer Informationstechnik-Projekte EG-weit auszuschreiben und zu beschaffen. Die Richtlinien dazu sind in der "Euromethod", einem Harmonisierungsrahmen fuer die unterschiedlichen Methoden der einzelnen Laender, festgeschrieben.

Die Chancen fuer die deutsche Softwarebranche liegen demnach auf der Hand:

- Wachstum: Die Anzahl der ausgeschriebenen IT-Projekte wird sich erhoehen, da die Zersplitterung der Maerkte wegfaellt.

- Chancengleichheit: IT-Projekte werden nach fuer alle gueltigen und vergleichbaren Methoden ausgeschrieben, objektiv bewertet und realisiert

- Effizienz und Produktivitaet: Die Angebote sind nach einheitlich gueltigen Standards zu erstellen und erleichtern internationale Kooperationen.

- Kosten: Die Ausbildungskosten werden sich verringern; heute werden bis zu acht Prozent des IT-Budgets fuer Schulungszwecke aufgewendet.

Management-Ressourcen fuer strategische Allianzen

Allerdings gilt hier wie ueberall: Keine Chancen ohne Risiken, die nach Jacobs Auffassung nicht zu unterschaetzen sind. So werden deutsche IT-Anbieter eine EG-weite Marketing-, Vertriebs- und Unternehmensstrategie aufbauen muessen, die zu erheblichen Mehrbelastungen fuehren wird. Wie Schnell und Klaus Ploenzke, Vorstandsvorsitzender der Ploenzke AG, sieht Jacobs die Moeglichkeit strategischer Allianzen, die seiner Ansicht nach jedoch erhebliche Management-Ressourcen voraussetzen.

Zudem werde der internationale Wettbewerb auf dem bereits in Deutschland relativ offenen Markt noch haerter werden; die grossen europaeischen Softwarehaeuser seien bereits mit deutschen Toechtern vertreten. Dagegen sei die deutsche Praesenz im Ausland bislang kaum nennenswert. Schliesslich werde sich der Wettbewerb auch auf die Angebotskosten auswirken.

Deutsche Unternehmen wuerden hier mit einer hoeheren Produktivitaet und einer genaueren Kostenkalkulation kontern muessen. Die Erfahrungen zeigten, dass gerade die grossen italienischen und franzoesischen Softwarehaeuser andere Wirtschaftlichkeitsvorstellungen haetten und darueber hinaus mit wenigen Ausnahmen ueber potente Gesellschafter wie etwa Investitionsbanken verfuegten.

"Kooperation als Brueckenschlag ueber proprietaere Grenzen hinweg", haelt denn auch Ploenzke fuer den Trend, auf den sich Anbieter wie Anwender im Zuge einer weiteren Europaeisierung einstellen sollten. Ploenzke stellt sich dabei die Frage nach einer Software fuer Europa nicht aus Herstellersicht. Er geht vielmehr auf die Moeglichkeiten ein, die Anwender kuenftig nutzen sollten. Seiner Erfahrung nach uebersteigen individuelle Softwareloesungen mehr und mehr die Investitionskraft eines einzelnen Unternehmens. Er empfiehlt deshalb, Interessengemeinschaften in einer Branche zu bilden, um den Aufwand auf mehrere Schultern verteilen zu koennen: sogenannte Projektpartnerschaften also, die im internationalen und technischen Bereich Sinn machten.

Allerdings zwinge dies die Anbieter, Generalunternehmer- Eigenschaften zu entwickeln. Eine Faehigkeit, die Ploenzke nur wenigen Softwarehaeusern zutraut und auf die sich die Ploenzke AG seinen Worten nach als herstellerneutrales Beratungshaus spezialisiert hat. Fuer ihn sind auch kuenftig Standardloesungen nicht mehr "second best". Denn bei entsprechender Auswahlberatung liessen sich nicht nur Teilmengen betrieblicher Prozesse identifizieren, auf die ein Standard eins zu eins passe, sondern auch strategische Optima, fuer die eine spezielle Konfiguration einzelner Standardmodule in Frage kaeme. Die Antwort auf die mit zunehmender Europaeisierung eines Unternehmens immer heterogenere Organisationsstruktur sei deshalb der Standard - "so erstaunlich dies auf den ersten Blick auch wirkt".

Als weiteres Etappenziel nennt Ploenzke den Schutz der in Altanwendungen investierten Betraege. Im Rahmen eines DVPortfolios komme den Bestandsapplikationen noch viel zuwenig Aufmerksamkeit zu. Doch mit verfeinerten Analyseinstrumenten sollten sich Fragen der zukuenftigen Brauchbarkeit oder gar der Optimierung beantworten lassen. Zudem wachse mit dem grenzueberschreitenden Verbund rechtlich selbstaendiger und dennoch in einer Wertschoepfungskette einander zuarbeitender Unternehmen der Bedarf fuer Netze, auf denen Dokumenten- und Produkt-Management korrespondieren. Hier wie auch auf dem Gebiet von professionallen Multimedia-Anwendungen sieht Ploenzke einen Nachholbedarf im Angebot deutscher Softwarehaeuser.

Bei allen Diskussionen ueber gemeinsame Maerkte und grenzueberschreitenden Handel darf allerdings nie vergessen werden, dass man Europa nicht isoliert betrachten kann. Die DV ist ein weltweites Geschaeft. Nicht zuletzt weil die Anwender zunehmend international agieren, muessen dies auch die Software-Anbieter und -Dienstleister koennen. Um die Wettbewerbsfaehigkeit der europaeischen Industrie zu staerken, waere es, wie Peter Schnell ausfuehrt, "zu begruessen, wenn die Europaeische Gemeinschaft aehnlich dem japanischen Miti eine nutzen- und marktorientierte Technologiefoerderung betreiben wuerde".

*Nicole Winkler ist freie Journalistin in Muenchen.