Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

13.03.1992

Natürliche Intelligenz versus künstliche Intelligenz

Professor Werner Kunz

Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung mbH, Heidelberg

Ziel wissensbasierter Systeme ist, denen zu helfen, die Information suchen. Der Entwurf derartiger Systeme wirft eine Reihe wissenschaftstheoretischer und logischer Probleme auf. Es zeigt sich nämlich, daß die Hauptschwierigkeiten nicht so sehr in Kapazität und Geschwindigkeit den Computer oder der geringeren Effizienz von Programmen liegen, sondern im mangelnden Verständnis von Struktur und Dynamik des Wissens sowie der logischen Durchdringung des intelligenten Problemlösungsverhaltens der Nutzer ("Denkart"). Sich zuerst zur Einführung einer bestimmten Technik zu entschließen und zu versuchen, die Probleme der Nutzer dieser Technik anzupassen, ist der Grund für viele teure, aber nicht sehr nützliche Installationen.

Die Nutzer sind die besten Experten für die zu entwickelnden Systeme. Wenn ihr situations- und prohlemspezifisches Wissen nicht genutzt wird, ist die Chance gering, wirksame Systeme für sie zu entwickeln. Dies aber ist die entscheidende Voraussetzung beim Entwurf wissensbasierter Systeme (Know-ledge-Engineering). Wie weit können - sollen - uns künstliche Intelligenzkonstrukte dabei helfen? Oder drastischer formuliert, als Gretchenfrage: Wie halten wir's mit der Künstlichen Intelligenz?

Eine Brille soll das Sehvermögen verbessern. Ein Auto erhöht die Beweglichkeit. Eine Brille agiert aber nicht anstelle einer Person. Genausowenig nimmt uns das Auto das Reisen ab. Es sind "prothetische" Vorrichtungen, die eine Fähigkeit oder Tätigkeit unterstützen, verstärken, verbessern. Genau dies gilt für KI-Systeme. Sie stellen prothetische Hilfen dar - Einrichtungen zur Unterstützung der reinen (unbewaffneten) Intelligenz". Mit anderen Worten: Sie sind nichts anderes als Krücken für intelligentes Verhalten, nicht Ersatz für natürliche Intelligenz, sondern Verstärker.

Nicht wenige der unter der Überschrift Künstliche Intelligenz laufenden Arbeiten verfolgen ein ganz anderes ehrgeizigeres Ziel: Sie wollen intelligentes Verhalten imitieren. Dabei steht der Wunsch im Vordergrund, eine Maschine zu entwerfen, die unter Umständen sogar die Fähigkeit der natürlichen Intelligenz übertrifft. Um es noch einmal zu unterstreichen: Einrichtungen (Maschinen) solcher Art sind Surrogate und keine Prothesen.

Gelegentlich kann man Aussagen hören oder lesen wie: "Computer bekommen ein menschliches Antlitz" oder "Eines Tages wird der Computer sogar in der Lage sein, selbst Programme au spüren" oder "Wenn wir erst mal die Funktionsweise des Gehirns verstanden haben, werden wir ein besseres entwerfen können". Mit anderen Worten: Das Ziel ist, den Golem zu konstruieren, den synthetischen Homunkulus, was den blasphemischen Wunsch erkennen läßt, gewissermaßen die Schöpfung zu übertrumpfen. Manch Projekt, das den Entwurf von Expertensystemen zum Gegenstand hat, sieht man etwas von dieser Einstellung an. Ein wirklicher Homunkulus wäre natürlich auch in der Lage, ein Urteil abzugeben. Er könnte wie ein Mensch (oder für einen Menschen) urteilen wie eine objektive, neutrale Person. Unglücklicherweise - öder glücklicherweise - scheint hier, grundsätzlich die Grenze zu dem zu liegen, was auf einen Computer oder irgendein anderes "algorithmisches System" übertragen werden kann. Warum?

Was gut, was wünschenswert und, wichtig ist, entzieht sich prinzipiell jeglichem Versuch, einen objektiven, definitiven Algorithmus zu finden, der jene Vorgänge imitiert, die zur Urteilsfindung eines Menschen führen. Um aber das Verhalten eines menschlichen Problemlösers simulieren zu können, müßte ein Programm die Gesamtheit der Erfahrungen, des Wissens, der Absichten dieses Menschen, sogar dessen Phantasie die imitiert werden soll. Unsere Untersuchungen an Expertensystemen aus dem Bereich der Chemie haben gezeigt, daß die Abfolge der einzelnen Schritte eines Problemlösungsprozesses nicht durch die Aufgabenstellung im voraus determiniert werden kann - einen Algorithmus für die Chemie kann es nicht geben, denn das jeweilige Problemverständnis ist nicht einfach eine deduzierende Verdichtung der bisher erhaltenen Informationen. Die Erwartung des Problemlösers, sein Arbeits- und Denkstil und seine Phantasie haben entscheidenden Einfluß auf die Bestimmung des nächsten Schrittes und auf die Deutung seiner Resultate.

Soviel zu einigen grundsätzlichen Hindernissen für eine Realisierung des Golem-Ideals. Doch genau besehen: Wer wünscht sich das Golem-Ideal überhaupt? Vielversprechender und realistischer als nach Ersatz für Intelligenz und menschliches Urteilsvermögen zu suchen, scheint mir der Versuch, die natürliche Intelligenz zu unterstützen und zu verstärken, denn es lohnt sich, die Wahrscheinlichkeit zu verringern, daß die natürliche Intelligenz Opfer ihrer natürlichen Schwächen wird.

Solche Schwächen bestehen zum Beispiel in der Neigung, einfach nicht zu sehen, was sich mit der eigenen Lieblingsvorstellung und der vorgefaßten Meinung nicht vereinbaren läßt, oder mögliche Nebeneffekte und Langzeitfolgen zu vernachlässigen, wenn der augenblickliche Erfolg-Vorteile verspricht.

KI-Expertensysteme, die - zumindest gelegentlich - für Überraschungen sorgen, auch einmal Wissen erschüttern, uns mitteilen, was wir nicht erwarten, können außergewöhnlich nützliche Natürliche-Intelligenz-Verstärker sein. Zweifel ist die Mutter beziehungsweise der Vater der Innovation. Zudem führt die verminderte Gewißheit zu weniger unüberlegten Plänen und Handlungen. Zu sehen, was man sonst nicht sehen würde, hilft, die Konsequenzen erwogener Maßnahmen zu berücksichtigen. Nur wer sich der Gegenmeinung stellt, kann den eigenen Standpunkt wirklich überprüfen: das KI-System als ein - etwas verfremdeter - Spiegel des eigenen Begreifens.

Es ist offensichtlich, daß als Voraussetzung für das Verstärken von natürlicher Intelligenz etwas vorhanden sein muß, das sich verstärken läßt. Auch der beste Verstärker wird keinen meßbaren Strom erzeugen, wenn er keinen Input erhält. Und Natürliche-Intelligenz Verstärker können nicht Dummheit in Klugheit verwandeln.

Im Idealfall resultiert wirkliche und dauerhafte Steigerung der natürlichen Intelligenz aus dem intelligenten Einsatz intelligenter Natürliche-Intelligenz-Verstärker.

Expertensysteme mögen alle Daten der Welt gleichzeitig unzähligen Benutzern in Gigabit-Sekunden allerorten multimedial verfügbar machen, sie nach verschiedensten Gesichtspunkten sortieren sowie auswerten und mit Hilfe komfortabelster KI-Module den Benutzern zur Verfügung stehend Nichtsdestoweniger gilt: "Nachdenken muß jeder für sich selbst."