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25.10.1985 - 

Unix-Schock traf IBM nicht unvorbereitet:

"Natürliches" AT&T Feindbild zieht nicht

WIESBADEN - Wer über die Unix-Politik von IBM sprechen will, muß auch das Potential des Unix-Marktes kennen. Denn vor diesem Hintergrund trifft auch die IBM ihre Entscheidungen. Umstritten ist jedoch nach wie vor, wie weit das Engagement des Branchenprimus künftig gehen wird. Dazu ein Kommentar des CW-Schwesterunternehmens IDC Deutschland GmbH, Wiesbaden, in seinem EDP Deutschland Report.

Häufig wird angenommen, IBM sei durch das Erstarken von Unix mehr oder minder überrascht und in Zugzwang gebracht worden. In der Tat scheint IBM nicht mit einer derart heftigen Unix-Diskussion gerechnet zu haben, wie sie bereits kurz nach Beginn der Propagierung durch AT&T ausbrach. Der Branchenführer hatte wohl die Bereitwilligkeit des Marktes zur Aufnahme eines allgemeinen Betriebssystemstandards unterschätzt, oder einfach seine eigene Machtposition überbewertet. Auf diese Weise wurde IBM zu einem schnelleren Handeln genötigt als ursprünglich geplant.

Auf der anderen Seite war klar daß AT&T auf Unix setzen würde: Etwas anderes, womit der Kommunikationsgigant einen Anspruch im Computergeschäft anmelden konnte, gab es nämlich gar nicht. Daß IBM die Entlassung von AT&T in die Freiheit mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und den neuen Wettbewerber als ernst zu nehmende Kraft eingestuft hat, steht ebenfalls außer Frage. AT&Ts Unix-Engagement traf IBM also mit Sicherheit nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Zudem war ein gewisser Trend in Richtung Unix schon lange vorhanden, bevor AT&T diese Tendenz zu forcieren begann. Wenn dem nicht so wäre, hätte die Strategie des Kommunikationskonzerns, Unix zum globalen Standard zu erheben, niemals auch nur annähernd so erfolgreich sein können, wie sich dies aus heutiger Sicht zeigt. Dieser Trend war aber natürlich auch für IBM sichtbar.

Einmal hatte IBM den Fehler gemacht, auf eine Entwicklung nicht adäquat zu reagieren; die Folge war der Aufstieg DECs im Minicomputerbereich zur "Nummer zwei". Dieses von IBM so empfundene, aus IBM-Sicht Debakel in irgendeinem relevanten Marktsegment noch einmal zu erleben, wollte und will der Marktführer mit Sicherheit unter allen Umständen vermeiden. Ausdruck dieser Strategie ist die heutige Hellhörigkeit und die neue Beweglichkeit des Computerriesen.

Wer also glaubt, IBM habe nicht von Anfang an Unix sehr gut beobachtet und sich die eigene Position und das eigene Verhalten genau überlegt, verkennt die Lage der Dinge. Da aber auch die IBM keine Propheten beschäftigt, dürfte sie die Geschwindigkeit der Entwicklung unterschätzt haben; mehr aber auch nicht.

Vielfach wird wie selbstverständlich davon ausgegangen, daß IBM das Betriebssystem "Unix" als Herausforderung ansehe. Schließlich komme es von dem Erzrivalen AT&T und sei zudem dazu angetan, die Macht der IBM-eigenen Betriebssysteme zu brechen. Diese Betrachtungsweise verkennt, daß IBM ein kühl kalkulierendes Unternehmen und nicht die Aufsteigerfirma eines hitzköpfigen Visionärs ist. Es gibt in dieser Branche Unternehmen, die sich sehr stark auch von anderen als von rein geschäftlichen Interessen leiten lassen - IBM gehört mit Sicherheit nicht dazu.

Unzweifelhaft impliziert Unix ein potentielles Risiko für die Marktposition der IBM, aber zugleich bietet es dem Unternehmen auch große Chancen, in Märkte einzudringen, die ihm bislang zumindest teilweise verschlossen blieben. Schlicht gesagt IBM wird aus Unix das Beste machen. Das kann in einzelnen Segmenten ein Kampf gegen Unix sein (zum Beispiel im Bereich der Nicht-Super-Großrechner), in anderen die Forcierung von Unix (zum Beispiel im Bereich des technisch-wissenschaftlichen Computereinsatzes). Nur wer diese Geschäftsmäßigkeit, diese reine Ausrichtung am Gewinn, versteht, kann die Unix-Schritte der IBM richtig einordnen.

Nach einer Reihe von Softwareankündigungen im letzten und in diesem Jahr kann IBM heute auf eine relativ breite Unix-Palette hinweisen. Sie erstreckt sich vom Mainframe über mittlere Systeme bis hin zum PC. Vorbei ist auch die Zeit, als IBM grundsätzlich Unix nur auf ausdrücklichen Kundenwunsch hin auslieferte. Heute setzt das Unternehmen das Unix-Betriebssystem ganz gezielt in wichtigen traditionell Unix-orientierten Marktsegementen ein.

Bei aller Geschäftsmäßigkeit, die man IBM unterstellen darf, darf nicht außer acht gelassen werden, daß Unix nicht das Standardbetriebssystem ist, das IBM gewählt hat. Vielmehr stammt Unix nun einmal von AT&T. Aufgrund der Marktsituation ist IBM gezwungen, sich auf Unix einzulassen. IBM nutzt Unix, um Marktsegmente anzugehen, in denen es bislang schwach ist. Im Rahmen dieser Anstrengungen forciert IBM Unix, soweit sinnvoll. Für alle Wettbewerber bei Supercomputern, Minis, Mehrplatzmikros, im T/W-Bereich, im US-Behörden-Markt oder in welchem der zahlreichen Segmente auch immer sind das schlechte Nachrichten.

Das bedeutet aber nicht, daß IBM seine große Liebe für Unix hat. Eine der Macht IBM sind nun einmal eigene Großrechnersysteme. Dieses Fundament wird das Unternehmen hart verteidigen. Wie die Ankündigungen der letzten Zeit (beispielsweise IX/370) beweisen geht es IBM dabei nicht um eine globale Anti-Unix-Haltung, als vielmehr um die Vereinnahmung dieses fremden Betriebsystems.

Wenn nun Unix schon zum Standard wird, warum dann nicht unter IBM-Kontrolle? Hat IBM erst einmal eine genügend große eigene Basis an Unix-Installationen, warum sollte dann IBM nicht die Unix-Führerschaft übernehmen, also Erweiterungen von sich aus anbringen? Dann müßte man von "IBM-Kompatibilität" sprechen. Das klingt doch nicht schlecht für blaue Ohren, oder?