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23.05.1997 - 

PC-Trends

NC-Konkurrenz mischt die PC-Konzepte auf

Mit dieser Vision haben die - realiter oder erst auf dem Papier existenten - auf den Unternehmenseinsatz ausgerichteten NCs von IBM, Sun, HDS, Wyse Boundless Technologie und anderen nicht mehr allzuviel gemein. Lediglich der Name ist geblieben und der notwendige Anschluß an ein Netzwerk.

Ohne speziell dafür eingerichtete Server, von denen die NCs ihre Anwendungssoftware laden, funktionieren sie nicht. Damit ist die Nutzung von NCs grundsätzlich von Netzwerken (LAN oder WAN) abhängig und darauf beschränkt.

NC- und PC-Hersteller stellen zwar die Vor- und Nachteile von PCs und NCs gerne gegenüber, wesentliche Unterschiede werden dabei jedoch oft verschwiegen oder andere nicht vorhandene Gegensätze künstlich erzeugt. Ein Beispiel dafür liefert IBM: Um die Vorteile der "Network Station" zu preisen, steht in einer tabellarischen Übersicht weit oben die Rubrik Bildschirmauflösung: "bis zu 1600 x 1200" Pixel werden dort dem NC bescheinigt. Allgemeine Standard-PCs schneiden in IBMs Übersicht dagegen erheblich schlechter ab: "640 x 480 ist Standard" lautet hier die Aussage. Schaut der Kunde sich aber die technischen Daten der Network Station an, muß er feststellen, daß auch sie die gewöhnliche VGA-Auflösung von 640 x 480 unterstützt.

Aber nun zu den echten Gemeinsamkeiten und Unterschieden: Prozessor, Hauptspeicher, Tastatur und Monitor besitzen beide Gerätetypen, aber schon hier beginnen die wesentlichen Differenzierungen. PCs basieren grundsätzlich auf (Intel-)Prozessoren der x86 Familie. Bussystem, Schnittstellen sowie Erweiterungskarten sind standardisiert und Komponenten in weiterem Rahmen zwischen verschiedenen Geräten und Herstellern austauschbar.

Die Basis für NCs ist das "Network Computer Reference Pro- file". Dieses Dokument wurde erstmals im Juli 1996 von der Network Computing Inc. (NCI) - einer Tochtergesellschaft von Oracle - veröffentlicht und von Apple, IBM, Netscape, Oracle und Sun gebilligt ("endorsed").

Folgende Hardwarerichtlinien - nicht Anforderungen - werden darin beschrieben: Der NC soll eine minimale Bildschirmauflösung von 640 x 480 Bildpunkten (VGA-Standard) besitzen, eine Tastatur und ein Pointing Device (zum Beispiel Maus) sowie Tonfähigkeit. Es ist weder eine Busarchitektur spezifiziert noch ein Erweiterungsmechanismus. Kompatibilität zu PCs oder zwischen NCs untereinander ist nicht gefordert!

So ist es nicht verwunderlich, daß NCs verschiedener Hersteller auf verschiedenen Prozessoren basieren und auch sonst höchst unterschiedliche Eigenschaften besitzen. Zu welchen Auswüchsen das führt, zeigt IBM: Während alle anderen NC-Hersteller ausschließlich auf die PC-Standard-Tastatur setzen, sind bei IBM auch hauseigene Besonderheiten in Form von 3270- und 5250-Terminal-Tastaturen anschließbar. Das Network Computer Reference Profile läßt solche Alleingänge zu.

Der Rückschritt bleibt erspart

Eine der in der Öffentlichkeit verbreiteten Auffassungen über Network Computer war bisher die, daß NCs kein Diskettenlaufwerk und keine Festplatte besitzen. In der erwähnten Spezifikation ist ein permanenter Speicher aber eindeutig eine Kann-Eigenschaft. Zwar besitzen die meisten NCs - bisher - keine Festplatte, doch langsam aber sicher erkennen auch die NC-Anbieter die Gründe an, aus denen heraus Festplatten in PCs eingebaut sind.

Darauf lassen sich unter anderem hervorragend dauerhafte Programme speichern, welche sonst ohne die Rundablage jedesmal neu vom Server heruntergeladen werden müssen und damit das Netz und den Server unnötig belasten. Auch die - von den meisten modernen Betriebssystemen benutzten - Swap-Dateien als Alternative zu einer immensen RAM-Aufrüstung machen wegen der nötigen schnellen Zugriffszeiten nur auf lokalen Festplatten Sinn. So bieten einige NC-Hersteller konsequenterweise auch NCs mit Festplatte und außerdem Disketten- und CD-Laufwerk an. Ein Rückschritt in die Ära der Diskless Workstation, die früher oft in Novell-Netzwerken verwendet wurden, bleibt den Anwendern so glücklicherweise erspart.

Wesentlichster Punkt der NCs ist ihr Anschluß an ein Netzwerk. Um zumindest beim Protokoll einen gemeinsamen Nenner zu haben, müssen NCs das Internet Protocol (IP) und IP-basierende Protokolle inklusive TCP (Transmission Control Protocol), FTP (File Transfer Protocol), Telnet, NFS (Network File System), UDP (User Datagram Protocol), SNMP (Simple Network Ma- nagement Protocol) und optional DHCP (Dynamic Host Configuration Protocol) oder Bootp unterstützen. Der eigentliche Anschluß an das Netzwerk erfolgt dann über Dial-Up oder - bei den meisten NCs - per Ethernet.

Da NCs nicht eigenständig arbeiten können, muß im Netzwerk zumindest ein Server vorhanden sein. Wie schon bei der Hardware ist auch hier Kompatibilität der NC-Server untereinander weder gefragt noch in der Praxis vorhanden. Die beiden einzigen Anbieter für NC-Komplettsysteme, IBM und Sun, unterstützen zuerst einmal nur ihre eigenen Server mit AIX beziehungsweise Solaris. Andere Hersteller setzen zum Beispiel auf Windows NT Server. Obwohl im Moment kein gemeinsamer Standard vorhanden ist, versprechen alle Hersteller zumindest für die Zukunft die Unterstützung für diverse andere Plattformen.

Welche Freiheiten das Network Computer Reference Profile den NC-Anbietern läßt, wird auch dann schnell ersichtlich, wenn man betrachtet, zu welchen Punkten in dem Papier keine Ausführungen gemacht werden. Erweiterungs-Möglichkeiten, Betriebssystem und Security werden nicht erwähnt. Auch Drucken ist nach Auffassung der Verfasser des Profils anscheinend nicht erwähnenswert. In der Praxis führt das schon jetzt zu höchst unterschiedlichen Implementierungen. Die Bandbreite reicht von keiner oder sehr einfacher Druckerunterstützung bis hin zu Postscript.

Bei aller Ungleichheit in bezug auf Hardware, Erweiterbarkeit und Device-Unterstützung gibt es zumindest eine grundlegende Gemeinsamkeit im Softwarebereich: Java.

Die von Sun entwickelte relativ neue und von allen Seiten hochgelobte Programmiersprache besitzt einige Vorteile gegenüber den bisher verbreiteten Sprachen. Ein wesentlicher Punkt ist dabei die plattformübergreifende Portabilität von Java-Programmen. Diese können unverändert auf allen Computern eingesetzt werden, die eine "Java Virtual Machine" (JVM) besitzen. Diese JVM ist heute für praktisch alle gängigen Plattformen und Betriebssysteme verfügbar. Sun ist sogar dabei, einen Java-Chip für ihren NC zu entwickeln, der eine hardwaremäßige JVM darstellt. Dazu eine kurze Anmerkung: In C programmierte Software ist zwar auch portierbar, der Sourcecode muß aber für jedes Betriebssystem und jede Hardwareplattform neu kompiliert werden. So existiert für jede Hardware-Betriebssystem-Kombination eine eigene ausführbare Datei. Bei Java gibt es nur genau eine hardware- und Betriebssystem-neutrale Datei.

Durch die Java-vermittelte Hardware-Unabhängigkeit der NCs ergibt sich der Vorteil, daß NCs nicht von einem Prozessorhersteller abhängen und trotzdem durch JVM eine Basis für gemeinsame Anwendungssoftware bieten. Da aber auch JVMs für PCs existieren, läßt sich NC-Software prinzipiell auch auf PCs einsetzen. PC-Software-Entwickler haben aber die Wahl zwischen Java und vielen anderen Entwicklungsumgebungen, während NC-Software-Entwickler von Java - und deren frühem Entwicklungsstadium - abhängig sind. Umgekehrt läuft PC-Software auf NCs nicht.

Insgesamt ist das ganze NC-Modell also noch sehr wackelig und unausgereift. Es gibt unterschiedliche NC-Hardware-Ansätze, verschiedene Server, wenig gemeinsame Standards, wenige Hersteller und keine Hardwarekompatibilität. Das macht Kunden langfristig abhängig von einem Hersteller. Ein Wechsel zu einem anderen NC-Anbieter ist später fast unmöglich oder zumindest sehr teuer. Somit drängt sich die Frage auf: Was außer Java ist der Reiz an NCs und der Nachteil an PCs?

PCs sind wegen ihrer Flexibilität und weitgehenden Kompatibilität untereinander bei den Anwendern beliebt. Vor allem das zum überwiegenden Teil eingesetzte Windows läßt den Usern viele Freiheiten. Genau diese Freiheiten sind es aber, die den Netzwerkadministratoren viel Arbeit und graue Haare machen und die Unternehmen während der Lebensdauer der Geräte viel Geld kosten.

Einige der Probleme entstehen beim normalen Betrieb, ein Großteil ist aber durch die "Kreativität" der User bedingt. Bleibt der Anwender-Spieltrieb dabei auf die Farbgestaltung des Desktops beschränkt, ist das den meisten Administratoren noch recht. Fangen halbwissende User aber an, mal eben neue Software zu installieren oder diverse Systemeinstellungen zu "optimieren", so kommt dabei erfahrungsgemäß nur selten Gutes heraus. Bestenfalls funktioniert nach solchen Basteleien nur irgendeine Kleinigkeit nicht. Öfter aber verstellen User (die dann auch noch versuchen, ihre anfänglichen Verstellungen "wiedergutzumachen") so viele Systemeinstellungen, daß es eigentlich das Beste ist, die Platte zu formatieren und alle Programme neu zu installieren. Für diese oft stundenlange Arbeit bedanken sich dann die Systemadministratoren. Zusätzlich zur benötigten Zeit ist dabei sehr aufwendig und störend, daß diese Arbeit oft am Platz des Users erfolgen muß und sich nicht von der Konsole aus erledigen läßt.

Jedoch versprechen NCs an diesen beiden Ansatzpunkten Besserung. Zuerst einmal sind alle Programme und User-Einstellungen auf dem Server gespeichert und ersparen dem Administrator viel Lauferei. Außerdem lassen sich auf dem Server erheblich bessere Sicherungsmaßnahmen gegen Manipulationen einrichten als auf normalen Windows-PCs (egal ob 3.x oder 95). Das eigentliche Übel für einen großen Teil der Arbeiten der Administratoren ist nämlich dieses Betriebssystem. Hätte Microsoft den Windows-Usern nicht an so vielen Stellen so viele Möglichkeiten eingeräumt, gäbe es auch erheblich weniger Arbeit beim Ausbügeln von Fehlern. Zu DOS-Zeiten traten dergleichen Probleme nämlich noch nicht auf.

Ein Argument der NC-Befürworter ist insofern vom Prinzip her einfach: Kein Windows, keine Windows-Probleme, keine teure Administration, geringe Kosten. Dies heißt aber noch lange nicht, daß NCs und deren User nicht administrationsbedürftig sind. Die Arbeit verlagert sich aber von den Clients zum Server - was den Administratoren nur recht sein dürfte.

Ein anderer Punkt, der viel Arbeit und damit Geld kostet, ist der Support von Windows-Standardsoftware wie zum Beispiel Microsofts Office und anderen Mammutpaketen. Die aktuelle Office 97 Professional Version benötigt bei Vollinstallation über 200 MB! Viele Anwender bilden sich nämlich ein, die neueste Version von Word zu benötigen, um einen einfachen Brief zu schreiben. Da sie von den zahlreichen Funktionen aber im allgemeinen weniger als zehn Prozent nutzen und vom Rest meist nur verwirrt werden, entstehen viele Anwendungsfehler und damit wieder Supportarbeit.

Schaut man sich die ersten Anwendungen an, die für NCs geschrieben wurden, wird schnell klar, wo deren eigentlicher Zielmarkt liegt. Die IBM- 3270-Terminal-Emulation ist für NCs annähernd aller Hersteller schon jetzt als eine der ersten Anwendungen verfügbar. Wenn Terminalemulationen also die Hauptanwendung der NCs sind, verursachen diese garantiert weniger Probleme auf der Client-Seite als PCs mit Windows.

Unter diesem Aspekt wird auch klar, warum IBM bei ihren NCs auch einen Anschluß für 3270-Terminal-Tastaturen vorsieht. Millionen von alten IBM-Terminals werden in den nächsten Jahren ausgetauscht. Da ist es IBM wohl lieber, diese durch hauseigene inkompatible NCs als durch PCs von der Konkurenz zu ersetzen.

Für alle PC-Verfechter, die nicht im Traum darauf kämen, ihre kompatiblen, ausbaufähigen und unabhängigen PCs gegen NCs zu tauschen, bringen letztere aber auf Umwegen trotzdem Nutzen. Durch die ausführlichen Diskussionen um die geringeren Total Costs of Ownership (TCO) von NCs angespornt, fängt jetzt auch Microsoft an, zu überlegen, wie die Verwaltung des eigenen Betriebssystems und ihrer Anwendersoftware einfacher werden könnte.

ANGEKLICKT

Das NC-Konzept ist noch wackelig und unausgereift: Die Hardware-Ansätze der noch wenigen NC-Hersteller sind unterschiedlich, es mangelt an gemeinsamen Standards, Hardwarekompatibilität scheint bisher nicht einmal ein Ziel. Kunden könnten deshalb langfristig in eine Abhängigkeit vom Hersteller geraten. Worin also liegt der Reiz der NCs?

PCs sind wegen ihrer Flexibilität und weitgehenden Kompatibilität untereinander bei den Anwendern sehr beliebt. Vor allem das überwiegend eingesetzte Windows läßt den Usern Freiheit; doch gerade sie ist es, die den Administratoren viel Arbeit macht und hohe Kosten verursacht. Langfristig könnten deshalb ausgereifte NC-Konzepte wegen günstigerer TCO-Voraussetzungen den bisherigen vernetzten PCs zur ernsten Konkurrenz werden.