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14.03.1986

Neid auf die deutsche ISDN-Party

Dr. Horst Nasko, Vorsitzender der Fachgemeinschaft BIT im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. sowie Vorstand der Nixdorf Computer AG, Paderborn

Die Geldinflation ist, zumindest in den tonangebenden Industriestaaten, auf dem Rückzug. Im Vormarsch aber ist eine Wortinflation, von der vor allem die Elektronik betroffen ist. Es regiert, gleichsam als Weltwährung, die englische Sprache. Viele Begriffe, die hier beheimatet sind, haben im Deutschen als Fremdwort ein Gastrecht erworben. Sie dienen als klingende Wortmünzen, mit denen man vor allem im Computergeschäft kräftig wuchert, ohne sich über den wahren Begriffswert im klaren zu sein. Die diesjährige CeBIT wird es wieder einmal zeigen. Und ich liege gewiß nicht schief, wenn ich einen ganz, bestimmten Terminus schon vorab als "hochinflationär" einstufe: die "Integration".

Was diese Wortmünze nun wirklich wert ist, läßt sich im Deutschen nur schwer ausdrücken. Sie wird laut Duden als "Wiederherstellung eines Ganzen" ziemlich wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt. "Vervollständigung" bietet der Duden ebenfalls an. Wenn nun in Hannover die Integration dieser oder jener "Applikation" - oder die Integrierung von schlechthin allem - in vieler Munde sein wird, dann betrachte ich die CeBIT als große Massenhochzeit. Denn bei den meisten Ausstellern wird ganz sicherlich etwas verheiratet was bislang nicht auf einen Nenner zu bringen war.

Die vielen "Hochzeiter", die als "glücklich Integrierte" von den Ständen grüßen, werden also das Trennbild bestimmen. Ob sie eine konfliktlose Ehe führen können oder nur auf die Schnelle miteinander verkuppelt wurden - dieser Frage auf den Grund zu gehen, dürfte das Anliegen der meisten Messebesucher sein. Sie wissen jedenfalls aus Erfahrung in ihrem Berufs- und Privatleben, daß eine tragfähige Integration fremder Vorstellungswelten einen langen, oft schmerzlichen Erfahrungs-, Kommunikations- und Reifeprozeß voraussetzt. ISDN als Integrated Services in einem digitalen Telefonnetz sind als noch frisch vermählte postalische Kommunikationsdienste auch auf der diesjährigen CeBIT das Traumpaar schlechthin. Denn hiermit hat sich wohl eine Urfamilie der Integration formiert. Wie lange das gedauert hat und wie schwer es war, einen bindenden Ehekonsens zu finden, ist bekannt. Da dies nun aber gelungen ist und die ISDN-Ehe der Postdienste zu halten verspricht, möchte jetzt auf dieser Hochzeit jeder dabeisein und eine erste Geige spielen. Denn hier ist man in guter Gesellschaft. Nicht ohne Genugtuung werden viele Messebeobachter feststellen, daß die ach so selbstbewußten Amerikaner mit Neid auf die deutsche ISDN-Party schielen oder bereits keck mit einer einheimischen Telefonbraut am Arm auf der ISDN-Hochzeit Hof halten.

Daß ISDN mehr ab ein Schlagwort in einer inflationären Begriffswelt ist, braucht man der Wirtschaft, die jetzt auf das Ende der postalischen lSDN-Flittewochen wartet, nicht zu erzählen. Allein die Integration von Bild und Text die einen vollwertigen Brief samt Kopf sowie Unterschrift und damit ein geschäftsfähiges wie rechtskräftiges Dokument ergibt, brennt ihr auf den Nageln. Denn was nützt die ganze elektronische Schnellkommunikation, wenn die vertragsgültigen Schriftstücke mit der gelben Post nachgereicht werden müssen?

Die im ISDN vereinten Postdienste sind zweifelsohne als die Stammhalter der elektronischen Bürokommunikation anzusehen. Hierfür spricht schon, daß es unsinnig und unwirtschaftlich ist, die Büroarbeitsplätze untereinander gleichsam mit einem zweiten. "Ortsnetz" zu verknüpfen, wo doch schon eines besteht An der bürointernen Integration von Sprache und Daten auf Bit-Basis führt wohl kein Weg vorbei selbst wenn er nach außen noch nicht - aber hoffentlich bald - offensteht. Und Wilde Ehen zwischen Telefon und EDV werden die europäischen Postverwaltungen, ganz gewiß aber die Deutsche Bundespost schlicht verbieten.

ISDN ist zwar die Bühne der Bürokommunikation, firmen intern wie -extern. Doch dieser ebenfalls inflationär gehandelte Vorgang ist, wie viele engagierte Anbieter auch erst schmerzlich lernen müssen, eine Integration von Büroalltag und EDV. Elektronische Hauspost Ablage, Wiedevorlage und Terminplanung sind zwar elegante Verwaltungskunststücke, die am Bildschirm Eindruck machen. Aber sie sollten als pflichtgemäßes Standardrepertoire und nicht als große Kür gewertet werden. Denn die wahre Kunst der integrierten Bürokommunikation besteht darin, völlig wesensfremde Informationsquellen bruchlos zusammenfließen zu lassen. Wer auf der CeBIT etwa in einen frisch geschriebenen Text einen soeben veränderten Lagerbestand aktuell überführen kann, hat sich an einem wirklichkeitsnahen Prüfstein gemessen. Was hierbei an Netz- und Rechnerarchitektur im Hintergrund wirkt, ist erarbeitetes Integrations-Know-how, von dem nie groß die Rede sein kann, das sich aber künftig in harter Mün beim Systemanbieter auszahlen wird.

Wie eine Hochzeit des Jahres wird auf der CeBIT CIM (Computer Integrated Manufacturing) gefeiert werden. Da im Computerfach mit neuen Technologien nun mal schnell angebandelt wird und keiner, der sich für kompetent und begehrt hält, mit leeren Händen dastehen machte, wird diese Integrationsehe im Rahmen der CeBIT 36 wohl mehr in den Prospekten und weniger in realer Hard- und Software vollzogen. Das sollte die Messebesucher aber nicht verdrießlich stimmen. Vielmehr sollten sie das CIM-Angebot als Anregung nehme über einen ungehinderten Datenfluß in der Fabrik sowie zwischen Fabrik und Verwaltung nachzudenken und den Dialog mit den Anbietern aufnehmen.

Denn was in Sachen Integration für die Systemanbieter gilt, gilt gleichermaßen auch für die Systemanwender: Zuerst kommt der mutige Sprung ins kalte Wasser. Dann muß man sich aus eigener Kraft freischwimmen. Integration ist nämlich nur bis zu einem gewissen Grad von der Stange zu kaufen. Ihre Effizienz muß sich jeder Anwender unter der kundigen Anleitung des Anbieters selber erarbeiten. Dabei sollte aber klar sein, was Integration trotz Sprachinflation im Kern ist: eine Dienstleistung durch Software, die Brücken baut, schwer oder gar unzugängliche Informationen erschließt, Arbeitskosten spart und schließlich die Arbeitswelt humanisiert. Denn sie macht die immer wiederkehrenden stupiden Dateneingaben nach jedem Medienbruch überflüssig. Schließlich bekämpft sie auch den Motivationsschädling namens "Taylorismus", indem sie die in viele Einzelroutinen aufgebrochene Arbeit zu einem sinnvollen Ganzen wiedevereint. Damit würde der Integration auch der ursprüngliche Wortsinn laut Duden zurückgegeben: "Wiederherstellung eines Ganzen".